Egal ob Messe, Kirmes oder Rummel – überall heißt es anders, aber es gibt sie: Jahrmärkte. In Prag findet in diesem Jahr noch bis zum 19. April die 431. Ausgabe des St. Matthäus-Volksfestes (Matějská pouť) statt. Landesblogger Yannis war vor Ort um herauszufinden was das Fest heute auszeichnet.

Das St. Matthäus-Volksfest (Matějská pouť), dessen Ursprung bis in das Jahr 1595 zurückreicht, ist der älteste und größte Jahrmarkt in Tschechien. Täglich strömen tausende Menschen auf das Ausstellungsgelände (Výstaviště) direkt neben dem Stadtwald Stromovka im Prager Stadtteil Holešovice. Vom 21. Februar bis zum 19. April findet in diesem Jahr die 431. Ausgabe des St. Matthäus-Volksfest statt. Das Fest, welches einst als kirchliche Wallfahrt begann, zieht heute hunderte Aussteller primär aus Tschechien, aber auch aus Deutschland und den Niederlanden an. 

Der geschichtliche Hintergrund

Der Name St. Matthäus-Fest (Matějská pouť) leitet sich vom Gedenktag des Heiligen Matthäus, dem 24. Februar ab. Der heilige Matthäus (tsch. Matěj) ist der Schutzpatron der Bauhandwerker, Metzger, Konditoren, Schmiede und Schneider. Damals kamen die Menschen zur kleinen St. Matthäus-Kirche an der Hanspaulka, welche auf einem Hügel nördlich von Prag liegt, um um Gottes Gunst, Schutz und Gesundheit zu bitten. Auch der Ablasshandel fand an diesem Ort statt. 

Neben der religiösen Bedeutung entwickelte sich der Wallfahrtsort immer mehr zu einem Treffpunkt für Begegnungen, Feierlichkeiten und Volksfeste. Während der Ersten Republik (1918–1938) zeichnete sich das St. Matthäus-Fest durch elegante Attraktionen aus – prächtig verzierte Karussells, die ersten Achterbahnen und eine Vielzahl von Ständen, an denen Zuckerwatte, Lebkuchenherzen und handgefertigtes Spielzeug verkauft wurden. Obwohl die Feste aufgrund ihrer kirchlichen Wurzeln vom kommunistischen Regime nicht uneingeschränkt begrüßt wurden, war ihre Popularität so groß, dass sie nicht abgesagt werden konnten. So fand der Jahrmarkt über die Jahre an mehreren Orten in Prag statt. Der Umzug 1963 auf den Platz des heutigen Ausstellungsgeländes ermöglichte es, insbesondere seit der Samtenen Revolution, die ersten ausländischen Attraktionen, vorwiegend aus Deutschland und den Niederlanden, nach Prag zu holen. Das St. Matthäus-Fest begann sich zu einem internationalen Vergnügungspark zu entwickeln.

Eine Reise in die Vergangenheit

Für das typische Jahrmarktgefühl vergangener Tage sorgen z. B. die „Altböhmischen Schießstände“ (Staročeská střelnice). Die Geschichte des Schießstandes der Firma Tony reicht bis ins Jahr 1914 zurück. Trotz umfangreicher Renovierungen in den 1960er und 1990er Jahren blieb das Grundprinzip unverändert: Individuelle und thematisch gestaltete Schaufensterpuppen werden durch einen Mechanismus in Bewegung gesetzt, bis das Ziel richtig getroffen wird. Die tschechische Betreiberin leitet den Stand in diesem Jahr zum ersten Mal. Davor hat ihn über 30 Jahre ihre Großmutter geführt.

Auch das Spiel „Hau den Lukas“ wird auf dem Jahrmarkt angeboten. „Häufig stehen Menschen mit fragenden Blicken davor, weil sie das Spiel nicht kennen. Viele probieren es dann jedoch auch gerne aus“, erklärt mir der deutsche Standbetreiber. 

Fahrspaß für Groß und Klein

Beliebt bei den kleinen Gästen sind besonders die Kindereisenbahn sowie das kleine Kettenkarussell. Wer weiter hoch hinaus möchte, kann eine Fahrt mit dem „Star Flyer Aeronaut“ unternehmen. Das rund 85 Meter hohe Kettenkarussell bietet einen spektakulären Panoramablick über die Stadt und den angrenzenden Stromovka-Park. Wem dies zu hoch ist, kann die Aussicht auch aus dem 46 Meter hohen Riesenrad genießen. 

„Der klassische Autoscooter ist nach wie vor eines der beliebtesten Fahrgeschäfte bei Besuchern“, erklärt mir der tschechische Aufpasser. Und so gibt es ihn auf dem Platz direkt in fünffacher Ausführung. Ein weiterer Klassiker ist die anfängerfreundliche Achterbahn „Wilde Maus“ (Horská Dráha) aus dem Jahr 2002. Für Gruselfans warten nur wenige Meter weiter schaurige Geisterbahnen über mehrere Stockwerke. Wem dies zu langweilig ist, dem ist eine Fahrt im „Airborne“, einem 65 Meter hohen Propeller, der bei Geschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometern pro Stunde eine Gravitationskraft von 4,5 g erreicht, zu empfehlen. Ebenfalls nervenaufreibend ist das „Phantom“, das mit 45 Metern Höhe zu den weltweit größten transportablen Schaukeln zählt. 

