Nach fast zehn Jahren zog Pater Martin Leitgöb mit Wehmut im Herzen von Prag nach Deutschland weiter. Warum er sich dennoch gern verabschiedet hat, warum er Grenzen für heilige Orte hält, warum die Freiheit für ihn ein hohes Gut ist und was er aus Prag mitnimmt erzählt er im Gespräch.

LE Wie haben Sie die letzte Zeit in Prag verlebt?

Es war eine sehr dichte Zeit. Nicht nur die Prager Arbeit ging weiter. Ich bin ja im Rahmen meiner Ordensgemeinschaft der Redemptoristen hauptverantwortlich für die Feierlichkeiten zum 200. Todestag des heiligen Klemens Maria Hofbauer, des Stadtpatrons von Wien, die ja durch Corona etwas anders verlaufen sind als geplant.

Aber der Abschied nahm schon großen Raum ein. Da war auch viel Wehmut dabei. Ich war ja immerhin fast acht Jahre in der Gemeinde und insgesamt fast zehn Jahre in Prag. Ich habe gerne hier gelebt und ich hätte mir das durchaus auch noch weiter vorstellen können. Auf der anderen Seite habe ich gesehen, dass es aus Verantwortung für meinen Orden gut ist, einen Schritt weiterzugehen. Und zugleich erhoffe ich mir, mich wieder neu und besser kennenzulernen auf einem neuen Feld und mit einer neuen Aufgabe.

Doch Abschied hat nicht nur etwas Wehmütiges, sondern es ist auch etwas Schönes, das ich vielen Menschen gönnen würde, die das vielleicht nie in ihrem Leben erfahren. Man hört beim sich Verabschieden von vielen Leuten ja viel Gutes über sich selbst. Und das bekommt man im normalen Alltag zwar schon mal angedeutet und manches Mal auch gesagt, aber so in der vollen Wucht, bekommt man das nur, wenn man sich verabschiedet.

Und wenn man dann so wahnsinnig schöne Sachen gesagt bekommt, dann ist das auch eine Medizin gegen die Selbstzweifel, die auch ich habe. Zugleich ist es eine große Motivation, so dass man sich sagt: Gut, wenn es hier unterm Strich scheinbar ganz gut gelungen ist, dann wird es wohl an einem anderen Ort auch wieder gut gehen. Aber manchmal in den letzten Wochen war ich einfach nur todtraurig.

LE Was haben Sie dann gemacht?

Na nix, durch Prag gehen und weinen. [lacht] Also, das war nicht jeden Tag, aber es ist schon vorgekommen.

LE Wie fällt ihre persönliche Bilanz, gerade auch im Hinblick auf die deutsche Gemeinde aus?

Also für mich persönlich war die Gemeinde ein Segen.

LE Inwiefern ein Segen?

Weil mich viele in der Gemeinde wirklich herzlich aufgenommen und angenommen haben. Auch mit meinen Schwächen. Und weil mich diese Arbeit in der Gemeinde auch persönlich weitergebracht hat, in meiner Reifung. Das habe ich mir eigentlich gar nicht so vorgestellt, als ich von Wien nach Prag kam.

Aber auch die Gemeinde hat sich sehr gut entwickelt. Mein Vorgänger, Winfried Pilz, hatte das ja ehrenamtlich gemacht. Um die Jahrtausendwende herum gab es mal eine Stelle. Dann wurde aber die Stelle von der Deutschen Bischofskonferenz eingespart. Mit mir wurde die Stelle als halbe Stelle wieder geschaffen und sie wird jetzt nach meinem Abgang zu einer vollen Stelle ausgebaut.

LE Weil jetzt hier mehr Gemeindeglieder sind?

Zunächst weil mein Nachfolger ja aus einer vollen Stelle in Deutschland kommt. Aber für die Gemeinde ist das eine tolle Entwicklung, dass es seit Langem jetzt wieder eine volle Stelle gibt.

