Vor 100 Jahren schlossen sich die sudetendeutschen Sozialdemokraten in Teplitz-Turn zur DSAP zusammen.

Es war ein Samstagabend. Der Theatersaal des Hotels Imperator in Turn (Trnovany) bei Teplitz-Schönau (Teplice) ist an jenem 30. August 1919 gut gefüllt. Auch auf den Emporen ist kaum noch ein freier Platz zu finden. Es soll ein historischer Abend werden. Delegierte der deutschen Sozialdemokraten in Böhmen, Mähren, Schlesien und der Slowakei waren zusammengekommen, um sich als neue Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) in der Tschechoslowakei zu konstituieren.

Dem Ereignis voran ging die kurze Episode Deutsch-Böhmens und das Einsehen der Sozialdemokraten, sich fortan als Partei in der Tschechoslowakei zu verstehen, nicht ohne weiter für das Selbstbestimmungsrecht zu kämpfen, wie Josef Seliger in seiner zweistündigen Eröffnungsrede versprach.

Dass der Gründungsparteitag ausgerechnet nahe der nordböhmischen Kurstadt stattfindet, ist nicht nur der kurzen Entfernung des Hotels zum hiesigen Bahnhof zu verdanken, sondern vor allem der Rolle Seligers in der Sozialdemokratie. Seit 1907 Abgeordneter des Reichsrats in Wien für den Wahlkreis Teplitz war er in der Selbstverwaltung von Deutsch-Böhmen der zweite Mann hinter Landeshauptmann Lodgman von Auen und zugleich Mitglied der Sudetendeutschen Delegation am Verhandlungsort in Saint-Germain-en-Laye, wo das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen dann doch keine Rolle spielte. Die herausragende Position Seligers führte dazu, dass sich das Parteisekretariat zunächst auch in Teplitz ansiedelte.

Was Seliger den Genossen in seiner Begrüßungsredemit auf den Weg gab, berichtete die „Arbeiterzeitung“ in Wien einen Tag später: „Die Tschechen verlangen ein papierenes Bekenntnis zum Staate. Das Bekenntnis der Deutschen müssen sie sich erst erringen und erst versuchen, dass alle Völker dieses Staates frei sind und frei leben nach gleichem Recht“, wird Seliger zitiert. Ferner hebt er die Einheit der Partei hervor, „die wir als Erbteil der alten Partei, als heiliges Vermächtnis von unserem Meister Viktor Adler übernommen haben, in dessen Geiste wir weiter arbeiten wollen.“ Zum Schluss appelliert Seliger an die tschechischen Genossen „den Kampf um die Freiheit aufzunehmen, damit die Deutschen gemeinsam mit den Tschechen den Kampf um das gemeinsame Ziel in einer Reihe führen können.“

Das unvermeidliche papierene Bekenntnis, die Gründung einer neuen Partei auf dem Boden der Tschechoslowakei, deren Staatsgrenzen mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Saint-Germain endgültig festgelegt wurden, greift auch der Abgesandte der „alten“ Partei aus Wien Friedrich Adler, der Sohn Viktor Adlers, in seiner Grußansprache auf. Adler resümiert: „Wenn sie sich an die Wahlen von 1911 erinnern, wo wir etwa eine halbe Million Stimmen hatten und auf die Czecho-Slowakei nahezu eine Viertelmillion entfallen ist, so sehen wir, dass die Partei eine uns tief schmerzende Einbuße erleidet durch das, was dieser Krieg geschaffen hat. Wir verlieren die Hälfte der Partei und ich darf wohl sagen, wir müssen uns trennen von der besseren Hälfte der Partei“, sagt Adler, und fährt fort: „Vor allem die Arbeiterschaft Nordböhmens war immer diejenige, die in sozialistischem Geiste gearbeitet hat wie keine andere Arbeiterschicht in ganz Österreich. Sie sind gezwungen in einem Staate zu leben, der in gewisser Beziehung der rechte Erbe des alten Österreich ist. Während wir Deutschösterreicher gezwungen werden sollen, die Erben der Staatsschulden des alten Habsburgerreiches zu werden, wird die Czecho-Slowakei gezwungen, der Erbe des Staatsgedankens der schwarz-gelben Monarchie zu werden,“ nämlich ein Vielvölkerstaat im Kleinen. Doch Friedrich Adler sieht nach vorn. „Wir wollen weiterarbeiten in dem alten Geiste in dem wir bisher gearbeitet haben. Kein Klagelied! Zu neuen Taten ruft ein neuer Tag!“

Ludwig Czech, der spätere Parteivorsitzende nach Josef Seligers frühem Tod im Oktober 1920 und langjährige Minister in verschiedenen tschechoslowakischen Kabinetten von 1929 bis 1938, in denen die sudetendeutsche Sozialdemokratie in der Ersten Republik mitregierte, übernimmt die Parteitagsleitung, spricht am Sonntag zur Konstituierung der Partei. Am Montag erörterte Karl Cermak, der gebürtige Wiener und Generalsekretär der Partei das neue Organisationsstatut, wobei Frauen und Männer in der Organisation zusammen seien, aber die Frauen eigene Sektionen bilden können. Und dass der Parteibeitrag auf eine Krone monatlich festgelegt wird. Eigentlich soll es am Abend des 1. September eine Festvorstellung für den Parteitag im Teplitzer Stadttheater geben, doch in der Nacht auf den 1. September brennt das Theater ab. Wie zehn Jahre später herauskommt, entzündeten die für die Feuerwache zuständigen Wächter mit ihren Petroleumlampen das Feuer selbst.

Zum Abschluss des Parteitages am Mittwoch werden einige künftige Weichenstellungen verabredet. Noch bleibt man mit der Zentrale in Teplitz, will aber an einen anderen Ort umziehen. Es wird Prag werden. Man will ein Zentralorgan gründen. Es wird 1921 der „Sozialdemokrat“ aus der Taufe gehoben werden. Man will auf dem Weg zu einer Volkspartei, über 40 Prozent der deutschen Stimmen werden in den ersten Parlamentswahlen 1920 der DSAP zuströmen, unter anderem eine Organisation der Häusler und Kleinbauern schaffen. Hier wird sich Wenzel Jaksch, der letzte der drei Vorsitzenden der DSAP, als junger Mann von Karl Cermak noch 1919 nach Teplitz geholt, als erstes bewähren.

Am 4. September, am Tag nach dem Abschluss des Gründungsparteitags der DSAP, bleiben die Frauen noch in Teplitz-Schönau. Es findet eine erste Frauenkonferenz statt.

Am 15./16. September feiert die Nachfolgerin der DSAP, die Seliger-Gemeinde, in Teplitz das 100-jährige Gründungsjubiläum der DSAP. Der Festakt findet am 16. September, 12 Uhr, statt.


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