In der Reihe „Aktuelle Generation“ stellen sich Vertreter der Deutschen in Tschechien vor. Leticie Vránová führt aktuell die berühmte Glockengießerei Dytrych in Brodek bei Prerau (Přerov), die auch schon mal höchsten politischen Besuch bekam.

Diese Frau haben Sie vielleicht schon mal im Fernsehen erblickt: bei einer Glockenweihe, vielleicht mit Präsident Miloš Zeman. Leticie Vránová ist Chefin der Glockengießerei Dytrych. Diese hat bereits eine lange Firmengeschichte hinter sich und ist eine der letzten ihrer Art in Tschechien.

Josef Dytrych, der Gründer der Gießerei, wurde am 19. März 1912 in Alkoven bei Linz in Oberösterreich geboren. 1925 kam er als Kind mit seinen Eltern in die Tschechoslowakei. Als Erwachsener probierte er sich in vielen Dingen aus: röstete Kaffee bei Julius Meinl in Prag, eröffnete ein kleines Projektantenbüro in Proßnitz (Prostějov) und bald eine Gießerei für Türrahmenscharniere in Brodek.

Ab 1948 hatten es viele Handwerker schwer, denn sie wurden enteignet. Kunstateliers nicht. Also gründete Dytrych im Mai 1950 die Glockengießerei. Erfinderisch wie er war, experimentierte er nicht nur mit dem Prozess, sondern auch mit der Metallmischung.

Foto: Glockengießerei Dytrych in Brodek bei Přerov

Als 1952 in Plaňany bei Prag eine Glocke herunterfiel und zersplitterte war, war es Dytrych, der mit dem Guss einer Kopie beauftragt wurde. Das Filmstudio Barrandov drehte darüber einen Dokumentarfilm, der in Cannes 1961 einen Preis gewann. Nach dem Tod des Gründers verwaiste die Werkstatt für einige Monate, bis seine Witwe Laetitia Dytrych die Arbeit wieder aufnahm. Eine der zwei Dytrych-Töchter, Marie, übernahm den Betrieb in den 80er Jahren. Als die Glockengießerei 2003 einen Kredit von der Bohemia Troppau bekam, hatte wiederum die Tochter, Leticie Vránová, bereits das Familienunternehmen übernommen und führt es bis heute. 2014 wurde die Gießerei sogar vom tschechischen Präsidenten Miloš Zeman besucht.

LE Frau Vránová, schon in dritter Generation wird die Firma von einer Frau geführt. Wollten Sie schon immer Glockengießerin werden?

Von klein auf bin ich in der Werkstatt herumgelaufen. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass ich beruflich etwas Anderes machen könnte. Nach der Wende gab es eine große Auftragswelle. Man wollte plötzlich alle fehlenden Glocken ersetzen. Der Erste und Zweite Weltkrieg hatten ja tausende Kirchentürme leergefegt. Während der kommunistischen Planwirtschaft wurde kein Geld für Glocken gesammelt. Selbst die wohl zweitbekannteste Kirche des Landes, die Teynkirche am Altstädter Ring in Prag, behielt nur eine einzige Glocke. Die drei neuen sind von uns.

LE Sind eines Tages nicht alle Glocken gegossen?

Diese Nachholwelle erreichte ihren Höhepunkt im Jahr 2000. Aber die Nachfrage gibt es weiter. Auch das Krisenjahr 2007 hat keinen Bruch gebracht. Viele Kirchen sind immer noch renovierungsbedürftig. Als der Architekt Marek Štěpán die berühmte Alliprandis-Kirche der Auffindung des Heiligen Kreuzes in Leitomischl (Litomyšl) rekonstruierte, haben wir die Glocken geliefert. Für die nahe Gemeinde Lauterbach (Čistá) gießen wir jetzt eine Zwei-Tonnen-Glocke. 2018 haben wir auch die Glocken für den Ort Bärnwald (Neratov) und für das nahe Rokytnice gegossen.

LE Wieviele Glocken gießen Sie im Jahr?

Etwa fünf bis sieben Tonnen Glockenbronze. Die Mischung besteht aus 77 Prozent Kupfer, 22,5 bis 23 Prozent Zinn und geheimen Zutaten. Es schmilzt bei 1140 Grad Celsius. Gemeinden bestellen oft noch kleine Glöckchen dazu, Bezirksämter bronzene Wappen, Unternehmer Firmenschilder, bronzene Figuren aller Art uvm.

LE Welche ist Ihre exotischste Glocke?

Einmal hat uns der Vietnamesische Botschafter besucht: Wir haben danach eine „Kaiserglocke“ von 700 Kilogramm nach Ho Chi Min Stadt geliefert. Es war eine Herausforderung in zweierlei Hinsicht. Erstens sollte die Krone, d.h. der obere Halter, drachenförmig sein. Zweitens schlagen Buddhisten mit einem Pfahl von der Seite und nicht wie wir mit einem Herzen von Innen. Wir mussten es berechnen und an der Glocke vier Schlagstellen anzeigen.

Foto: Glockengießerei Dytrych in Brodek bei Přerov

LE Sie haben ein altes Betriebsgelände in Brodek gekauft, obwohl sich die Branche in einer schwierigen Phase befindet, denn die Nachfrage sinkt allmählich. Dazu müssen Sie sich noch um Ihre pflegedürftige Mutter kümmern.

Schauen Sie: Wir müssen uns mehr auf das präzise Gießen konzentrieren. Dazu brauchen wir mehr Platz, eine Umgestaltung der Gasschmelzen und eine gute Zufahrt. Es dauerte einige Zeit, bis ich es hinbekommen habe, die Firma und die Pflege meiner Mutter zu organisieren, aber jetzt schaue ich optimistisch in die Zukunft.

LE Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Mein Sohn Ondřej studiert gerade an der Aarhus University in Dänemark.  Das Studium dort ist sehr praktisch. Sie müssen in einem Semester ein Business Konzept entwickeln, nicht nur Produkt oder Design, sondern auch Finanzierung und Firmengründung sowie Personalleitung. 

Ob er eines Tages Glocken gießt oder etwas Anderes mit der Firma macht, weiß ich nicht. Hoffentlich bleibt er in der Metallbranche. Kinder dazu zu bringen, in die Fußstapfen der Vorfahren zu treten, ist immer eine Gratwanderung.



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