15 Jahre mit Unterbrechung war Danko Handrick verantwortlich für die Fernseh-Berichterstattung der ARD aus Tschechien und der Slowakei. Jetzt verlässt der MDR-Korrespondent für das Erste Prag. Im Interview mit dem LandesEcho und der Sächsischen Zeitung zieht er Bilanz.

LE: Wir kennen uns seit ewigen Zeiten, Danko, deshalb duzen wir uns. Das zum Verständnis für die Leser. Also, wie schwer fällt Dir der Abschied?

15 Jahre Korrespondent sind natürlich auch 15 Jahre meines Lebens. Man ist im Ausland, um Geschichten von Menschen dort zu erfahren. Authentische Geschichten über ein anderes Land kann man nicht aus einer Redaktion in Deutschland machen. Man muss vor Ort sein. Spannend war zudem die Bandbreite: Kurze Nachrichtenstücke für Tagesschau, Tagesthemen oder für MDR aktuell. Längere Beiträge für das ARD-Europamagazin. Oder ausführlichere Reportagen beispielsweise für ARTE. Bei all den wichtigen politischen Ereignissen, die es hier gab und die man nie vergisst – am Ende sind es die normalen Leute, die mir am meisten fehlen werden.

LE: Es gibt viel Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen, Stichwort „Lügenpresse“.

Also, diesen Begriff möchte ich erst einmal entschieden zurückweisen, denn er trifft einfach nicht zu. Natürlich müssen wir uns immer um Objektivität bemühen, das gehört zu den ganz normalen journalistischen Standards. Und ja, einzelne Fehler können passieren, und zwar überall. Auch im Journalismus. Dann muss man dazu stehen und das transparent machen. Der MDR hat zum Beispiel auf seiner Webseite mdr.de auch einen Bereich dafür.

LE: Ist die Arbeit in Zeiten massenhafter Fake-News schwerer geworden?

Sehr viel aufwändiger in jedem Fall. Mit künstlicher Intelligenz gefertigte Videos sind mittlerweile so professionell, dass die Prüfung ihrer „Echtheit“ sehr viel länger dauert. Es gibt aber auch Dinge, die einen völlig verwirren. Die Tagesschau rief beispielsweise neulich an und fragte, ob es in Tschechien ein Erdbeben gegeben habe. Eine Nachrichtenagentur hatte das gemeldet, auch die Erdbebenexperten in Potsdam hatten das bestätigt. Es war am Ende ein Irrtum, wie wir mit ein paar Anrufen in der „betroffenen“ Region heraus fanden. 

LE: Andererseits profitiert Ihr auch von der technischen Entwicklung, oder?

Früher haben wir gedreht, die Kassette per Taxi zum Tschechischen Fernsehen gebracht, wo sie über eine Satellitenleitung nach Deutschland übertragen wurde. Das hat eine Stunde gedauert. Heute könnte ich mit dem Handy aus Deinem Garten live in die Tagesschau geschaltet werden.

LE: Was hat sich inhaltlich an Deiner Arbeit in all den Jahren verändert?

Also die Zeit vor 1989, als die ARD hier für die  Dissidenten hilfreich war, ist vorbei. Karel Schwarzenberg, Václav Havels Kanzler und späterer Außenminister, hat sich noch gern daran erinnert. Es ist logisch, dass man „sein Land“ in der Berichterstattung nicht nur loben kann. Zur Objektivität gehört auch Kritik, die die betreffenden Politiker nicht gern hören. Politisch hat sich viel verändert. Heute haben wir Politiker, die prinzipiell mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen hantieren. Nicht nur in Prag. Das ist ein genereller Trend weltweit. Siehe Deutschland oder Donald Trump.

LE: Aber als Auslandskorrespondenten genießen wir dennoch vergleichsweise Narrenfreiheit. Da stehen die einheimischen Medien unter ganz anderem Druck.

Es vergeht heute keine Pressekonferenz der Prager Regierung mehr, in der Premier Andrej Babiš nicht massiv kritische Medien angreift und somit ihre Glaubwürdigkeit gezielt unterminiert. Er rüttelt damit an Grundfesten der Demokratie, in der die Medien eine wichtige Kontrollfunktion ausfüllen. Die Regierung in Prag kämpft mit aller Macht gegen die Öffentlich-Rechtlichen, die sehr gute Arbeit machen, was auch alle entsprechenden Umfragen unter der tschechischen Bevölkerung bestätigen. Sie genießen beim Publikum seit Jahr und Tag das größte Vertrauen. Angesichts dessen und der Attacken gegen die Kollegen könnten wir Ausländer noch solidarischer sein, indem wir irgendwann demonstrativ mit Sack und Pack eine Pressekonferenz verlassen. Ganz und gar nicht geht so etwas wie in der Slowakei, wo ein junger investigativer Journalist und dessen Verlobte mutmaßlich auf Anweisung eines Oligarchen umgebracht wurden. Die Tschechen stehen zu ihrem öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen, wie große Demonstrationen zeigen.

LE: Der MDR, Dein Heimatsender, spart: Stichwort Tatort und Polizeiruf. Lassen wir mal beiseite, dass die AfD in Sachsen-Anhalt den MDR dort sofort abschalten möchte, was nicht so leicht möglich sein würde. Wird der MDR-Rotstift auch beim Studio in Prag angesetzt werden?

Im Gegenteil. Wir haben gerade investiert und ein neues Studio gemeinsam mit dem Hörfunk im Zentrum von Prag bezogen, unweit vom Wenzelsplatz. Wir stellen uns dort auch den veränderten Hör- und Seh-Gewohnheiten der Leute zuhause. Wir können nicht erwarten, dass die Zuschauer um 18 Uhr einschalten, weil da eine Reportage aus Tschechien läuft. Sie wollen diese Reportage dann sehen, wenn es ihnen zeitlich passt. Und sie wollen große Geschichten zusätzlich auch in 40 Sekunden komprimiert auf Instagram sehen. Wir werden also unsere Arbeit mehr und mehr auf die digitale Welt ausrichten.

LE: Welche Deiner vielen Beiträge hatten die größte Resonanz? Ich tippe mal auf die über das tschechische Nationalgetränk.

Prager Korrespondenten müssen prinzipiell ein gutes Verhältnis zu Bier haben. (lacht)  Wenn ich Aufnahmen dazu mache, habe ich aber zumeist ein alkoholfreies Bier vor mir. Dennoch findet man – auch – beim Bier tatsächlich die besten Gesprächspartner hier.

LE: Was wird mit Dir nach Deiner Zeit in Prag?

Die Politik wird ja immer in den Hauptstädten gemacht. Aber umgesetzt wird sie von normalen Menschen. Bei denen will ich bleiben. Ich werde den Tschechen nicht untreu, will mich künftig im Grenzgebiet von Deutschland, Tschechien und Polen mit Kamera und Mikrofon herumtreiben und Geschichten von dort erzählen. Ich bin nunmal ein Mann für die Arbeit vor Ort.

LE: Bleibt die Frage nach „dem“ Flop, der Dir in Prag unterlaufen ist.

Als ich neu hier war, suchte ich nach einer Musik, die man unter einen Beitrag legen könnte. Da fiel mir sofort Die Moldau ein. Und ich sagte: „Dvořák passt immer.“ Die Moldau stammt selbstverständlich aber von Smetana. Dumm gelaufen.

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