Als ich angekommen bin, war die Gemeinde von einzelnen, in Böhmen sehr traditionsreichen Familien und von Expats, also von Menschen, die aus beruflichen Gründen für 4-5 Jahre in Prag sind, geprägt. Doch in meiner Zeit und das ist sicher nicht nur mein Verdienst, sind die hier angesiedelten Deutschen, die binationalen Familien, was man auch eine neue deutsche Minderheit nennen könnte, stärker in die Gemeinde hineingekommen. Und das bindet und verankert die Gemeinde mehr hier im Land und in der Stadt. Das halte ich für eine gute Entwicklung.

In den letzten acht Jahren haben wir zudem versucht, offen zu sein für Touristen, auch wenn ich das Wort nie gern verwendet habe. Ich habe immer von Gästen gesprochen. Das ist ein sensibles Thema. Wenn man als deutschsprachige Gemeinde hier Touristenarbeit macht, dann kann man das nur mit der Gemeinde und für die Gemeinde machen. Man muss der Gemeinde vermitteln, dass sie selbst profitiert, wenn immer mal Menschen da sind nur für einen Gottesdienst. Das habe ich immer als Bereicherung gesehen, in jeder Hinsicht. Es kommt mit jedem Gast eine Lebensgeschichte, ein Gesicht, ein Lachen. Und es hebt die Qualität der Feier, wenn mehr Menschen da sind. Also, ich feiere auch gern kleine Gottesdienste. Aber das Mitreißende des Glaubens kommt erst mit mehr Menschen. Und das ist wichtig für die Erkenntnis: Wir sind ja doch nicht so wenige, gerade hier in Tschechien.

Wirklich wichtig war mir immer, alle Säulen, auf denen wir stehen, zu pflegen und zu verbinden. Die erste Säule sind die Expats, die zweite die binationalen Familien und die dritte die deutschsprachige Minderheit, auch wenn sie quantitativ schwach scheint, hat sie Gewicht. Der Monsignore Pilz hat mal schön gesagt: Die deutsche Minderheit hat die Chance, eine Drehscheibe zu werden. Und da haben wir ein gutes Stück Erfolg gehabt.

LE Es gab ja in ihrer Amtszeit einige Höhepunkte wie die Erhebung zur Pfarrei am 1. Oktober 2016.

Für mich war interessant, was die Motivation dafür war. Bischof Duka hat den Schritt selbst so begründet: Erstens, weil das Deutsche immer zu Prag und Tschechien gehörte und zweitens, weil es die Gemeinde seit den 1990er Jahren ununterbrochen gibt. Trotz aller Tiefen ist sie nie von der Oberfläche verschwunden und hat sich gut entwickelt. So war es 2016 für das Erzbistum eine logische Folge, uns zu einer Pfarrei zu machen. Immerhin waren wir damals nach der polnischen und slowakischen erst die dritte fremdsprachige Pfarrei in Prag.

LE Das ist ja auch eine Art Aufnahme in die katholische Heimatkirche.

Für mich war das der Beweis, dass wir eben nicht nur eine Nische sind, sondern ein Teil dieser Ortskirche mit allen Rechten und Pflichten. Das ist auch eine Bereicherung für die Ortskirche. Und das wird auch für die Zukunft Bedeutung haben.

LE Teil der Ortskirche sein heißt auch in der säkularisierten Tschechischen Republik zu arbeiten. Hatte das einen Einfluss auf Ihre Arbeit und wie? Oder spielt das in der deutschen Gemeinde gar nicht so eine Rolle?

Das spielt schon eine Rolle. Auch wenn wir als deutschsprachige Gemeinde aus vielen Menschen bestehen, die eine Kindheit verlebten, die von einem katholischen Milieu geprägt war. Trotzdem färbt das ab, auch auf mich persönlich.

LE Wie zum Beispiel?

Ich bin aus Wien gekommen, wo ich häufig priesterlich gekleidet unterwegs war, also mit Collarhemd oder Ordensgewand. Aber das Gewand habe ich gar nicht in Prag, weil ich das hier auf der Straße sowieso nicht gebrauchen kann und in der Kirche kennen mich die Leute eh und wissen, dass ich ein Ordensmann bin. Zu offiziellen Anlässen gehe ich natürlich auch im Collarhemd. Aber sonst bin ich hier besser aufgestellt, wenn ich zivil gehe, weil dann eine gewisse Hemmschwelle weg ist.

