1989 wurde hier der Eiserne Vorhang zerschnitten. Den Weg in den Westen bahnten sich damals viele DDR-Flüchtlinge auch über den Neusiedler See. Vor vier Jahren zogen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten über die Grenze nach Österreich. Unser Autor Luboš Palata kehrt immer wieder an diesen Ort zurück.

Man schließt die Augen und denkt, man ist am Meer. Sogar das Wasser ist hier etwas salzig. Der Neusiedlersee mit seinem Leuchtturm in Podersdorf, dem besten Rotwein von Österreich, kräftig wie die hiesige pannonische Sonne, mit warmem Wasser wie ein leicht erkalteter Tee. Und mit den Umrissen der entfernten Berggipfel, auf denen noch jetzt etwas Schnee zu sehen ist, mit dem Schilfgürtel, Vogelschwärmen, Herden wilder Pferde, Wasserbüffeln und altungarischen Schafen. Das ist mir der liebste Ort auf der Welt.

Entdeckt habe ich ihn im Jahr 2000, als ich begann in Pressburg (Bratislava) zu arbeiten und feststellte, dass sich nur ein Stück weiter an der österreichisch-ungarischen Grenze dieses kleine Paradies erstreckt. Ein Paradies, in das ich meinen damals sechsjährigen Sohn auf eine Radtour mitnahm, um nun nach fast 20 Jahren mit meinen Enkeln wiederzukommen, die inzwischen genauso alt sind, wie mein Sohn damals. Dazwischen lagen viele andere Besuche zu allen Jahreszeiten einschließlich Silvester, als der See komplett zugefroren war und statt sich am Strand zu sonnen mit Glühwein am Leuchtturm Schlittschuh gelaufen wurde.

Die Landschaft hier ist völlig anders als das restliche Österreich. Anders sind auch die Städte und Dörfer mit zweisprachigen Namen, deutsch-kroatisch und deutsch-ungarisch. Wir befinden uns im Burgenland, dem einzigen Teil Österreichs, der zu Ungarn gehörte, und sich vor 100 Jahren von ihm abgespalten hat. Nicht mit Waffengewalt, sondern mit einer Volksabstimmung, in der überall mit Ausnahme des schönen Städtchens Ödenburg (Sopron) die Angst vor dem damaligen Chaos in Ungarn über die jahrhundertelange Zugehörigkeit zur ungarischen Krone überwog. Aus Ungarn wurden also Österreicher.

Löcher im Eisernen Vorhang

Vor 30 Jahren wurde hier am See Geschichte geschrieben. Der österreichische Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Kollege Gyula Horn zerschnitten an der gemeinsamen Grenze am 27. Juni 1989 den Zaun, der 40 Jahre nicht nur ihre Länder, sondern zwei Welten trennte. Im wahrsten Sinne des Wortes haben sie den Eisernen Vorhang zerschnitten.

Der Strom, der durch die Zäune floss, wurde abgestellt, Minen beseitigt und die ungarischen Grenzsoldaten erhielten den Befehl, nicht zu schießen, wenn jemand versuchte, die Grenze zwischen Ungarn und Österreich, also von Ost nach West zu überwinden. Das Foto von der Zerschneidung des Zauns, der Wochen zuvor die Beseitigung der schon genannten tödlichen Barrieren vorausging, sahen viele Ostdeutsche häufig noch am gleichen Tag.

In der Hoffnung, dass sich die Grenzen öffnen, machten sich im Sommer Tausende von ihnen nach Ungarn auf, unter dem Vorwand in den Urlaub zu fahren, und versuchten, in den Westen zu gelangen. Vielen Tausenden ist das tatsächlich gelungen, einigen gerade über die halb geöffnete Grenze am Neusiedlersee. Das Loch im Zaun war das sprichwörtliche Loch im Wall, durch das die Massen deutscher Flüchtlinge in den freien Teil Deutschlands strömten. Die Verhandlungen in Polen wie Ungarn bewegten sich bereits Richtung Demokratie, aber die Öffnung des Eisernen Vorhangs versetzte dem Ostblock einen weiteren harten Schlag. Einen Schlag, der die bis dahin orthodox totalitären Regime in der DDR und der Tschechoslowakei ins Wanken brachte und die danach umso schneller einstürzten.

