Nachdem unsere Sagenserie aus dem Kuhländchen mit der Dezember-Ausgabe abgeschlossen wurde, werfen wir 2021 einen Blick nach Böhmen, genauer gesagt, in den Böhmerwald.

Der Böhmerwald ist ein wunderschönes Land. Wanderer finden hier eine unberührte Natur wie fast nirgendwo sonst in Europa. Einsame Wälder, verwunschene Seen, malerische Felsformationen und geheimnisvolle Moore, Sümpfe, Wildbäche und Wasserfälle, steile Berghänge und Hochebenen sind in ihrer Fülle und Vielfalt nahezu einzigartig. Dieser archaische Landstrich galt lange als undurchdringlich und geheimnisvoll. Der Böhmerwald birgt aber noch einen anderen unendlichen Reichtum: uralte Bräuche, Legenden, Märchen und Sagen.

Heute haben wir keine Spinnstuben wie früher mehr, trotzdem können wir unser Kulturerbe an die Nachkommen weitergeben damit es lebendig bleibt. Dazu können uns die „Böhmerwäldler Sagen“ von Hans Watzlik (1879-1948), die 1952 in Waldkirchen gedruckt wurden, behilflich sein.

Hans Watzlik (1879-1948) trug die „Böhmerwäldler Sagen“ zusammen. Foto: Creative Commons/ gemeinfrei

Hans Watzlik (1879-1948) trug die „Böhmerwäldler Sagen“ zusammen. Foto: Creative Commons/ gemeinfrei

Rauhnächte

Ein Schuster in Friedberg hatte gar ein winziges Anwesen, der Pfannenstiel stand ihm zum Haus hinaus, wenn er kochte. Er wäre gern reich geworden, drum arbeitete er auch, wann es nicht sein durfte. So knotzte er auch einmal spät in der Rauhnacht bei der Ölfunzel und nagelte und flickte und scherte sich den Kuckuck um die späte Stunde und um die verschriene Zeit. Auf einmal wird es draußen auf der Gasse unruhig, der Fensterladen springt auf und aus dem Finstern hält einer einen Rossfuß herein und murrt: „Gelt, Meister, mir flickst du auch den Schuh?“ Da überkam den Schuster ein Schauder, er ließ Schuh und Nadel fallen, kroch ins Bett und zog die Tuchent übers Ohr.

Die wilde Jagd

In einem dicken Wald zwischen Seewiesen (Javorná) und Kochet (Kochánov) hauste ein altes wunderliches Weib ganz einschichtig und niemand war bei ihr als ein kleiner Hund, und der war ihr recht lieb und vertraut. Einmal brauste in der Rauhnacht vor Dreikönig die wilde Jagd über den Wald und da gäffte und galmte und juchzte es, als ob die Hölle ledig wäre, und der Hund in der Stube witterte die Geister und fing an zu zittern und zu winseln und drückte sich zaghaft an den Kittel des Weibes. Da musste sie über das furchtsame Wesen lachen und es fiel ihr ein Unsinn ein. Sie schob das Spinnrad weg, tat die Tür auf und rief: „Husch auch du dazu, mein Pinscherl!“ Jetzt heulte der Hund verzweifelt auf, sprang in die Finsternis hinein und verscholl in dem Getöse. In der Frühe lockte das Weib ihr Hündlein mit den liebsten Namen, aber es kam nimmer, es lag tot auf dem Dach.

Die wilde Jagd am Kubany (Boubín)

Vom wilden Jäger hat sicher jeder schon einmal etwas gehört. Wenn in stürmischen Nächten die Dachschindeln klappern und der Wind heult, wenn die Tiere unruhig werden und die Menschen sich schlapp fühlen und von düsteren Vorahnungen gepeinigt werden, dann ist der wilde Jäger am Werk. Er fährt mit dem endlosen Heer der Toten, die keine Ruhe in ihrem Grabe finden können und im dunklen Herbst und Winternächten „umgehen“, durch die Lüfte.

Es ist verständlich, dass er sich für seinen schaurigen Ritt am liebsten Gegenden aussucht, die unzugänglich und unwirtlich sind und in ihrer Einsamkeit dem nächtlichen Toben keinerlei Grenzen setzen. So war der Böhmerwald, vor allem die abgelegene und einer Wildnis gleichende Gegend um den Kubany, der Tummelplatz der wilden Jagd.

Es gab auch einmal einen Bauern, der am Fuße des Kubany sein Häuschen hatte. In einer Sturmnacht zitterte das Haus in allen Fugen, ein Heulen und Johlen erfüllte die Lüfte, aus dem der Bauer Pferdegetrappel, Gewieher und wilde, unheimliche Kommandorufe zu vernehmen glaubte. Sein Hündchen hatte sich schlotternd in eine Ecke verkrochen. In einer Mischung aus Übermut und Neugier rief der Mann seinem Hunde zu: „He husch, mein Hunderl, auch mit!“ Der Hund stieß einen schrecklichen Klageschrei aus und raste durch die Tür. Kurz darauf polterte ein Totenfuß in die dunkle Stube. Als der Bauer am nächsten Morgen ängstlich und mit einem schlechten Gewissen nach seinem treuen Vierbeiner rief, war der Hund nicht aufzufinden. Später fand man ihm tot auf dem Dachfirst des Hauses. Der Bauer hatte erkennen müssen, dass es nicht ratsam war, dem wilden Jäger ins Handwerk zu pfuschen. Wer sich still und respektvoll verhielt und fromm ein Kreuz schlug, wenn die wilde Jagd vorüberbrauste, der blieb heil an Leib und Leben und wurde vom Zorn des Geisterheeres verschont.