Die Tschechen quälen sich durch einen ewigen Lockdown, der nichts bringt. Nur noch mehr Wut, Verzweiflung, Auflehnung oder Resignation.

Nur wenige noch, die den kleinen Kramladen im Prager Stadtteil Michle betreten, nehmen die gleich am Eingang zum Greifen nahe stehende Sprühflasche mit Anti-Covid ernst. Die Kassiererin hält auch niemanden dazu an. Wie auch: Sie selbst trägt ihre Masken seit Wochen schlampig unterm Kinn. „Ich habe hier eine Plexiglasscheibe, das sehen Sie doch, oder? Ich brauche überhaupt keine Maske", reagiert sie pampig, wenn man sie auf die Regeln anspricht. Alltag, wie man ihn so oder ähnlich überall und ständig in Prag und anderswo erleben kann. Das zeugt davon, dass die Tschechen richtig „schlechte Laune" haben.

Dieser Begriff wird in Tschechien fest mit dem früheren Präsidenten Václav Havel verbunden. Der hatte 1997 in einer Grundsatzrede mit den Misserfolgen der seinerzeitigen Regierung von Václav Klaus abgerechnet. „Die ganze Gesellschaft ist von schlechter Laune befallen", sagte Havel damals. Dass die Laune fast ein Vierteljahrhundert danach mal wieder auf dem Nullpunkt gelandet ist, ist natürlich Corona geschuldet. Seit dem 5. Oktober vergangenen Jahres befindet sich das Land jetzt im Ausnahmezustand und de facto im zweiten großen Lockdown, wenn man von der Woche vor Weihnachten absieht, die aber keine negativen Auswirkungen gehabt hat. Vier lange Monate, die im Grunde nichts gebracht haben.

Verlängerung des Notstands unsicher

Die Laune wird nicht besser, wenn man den Blick auf die Nachbarn in Deutschland oder Österreich richtet. Dort sinken die Inzidenzen in Größenordnungen, von denen Tschechien nicht mal zu träumen wagt. Im Gegenteil: Die Regierung hat das Parlament gerade um eine neuerliche Verlängerung des Ausnahmezustands um einen weiteren Monat gebeten. Am heutigen Donnerstag soll darüber entschieden werden.

Erstmals ist nicht sicher, ob der Antrag durchkommt. Die Kommunisten, die die Minderheitsregierung aus liberaler ANO und den Sozialdemokraten tolerieren, wollen diesmal mit Nein stimmen. Ein Zeichen dafür, dass in Tschechien so langsam der Wahlkampf beginnt: Im Oktober wird ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Da halten es die Genossen für geboten, sich von der Regierung abzusetzen. Die bürgerlichen Oppositionsparteien reichen der Regierung unter Premier Andrej Babiš schon gleich gar nicht die Hand. Sie wollen Babiš im Herbst aus dem Amt vertreiben.

Viele lassen sich trotz Symptome nicht testen

In dieser Lage hielt es die Regierung für erforderlich, eine Art Ruck zu zelebrieren. Am Montagabend traten gleich fünf Minister vor die Presse, um gute Laune zu verbreiten. Die Regierung, hieß es, hat eine Aufstockung der Hilfsleistungen beschlossen, sie gerechter verteilt, damit sie die Menschen besser motivieren, die Regeln einzuhalten. Hilfspakete hat es reichlich im ersten Corona-Jahr gegeben. Manche haben funktioniert. Das groß angelegte Kurzarbeitsprogramm nach deutschem Vorbild etwa hat vielen Firmen gut über die Runden geholfen.

Deutlich schwieriger kamen Selbständige durch das Jahr. Der Handel stöhnt - bis auf den im Internet. Kunst und Kultur gehen auf dem Zahnfleisch, horrende Verluste machten Kneipen und Hotels. Auch weil die Auszahlung der Hilfen stets lange auf sich warten ließ, bis zu einem Dreivierteljahr. Da standen manche Hilfesuchenden schon auf der Liste der Corona-Toten.

Die Minister gingen endlich auch an ein Systemproblem ran: Sie erhöhten das tägliche Krankengeld für Menschen, die in Quarantäne müssen. Die bekamen bisher 60 Prozent des Einkommens. Jetzt gibt es bis zu zehn Tage einen täglichen Nachschlag. Der Grund: Die Leute ließen sich kaum testen, weil sie fürchteten, in schlecht bezahlte Quarantäne geschickt zu werden. „Die meisten Patienten kommen erkrankt zu uns, ohne je getestet worden zu sein", sagt etwa die Sprecherin des Uni-Klinikums in Brno (Brünn), Dana Lipovská. Am Mittwoch hieß es, dass 46 Prozent der Leute mit offenkundigen Covid-Beschwerden weiter zur Arbeit gehen. Dass das auf Dauer der Statistik nicht guttut, ist den Leuten bewusst. Aber ihnen sitzt das Hemd näher als der Rock.

Die Zahlen, die das Corona-Geschehen statistisch abbilden, ändern sich kaum. An einem Tag sinken sie. Am Mittwoch wiederum wurde der höchste Anstieg der positiv Getesteten seit Mitte Januar registriert – mehr als 10.000. Das höchste Infektionsgeschehen wird momentan im Karlsbader Bezirk gemessen – an der Grenze zu Sachsen und Bayern. In den Kreisen Eger (Cheb), Falkenau (Sokolov) und Trautenau (Trutnov) liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei mehr als 1.000. Ab Freitag gilt in diesen Kreisen ein Ausreiseverbot in den Rest der Republik.

