Wenige Wochen nach dem ersten Sudetendeutschen Tag in Brünn hat die Seliger-Gemeinde die Initiative „Meeting Brno“, Bernd Posselt und Christa Naaß mit dem Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis geehrt. Gewürdigt wurde ihr langjähriges Engagement für Aussöhnung und gute deutsch-tschechische Nachbarschaft.
Es war nicht das erste Mal, dass Brünner Aktivitäten und Akteure mit dem Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis der Seliger-Gemeinde im Bayerischen Landtag ausgezeichnet wurden. Schon 2016 erhielt der damalige Oberbürgermeister Petr Vokřál den Preis für seine Initiative, den Brünner Versöhnungsmarsch in umgekehrter Richtung – vom Massengrab in Pohrlitz (Pohořelice) nach Brünn (Brno) – ins Leben zu rufen. Der Marsch erinnert an die Ereignisse Ende 1945, als die noch in Brünn lebenden Deutschen, überwiegend Frauen mit Kindern und ältere Menschen, auf einem Todesmarsch in Richtung der österreichischer Grenze vertrieben wurden.
Mit Vokřál reisten damals auch viele Aktivisten nach München, die das Versöhnungsfestival „Meeting Brno“ mitorganisiert hatten. Diesmal kam die Initiative mit zehn Aktivisten als Geehrte wieder in die bayerische Landeshauptstadt zurück, darunter einige Mitstreiter, die von Anfang an den Versöhnungsgedanken in Brünn vorangetrieben hatten. Darunter der frühere Vizebürgermeister Matěj Hollan, ohne dessen Unterstützung – nach den Worten des Mitbegründers Petr Kalousek – weder der Versöhnungsmarsch noch die spätere Einladung zum Sudetendeutschen Tag nach Brünn und letztlich dessen erfolgreiche Organisation wohl nicht zustande gekommen wären.
Die Hoffnung von Pohrlitz
Der erste Sudetendeutsche Tag in der Tschechischen Republik und das Gedenken am Ausgangspunkt des Marsches in Pohrlitz, an dem in diesem Jahr über 2000 Tschechen, Deutsche, Sudetendeutsche und Österreicher teilnahmen, prägten auch den Vertriebenenempfang der SPD-Fraktion am Samstag, den 20. Juni 2026, in dessen Rahmen die Verleihung stattfand. Der vertriebenenpolitische Sprecher Volkmar Halbleib, der auch in diesem Jahr in Brünn dabei war, hielt am Rednerpult ein Foto des Gedenkens in die Höhe und sprach von einer „Hoffnung für Europa“, die diese Menschen an diesem Ort verkörperten.
Anschließend begrüßte er die drei Preisträger des diesjährigen Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises: Bernd Posselt, Christa Naaß und die Organisation „Meeting Brno“. Diese hatte im März dieses Jahres erklärt: „Menschen und Gesellschaften verändern sich nicht durch Moralismus, Slogans und billige Meinungen. Sie verändern sich durch Begegnungen, Ereignisse, die sie berühren, weil sie ihren tiefsten Sehnsüchten entsprechen, nach Wahrheit und Gerechtigkeit, nach Schönheit und Frieden, nach Akzeptanz und Sinn.“
Drei Preisträger für die Verständigung
Das Jury-Mitglied Peter Becher begründete die Entscheidung für die erstmals drei Preisträger mit der besonderen historischen und politischen Konstellation: 80 Jahre nach der Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei und des ersten Sudetendeutschen Tages auf tschechischem Boden in Brünn. Der Laudator Libor Rouček, bezeichnete den Sudetendeutschen Tag in Brünn als Ereignis, das für viele „ein langjähriger Traum oder vielleicht sogar ein Wunder“ gewesen sei. Verwirklicht werden konnte dieser jedoch nur durch „die politische Weisheit, den Mut und die Arbeit derjenigen Menschen und Organisationen, die wir heute hier ehren“.
Bernd Posselt würdigte Rouček als einen politischen Visionär, der schon 1978, als er ihn kennenlernte, vom Ende des Kommunismus, dem Fall des Eisernen Vorhangs in Mittel- und Osteuropa und von einer friedlichen Nachbarschaft zwischen Deutschen, Sudetendeutschen und Tschechen geträumt habe. Der Träumer sei aber auch ein praktischer, mutiger und weiser Mensch, der seine Träume Schritt für Schritt in politische Wirklichkeit zu verändern vermochte. Zugleich hob er seine Rolle als Sprecher aller Sudetendeutschen ab Anfang 2008 hervor, was eine Neuausrichtung der Öffentlichkeitsarbeit der Sudetendeutschen Landsmannschaft und ein stärkeres Bekenntnis zu den Verbrechen des Nationalsozialismus ermöglichte. So sei auch auf tschechischer Seite die Bereitschaft gewachsen, sich zu eigenen Verbrechen gegenüber Sudetendeutschen zu bekennen.
Christa Naaß charakterisierte Rouček als Teil jener politischen Strömung, die unter den Nationalsozialisten am meisten gelitten hatten, den sudetendeutschen Sozialdemokraten, die dann auch zumeist ihre Heimat verlassen mussten. Naaß arbeite „bienenfleißig“ Tag und Nacht für eine praktische Politik der Nachbarschaft und Aussöhnung, symbolisiert beispielsweise durch die Partnerschaft zwischen ihrer Region Mittelfranken mit der Region Südmähren.
Mit „Meeting Brno“ würdigte Rouček das Beste von der lebendigen und aktiven tschechischen und mährischen Zivilgesellschaft, die in Tschechien neben den politischen Parteien existiere. Aus der ursprünglichen Versöhnungsinitiative habe sich mittlerweile ein großes internationales interkulturelles Festival entwickelt, das Brünn als weltoffene und tolerante Stadt präge.
Wenzel Jaksch als Orientierung
In den Dankesworten der Geehrten spielte der Namensgeber des Preises, der sudetendeutsche Sozialdemokrat Wenzel Jaksch, eine sehr lebendige Rolle. David Macek erinnerte für „Meeting Brno“ an Jaksch als eine Persönlichkeit, die auch in Zeiten größter Erschütterung an den Grundsätzen von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenwürde festhielt. Jaksch habe das Prinzip der Kollektivschuld entschieden abgelehnt. Bernd Posselt bezeichnete Jaksch als Vorbild, der als glühender Europäer, leidenschaftlicher Demokrat und mutiger Politiker uns in einer brandgefährlichen Situation in der Welt inspirieren sollte. Christa Naaß sagte trocken in Anlehnung an Willy Brandt: „Frau hat sich bemüht.“ Aus der antifaschistischen Tradition ihrer sudetendeutschen sozialdemokratischen Familie und ihrem langjährigen politischen Engegament – darunter als Präsidentin der Sudetendeutschen Bundesversammlung in der Nachfolge Wenzel Jakschs – schöpfe sie die Kraft für ihre Friedensarbeit, für deren Würdigung sie herzlich dankte.
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