Wer ist die deutsche Minderheit in Tschechien und wo trifft sie sich? Diesmal stellen wir Ihnen das Begegnungszentrum in Jägerndorf (Krnov) vor.

Jägerndorf ist die größte Stadt des Landkreises Freudenthal (Bruntal) in Mährisch-Schlesien und liegt am Zusammenfluss von Oppa (Opava) und Goldoppa (Opavice) nahe der polnischen Grenze. Die Stadt, die erstmals 1240 urkundlich erwähnt wurde, hat heute etwa 23.500 Einwohner.

Die Feier des 120. Jahrestages der Gründung der Oberrealschule führte 1995 zur ersten offiziellen Begegnung von Vertretern des Heimatkreises mit der damaligen Stadtverwaltung Krnov unter Bürgermeister Ing. B. Marek. Nach vielfältigen historischen, kulturellen und politischen Beiträgen von beiden Seiten ergab sich schließlich der von tschechischer Seite ausgesprochene Gedanke, ein Haus für die Belange der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit an zentraler Stelle zu errichten. Durch die Überschwemmungen 1997 war ein Haus am Hauptplatz besonders stark beschädigt worden, für das die Stadt eine neue Verwendung suchte. Zusammen mit dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der Stadt, dem Denkmalschutz und dem Heimatkreis gelang es dem Verband, 2001 das Haus wiederaufzubauen und als modernes Begegnungszentrum einzurichten. Das Begegnungszentrum, das „Haus der tschechisch-deutschen Verständigung - Haus Europa“, befindet sich direkt am restaurierten Hauptplatz der Stadt.

Deutsch-Tschechische Woche seit 1995

Spender, die zum Aufbau des Zentrums beigetragen haben, sind auf einer Ehrentafel verewigt, die im Treppenhaus aushängt und schon mehrfach erweitert werden konnte. Im ersten Stockwerk des barrierefreien Gebäudes befinden sich eine Bibliothek, ein Gemeinschaftssaal und die Büros des Verbandes. Das Begegnungszentrum wird vom Schlesisch-Deutschen Verband Jägerndorf betrieben, der 1990 unter dem Troppauer Gesamtverband gegründet wurde und seit dem Jahr 2000 selbstständig ist. Geleitet wird das BGZ von Horst Westphal (geb. 1940): „Durch die Entwicklung des Krieges bin ich nach Jägerndorf gekommen, wo ich seit 1967 wohne. Einmal wöchentlich haben wir uns mit einigen Deutschen getroffen. Später haben sich erste Verbände und Begegnungszentren gegründet. 1996 habe ich den Verband hier übernommen“, erzählt er. 2002 übernahm er dann auch die Leitung des BGZ.

Horst Westphal. Foto: Manuel Rommel

Horst Westphal. Foto: Manuel Rommel

Zu den wichtigsten Veranstaltungen des BGZ im Laufe des Jahres gehört bereits seit 1995 die „Deutsch-Tschechische Woche“, zu der jedes Jahr viele Besucher aus Deutschland und Polen kommen. Bei der Organisation und Durchführung arbeitet der Verband eng mit dem Jägerndorfer Rathaus zusammen. Besonders ansprechen möchte das BGZ auch die tschechische Mehrheitsbevölkerung: „Anfangs wurde es nur als ‚Deutsche Woche‘ betitelt. Da sich aber einige Tschechen davon nicht angesprochen fühlten, wurde die Veranstaltung umbenannt. Jetzt nehmen auch sie an den verschiedenen Veranstaltungen teil. Die örtlichen Schulen bringen sich in die Gestaltung ein, indem sie ein Thema bekommen, das sie bearbeiten und präsentieren“, erklärt Horst Westphal.

Schmuckstück Bibliothek

Aber auch im Rest des Jahres ist das Programm im Haus der tschechisch-deutschen Verständigung stets gut gefüllt. Deutsche Sprachkurse für Anfänger, Fortgeschrittene und Kindergruppen werden hier ebenso veranstaltet wie monatliche Treffen der derzeit etwa 70 Mitglieder. Dazu kommen Vorträge in deutscher Sprache, die Themenbereiche von Kosmetik bis Medizin umfassen. „Die jungen Leute kommen gerne her, um mit uns zu sprechen“, sagt Horst Westphal.

Viele Jahre hat sich auch Rudolf Klein (geb. 1936) am BGZ engagiert. „Vor ungefähr 15 Jahren meinten Leute zu mir: ‚Rudi, komm doch zu uns in den Verein. Wir brauchen jemanden, der Deutsch und Tschechisch spricht.‘ Ich war noch ziemlich rüstig und habe mir in zwei Hotels an der Rezeption etwas dazuverdient. Zu der Zeit kamen noch viele deutsche Touristen mit dem Bus nach Jägerndorf. Da ich ja Deutsch spreche, konnte ich ihnen mit der Sprache helfen. Aufgehört habe ich damit erst, als ich weit über 70 war“, erinnert sich der ehemalige Kraftfahrer.

Rudolf Klein. Foto: Manuel Rommel

Rudolf Klein. Foto: Manuel Rommel

Besonderes Schmuckstück des Hauses ist die umfangreiche Bibliothek mit 3.000 Büchern, die auch Studenten aus dem nahen Troppau (Opava) zum Quellenstudium anzieht, das durch Zeitzeugen des Verbandes gern ergänzt wird. Auch Belletristik und Zeitschriften liegen zur Ausleihe bereit.


CoverNeugierig geworden? Mehr über das BGZ und die deutsche Minderheit in Jägerndorf erfahren Sie in der Broschüre „Begegnungen. Die deutsche Minderheit in Tschechien“, erhältlich in den BGZ oder auf Anfrage als elektronische Ausgabe unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!