Flüchtlingsdrama

Die Geschichte am Neusiedlersee hörte aber mit dem Ende des Jahres 1989 nicht auf. Durch die Erweiterung der Europäischen Union nach Osten wurde aus dem für österreichische Verhältnisse armen Burgenland, bis dahin das Ende der Welt erst des Westens, dann der EU, beinahe ihre Mitte. Aus der Peripherie wurde wieder ein pulsierendes Zentrum Mitteleuropas.

In die früher gottverlassenen österreichischen Dörfer an der slowakischen Grenze bei Pressburg begannen junge Pressburger auf der Suche nach Besserem zu ziehen. Für den Preis einer Wohnung in der slowakischen Metropole bauten sie sich dort neue Häuser. Der Neusiedlersee wurde nicht nur für die Slowaken aus Pressburg und der Südslowakei ein beliebtes Urlaubs- und Wochenendziel. Das hiesige Thermalbad St. Martin ist bei der slowakischen Oberschicht beliebt. Aber auch Tschechen aus Südmähren haben den See entdeckt und Ungarn aus dem westlichen Teil des Landes. Ein Teil der Slowaken, Tschechen und Ungarn kam und kommt immer noch hier her zum Arbeiten. Aber noch mehr sorgen mit dafür, dass der Tourismus am Neusiedlersee in einem rasanten Tempo wächst.

Im Sommer 2015 dann, zogen durch diese Gegend hunderttausende Menschen, die bei den Ortsansässigen die Erinnerung an den Sommer 1989 und noch viel mehr an den Frühling und Sommer des Jahres 1945 wachriefen „Ich fühlte mich um 70 Jahre zurückversetzt. Diese Menschen erinnerten mich an das Ende des Zweiten Weltkriegs, als an unserem Haus die Menschenmassen auf der Flucht vor der nahenden Front vorbeizogen”, erzählte mir vor vier Jahren eine Bewohnerin eines der Dörfer rund um den See. Hunderttausende Flüchtlinge zogen aus dem Ungarn Viktor Orbáns, der sie loswerden wollte, nach Österreich und Deutschland, die damals bereit waren, ihnen Zuflucht zu gewähren.

Im Süden Ungarns wurde wieder ein Zaun gebaut. Mit der Leitung des Baus betraute die Regierung Viktor Orbáns sogar einen ehemaligen führenden Offizier der kommunistischen Grenztruppen. Er hatte nämlich Erfahrungen, wie Grenzen mit Stacheldraht geschützt werden. Die anfangs flüchtlingsfreundliche Politik Österreichs kehrte sich ins Gegenteil und an den verlassenen Grenzübergängen zu Ungarn am Neusiedlersee wurden wieder Polizei und die österreichische Armee stationiert.

„Und, Großvater, wird hier wieder ein Zaun gebaut und werden wieder Menschen umgebracht, wie im Kommunismus?”, fragte mich mein siebenjähriger Enkel Toník, als wir Anfang Juli mit dem Schiff am Schilfgürtel an der österreichisch-ungarischen Grenze entlangfuhren. „Ich hoffe, nicht. Ich hoffe, dass uns die Europäische Union erhalten bleibt und Ungarn in der Europäischen Union bleibt und dass die Grenzen nicht geschlossen bleiben”, antwortete ich ihm lächelnd und strich im über die Haare. Sicher war ich mir dabei aber nicht.

Der Autor ist Redakteur der Tageszeitung Deník.


Das könnte Sie auch interessieren:

Fotoessay: An der Grenze

Ich fuhr zur ungarisch-serbischen Grenze. In mir die Hoffnung einige Flüchtlinge zu finden, die ich fotografieren könnte, um der statistischen Masse ein paar individuelle Gesichter zu geben. Schon vor der Reise war ich hin- und hergerissen. Einerseits wollte ich fahren, andererseits aber auch nicht. Ein Teil von mir bereute früh die lange Reise, die Gefahr, die Ungewissheit. Doch mein seelisches Pendel schwang vor und zurück, meine Neugier und der Wunsch, die Situation besser zu verstehen, war stärker.