Als eingefleischter Fan von Bohemians Prag lässt unser Autor kein Auswärtsspiel aus. Dabei interessiert er sich auch für Orte abseits der Stadien.

Zu einem perfekten böhmischen Wochenende gehören neben den Herrlichkeiten der Hauptstadt natürlich auch die Freuden der Provinz. Neulich zum Beispiel mussten meine Lieblinge, die Klokani*, beim FK Pribram (Příbram) antreten. Der Klub ist das ungeliebte Stiefkind der Liga. Allen ist klar, dass er nur durch wundersame Schiedsrichterentscheidungen die Klasse halten konnten. Die beiden Relegationsspiele gegen Zbrojovka Brünn waren keine Sternstunden des tschechischen Fußballs. Zwar sind die Schiedsrichter nun für ein Jahr gesperrt, aber Pribram durfte oben bleiben. Immer wieder ist dieser Klub in korrupte Machenschaften verwickelt. Was soll man denn auch erwarten, wenn der Präsident ein stadtbekannter Mafioso ist? Aber auch sonst hat Pribram einiges zu bieten. Eine Bergstadt, geprägt von sozialistischer Tristesse und postsozialistischer Hässlichkeit. Den größten Schub bekam die Stadt nach 1945, denn es gab Uran, den die Freunde in der Sowjetunion so dringend brauchten. Noch heute gibt es eine „Cukrárna Uran“, also ein Café Uran, dass sich gern an diese Ära erinnert. Ältere Damen treffen sich hier zum Kaffeekränzchen und verzehren ihre Witwenrenten, denn naturgemäß überleben sie hier erst recht deutlich ihre Männer. Aber seit der Wende läuft nicht mehr viel. Man spürt es an der Stimmung in der Stadt.

Die katholische Kirche versucht, für Trost zu sorgen. Denn wie so oft in Bergstädten, hat auch Pribram sein religiöses Zentrum, das Kloster auf dem Heiligen Berg über der Stadt. Eine Barockorgie, deren heutiger Zustand im wesentlichen auf das 17. Jahrhundert zurückgeht. Man kommt trockenen Fußes hinauf, denn eine überdachte Treppe führt aus der Stadt hinauf. Ja, für die Wallfahrer hatte die katholische Kirche immer ein Herz. Und Geld war auch irgendwie immer genug da. Die Kommunisten schlossen das Kloster 1950, aber inzwischen ist alles wieder gut in Betrieb. Dennoch bleibt das beste an Pribram, dass man in einer Stunde zurück in Prag ist. Mit dem Bus, der ist leider schneller als die Bahn. Und neuerdings ist Pribram sogar Teil des hauptstädtischen ÖPNV-Netzes. Mindestens jede Stunde ein Bus! Der Zug ist langsamer, der Bahnhof liegt zudem aus Sicht des Stadionbesuchers sehr ungünstig. Ach ja: Wir verloren sehr unglücklich 2:3 in Pribram.

Ähnlich schlecht erreicht die nationale Eisenbahngesellschaft Česke dráhy (Tschechischen Bahnen) die Stadtgemeinde Gablonz (Jablonec) im Norden Böhmens. Dort hatten die Klokani die Ehre, am Freitag, dem 12. Juli die neue Saison zu eröffnen. Am 12. Juli! Das gab es noch nie! Zwar war die tschechische Liga schon immer früh dran in Europa, meist aber lag der erste Spieltag auf dem letzten Juliwochenende. In diesem Jahre 2019 also Mitte Juli. Es war heiß, auch wenn es dort oben im Isergebirge, das Stadion liegt auf etwa 600 Meter Seehöhe, immer 3 – 4 Grad kühler ist als in Prag. Überhaupt ist das Gablonzer Stadion ein kleines Schmuckstück. Schön im Gebirge gelegen, die Aussicht geht von der Haupttribüne bis zum Kamm des Jeschkengebirges. Auf dessen Spitze, am Horizont, steht das Wahrzeichen des Lokalrivalen: Der Reichenberger Fernsehturm, eine Ikone der Moderne, die sich sogar im Logo des FC Slovan Reichenberg (Liberec) wiederfindet. In den Nuller Jahren an alter Stelle neu gebaut, fasst das Stadion etwa 6000 Zuschauer, zu normalen Ligaspielen kommen zwo- bis dreitausend Zuschauer, auch ein paar aus Deutschland. Von Leipzig braucht die Bahn etwa viereinhalb Stunden, von Dresden dreieinhalb, aus der Lausitz entsprechend weniger. Der so genannte Lausitz-Shinkansen verbindet Dresden und Reichenberg fünfmal täglich direkt. Er braucht dafür zwei Stunden und sieben Minuten, was wir eine gute Verbindung nennen wollen. Zwischen Reichenberg und Gablonz kann man die Regionalbahn oder auch die Straßenbahn Nr. 11 nehmen. Der Zug braucht 20 Minuten und fährt halbstündlich, die Tram etwa eine Viertelstunde länger. Von Prag aus nimmt man den Bus, der von der Metroendstation Černý Most eine gute Stunde unterwegs ist, die Bahn scheidet hier mit etwa dreieinhalb Stunden Fahrtzeit leider meistens aus. Der Fußballfreund wählt in Gablonz grundsätzlich das Hotel Sport, gleich neben dem Stadion. Ein schöner brutalistischer Bau aus den 1970ern, bislang durch keine ernsthafte Renovierung verschandelt. Zu 450 Kronen übernachtet man hier herrlich zwischen Stadion und Waldrand. Dieser Wald des Isergebirges, der gleich hinter dem Hotel beginnt, ist reich an Heidelbeeren. Ich meine richtige Heidelbeeren, nicht die, die es neuerdings im Supermarkt gibt. Die hier sind klein und man kriegt schnell blaue Hände beim Naschen, was zu einem sommerlichen Fußballspiel in Gablonz unbedingt dazugehört.

Gablonz im oberen Neißetal, erst 1866 zur Stadt erhoben, ist bis heute eher Dorf geblieben. Weltberühmt durch Schmuckwaren und deren Handel, trauert es etwas seiner ehemaligen Bedeutung nach. Der Fußballklub gehört seit den Nuller Jahren zu den Spitzenklubs in Böhmen, was unter anderem mit Miroslav Pelta zu tun hat, einem der Besitzer des Klubs, der zwischenzeitlich sogar Präsident des Fußballverbands war, aber 2017 über einen Subventionsskandal stolperte. Eine schillernde Figur, nicht untypisch für den tschechischen Fußball. An diesem 12. Juli gewannen die favorisierten Hausherren leider 2:0 gegen uns.

Der Autor ist Herausgeber des Leipziger Stadtmagazins „Kreuzer“.

*Klokani, deutsch die Kängurus, das Maskottchen von Bohemians Prag


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