Mehr als 80 Jahre nach ihrer Geburt kehrte Helga Hopmann im vergangenen August in ihre Heimatstadt Aussig zurück. Zwei Tage später starb sie im selben Krankenhaus, in dem sie auch geboren wurde. Eine Geschichte über Herkunft, Abschied und Versöhnung.
Von der Terrasse des Schlosshotels Větruše öffnet sich ein Panoramablick auf die Stadt Aussig (Ústí nad Labem). Langsam lichtet sich der Nebel an diesem Mittwochvormittag Anfang März, und die Sonne kommt hervor. In der Ferne thront über der Elbe die Burg Schreckenstein (Střekov). An diesem Morgen ragt der Bergfried geheimnisvoll aus dem Nebel. „Dort sind wir noch hingefahren“, erzählt Klaus Hopmann (84). Die Burg gehörte zu den letzten Orten, die seine Frau Helga im vergangenen August noch gesehen hat – bei ihrer gemeinsamen Reise zurück in die Stadt, in der sie im März 1943 geboren wurde. Zwei Tage später war Helga tot.
Jetzt – im März 2026, am Tag vor Helgas Geburtstag – sitzen Klaus Hopmann und sein Sohn Tobias (52) wieder im Hotelrestaurant. Um draußen auf der Terrasse zu sitzen, wie bei ihrem letzten Besuch 2025, ist es an diesem Tag noch zu kalt. Vor ihnen auf dem Tisch liegt ein altes Fotoalbum. Die schon etwas angegilbten Bilder zeigen ein Mädchen, das kaum mehr als zwei Jahre hier lebte und doch ein Leben lang an diesen Ort gebunden blieb. „Sie wollte gerne nochmal dorthin, wo sie geboren wurde“, erzählt Sohn Tobias. Als sie und ihre Mutter im Frühjahr 1946 vertrieben wurden, war Helga gerade einmal drei Jahre alt.
Sehnsucht nach Aussig
Zu Helgas ersten Kindheitserinnerungen, von denen sie später erzählte, gehört eine Szene direkt nach der Vertreibung. Diese führte Helga und ihre Mutter zunächst nach Oberbayern. Als der Zug mit anderen Sudetendeutschen im Ort Lenggries ankam und sich die Waggontüren öffneten, erblickte die kleine Helga eine Wiese voller Margeriten im Sonnenschein. Sie sollten ihre Lieblingsblume werden. Trotz der schweren Zeit nach dem Krieg verbrachte Helga in Oberbayern eine glückliche Kindheit. Später zog die Familie ins Ruhrgebiet. Ihr Vater kehrte aus der Kriegsgefangenschaft zurück, doch die Ehe der Eltern zerbrach. Helga blieb bei ihrer Mutter, deren Erinnerungen an Aussig das Familienleben prägen.
Dort, in Oberhausen, lernte sie auch Klaus kennen. Beide besuchten dieselbe Schule, kannten sich zunächst nur vom Sehen. Ein gemeinsamer Tanzabend brachte sie schließlich zusammen. „Als ich sie abholte und sie in der Tür stehen sah mit ihrem blauen Kleid, da habe ich mich auf der Stelle in sie verliebt“, erinnert sich Klaus mit Tränen in den Augen. 1965 heirateten die beiden und bauten sich ein gemeinsames Leben in Nordrhein-Westfalen auf. Helga arbeitete zunächst als technische Zeichnerin, blieb später bei der Familie und kümmerte sich um den Haushalt sowie Sohn Tobias. Daneben widmete sie sich ihren kreativen Hobbys – von Seidenmalerei bis Glasfusing. Gemeinsam reiste das Paar viel durch Europa. Doch ein Ort blieb ausgespart: Aussig.
Vor allem die Erinnerungen und Erzählungen ihrer Mutter Anna weckten in Helga – besonders in ihren letzten Lebensjahren – eine Sehnsucht, ihren Geburtsort noch einmal zu besuchen und den Orten nachzuspüren, die ihre Mutter immer so lebendig beschrieb. „Ihre Mutter hat immer sehr positiv über ihre alte Heimat erzählt“, sagt Klaus. Von Ausflügen in die Umgebung, vom Pilzesammeln oder von der Kirschblüte im Frühjahr. Helgas Mutter selbst litt sehr unter dem Schmerz der Vertreibung und starb in den 1980er Jahren, ohne ihre Heimat noch einmal gesehen zu haben – sie wollte es nicht. Helga entschied sich für einen anderen Umgang mit ihrer Geschichte.

Noch einmal nach Aussig
Im August 2025 – kurz nach ihrem 60. Hochzeitstag, den sie noch mit Bekannten und Verwandten feierten – machten sich Klaus und Helga zusammen mit Sohn Tobias also von Hilden aus auf den Weg nach Aussig. Die Reise war lange geplant. Schon einmal, im Frühjahr 2020, waren sie hier gewesen – doch damals mussten sie wegen der Corona-Pandemie vorzeitig abreisen. Dieses Mal sollte es anders werden. Am 5. August erreichten sie das Hotel Větruše. Am Abend saßen sie noch zusammen, tranken ein Bier, gingen früh schlafen. Am nächsten Morgen fuhren sie zur Burg Schreckenstein. Helga, die wegen gesundheitlicher Probleme auf einen Rollstuhl angewiesen war und die Stufen zur Burg nicht erklimmen konnte, blieb mit Sicht auf die Burg im Auto und ruhte sich aus, während Klaus und Tobias auf Besichtigungstour gingen. „Danach waren wir noch etwas essen, sie hat noch gelacht und war in guter Stimmung“, erzählt Tobias.
