In Tschechien laufen die ersten Festivals nach der Corona-Pause wieder an, manche sogar so, wie ursprünglich geplant.

Viele Jahre hatte Martin Prokeš auf dieses Konzert hingearbeitet. Das hochdekorierte Ensemble für alte Musik L'Arpeggiata unter Leitung der Österreicher Lautistin Christina Pluhar sollte im September das diesjährige Musikfestival Lípa Musica eröffnen. Doch nicht nur dieser lang gehegte Traum platzte im März wie Seifenblasen. „Für uns war das ein Schock. Und wir realisierten erst nach und nach, was das alles bedeutete“, denkt Festivaldirektor Martin Prokeš an den Ausbruch der Corona-Pandemie zurück. Jetzt ist er froh, dass das Festival überhaupt stattfinden kann. Lípa Musica ist ein Herbstfestival. Andere große Veranstaltungen hatten nicht dieses Glück. So sind die meisten traditionellen Stadtfeste in Nordböhmen in diesem Jahr ausgefallen.

Ohne ausländische Beteiligung

Dafür machte Lípa Musica einen aufwändigen Prozess des großen Umplanens durch. In den letzten Jahren hat sich das Festival mit Zentrum in Česká Lípa (Böhmisch Leipa) eine vielfach beachtete Position in der tschechischen Festivallandschaft erarbeitet. Ausgehend vom Schwerpunkt auf geistliche und Chormusik gelang eine attraktive Genre-Mischung untersetzt mit höchster Qualität. Die Ensemble und Musiker, die schon auftraten, sind dafür Beleg. Und aus dem Festival war ein tschechisch-sächsisches geworden. Martin Prokeš ging es immer darum, ein Festival für die ganze Region zu schaffen und da gehören die sächsischen Orte hinter der Grenze dazu. Das war aber auch Auslöser für eine der schmerzlichsten Entscheidungen zu Beginn der Corona-Krise. „Wir mussten nicht nur die ausländischen Künstler ausladen, sondern auch die Konzertorte in Sachsen für dieses Mal auslassen“, sagt Prokeš. Der Anteil der Musiker aus dem Ausland beträgt bei Lípa Musica immerhin 40 Prozent.

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Gleichzeitig waren auf einmal auf Jahre verplante Spitzenmusiker und -orchester frei, um die wiederum ein harter Konkurrenzkampf entbrannte. „Die wollten auf einmal alle buchen und das für die Zeit von wenigen Wochen im Herbst“, erzählt Prokeš. „Wir sind dieses Jahr damit ein rein tschechisches Festival in einer Zusammensetzung, die es so wohl noch nie gegeben hat und so schnell auch nicht wieder geben wird.“

Nicht nur das sollte für die Besucher ein Grund sein, die Konzerte zu besuchen. Denn wenn auch die sächsischen Konzertorte weggefallen sind, so hindert doch zum Glück keine Grenzschließung mehr am Konzertbesuch, auch wenn dies zwischenzeitlich noch anders aussah. Prokeš glaubt auch nicht, dass das Festival noch einmal von Anti-Corona-Maßnahmen eingeschränkt wird. „Natürlich behalten wir die Situation im Auge. Die Sicherheit unserer Besucher steht ganz oben. Aber wir haben ja eher kleine Spielstätten mit meist nur einigen Hundert Besuchern. Ich bin überzeugt, dass auch das ein Grund ist, dass die Gäste kommen“, sagt er. Bis jetzt deutet der gerade gestartete Vorverkauf auch eher darauf hin, dass die Menschen froh sind, endlich wieder Live-Kultur zu erleben.

Die ersten Festivals fanden in Tschechien bereits statt. Am letzten Juni-Wochenende gab es in Khaa (Kyjov) das kleine Rockfestival Zubr. Den Samstag drauf fand sogar das Asien-Musik-Festival Eastern Tunes in Nixdorf (Mikulášovice) statt. Dort, wo sonst weit gereiste Musiker auftraten, waren diesmal Künstler zu erleben, die ihren Wohnsitz in Tschechien haben, ihre Musik aber im weitesten Sinne mit Asien verbunden ist.

Das letzte Wochenende im August gehört in Tetschen (Děčín) traditionell dem Lyrikfestival Zarafest. „Alle Gelder wurden bewilligt. Alles findet statt. Es ist ja das Jubiläumsjahr“, freut sich Organisator und Dichter Radek Fridrich. Einzige Änderung ist der Ort. So erklingen die Gedichte nicht mehr im Rosengarten von Schloss Děčín. Das Festival findet neu komplett im Stadtteil Bodenbach Podmokly (Bodenbach) statt.

Noch ist Geld da

Aus finanziellen Gründen müssen die Festivals in diesem Jahr zumindest nicht ausfallen. Die meisten profitierten davon, dass die Fördermittel schon vor Ausbruch der Corona-Krise bewilligt waren. Dazu kam sogar zusätzliche Hilfe, wie durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds für das Festival Lípa Musica. Der Fonds unterstützt auch das Musikfest von Quinau (Květnov) im Erzgebirge. „Uns wurden allerdings kurzfristig Gelder durch den Bezirk Ústí gestrichen“, sagt Bürgermeisterin Iveta Houfová Rabasová. Da der Gemeinde das Fest, das diesmal einen barocken Schwerpunkt hat, wichtig ist, streckt sie die fehlender Gelder aus der eigenen Kasse nach. Das Musikfest gehört übrigens auch zu den wenigen mit deutscher Beteiligung. Als Gast tritt die Batzdorfer Hofkapelle auf.

Die spannendere Frage ist, ob die Festivals auch für die Zukunft gesichert sind. „Das wird die eigentliche Herausforderung. Wir werden froh sein, wenn wir das Festival so erhalten können, wie es jetzt ist“, wünscht sich Martin Prokeš für Lípa Musica.