Von Prag bis nach Troppau in Schlesien sind es etwa 370 Kilometer. Diesen weiten Weg nahm Helena Válková in ihrer Funktion als Beauftragte der Regierung für Menschenrechte auf sich, um dort mit der deutschen Minderheit zu sprechen.

Am Wochenende vom 24. bis 26. Juli veranstaltete die Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik ein „Seminar für Führungskräfte der deutschen Minderheit“ im schlesischen Troppau (Opava). Im Rahmen eines Besuchs der Justizministerin a.D. und derzeitigen Beauftragten der tschechischen Regierung für Menschenrechte, Helena Válková (ANO), erhielt die deutsche Minderheit die Gelegenheit, mit einer direkten Vertreterin der tschechischen Regierung über ihre Anliegen zu sprechen.

Dass hochrangige Politiker Tschechiens der deutschen Minderheit ihr Ohr und mehrere Stunden ihrer Zeit schenken, kommt nicht oft vor und ist lange keine Selbstverständlichkeit. Martin Dzingel, Präsident der Landesversammlung, und Richard Neugebauer, stellvertretender Vorsitzender des schlesisch-deutschen Vereins in Troppau, dankten Frau Válková für ihren Besuch und die Möglichkeit des Dialogs. Der Umstand, dass Frau Válková selbst einen mehrnationalen Familienhintergrund hat und ausgezeichnet Deutsch spricht, trug dazu bei, sich auf Augenhöhe und in einer vertrauensvollen Atmosphäre unterhalten zu können.

Deutsch als Minderheitensprache

„Die deutsche Minderheit ist mir im Herzen nah.“ Mit diesem Satz zeigte Frau Válková gleich zu Beginn des etwa anderthalbstündigen Gesprächs ihre Bereitschaft und den Willen, sich entschlossen für die Belange der deutschen Minderheit einzusetzen. Da die deutsche aber nur eine von insgesamt 14 nationalen Minderheiten in der Tschechischen Republik ist, die alle ihre eigenen besonderen Bedürfnisse haben, sei dies nicht einfach, so Válková. Schließlich dürfe keine der Minderheiten über die anderen gestellt werden. Was die deutsche Minderheit in Tschechien angeht, die eher eine der kleineren Minderheiten darstellt, zeigte sie sich aber optimistisch, ihre Belange gut gegenüber der Regierung vertreten zu können. Premierminister Andrej Babiš (ANO) habe ihr die volle Unterstützung zugesagt, um das tun zu können, „was für die Zukunft beider Nationen wichtig ist“, wie sie ihn zitierte. Insgesamt sei noch etwas mehr als ein Jahr Zeit – nämlich bis zu den nächsten Parlamentswahlen im Oktober 2021 – um wichtige Schritte „in die richtige Richtung“ zu unternehmen.

Einer dieser Schritte ist das Vorhaben, den Schutz der deutschen Sprache in Tschechien im Rahmen der Europäischen Charta für Minderheiten- und Regionalsprachen des Europarats von Stufe II auf Stufe III zu erhöhen. Damit würde die deutsche Sprache in den Schulen Tschechiens nicht mehr nur als Fremdsprache, sondern als eine Minderheitensprache gelehrt. Als Konsequenz wäre der tschechische Staat verpflichtet, das Angebot zum Erlernen der deutschen Sprache massiv auszuweiten und in den Regionen, in denen die deutsche Minderheit lebt, auch in Grundschulen anzubieten. Bereits im letzten Jahr reichte die Landesversammlung einen dementsprechenden Antrag bei Premierminister Babiš ein, der dem Vorhaben erstmal positiv geneigt war. Seither befasst sich eine Expertenkommission mit dem Anliegen. „Der Weg ist nicht einfach und auch nicht ungefährlich, aber man sollte es versuchen“, sagte Válková dazu. Bislang genießen nur die polnische sowie slowakische Sprache diesen besonderen Schutz.

Deutsch-tschechische Grundschulen in Eger und Gablonz

Wie wichtig ein Erfolg des Vorhabens wäre, zeigten auch die Berichte der Vereine aus den einzelnen Regionen. Renata Smutná aus Trautenau (Trutnov), stellte dar, dass im dortigen Begegnungszentrum zwar Deutschkurse für Kinder im Vorschulalter angeboten werden, ein weiterführendes Angebot in den Grundschulen bestehe allerdings nicht. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass namhafte deutsche Unternehmen in der Region ansässig sind, sei das eine nicht nachvollziehbare Situation, so Smutná. Frau Válková stimmte zu und verwies auf die beiden bestehenden Leuchtturmprojekte in Eger (Cheb) und Gablonz (Jablonec nad Nisou), die die Landesversammlung mit ihrer Unterstützung angestoßen hat. In den beiden Orten soll ab dem Schuljahr 2021 jeweils eine deutsch-tschechische Grundschulklasse entstehen, die ein lückenloses Lernen der deutschen Sprache von der Grundschule bis zum Abitur ermöglichen wird. Dabei sei es laut Válková aber wichtig, dass die angrenzenden deutschen Bundesländer Sachsen und Bayern ihrerseits die Voraussetzungen erfüllen und genügend Deutsch-Lehrkräfte zur Verfügung stellen, was ihr Vertreter der beiden Landesregierungen aber zugesichert hätten.

Am Ende des Gesprächs appellierte Frau Válková an die anwesenden Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Minderheit, in ihren Verbänden und Vereinen auf die geplante Volkszählung im nächsten Jahr hinzuweisen. Davon, wie viele Menschen in der Tschechischen Republik sich dabei zur deutschen Volkszugehörigkeit bekennen, hängt letztlich auch deren Zukunft ab. Nach dem Gespräch ging es für Frau Válková mit einer Delegation der deutschen Minderheit weiter nach Hultschin (Hlučin) – ähnlich wie in Eger und Gablonz könnte auch dort eine deutsch-tschechische Grundschule entstehen. Das Vorhaben befindet sich jedoch noch in der Prüfungsphase.