Die dramatischen Stunden folgten einige Zeit später zurück im Hotel. Gegen Abend wollten sie gemeinsam essen gehen. Tobias hatte vorgeschlagen, seine Eltern gegen halb acht abzuholen. Als er das Zimmer betrat, merkte er sofort, dass etwas nicht stimmt. Helga klagte über Schmerzen, bekam keine Luft. Klaus versuchte zu helfen, brachte einen nassen Waschlappen, maß Fieber. „Man macht dann einfach irgendwas“, sagt er später. „Weil man nicht weiß, was man tun soll.“ Wenig später fragte Tobias, ob er einen Notarzt rufen soll. Helga bejahte. Es waren die letzten Worte, die sie sprach.
Dann ging alles schnell. Sanitäter trafen ein, immer mehr Helfer kamen hinzu. Schließlich wurde Helga auf einer Trage aus dem engen Hotelzimmer gebracht. Klaus und Tobias saßen im Flur und warteten. „Wir saßen da wie festgenagelt“, erinnert sich Klaus. Der Krankenwagen brachte Helga ins Masaryk-Krankenhaus in Aussig. Dass es sich um genau jenes Krankenhaus handelte, in dem Helga 1943 geboren wurde, realisierten Vater und Sohn erst später. Zwei Tage lang kämpften die Ärzte um ihr Leben. Doch ihr gesundheitlich bereits geschwächter Körper erholte sich nicht mehr von dem Zusammenbruch. Am 8. August 2025 starb Helga Hopmann im Alter von 82 Jahren – in der Stadt und in genau jenem Krankenhaus, wo ihr Leben begonnen hatte.

Für Tobias Hopmann, katholischer Priester in Euskirchen, hat diese Koinzidenz bis heute etwas Unfassbares. „Wenn das in einem Film wäre, würde man sagen, das ist zu konstruiert“, sagt er. Dass es Schicksal sei, wolle er nicht unbedingt behaupten. „Aber aus meiner Perspektive als Priester steckt da schon eine gewisse Fügung dahinter.“ Dass er selbst bei der Reise dabei war und seinen Vater nach Helgas Tod begleiten konnte, empfindet er im Nachhinein als tröstlich. Auch für Klaus haben die Ereignisse eine tiefere Bedeutung. „Für mich war das schon so eine Art Bestimmung“, sagt er.
Für beide ist es ein Trost, dass Helga nicht lange leiden musste und in Frieden gehen konnte. Ebenso, dass sie noch einmal die Orte gesehen hat, von denen sie ihr ganzes Leben lang gehört hat, und dass sie ihre letzten Wahrnehmungen in jenem Haus hatte, von dem ihre Mutter oft erzählte. Die Větruše – früher bekannt als Ferdinandshöhe – war auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein beliebtes Ausflugsziel. Deshalb wählten die Hopmanns das heutige Hotel auch als Ziel für ihre Reisen, sowohl 2020 als auch 2025.
Ein Abschied mit Versöhnung
Auch mit ihrer eigenen Geschichte hatte Helga ihren Frieden gefunden. Schon bei früheren Besuchen hatte Helga erlebt, wie offen und freundlich ihr die Menschen in Tschechien begegneten. „Wir wurden immer nett empfangen“, sagt Klaus. Auch bei der aktuellen Reise kommt es zu einer Begegnung, die ihnen in Erinnerung bleibt: Als sie im Ortsteil Wolfschlinge (Olšinky) das Haus aufsuchen, in dem Helgas Familie einst lebte, treffen sie auf die heutigen Bewohner. Die Verständigung gelingt nur mit Hilfe einer Übersetzungs-App – und doch entsteht ein kurzer, herzlicher Austausch. Man zeigt sich Fotos, tauscht Telefonnummern aus. „Das war einfach ein gutes Gefühl“, sagt Tobias.
Für Helga selbst war diese Entwicklung von großer Bedeutung. Die Erzählungen ihrer Mutter waren noch geprägt von den Erfahrungen von Flucht und Vertreibung – und von dem Schmerz, die Heimat verloren zu haben. Umso wichtiger war es für Helga zu sehen, dass sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. „Sie hat das sehr dankbar wahrgenommen“, sagt Tobias. Verfolgt haben sie diese Entwicklungen auch im LandesEcho, das sie seit vielen Jahren mit großem Interesse lesen.
Im Hotelrestaurant ist es inzwischen lauter geworden. Viele Gäste sind zum Mittagessen gekommen. Klaus und Tobias Hopmann sitzen noch immer am Tisch, das Fotoalbum liegt aufgeschlagen vor ihnen. Draußen hat sich der Nebel endgültig verzogen, die Sonne liegt über der Stadt. Auch die Burg Schreckenstein ist jetzt klar zu erkennen.
Vielleicht, sagt Klaus, werde er in diesem Jahr noch einmal zurückkehren. Im Mai findet im mährischen Brünn (Brno) und damit erstmals in der Tschechischen Republik der Sudetendeutsche Tag statt. Ob er hinfährt, weiß er noch nicht genau. „Ich muss schauen, wie ich das alles schaffe“, sagt er. Ein Umzug steht bevor, vieles ist noch ungeordnet.
Doch ganz ausschließen will er es nicht. Noch einmal nach Tschechien zu reisen, kann er sich vorstellen. Vielleicht führt ihn der Weg wieder hierher – in ein Land, das für seine Frau einst Heimat war und das für ihn heute nicht mehr fremd ist.
Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 4/2026
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