Was verbindet den Schreckenstein bei Aussig mit den Bayreuther Festspielen? Mehr, als man zunächst vermuten würde. Autor Jürgen H. Jakob nimmt eine Wagner-Legende zum Anlass, über Erinnerungskultur, Sprache und den Umgang mit Geschichte nachzudenken.

Manche Orte bewahren Geschichte. Andere bewahren vor allem den Eindruck, sie inzwischen sorgfältig geglättet zu haben.

Seit mehr als zwei Jahren lebe ich in Ústí nad Labem, dem früheren Aussig an der Elbe. Über der Stadt erhebt sich auf einem mächtigen Felsen der Schreckenstein. Die Burgruine hat Kriege, Herrscher, Hochwasser und politische Systeme überdauert. Sie kennt die wechselvolle Geschichte Böhmens vermutlich besser als manches Archiv.

Ein Gespenst auf dem Schreckenstein

Im Sommer 1842 stieg Richard Wagner hinauf auf diesen Felsen. Der Komponist hielt sich damals im nahen Teplitz (Teplice) auf und suchte jene romantische Landschaft, die später in seinen Tannhäuser einfließen sollte. In Aussig erzählt man bis heute eine liebenswerte Geschichte: Wagner habe sich bei einem nächtlichen Spaziergang ein weißes Bettlaken umgehängt und sei im Mondschein zwischen den alten Mauern umhergewandelt. Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, wird sich kaum noch klären lassen. Doch die Geschichte besitzt ihren eigenen Charme. Wer später Opern komponierte, in denen Leidenschaft, Erlösung und Untergang über Stunden hinweg besungen werden, dem traut man durchaus zu, nachts als Gespenst durch eine Burgruine zu wandeln.

Damals nannte man das Romantik. Heute würde vermutlich zunächst die Polizei verständigt, anschließend eine Gefahrenanalyse erstellt und schließlich erklärt, zu keiner Zeit habe für die Bevölkerung eine konkrete Gefahr bestanden.

Wagner fand auf dem Schreckenstein jedenfalls Inspiration. Zwischen Felsen, Elbe und den Ruinen mittelalterlicher Mauern beschäftigten ihn jene großen Fragen, die seine Werke bis heute prägen: Schuld und Vergebung, Macht und Erlösung, Geschichte und Erinnerung.

Wagner und Antisemitismus

Diese Fragen beschäftigen auch Bayreuth noch immer. Nicht auf der Bühne, sondern daneben. Vor wenigen Tagen gerieten die Bayreuther Festspiele, die am vergangenen Freitag begannen und dieses Jahr ihr 150. Jubiläum feiern, selbst in die Schlagzeilen. Anlass war eine Veranstaltung am gestrigen Sonntag zum Thema Antisemitismus und zur Geschichte Richard Wagners, seiner Familie und der besonderen Rolle Bayreuths während der Zeit des Nationalsozialismus. Als Redner war der jüdische Publizist Michel Friedman eingeladen.

Zunächst wurde die Veranstaltung mit Verweis auf Sicherheitsbedenken abgesagt. Erst nach öffentlicher Kritik wurde die Entscheidung revidiert. Katharina Wagner entschuldigte sich, Michel Friedman nahm die Entschuldigung an, und beide traten anschließend gemeinsam vor die Öffentlichkeit.

Auseinandersetzung mit Geschichte keine „lästige Pflichtübung“

Damit war der Konflikt keineswegs bedeutungslos geworden. In einem Bericht war anschließend zu lesen, die „Wogen“ seien nun geglättet. Das ist eine bemerkenswerte Formulierung. Sie klingt freundlich und versöhnlich. Fast so, als habe lediglich ein kurzer Windstoß die ansonsten ruhige See bewegt. Geschichte erscheint plötzlich wie ein Wetterphänomen: etwas Bewegung, etwas Aufregung, danach wieder Sonnenschein. Doch Erinnerungskultur funktioniert nicht nach den Regeln der Meteorologie.

Eine Entschuldigung ist wichtig. Sie verdient Anerkennung. Sie kann Vertrauen zurückgewinnen. Sie verändert jedoch nicht das Geschehene. Gerade Bayreuth steht seit Jahrzehnten vor der Aufgabe, sich mit Richard Wagners Antisemitismus, mit der Rolle der Familie Wagner während des Nationalsozialismus und mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung ist keine lästige Pflichtübung. Sie gehört zum kulturellen Erbe dieses Ortes ebenso wie die Musik selbst.

Wogen der Geschichte lassen sich nicht glätten

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lehre. Geschichte verschwindet nicht, weil man sie sprachlich entschärft. Aus einer Fehlentscheidung wird durch höfliche Formulierungen keine Nebensächlichkeit. Erinnerung verlangt mehr als ein versöhnliches Schlussbild.

Wenn ich auf dem Schreckenstein stehe und über die Elbe blicke, wirkt diese Erkenntnis beinahe selbstverständlich. Die alten Mauern erzählen keine makellosen Geschichten. Sie zeigen Brüche, Narben und Verluste. Gerade deshalb wirken sie glaubwürdig.

Vielleicht musste Richard Wagner tatsächlich einmal im weißen Bettlaken durch diese Ruine wandern, um sich seiner eigenen Vergangenheit und seiner Fantasie gleichermaßen zu stellen. Ob das stimmt, ist letztlich nebensächlich. Wichtiger ist etwas anderes. Geschichte lebt nicht davon, dass wir ihre Wogen glätten. Sie lebt davon, dass wir bereit sind, genau hinzusehen – auch dort, wo das Bild Falten zeigt.

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