Döner und Lebkuchen

Kulinarisch bietet das Gelände einen Mix aus Moderne und Tradition. Während Streetfood-Klassiker wie Döner und Lángos für die schnelle Sättigung sorgen, lockt der Duft von gebrannten Mandeln und frisch gebackenem Baumstriezel zu den altböhmischen Süßwarenständen. Beliebt bei den Besucherinnen und Besuchern sind besonders die Perníková srdce: Die typischen, mit weißem Zuckerguss verzierten Lebkuchenherzen, welche mit Gemälden und Botschaften wie „Z lásky“ (dt. Aus Liebe) verziert sind. 

David gegen Goliath

Generell liegen die Preise der Attraktion zwischen 60 und 250 Kronen (ca. 2 bis 10 Euro). Ein Lángos kostet je nach Anbieter um die 150 Kronen (ca. 6 Euro), ein Bier 70 Kronen (ca. 3 Euro). Mit über 100 Ständen ist das tschechische Unternehmen KOČKA seit 30 Jahren Hauptveranstalter der Messe. Das niederländische Unternehmen Oldermann vof ist mit über 25 Attraktionen vertreten.  „Die großen Fahrgeschäfte kosten in der Anschaffung sehr viel Geld, teilweise über eine Millionen Euro“, erklärt mir Johann Oldermann – der einzige, der kein Problem damit hat, seinen Namen in einem Artikel zu lesen. Seit über 30 Jahren ist er in Prag auf dem St. Matthäus-Fest. Den Rest des Jahres ist das Unternehmen mit seinen Attraktionen auf Messen in Deutschland, in den Niederlanden und vor Kurzem auch in Saudi-Arabien zu Besuch. Bei Oldermann ist der Preis auf allen Festen gleich. 

Für kleinere, eigenständige Standbetreiber ist dies komplizierter. „Die Kosten für die Platzmiete, den Transport sowie die laufenden Betriebskosten für das Personal sind hoch, da bleibt uns wenig Spielraum. Im Vergleich zu Deutschland sind unsere Preise hier in Prag niedriger, ansonsten würden die Leute noch weniger kaufen“, erklärt mir ein Gastronom. Dank der Wochenenden, an denen deutlich mehr Personen kommen, rentiere sich das Geschäft überhaupt. 

Zwischen Tradition und High-Tech

Ein tschechisches Sprichwort besagt: „Der heilige Matthäus bricht das Eis“ (Svatý Matouš lámá led). Früher war es in Tschechien Brauch, am Feiertag des heiligen Matthäus, dem 24. Februar, die Obstbäume zu schütteln, damit sie reichlich Früchte tragen. Heute schüttelt der Jahrmarkt die Besucherinnen und Besucher mit seinen zahlreichen Attraktionen aus dem Winterschlaf wach. Ob Geisterbahn, Airborne, 4D-Kino oder Schießbuden – das Angebot vor Ort ist umfangreich, sodass jeder, ob groß oder klein, etwas für sich findet. Der Rundgang über den Platz gleicht einer Reise durch die Zeit. Während auf der einen Seite klassische Schießbuden, nostalgische Kettenkarussells und hölzerne Wurfbuden den Charme vergangener Epochen bewahren, ragen auf der anderen Seite gigantische, oft aus den Niederlanden oder Deutschland importierte High-Tech-Fahrgeschäfte in den Prager Himmel. Die Preise sind teilweise etwas günstiger – ein „Schnapper“ ist der Besuch wiederum nicht. 

Das St. Matthäus-Fest auf dem Ausstellungsgelände in Holešovice ist per Tram (Station Výstaviště), Metro (Praha-Holesovice) oder mit dem Zug (Praha-Holešovice) zu erreichen. Auch einen Besucherparkplatz gibt es auf dem Gelände. Bis zum 19. April 2026 ist das Gelände außer montags täglich geöffnet. Von Dienstag bis Freitag öffnet die Messe kostenlos von 13 – 21 Uhr ihre Pforten. Am Samstag und Sonntag öffnet das Gelände von 9 – 22 Uhr. Der Eintritt am Wochenende beträgt 30 Kronen (ca. 1,20 Euro). Alle weiteren Informationen finden Sie auf der Website.

Liebe Leserinnen und Leser des LandesEcho, mein Name ist Yannis Weber. Seit Januar unterstütze ich im Rahmen meines Praktikums die Redaktion des LandesEcho. Während meines Studiums der Angewandten Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Ilmenau, nahe Erfurt, sowie an der St.-Kliment-Ohridski-Universität in Sofia, Bulgarien, konnte ich bereits erste Einblicke in die Medienarbeit gewinnen. Auf meinen Reisen haben mich stets die Vielfalt unterschiedlicher Kulturen sowie die gemeinsamen Geschichten, welche Menschen miteinander verbinden, fasziniert. Ich freue mich darauf in den kommenden Monaten, Prag sowie Tschechien besser kennenzulernen.

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