Tschechien lehnt Hilfe aus Sachsen und Bayern ab

Die Leute sind es müde, Erklärungen der Politiker zu hören. Zumal die sich ständig widersprechen. Innenminister Jan Hamáček, Chef des nationalen Krisenstabes, macht Panik: „Wenn der Notstand nicht verlängert wird, gibt das eine Katastrophe." Gesundheitsminister Jan Blatný äußert sich heute so, morgen so. Vergangene Woche noch lehnte er es ab, Patienten aus dem überforderten Krankenhaus von Cheb auf kurzem Weg nach Deutschland zu schicken. „Das würde so aussehen, als wäre die Tschechische Republik nicht in der Lage, sich selbst um seine Bürger zu kümmern." Dann wieder kommt er mit einer Art Offenbarungseid um die Ecke: „Unsere Maßnahmen funktionieren nicht mehr". Einer seiner Stellvertreter behauptet im Fernsehen, die Lage in Cheb sei nur deshalb so kompliziert, weil dort laufend Deutsche behandelt würden. Der Klinikchef bezeichnet das umgehend als eine Lüge.

Blatnýs Ablehnung der aus Sachsen und Bayern angebotenen Hilfe ist derzeit das meist diskutierte Thema in der Krise. Der Bürgermeister von Cheb, Antonín Jalovec, äußerte sich fassungslos: „Niemand in diesem Ministerium begreift, dass wir mit den Deutschen schon Jahrzehnte nicht mehr in einer Beziehung leben, wo wir sagen würden ‚wir und die'. Die Menschen hier nehmen die Grenze überhaupt nicht mehr wahr. Sie überqueren sie zum Einkauf, zur Arbeit, zum Sport treiben oder zum Studium." Mit seiner Ablehnung deutscher Hilfe verhalte sich der Minister „wie ein Dummkopf", der nicht kapiere, dass Zusammenarbeit heute wichtig ist, um Menschen vor dem Tod zu bewahren. „Dabei ist er selbst nicht in der Lage, die Zahl der Corona-Toten erfolgreich zu senken." Der so gescholtene Minister spendierte lieber einen zusätzlichen Hubschrauber. Ansonsten werden jetzt die Kranken in Konvois von Sani-Autos ewig durch die ganze Republik gekarrt.

Auch völlig absurd: In Prag wird ein Notkrankenhaus wieder abgebaut, das auf 500 Betten ausgelegt war, aber wegen Personalmangels keinen Tag genutzt wurde. Dabei gäbe es jetzt das Personal. Die Mitarbeiter des Gesundheitswesens sind durchgeimpft. Der Minister verkündete stolz: „Nur ein Drittel aller Pflegekräfte ist noch krankgemeldet." Der wahre Grund für das Ende der Notklinik liegt bei den Finanzen. Bei der Anmietung der riesigen Halle auf dem Prager Messegelände hatte niemand so genau auf den monatlichen Mietpreis geachtet, der jetzt plötzlich die Möglichkeiten des Staates übersteige, wie es heißt.

Stochern im Nebel zudem bei den Virus-Mutationen. Die Chefin des zuständigen Referenz-Laboratoriums, Helena Jiřincová, geht davon aus, dass sich derzeit ein Drittel der positiv Getesteten mit einer Mutation angesteckt haben. Doch der frühere Gesundheitsminister und jetzige Berater des Premiers, Roman Prymula, beruhigt: „Wer geimpft ist, dem droht keine schwere Erkrankung an einer Virus-Mutation. Er muss damit auch nicht ins Krankenhaus."

Wer hält sich an die Regeln?

Eine wirkliche Perspektive gibt die Politik den Tschechen nicht. Die reagieren auf ihre Art. Ein Drittel von ihnen achtet nicht mal mehr auf die grundlegenden Anforderungen – Masken tragen, Hände waschen, Kontakte vermeiden – , hieß es in einer Umfrage vom Mittwoch. Kneipen öffnen jetzt zu „Versammlungen politischer Zellen". Oder zu „Karaoke". Derlei ist nicht verboten. Im Grunde aber wird dort nur Bier in die durstige Kehle geschüttet. Die Polizei soll jetzt Leute aufspüren, die wiederholt die Regeln brechen. Doch die Polizisten gehören in ihrer Freizeit selbst häufig genug zu den Stammgästen der Kneipen. Da werden sie wohl kaum jemanden aufschreiben, grinsen die Regel-Verweigerer.

Sie verweisen darauf, dass sich die Politiker schließlich auch nicht an die Regeln halten. Letzter Fall: Der Minister für Industrie und Verkehr twitterte Fotos von einem Familienausflug nach Südböhmen. Obwohl es dringende Bitten an die normalen Leute gab, nicht zu verreisen. Solcher Beispiele gibt es viele. „Die Regierung wirft sich ständig selbst Knüppel zwischen die Beine", lamentierte eine große Prager Zeitung.

Bleiben die Impfungen als letzte Rettung. Aber dort hakt es ebenso wie in Deutschland. Premier Babiš besuchte jetzt den ungarischen Premier Viktor Orbán, um sich schlau zu machen, wie Budapest mit dem russischen Impfstoff umgeht. Babiš lobte seinen Kollegen und nannte die Zusammenarbeit „glänzend". Dabei hatte sich Prag in letzter Zeit politisch zunehmend von Budapest entfernt. Jetzt schweißt beide offenkundig das Versagen der EU-Kommission bei der Impfstoffbeschaffung wieder zusammen. Und Babiš hat einen herrlichen Wahlkampf-Slogan: Ich habe Euch den Impfstoff organisiert.

Vielleicht ist es gut, dass die Tschechen gerade ein bisschen von Corona abgelenkt werden: Vom chaotischen Verkehr in ihrem tief verschneiten Land. Zur Hebung der schlechten Laune trägt das freilich auch nicht wirklich bei.