Auf Demonstrationen gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen in Prag nutzten Protestierende den Davidstern als Zeichen des „Widerstands“: Wer sich nicht impfen lassen wolle, werde ausgegrenzt wie einst die Juden im Nationalsozialismus. Ein solcher Vergleich ist nicht hinnehmbar, sagt Zuzana Schreiberová im LandesEcho-Kommentar.

In der vergangenen Woche wurden wir in den Medien Zeugen von zwei Beispielen für den erschreckenden Missbrauch des Holocausts und dessen Opfer. Zum einen trug einer der Angreifer auf das Kapitol, das US-amerikanische Parlament, einen Kapuzenpullover mit der Aufschrift „Camp Auschwitz“, zum anderen trugen in Prag am Sonntag, den 10. Januar, Protestierende gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen Davidsterne auf ihren Jacken. Diese hatten die Juden im Nationalsozialismus ab 1941 in der Öffentlichkeit auf ihrer Kleidung tragen müssen, was ihrer weiteren Ausgrenzung aus der Gesellschaft diente.

Die Aufschrift auf dem Pullover des Angreifers auf das US-Kapitol bedeutete wohl eine bewusste Gutheißung der Ereignisse, die einst einige Millionen Menschen in den Tod führte. Wie aber sieht es mit den Davidsternen in Prag aus?

Holocaust und Impfungen nicht vergleichbar

Die Davidsterne als Symbol des Widerstands gegen die staatlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus sah ich zum ersten Mal am 6. Oktober 2020 in einer Reportage von Šárka Kabátová auf dem Nachrichtenserver Seznam zpravy. Ihre Träger blieben damals noch ohne Beachtung, aber der Missbrauch von Holocaust-Symbolen schlug weiter um sich. Den Epidemiologen und ehemaligen Gesundheitsminister Roman Prymula setzten die Protestierenden mit dem Nazi-Doktor Josef Mengele, dem „Todesengel“ vom Konzentrationslager Auschwitz, gleich und die Isolierung oder Impfung von Senioren kommentierten sie in der verqueren Weise, dass „auch Hitler zuerst die Alten und Kranken liquidierte“. Lubomír Volný, Abgeordneter der rechtsextremen JAP (Vereinte Alternative für Patrioten), stellte dann eine Parallele der Nicht-Geimpften zu den ehemaligen Trägern des Davidsterns her, und das auf dem Boden des tschechischen Parlaments.

Sich einen Davidstern an die Jacke zu heften und zu behaupten, wer nicht an den freiwilligen (!) Impfungen gegen Covid-19 teilnimmt, werde in seinen Rechten eingeschränkt ähnlich den Juden, die den Stern während des Holocausts tragen mussten, ist nicht hinnehmbar und missbraucht das Gedenken an seine Opfer. Die Föderation der jüdischen Gemeinden in Tschechien und der Stiftungsfonds der Holocaust-Opfer haben dazu Stellung bezogen und die Benutzung des gelben Sterns berechtigterweise als „Missbrauch“ bezeichnet. Ihr Standpunkt ist ein deutliches Signal, dass der Missbrauch dieser Symbole nicht hinnehmbar ist und die Grenzen der Akzeptanz überschreitet.

Die Parallele zwischen den Impfungen und dem Holocaust wurde hier aber völlig bewusst gezogen, nicht etwa aus Dummheit oder Unwissenheit, wie das etwa in sozialen Medien von vielen behauptet wurde. Es ist nicht so, dass sich die Protestierenden nicht bewusst wären, dass der Holocaust ein unvorstellbares Grauen war, das die Vernichtung einer ganzen Volksgruppe zum Ziel hatte. Gerade das war ihnen bewusst und gerade das nutzten sie als ihre „stärkste Karte“ im Kampf gegen die Impfungen und gegen die Corona-Maßnahmen. Wer einen Holocaust-Vergleich benutzt, will das angebliche Böse (in diesem Fall die Impfungen) maximal verurteilen.

