In der germanischen Götterwelt erscheinen Tiere oft als Begleiter der Götter. In leisem Anklingen an den alten Glauben hat sich im Laufe der Jahrhunderte einerseits der Tieraberglaube, anderseits die Tiersage entwickelt. Im Kuhländchen erzählt man von den Ottern, die als gute Geister das Haus bewachen, schädliche Einflüsse von ihm fernhalten und vor einem nahenden Unglück warnen.

Die Hausotter

Jedes Haus hat nach dem Glauben des Volkes eine Hausotter. Sie wird als guter Geist angesehen, bewacht das Haus, bringt Glück, vertreibt Krankheiten und hält alle schädlichen Einflüsse fern. Dafür darf man sie aber nicht beunruhigen, wenn sie sich einmal sehen lässt. Im Gegenteil: Man soll ihr von Zeit zu Zeit frisch gemolkene Milch an einen ruhigen Ort in der Nähe des Hauses hinstellen. Sie hat ihren Wohnsitz unter der „Gredel“, dem freien, etwas erhöhten Platz zwischen dem Gebäude und der Traufrinne. Aus diesem Versteck kommt sie nur sehr selten hervor und geschieht dies, dann nur, weil sie vor einem nahen Unglück warnt. Pfeift sie bei ihrem Erscheinen, so stirbt in naher Zukunft der Hausvater. In einem Hause sah man bisweilen das kleinste Kind seinen Teller voll Milch mit einer schönen, weißen Hausotter teilen. Sie ließ sich geduldig von dem Kind mit dem Löffel auf Kopf und Rücken schlagen und verkroch sich, wenn die Milch leer getrunken war.

Aber vorsichtig muss man vor dem Otternkönig sein…

Unter den Ottern gibt es eine, welche dreimal so stark ist als die anderen. Diese trägt einmal im Jahr zu einer gewissen Zeit eine goldene Krone auf dem Haupte. Man nennt sie den Otternkönig. Einst ging eine Magd auf eine Wiese und sah die Krone am Rande des Bachs liegen, in welchem der Otternkönig badete. Sogleich schlich sie in die Nähe, nahm die Krone in die Schürze und lief damit fort. Nach kurzer Zeit hörte sie hinter sich in den Bäumen ein Prasseln und Krachen. Sie erriet sogleich, dass es vom Otternkönig herführte, der sie verfolgte, und flüchtete auf einen hohen Baum. Der Otternkönig schlug nun unten mit seinem Schweif die meisten Äste vom Baum ab, konnte aber die Magd nicht erreichen und zerbarst vor Wut darüber. Ein andermal hatte ein Reiter das Glück, eine solche Krone zu erhaschen: Alleine, trotzdem er ungemein schnell ritt, konnte er sich nur durch das Wegwerfen seines Mantels retten. Der Otternkönig verwickelte sich darin und zerriss ihn. Unterdes gewann der Ritter Zeit zu entkommen.

Der Otternkönig von Wagstadt (Bílovec)

Auch im Kesselgrunde bei Wagstadt (Bílovec) hauste vor langer Zeit ein Otternkönig. Bei hellem Sonnenschein kam er aus seiner Höhle, die unter einem Steinhaufen lag, hervorgeschlängelt, begab sich auf eine saftige Kesselgrundwiese, legte dort auf der schönsten Stelle sein blitzendes Goldkrönlein nieder und sonnte sich. Ein Schneider aus Wagstadt hatte ihn schon oft beobachtet und wollte seine wundervolle Goldkrone stehlen.

An einem schwülen Sommertag führte er sein Vorhaben aus. Auf der Wiese, und zwar dort, wo der Schlangenkönig sonst sein Krönlein hinzulegen pflegte, breitete er ein blendend weißes Taschentüchlein aus, versteckte sich und wartete. Und richtig, da kam auch schon der Otternkönig. Erhobenen Hauptes lugte er vorsichtig nach allen Seiten aus, legte dann seine feine Krone auf das Tüchlein, das ihm wohl zu gefallen schien, ringelte sich hierauf zusammen, sonnte sich und schlief endlich ein. Darauf hatte der Schneider gewartet. Rasch raffte er das Tüchlein mit dem kostbaren Schmuckstück zusammen und lief, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, das Tal hinab.

Über die Eile vergaß er die Vorsicht und trampelte so, dass der Otternkönig aufwachte. Schnell wollte dieser sein Krönlein aufsetzen und forteilen, da bemerkte er den Verlust seines unersetzlichen Kleinods. Zornerfüllt zischte er schrill auf, sodass es ringsum lebendig ward von Schlangen. Dann machte er ein Rad, indem er mit den Zähnen den Schwanz fasste, rollte den Hang hinab und alle anderen Otter hinter ihm drein. Schon waren sie dem Schneider nahe, da ließ dieser aus Todesangst die Krone fallen und rettete so sein Leben.

Zu Hause angekommen erholte er sich von seinem Schrecken und ärgerte sich nun sehr, dass ihm der Diebstahl nicht gelungen war. Am nächsten Tag ging er neuerlich in den Kesselgrund, um an den Schlangen Rache zu nehmen. Er kroch auf einen Baum, auf dem er sich sicher wähnte, und ahmte das Zischen des Otternkönigs nach. Da kam dieser wütend daher und von allen Seiten schlängelten sich die erbosten Nattern herzu. Sie machten eine lange Kette, wanden sich um den Baum und quetschten ihn zusammen, bis er umfiel. Dann schlang sich der Otternkönig um den Hals des Schneiders, auf dass er nicht schreien konnte, und die Ottern fielen über ihn her und bissen ihn tot. Seitdem hat niemand mehr den Otternkönig gesehen.

Es gab aber auch eine Otternkönigin

Die Otternkönigin zeichnet sich vor den übrigen Ottern dadurch aus, dass sie eine goldene Krone auf dem Kopfe trägt. Sie ist selten allein zu sehen, sondern immer von mehreren Ottern umgeben, unter denen sie auch durch ihre beträchtliche Größe auffällt. Man kann versuchen, die Krone der Otternkönigin zu stehlen: Aber selten wagt jemand den Versuch, denn er ist gefährlich. Man nimmt ein blaues Tüchlein und versucht unbemerkt an den Ort zu kommen, wo die Otternkönigin sich aufzuhalten pflegt. Dort breitet man es aus und versteckt sich in der Nähe. Erscheint die Otternkönigin auf ihrem gewohnten Plätzchen, so legt sie die Krone auf das Tüchlein nieder. Nun gilt es sich wegzuschleichen und mit der Krone im Tüchlein so rasch wie möglich zu entkommen. Gelingt das und gelangt man früher über das nächste Gewässer als die Otter, so bleibt man im Besitze der kostbaren Krone. Misslingt aber der Versuch, so wird man von der Otter gebissen und der Tod ist unvermeidlich.