Weit über das Schönghengster Land hinaus bekannt ist die Legende der Annenruh. Diese Sage aus Mährisch Trübau vereint Liebe und Leid, die oft nah beieinander liegen.

Eines Tages sah aus einem Hause in Charlottendorf (Karlín) ein junges schönes Mädchen mit großer Ungeduld zum Fenster hinaus. Es war die achtzehnjährige Förstertochter Anna Gläser, die nach ihrem Liebsten Joseph Herkner, Sohn des Bürgermeisters von Mährisch Trübau (Moravská Třebová), Ausschau hielt. Hatte er ihr doch versprochen, vormittags bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten. Es dauerte nicht lange und der junge Mann kam die Straße entlang. Er gestand dem Förster, dass er dessen Tochter Anna beim Scheibenschießen in Trübau kennen gelernt und sich in sie verliebt hatte. Er gehöre, so betonte er es, zu den wohlhabendsten Bewohnern der Stadt Trübau, betrieb einen Eisenhandel, der einen stattlichen Gewinn abwerfe.

Der Förster war aber während dieser Rede immer unruhiger und verlegener geworden. Dann sagte er: „Eben euer Reichtum ist es, der mich zögern lässt, dass ihr euer Vermögen nicht auf natürliche Weiße erworben habt...“ Zudem kam, dass der Sohn des Erbpächters zu Ranigsdorf (Linhartice/Gromes) „bereits bei mir um Annas Hand angehalten hat und ich keinen Grund habe, sie ihm zu verweigern“. In großer Niedergeschlagenheit trat der junge Herkner den Heimweg an. Anna hatte dem Gespräch ihres Liebsten mit ihrem Vater zugehört und war vorausgeeilt, um für immer Abschied von ihm zu nehmen. Mit tiefster Erschütterung umarmten sich die beiden und wurden sich bewusst, dass es eine Trennung auf immer sein werde. „Ich werde dies nicht lange überleben“, sagte Anna. „Ich kann nur glücklich werden mit dir, es ist jedoch meine Pflicht dem Willen meines Vaters zu gehorchen. Vergiss mich und suche dir ein anderes Mädchen!“

Einige Monate vergingen seit diesem schmerzvollen Abschiede, das Haus in Ranigsdorf war neu hergerichtet und alles war zur Vermählung vorbereitet. Alle priesen Anna glücklich, die Gattin des reichen Erbpächters werden zu können und jedermann wunderte sich, als man Anna am Hochzeitstage, den 10. Februar 1824, in niedergeschlagener Stimmung an der Seite ihres Bräutigams zur Kirche gehen sah. Als das junge Ehepaar sein Haus in Ranigsdorf bezogen hatte, ereignete sich in ihrer unmittelbaren Nähe etwas, was die Aufmerksamkeit des ganzen Ortes erregte: Tagelöhner und Erdarbeiter gruben am Kreuzberg, schaufelten, Gräben wurden gezogen, Felsblöcke gesprengt, Mauern aufgeführt. Nach Monaten war die öde Felsgegend wie verwandelt. Eine starke Mauer zog sich an der ganzen Berglehne hin und trennte diese neue Anlage von allem, was sich außerhalb befand. Nur der konnte zu ihr zu gelangen, dem der Besitzer über die Zugbrücke den Zugang gestattete. Auf dem Kamm des Hügels erhob sich ein Wohnhaus, an welches sich eine reizende Gartenanlage anschloss. Anna und ihr Mann wussten längst, dass der abgewiesene Bewerber derjenige war, der dieses Bauwerk aufführen ließ. Am Vorabend des 26. Juli veranstaltete er alljährlich ein Namensfest für Anna, indem er die ganze Anlage durch zahllose Laternchen in ein Lichtermeer verwandelte.

Anna begann zu kränkeln, wurde schwächer und schwächer und löschte schließlich wie ein Lichtlein aus. Am 22. Januar 1825 starb Anna und wurde am Kreuzberg in das Familiengrab der Gromes beigesetzt. In der folgenden Nacht grub der abgewiesene Liebhaber gemeinsam mit seinem treuen, verschwiegenen Diener Annas Grab auf. Sie nahmen Annas Leiche aus dem Grabe, wickelten sie in den Mantel des Dieners und legten sie auf den Rasen. Der Grabdeckel wurde rasch wieder geschlossen, das Grab verschüttet und bald war das Grab in den alten Zustand versetzt. Dann schwangen sich die beiden Männer über die Friedhofsmauer, die teure Last auf den Schultern.