Die säkulare Situation zeigt sich auch bei der Erstkommunion. In einigen deutschsprachigen Ländern ist es ja immer noch üblich, dass ganze Klassenjahrgänge zur Erstkommunion gehen. In Tschechien, wo es auch keinen Religionsunterricht an den Schulen gibt, gehen eigentlich nur die Kinder von praktizierenden Christen zur Erstkommunion. Genauso ist es bei Taufen.

Auch in diesem säkular geprägten Umfeld war die Freiheit für mich immer sehr wichtig. Ich habe oft gesagt, ich verstehe mich als Pfarrer nicht als Polizist, der streng kontrolliert, wer da ist und wie oft. Ich freue mich über alle, die da sind. Freiheit ist einer der wichtigsten Werte, den ein Mensch haben kann. Die Liebe ist ja auch ein wichtiger Wert. Aber die Liebe braucht ja als Vorausbedingung die Freiheit. Ich habe selbst für mich in Prag zu einer neuen Freiheit in einem durchaus tiefen Sinne gefunden und deshalb liegt mir so viel daran, dass die Menschen diese Freiheit erfahren und Kirche nicht als ein Zwangsinstrument wahrnehmen.

LE Gibt es etwas, das sie hier in Prag nicht erreicht haben? Oder denken Sie gar nicht in solchen Kategorien?

Im Großen und Ganzen würde ich es wieder so machen. In vielen kleinen Dingen würde ich einiges anders machen.

Eine Baustelle gebe ich aber tatsächlich an meinen Nachfolger. Wir haben bis heute kein Gemeindehaus. Wir hätten ja eigentlich ein eigenes Pfarrhaus. Rechts von unserer Kirche ist eine neobarocke Villa. Das Erzbistum hat diese Villa zunächst als Hotel vermietet, was krachend scheiterte. Jetzt wird sie wieder weitervermietet. Ich habe immer schon ein Auge auf dieses Haus geworfen, um für uns für stabilere räumliche Verhältnisse zu sorgen oder um Pfarrerwohnung und gemeindliche Räume unter ein Dach zu bringen. Das ist mir nicht gelungen. Dafür hatte ich auch nicht die Zeit und Kraft.

Ich habe in meiner nur halben Stelle meine Hauptenergie immer in die Seelsorge gesteckt, dass ich möglichst vielen Menschen begegne und Kirche und Gemeinde präsent mache auf verschiedenen Foren.

LE Wie sieht Ihre neue Aufgabe aus?

Seit 1. September bin ich Pfarrer an dem Wallfahrtsort Schönenberg in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Der Wallfahrtsort liegt bei Ellwangen und Ellwangen im Landkreis Aalen. Auf diesem Schönenberg haben die Redemptoristen seit 100 Jahren eine Niederlassung. Ich werde also dort Pfarrer und bin damit auch für die Wallfahrtsseelsorge zuständig. Zusätzlich habe ich noch die Aufgabe, eine bereits bestehende Seelsorgeeinheit von mehreren Pfarreien zu leiten.

Corona ist eigentlich, so schrecklich es ist, für mich persönlich chancenreich und eine große Hilfe. Erstens für den Abschied, weil das wie ich 7,5 Jahre Gemeinde gepflegt habe mit Corona erst einmal zu Ende gegangen ist. Gleichzeitig ist es mir eine Hilfe beim Anfang, weil vieles, was man dort bisher gepflegt hat, auf Monate, wenn nicht Jahre, nicht mehr möglich sein wird und ich mir dort zusammen mit der Gemeinde neue Dinge einfallen lassen muss und von Beginn sehr viel Gestaltungsspielraum haben werde.

LE Was nehmen Sie aus Prag und Tschechien mit? Und wie wird Prag und Tschechien in Zukunft in Ihrem Leben eine Rolle spielen?

