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Sudetistanisches Industrieidyll - Bild: LE/Jiří Bernard

Ich bin ganz erschüttert. Vor ein paar Tagen ist mir ein Artikel ins Auge gestochen, der recht furchterregende Informationen enthielt: Es gibt kaum noch junge Tschechen, die in unserem böhmisch-mährischen Kessel leben wollen.

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Mein Vorhaben deutsche Künstler in den Prager Ausstellungen ausfindig zu machen, gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nach einigen erfolglosen Recherchestunden vor dem Laptop entschied ich mich dazu mir einfach ein paar Ausstellungen anzusehen. So landete ich auf der Suche nach den kreativen Ergüssen deutscher Künstler im Haus der Fotografie der Galerie der Hauptstadt Prag (Galerie hlavního města Prahy).

Sudetistanisches Industrieidyll - Bild: LE/Jiří Bernard

„Deutsch? Damit kommst Du bei mir nicht weit, Jüngelchen“, sagt stolz der Opa, dem etwa ebensoviele Träume wie Haare geblieben sind. Die Tatsache, dass er gerade einmal zehn Kilometer von Deutschland entfernt wohnt, scheint ihm verborgen geblieben zu sein. Zumindest solange, bis es im Altenberger Supermarkt Schinken im Sonderangebot gibt.

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Ich muss zugeben - Ich wollte nicht immer Journalist werden. Mehr als einmal besuchte mich ein anderer Gedanke. Das Leben eines Künstlers, das wär’s. Von Beruf kreativer Kopf sein, Kunstwerke schaffen und Ausstellungen überall auf der Welt, klingt doch soweit nicht schlecht. Leider scheiterte dieser Berufswunsch schon an meinem mangelnden Enthusiasmus dafür eine Mappe für ein Kunststudium zu erstellen.

Illustration: Sudetistanische Industrielandschaft - Bild: LE/Jiří Bernard

Mehr denn je ertönt heute im öffentlichen Diskurs die Frage „Wie versöhnt man Tschechen und Deutsche?“ Schon dieser Grundansatz führt jedoch in die falsche Richtung und man entfernt sich vom ersehnten Ziel, statt sich ihm zu nähern.

Illustration: Sudetistanische Industrielandschaft - Bild: LE/Jiří Bernard

„Sie haben gut reden, wenn Sie nicht im Schacht schaffen!“ tönt es lakonisch durch das Mekka der Bodenständigkeit, den Kreis Aussig. Es ist das Mantra der Kohlenkumpels, das wie Familiensilber von Generation an Generation weitervererbt wird. Noch schlimmer ist: Das wird auch so weitergehen.

Illustration: Sudetistanische Industrielandschaft - Bild: LE/Jiří Bernard

Wenn ich auf der Suche nach Exotik bin, zieht es mich nicht in die fernen Gefilde weitläufiger Karibikstrände oder undurchdringliche Urwälder. Für mich als bekennenden Sudetistaner liegt die wahre Exotik in den mir unbekannten Tiefen und Winkeln unseres böhmisch-mährischen Kessels.

Illustration: Sudetistanisches Industrieidyll - Bild: LE/Jiří Bernard

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon“, fragt bei Goethe das Gretchen ihren Heinrich. Eine Frage, die auch heute noch interessant ist. Besonders in Sudetistan. Wie hält man es dort heute mit Dingen der religiösen und metaphysischen Art? Ich würde sagen, seit der Entstehung Sudetistans zur Zeit der Wilden Vertreibung, steht man diesen Dingen eher unaufgeschlossen gegenüber. 

Illustration: Sudetistanische Industrielandschaft - Bild: LE/Jiří Bernard

Gibt es im Universum noch weitere entwickelte Zivilisationen? Wird Karel Gott 100 Jahre alt werden und eine Jubiläumstournee veranstalten? Waren die Amerikaner wirklich auf dem Mond?

Das sind die wahrlich wichtigen Fragen einer aufgeklärten Menschheit. Bei uns in Sudetistan gibt es aber nur eine Frage, die alles entscheidend ist: „Würde es uns in Deutschland besser gehen?“

Illustration: Sudetistanische Industrielandschaft - Bild: LE/Jiří Bernard

Ein Ort, ein Land wird durch seine Menschen gemacht. Und Menschen drücken sich durch ihre Sprache aus. Die Sprache ist also auch ein Spiegel der Umgebung, in der wir leben. In Sudestistan gilt das doppelt.

Wir hätten die jahrhundertealte Kultur in Nordböhmen erhalten können. Die Menschen dort mit ihren Bräuchen und ihrer Sprache, die so weitläufig ist, wie die Wurzeln eines jahrhundertealten Baumes im Egerland. Aber wir haben gesagt: nein. Das wäre ja noch schöner, wenn jemand zu diesem Stückchen Erde irgendeine Beziehung hätte.

 

 

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