Wie feiert man den 120. Geburtstag einer vergessenen Dichterin? Am besten, indem man alles tut, um sie wieder zu entdecken.

Doch der Weg dorthin ist weit. Viele Stunden in Bibliotheken sind dazu notwendig, Nachfragen in Archiven, viele Enttäuschungen, wenn sich eine vielversprechende Spur als Sackgasse erweist. Das erfordert Ausdauer und Interesse, das erfordert Engagement, das sich allein durch neue Entdeckungen selbst belohnt.

Lilli Recht ist eine solche vergessene Dichterin. 1900 in Olmütz-Hodolein als Tochter des Direktors der dortigen Spiritus- und Pottaschefabrik geboren, wuchs sie in sogenannten gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Die Familie fuhr in einer Equipage, also einer Kutsche, durch die Stadt, machte Urlaub an der Riviera und konnte sich längere Kuraufenthalte leisten, wie Erinnerungen von Schulfreundinnen und Einträge in den Kurlisten von Bad Ischl zeigen. Lilli Recht besuchte die Handelsschule in Olmütz. Zu dieser Zeit schrieb sie bereits Gedichte, wie sich eine Freundin erinnerte und „malte hübsche Portraits“. Zeitungsberichte über Auftritte bei Musikschulkonzerten zeigen außerdem, dass sie eine musische Ausbildung genießen durfte.

Wie sich eine Freundin weiter erinnerte, verspekulierte der Vater viel Geld an der Börse. Die Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg trug ein Übriges zum wirtschaftlichen Abstieg der Familie bei. Nach dem Tod des Vaters 1924 zog die Familie 1926 nach Prag, wo Lilli Recht bei der Stadtverwaltung arbeitete. Von einer Freundin wird sie als „Typ der neuen Frau“ beschrieben, als extravagant und als Männerschwarm. Zwischen 1928 und 1936 erschienen unregelmäßig Texte und Gedichte von Lilli Recht im Prager Tagblatt, 1931 und 1936 zusätzlich im Mährischen Tagblatt. 1936 erschien ihr einziger Gedichtband „Ziellose Wege“ als Eigendruck im Verlag des Prager Tagblatt.

Flucht nach Italien

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag 1938 floh Lilli Recht zusammen mit ihrer Schwester nach Italien, wo sie nach einer Internierung in der Gegend von Neapel und Potenza lebte. 1971 verliert sich ihre Spur. Wann sie gestorben ist, ist bisher unbekannt. Ihre Mutter starb 1942 in Theresienstadt.

Ihr Werk gehört zur Neuen Sachlichkeit, stilistisch und thematisch. Die Gedichte reihen sich thematisch in die Werke der bekannten Vertreter der Neuen Sachlichkeit aus Berlin ein, von Erich Kästner und Kurt Tucholsky, von Mascha Kaléko und Bertolt Brecht. Ihre Gedichte sind zuerst in Zeitungen und dann gesammelt als Buch erschienen, ähnlich wie bei den Gedichtbänden von Erich Kästner und Mascha Kaléko. Was fehlte, war ein Verlag, der sich der Gedichte annahm und für ihre Verbreitung sorgte.

Im „Mährischen Tagblatt“ hieß es zu dem Band „Ziellose Wege“ mit den Gedichten von Lilli Recht: „Wer sich in dieser stürmischen aufgeregten Zeit der großen und doch oft so hohlen Worte und Fanfaren den Sinn für verträumtes künstlerisches Erlebnis bewahrt hat, möge zu dem schmalen Büchlein greifen. Er wird viel Freude daran haben. Feine Verse, auf einen etwas elegischen Grundton gestimmt, klingen auf und verraten echtes Gefühl und wirkliche dichterische Begabung“.

Neuauflage geplant

2021 ist zusammen mit dem Germanistik-Lehrstuhl der Palacký-Universität Olmütz eine Neuauflage der Texte der Olmützer Dichterin geplant. Neben Gedichten hat sie auch einige Prosatexte im Prager Tagblatt und im Mährischen Tagblatt veröffentlicht. Auch sie sollen in dem Band enthalten sein.

Noch ist es nicht so weit, aber einen kleinen Vorgeschmack, quasi als nachträgliche Feier zum 120. Geburtstag von Lilli Recht am 17. Februar bietet der Lehrstuhl für Germanistik der Palacký-Universität Olmütz am 19. März um 15 Uhr in Raum 3.39 einen Vortrag und eine Lesung mit Werken von Lilli Recht . Mit Unterstützung von Markéta Kamenská, die ihre Diplomarbeit über Lilli Recht geschrieben hat und Ingeborg Fialová-Fürst, der Leiterin der Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur, werden Texte von Lilli Recht gelesen, die teilweise auch ins Tschechische übersetzt sind.

(!!Achtung!! Aufgrund der Corona-Epidemie wurde die Veranstaltung abgesagt und wird voraussichtlich im Herbst stattfinden)

Am Ort der Vorlesung schließt sich auch ein Kreis zu Lilli Recht. Im Gebäudekomplex, in dem sich heute der Germanistische Lehrstuhl befindet, ging sie 1914 bis 1916 zur Handelsschule. Es ist einer der wenigen Orte in Olmütz, die in Beziehung zu Lilli Recht stehen und die es heute noch gibt.

Interessierte Gäste sind zu der Veranstaltung herzlich eingeladen. Weiterhin sind unter der Mail-Adresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Hinweise zur Biographie von Lilli Recht und zu ihrer Familie, aber auch Bilder und Texte von Lilli Recht sehr willkommen, damit das Buch im nächsten Jahr einen umso reicheren Schatz zum Entdecken enthält.