Zu Letzterem: Ich habe hier einige gute Freunde, weshalb ich immer mal wieder zu Besuch nach Prag kommen werde. Ich habe auch den Plan, meine Urlaube im Braunauer Land fortzuführen.

Aber darüber hinaus ist mir eins wichtig. Ich habe hier erlebt, dass wir Europäer sind mit der ganzen Geschichte 30 Jahre nach der Samtenen Revolution, mit dem Aufgehen der Grenzen und ihrem Schließen zu Coronazeiten. Dieses Europäische liegt vielleicht auch in der besonderen historischen Rolle von Prag als Kaiserstadt und vielleicht ist Prag doch der Mittelpunkt Europas als Begegnung von Ost und West. Dieses Engagement für Nachbarschaft im Rahmen des großen Europas, das nehme ich mit und möchte es weitergeben, wie ich es hier erlebt habe. Dazu möchte ich junge Menschen ermutigen, grundsätzlich über ihren Tellerrand des regionalen Horizonts hinauszublicken.

Und gleichzeitig sollte man gerade im Horizont der letzten Monate über Grenzen nochmal stärker nachdenken. Es wird immer wieder gesagt: Es gibt in Europa keine Grenzen mehr. Ich denke, man kann die Grenzen nicht negieren, Grenzen gibt es immer und sie haben auch eine ganz besondere Chance, eine Gnade. Es ist fast ein heiliger Ort, das spüre ich, wenn ich bei einer Wanderung über die Grenze gehe. Es liegt ja kein anderer Geruch in der Luft, aber es ist einfach ein Schritt, der sich unterscheidet von anderen Schritten auf derselben Wanderung.

Die Grenze ist eine Nahstelle zwischen zwei Kulturen, Sprachen, alles Mögliche. Vielleicht war es deshalb auch ein bisschen eine Chance, dass sie drei Monate geschlossen waren, weil es uns neu aufmerksam gemacht hat auf die Grenzen, nicht nur auf das Negative, dass man sich ausweisen muss oder Probleme hat, wenn man auf die Arbeit möchte. Sondern auch auf das Positive, in der Begegnung zweier Wirklichkeiten. Und das hat überhaupt nix mit Nationalismus zu tun.

Deswegen habe ich das auch in besonderer Weise mit dem Gottesdienst am Pfingstmontag an der Grenze zwischen Südmähren und meiner Heimat Niederösterreich empfunden. Dieser Gottesdienst wird mir ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Der ist unter die Haut gegangen.

LE Weil das so existenziell war?

Ja, aufgrund der Coronasituation schon allein. Es ist ja nicht so, dass ich alle 3-4 Monate in meine unmittelbare Heimat komme. Aber diesmal konnte ich ja nicht und es war immer die Frage, was ist, wenn meiner Mutter, die auch zur Risikogruppe gehört, was passiert? In dieser Situation da an der Grenze am Tisch, den es schon gibt und wo die Grenze direkt durch den Tisch hindurchführt den Gottesdienst zu feiern, war einfach schön.

Das Gespräch führte Steffen Neumann


Pater Martin Leitgöb (*1972), Doktor der Theologie, ist Mitglied des Ordens der Redemptoristen. 2010 kam er nach Prag, zunächst um ein christliches Angebot für Touristen und Passanten zu schaffen. 2012 übernahm er die Stelle des Administrators der deutschsprachigen Gemeinde „St. Johannes Nepomuk am Felsen“ in der Prager Neustadt. Dazu unterrichtete er gemeinsam mit seiner evangelischen Kollegin Religion an der Deutschen Schule Prag und war von 2014 bis 2019 auch geistlicher Beirat des Vereins Sdružení Ackermann-Gemeinde, dem tschechischen Zweig der katholischen Organisation Ackermann-Gemeinde. Seit 1. September ist er Pfarrer am Wallfahrtsort Schönenberg in der Diözese Stuttgart-Rottenburg. Sein Nachfolger in Prag ist Pfarrer Thomas Hüsch, der zuvor Dechant in Koblenz war.