Das Argument, das Anheften des Davidsterns sei das Ergebnis einer mangelhaften Erziehung oder Bildung, hält in dem Moment nicht mehr stand, in dem Sie genauso geschockt wie ich feststellen, dass Holocaust-Vergleiche im Kontext der Pandemie auch in jenem Land auftreten, das das Thema Holocaust vor allem aufgrund seiner Geschichte alles andere als vernachlässigt und im Bereich der politischen Bildung Tschechien und dem Rest der europäischen Länder meilenweit voraus ist: Deutschland. Eine ähnliche Nutzung der Symbolik finden wir auch in anderen europäischen Ländern sowie in den Vereinigten Staaten und sie verbreitet sich genauso wie andere „Argumentationsstrategien“ – beispielsweise wenn Vertreter nationalistischer Parteien Antigentests in Milch oder Cola tauchen und behaupten, sie seien positiv.

In unsicheren Zeiten verstärkt sich der Antisemitismus

Für den Missbrauch von Holocaust-Opfern habe ich wirklich kein Verständnis, gleichwohl vermute ich, dass die Protestierenden selbst zu Opfern wurden und einem „durchschlagenden“ Narrativ auf den Leim gingen. Wer in Zeiten sozialer Isolation, Verwirrung über sich ständig ändernde Maßnahmen und oft auch existenzieller Unsicherheit nicht frustriert ist, der werfe den ersten Stein… Ebenso ist es nötig zu sagen, dass viele derjenigen, die auf der besagten Prager Demonstration einen Davidstern trugen, in den sozialen Medien im gleichen Gusto eine antisemitische Karikatur gegen das Impfen teilten, welche die rechtsradikale „Vandas-Arbeiterjugend“ (Vandasova Dělnická mládež) auf Twitter veröffentlichte.

"Wir lassen uns nicht gegen COVID-19 impfen! Sollen uns die globalistischen Bastarde auspressen, wie sie wollen!" Foto: Twitter/ Dělnická mládež

"Wir lassen uns nicht gegen COVID-19 impfen! Sollen uns die globalistischen Bastarde auspressen, wie sie wollen!" In der Sprechblase: "Lass dich impfen!" Foto: Twitter/ Dělnická mládež

Der gelbe Stern an der Jacke und die Vorstellung, Corona sei eine Erfindung der Globalisten zur Beherrschung der Bevölkerung (in der Person des Holocausts-Zeugen George Soros) passen leicht zusammen. Dass Juden verantwortlich seien für die Verbreitung von Epidemien, ist eine der ältesten antisemitischen Vorstellungen, die in unterschiedlichen Varianten schon seit der Antike auftaucht. Dabei ist die Erklärung, warum die Juden selbst Epidemien nicht in der gleichen Zahl zum Opfer fielen, was sie in den Augen anderer zu den Tätern machte, simpel: In erster Linie schützte die Juden die „Belanglosigkeit“ des Händewaschens vor jeder Mahlzeit, was seit undenklichen Zeiten Teil religiöser Gebote war. Ein weiterer Unterschied bestand darin, dass zu einer Zeit, als sich viele Epidemien durch infizierte Wasserquellen ausbreiteten, in Ghettos gefangene Juden eigene Brunnen benutzten.

Antisemitismus wächst aus der einfachen Überzeugung, dass „diese Juden etwas an sich haben“, wobei es eigentlich egal ist, ob dieses „etwas“ negativ oder positiv konnotiert ist. In diese Kategorie fällt auch ein schnell wieder zurückgezogener Titel in der Zeitung Lidové noviny: „Israel ist weltweiter Führer beim Impfen, es möchte 150.000 Menschen täglich impfen. Helfen die jüdischen Wurzeln der Pfizer-Inhaber?“ Die Impfungen in Israel laufen wirklich auf vollen Touren, aber nicht etwa, weil die Juden „genial“ wären oder einen „genetisch bedingt höheren IQ“ hätten. Der Grund ist eine besser funktionierende staatliche Verwaltung, die es allerdings nicht nur in Israel gibt, sondern zum Beispiel auch in Deutschland oder in den nordischen Ländern. Ausgrenzungen, auch wenn sie gut oder bewundernd gemeint sind, verärgern so ziemlich jeden Juden. Warum? Weil es die Juden als „die anderen“ ausgrenzt. Und das Umschalten des Vorzeichens von positiv auf negativ ist dann viel einfacher, als es scheint. Genauso wie mit einem gelben Stern auf der Jacke an antisemitische Verschwörungstheorien zu glauben.

Die Autorin ist Direktorin des Multikulturellen Zentrums in Prag.

 Der Artikel erschien zuerst am 12.01.2021 auf A2larm.