Ingeborg Cäsar, Jahrgang 1936, wuchs im Krieg und im Lager auf. Mit dem LandesEcho sprach sie über ihr Leben.

Ingeborg Cäsar ist Zeitzeugin der Nachkriegszeit. Sie stammt aus dem mährischen Oderberg (Bohumín). Nach dem Krieg wurde sie als Zehnjährige mit ihren Eltern ins Lager Svatoborschitz (Svatobořice) bei Khaa (Kyjov) deportiert. Dort lebte sie zwei Jahre unter 1041 Deutschen, die meisten von ihnen alt, krank und gebrechlich, unter schlimmsten Bedingungen. In der Schule von Svatoborschitz wurde sie gemoppt und verprügelt. „Den Schulweg machten mir meine Mitschüler zum Spießrutenlauf, warfen Steine nach mir oder schlugen mir mit den Ranzen auf den Kopf“, erinnert sich die heute 82-Jährige. „Ich wurde als Kind gebrochen, konnte nie ein Selbstbewusstsein aufbauen.“

1949 erfolgte die Aussiedlung nach Müglitz (Mohelnice). Nach dem Schulbesuch arbeitete sie als Kinderkrankenschwester in Mährisch Schönberg, wo sie 1959 den Deutschen Hans Cäsar heiratete. Trotz ihrer hervorragenden schulischen Leistungen durfte sie wegen ihrer deutschen Abstammung keine höhere Schulbildung erwerben.

lager svatoborice

1991 gründete Cäsar den Verband der Deutschen in Mährisch Schönberg und war als Sozial- und Kulturreferentin ehrenamtlich für den Verband tätig. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm sie 2008 den Vorsitz der Schönberger Ortsgruppe. Sie gab ein Liederbuch mit 140 deutschen Volksliedern heraus. Mit Akkordeon und Liedern trägt sie bei den Zusammenkünften der Verbände zur kulturellen Umrahmung bei. Außerdem besucht sie regelmäßig ein Altersheim der Stadt, um den Menschen dort den Alltag zu verschönern. „Ich hatte, so könnte man sagen, eine Eingebung: Ich muss in meinem Leben anderen Menschen helfen“, sagt sie lächelnd. „Hassen kann ich nicht, das habe ich schon früh verlernt.“

Inge Cäsar schrieb ihre Erinnerungen auf. In der Broschüre „Meine Erinnerungen an das Lager Svatoborschitz (9. 4. 1947-14. 8. 1949)“ schildert sie die Bedingungen und wie sich das Elend der damals tief in ihre Seele eingrub. „Die Sterblichkeit im Lager war groß, nicht jeder bekam ein Grab“, schreibt sie. Aber es gab auch Lichtblicke: die sonntäglichen deutschen Gottesdienste mit ihren Liedern.

In ihrer großen Wohnung in Schönberg hat sie heute 700 Bücher stehen, die meisten in deutscher Sprache. „Die Sprache ist meine Heimat, und die Familie. Ich habe ja sonst keine. Im Lager habe ich keine Heimat kennenlernen können“, sagt sie.

„Ich hoffe sehr, dass sich so eine Zeit voller Entbehrungen und Sorge ums Überleben nicht wiederholen wird. Sei es ein Trost allen, die Ähnliches erdulden mussten und mit etwas Glück auch überstanden haben. Wir dürfen aber auch jene nicht vergessen, die nicht überlebt haben und von der Freiheit nur träumen konnten. Das ist unsere moralische Verpflichtung.“

Ingeborg Cäsar in ihrer Wohnung in Mährisch Schönberg (Šumperk) / Foto: Peggy Lohse


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