Nördlich von Blanz (Blansko) befindet sich die Ruine der Burg Boskowitz (Hrad Boskovice). Wer ahnt heute noch, dass diese einst prächtige Burg von einem einfachen Vogler erbaut wurde?
Vor langer Zeit ging der mährische Fürst auf die Jagd. Bei der Verfolgung des Wildes verlor er seine Gefolgschaft aus den Augen und verirrte sich in den tiefen Wäldern. Vergeblich rief er, niemand hörte ihn. Also machte er sich tapfer in eine Richtung auf und suchte selbst seinen Weg. Lange irrte er umher, kämpfte sich durch das Dickicht, mied Sümpfe und umging tiefe Schluchten. Nach langem Mühen überkam ihn die Müdigkeit, sodass er sich kaum noch im Sattel halten, und auch sein Pferd kaum noch die Läufe heben konnte. Endlich kam der Fürst auf eine weite Lichtung und sah dort eine Hütte.
Gastfreundschaft, die belohnt werden soll
Wie freute er sich! Die Sonne neigte sich bereits dem Westen zu, es war also höchste Zeit. Ein kräftiger Mann kam ihm aus der Hütte entgegen und hieß ihn sofort als seinen Gast willkommen. Er eilte zu ihm, half ihm aus dem Sattel und versorgte sein Pferd mit Futter und Wasser. Dann führte er ihn in die Hütte, setzte ihn an den Tisch, bewirtete ihn mit Brot, Butter und Käse und stellte ihm einen Krug mit Met vor. Danach führte er ihn zu einem nahe gelegenen Bach, damit er sich erfrischen und den Staub von seinem Körper abwaschen konnte. Der Fürst kehrte erfrischt in die Hütte zurück, trank etwas und unterhielt sich mit dem Hüttenbewohner. Von ihm erfuhr er, dass er Velen hieß und von der Vogeljagd lebte. Für die Nacht begab sich der Fürst zu Velens einfachem Bett. Und siehe da, er ruhte sich hier sehr gut aus, fast besser als in seinem fürstlichen Bett. So gut hatte er schon lange nicht mehr geschlafen. Als Velen ihn am Morgen aus dem Wald führte und ihm den Weg nach Brünn zeigte, dankte ihm der Fürst herzlich für seine Gastfreundschaft und lud ihn zu sich ein:
„Eure Hoheit, der Fürst, sucht mich auf. Wenn Sie nach Brünn kommen, besuchen Sie mich! Ich bin im Dienst unseres erhabenen Fürsten, suchen Sie mich in seinem Schloss auf, Sie würden mir damit eine große Freude bereiten.“
Zu Besuch beim Fürsten
Nach einiger Zeit hatte Velen tatsächlich eine Reise in die mährische Hauptstadt vor sich. Er erinnerte sich an die Einladung, machte also einen Abstecher zum Schloss und klopfte an das Tor. Dort war die Wache bereits darauf hingewiesen worden, dass eine bestimmte Person kommen würde, die ohne Verzögerung zum Fürsten geführt werden sollte. So fand sich der liebe Vogelfänger plötzlich in einem wunderschönen Saal wieder. Da kam sein ehemaliger Gast aus der gegenüberliegenden Tür und Velen erkannte an der Kleidung und den tiefen Verbeugungen der Diener, dass es sich um den Fürsten selbst handelte. Er wollte sich entschuldigen, aber der Fürst ließ ihn gar nicht zu Wort kommen und führte ihn sofort zum Tisch. Dort standen bereits erlesene Speisen und Kelche mit dem besten Wein bereit. Der Fürst erwiderte Velen seine Ehrerbietung und sprach mit ihm wie von Gleich zu Gleich. Der Vogler kam aus dem Staunen nicht heraus.
Des Voglers Wunsch
Schließlich fragte der Fürst Velen, ob er einen Wunsch habe, und bat ihn, diesen zu äußern, damit er ihm erfüllt werde, was auch immer es sei. Velen bat den Fürsten, ihm den Wald zu schenken, in dem er seine Jagdhütte hatte. Der Fürst lächelte über diese bescheidene Bitte und sagte: „Das werde ich gerne zu deiner Freude tun, aber darüber hinaus schenke ich dir auf ewig die freie Nutzung des gesamten Gebiets, das meine Leute auf meinen Befehl hin an einem Tag mit all seinen Minen und Bergen, Wäldern und Weiden umrunden können. Außerdem ernenne ich dich zum Ritter.“ Der Vogler kam aus dem Staunen nicht heraus.
Velen dankte dem Fürsten, wie es sich gehörte. Er kehrte glücklich in seine Hütte zurück. Dann baute er sich in seinem Erbwald eine Holzfestung und gründete daneben ein Dorf, das nach ihm, Velenov (dt. Wellenau) genannt wurde. Seine Nachkommen errichteten dort später die Burg.
Quelle: Pověsti jihomoravského kraje / regiony.lusa.cz
Zusammengetragen von Irene Kunc
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