Einige Wochen später saß der alte Klausner aus der Kreuzberger Friedhofssiedelei mit einigen Gefährten im Wirtshaus und ließ sich das Bier schmecken. Als ihm der reichliche Biergenuss zu Kopfe gestiegen war, konnte er es nicht mehr länger über sich bringen, ein besonderes Ereignis zu verschweigen, welches ihn mit banger Unruhe erfüllte: In der Nacht nach dem Begräbnis der Erbpächterin habe er ein seltsames Geräusch gehört, und er sah dann zwei Männer, die etwas vom Boden aufhoben und zwischen den Bäumen verschwanden. Am Morgen hat er dann festgestellt, dass das Annengrab offen sein musste. Seine Zechbrüder meinten, er werde wohl geträumt haben, oder er sei im Dusel gewesen. Es wurde noch lange über die Sache gesprochen. Monate vergingen, ohne dass sich die Aufregung legen wollte. Da erstrahlte am Vorabend des Annatages der Berg in tausend Lichtern. Zahllose Fackeln flankierten, am Pfortertor beginnend, den Weg. Aus Lichtern waren am Berge die Worte zu lesen: „Dir dort“ und etwas höher: „Es heiße Annenruhe“. Der Herkner feierte so den Geburtstag der toten Geliebten.Das Grab der Anna Gromes auf dem Friedhof von Mährisch Trübau - Foto: Martin Višňa/www.moravskyturista.cz

Das Gerücht verbreitete sich in der Stadt und kam auch Annas Vater zu Ohren, der das Grab in Anwesenheit von Gerichtspersonen öffnen ließ. Erwartungsvoll umstanden viele Zeugen den Grabhügel, der Sarg lag an seiner Stelle. Nun wurde aber auf Verlangen der Sargdeckel geöffnet und der Sarg war leer. Der Förster verlangte sofort vom Oberhaupt der Stadt eine strenge Untersuchung und Bestrafung des Täters. Man beschloss, den abgewiesenen Liebhaber, in seiner Klause zu überraschen und alles zu durchsuchen. Annas Leiche wurde aber nicht gefunden, denn an der Stelle, an welche er die teuren Überreste versenkt hatte, zog er sogleich ein Blumenbeet, zu welchem er die kostbaren Gewächse des Gartens verwendete und an beiden Seiten junge Blütenbäume pflanzte.

Keinen Lampen- oder Fackelschimmer erblickte man mehr am Rücken des Berges, nur ein schwacher Lichtschein aus der Klause des Asketen bezeichnete zuweilen nachts die Stelle, die bis heute nun noch die Annenruhe genannt wird. Das Leben ging weiter, 1830 starb Herkners Vater. Herkner übernahm sein Geschäft, heiratete eine Gewitscherin (Jevíčko) und schied nach siebenjähriger, kinderloser Ehe freiwillig aus dem Leben. Zwei Jahre später gab der Berg sein Geheimnis frei. Am 20. Juni 1834 stieß man bei Aufräumungsarbeiten im Steinbruch in einer mit losem Sand erfüllten Mulde auf ein weibliches Skelett, das, wie mikroskopische Untersuchungen zeigten, bei der Bestattung in ein Kleid aus schwarzer Seide gehüllt und auf Rosen und anderen Blumen gebettet war. Der Fundort lag in der Mitte der Parzellen, auf denen Herkner einst den Garten angelegt hatte.

Seither ruht Anna Gromes wieder im Familiengrabe auf dem Friedhof. Eine Marmortafel trägt die folgende, von Fachlehrer Hugo Kerschner verfasste Inschrift:

Hier ruht

Anna Gromes

geb. Gläser

beerdigt am 25. Januar 1825

wieder bestattet am 29. Juni 1834

Wohl übers Grab mag Liebe dauern,

doch Friede sei in Kirchhofmauern.


Diese Geschichte wurde bald über die Grenzen der Heimat bekannt. Dreimal, 1863,1868 und 1883 wurde sie dramatisiert – das letzte Mal von dem Schauspieler Josef Wilhardt und von vielen Schauspielgruppen im Schönhengstgau, aber auch in anderen Bezirken aufgeführt. 1851 behandelte auch der österreichische Dichter Johann Nepomuk Vogel im österreichischen Volkskalender „Die Annenruhe bei Mährisch Trübau“. Annenruhe wurde als Theaterstück sehr berühmt. Durch die vertriebenen Deutschen wurde das Spiel auch in Deutschland bekannt. Heute noch werden aus den 514 aufbewahrten Liebesbriefen Theatervorführungen organisiert.