Der Koffer, indem Rumpf und obere Gliedmaßen von Vranská gefunden wurden, wird im Tschechischen Polizeimuseum ausgestellt.
Der Koffer, indem Rumpf und obere Gliedmaßen von Vranská gefunden wurden, wird im Tschechischen Polizeimuseum ausgestellt. Credit: Museum der Polizei der Tschechischen Republik

Jeden Freitag stellen wir in unserer „True-Crime“-Reihe einen der spektakulärsten Kriminalfälle Tschechiens vor. Heute geht es um den ungeklärten Mord an der Prostituierten Otýlie Vranská in den 1930er Jahren.

Otýlie Vranská wird am 9. März 1911 in Brenzno (Brezno nad Hronom) in der heutigen Slowakei geboren. Sie wächst in extremer Armut auf und bereits mit elf Jahren läuft sie von zu Hause weg. Wegen Diebstahls verbringt sie drei Jahre in einer Erziehungsanstalt und lebt später in mehreren Städten, unter anderem in Sillein (Žilina).

Im März 1933 zieht sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Prag. Sie findet jedoch keine feste Arbeit und beginnt, sich mit gelegentlicher Prostitution über Wasser zu halten. Dabei handelt es sich nicht um klassische Prostitution, da sie häufig im Austausch Verpflegung, Restaurantsbesuche oder wenn falls nötig eine Unterkunft erhält. Sechs Monate nach ihrem Umzug nach Prag wird ihre Leiche zerstückelt in zwei Koffern gefunden.

Rekonstruktion der letzten Stunden von Otýlie Vranská

Am 31. August 1933 isst Vranská bei ihrer Vermieterin zu Mittag. Dabei erwähnt sie, dass sie um 20 Uhr ein Treffen mit einem Feldwebel namens Josef Pěkný hat. Pěkný habe ihr eine Arbeitsstelle in einer militärischen Wäscherei in Aussicht gestellt und ihr sogar eine Heirat versprochen. Während des Essens kündigt Vranskás Vermieterin an, sie auf die Straße zu setzen, da Vranská mit der Miete im Verzug sei. Sie solle nach Mitternacht nicht mehr zurückkommen. Am Abend nach dem Rausschmiss trifft sich Vranská gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin Velingerová in der Koruna-Passage mit Pěkný. Dieser erscheint jedoch nicht allein, sondern in Begleitung der Prostituierten Antonie Koklesová, die Vranská noch aus ihrer Zeit in Sillein kennt. Zwischen den Beteiligten kommt es zunächst zu einem Streit.

Trotz der angespannten Stimmung besuchen die drei anschließend gemeinsam die Gaststätte U Kupců. Während sie dort zusammensitzen, erzählt Vranská, dass sie nach Mitternacht keine Bleibe mehr habe. Daraufhin bietet Pěkný ihr an, in seiner Wohnung zu übernachten, doch Vranská lehnt das Angebot ab. Gegen 23 Uhr trennen sich ihre Wege auf dem Karlsplatz (Karlovo náměstí). Pěkný und die Prostituierte Koklesová gehen gemeinsam zu Pěknýs Wohnung, während Vranská allein zurückbleibt. Da sie wegen des Rausschmisses durch ihre Vermieterin nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren kann, sucht Vranská im Austausch gegen sexuellen Dienstleistungen nach einer anderen Unterkunft für die Nacht. Zunächst besucht sie das Café U politické. Dort wird sie mit einem jungen Mann mit blonden Locken gesehen, der ihr Muskatwein und einen Apfel bestellt. Kurz nach Mitternacht wird Vranská schließlich ein letztes Mal lebend in der Gaststätte U Šmelhauzů in der Melantrichova-Straße gesehen. Danach verliert sich ihre Spur.

Der grausame Fund von Leichenteilen

Der Inhalt der Koffer und die Gurte, die ihn sicherten.
Der Inhalt der Koffer und die Gurte, die ihn sicherten. Credit: Museum der Polizei der Tschechischen Republik

Am 2. September 1933 entdeckt ein Bahnangestellter auf dem Bahnhof von Pressburg (Bratislava) in einem aus Prag eingetroffenen Zug einen braunen, mit Gurten verschnürten Reisekoffer. Darin befinden sich Kopf und Beine einer Frau. Noch am selben Tag wird auch in Kaschau (Košice) fast 400 Kilometer von Pressburg entfernt in einem Wagen eines Zuges aus Prag ein zweiter Koffer gefunden. Passend zum ersten Fund enthält dieser einen weiblichen Torso sowie abgetrennte Hände. Neben den Leichenteilen liegen in beiden Koffern auch Zeitungen, Wäschestücke und Bettlaken, in die der Buchstabe „K“ eingestickt ist.

Zunächst kann die Polizei nicht zuordnen, zu welcher Frau die Körperteile gehören. Um Hinweise aus der Bevölkerung zu erhalten, lässt sie Fotografien der Leiche anfertigen. Diese Bilder werden öffentlich im Fenster der Polizeistation in der Bartolomejska- Straße in der Prager Altstadt ausgestellt und in Zeitungen verbreitet, in der Hoffnung, dass jemand die Frau identifizieren kann. Am 6. September erkennen schließlich die Schwestern des Opfers die Leiche wieder. Es handelt sich um Otýlie Vranská.

Die Autopsie der Leiche

Die Autopsie enthüllt ein erschreckendes Bild und zeichnet die extreme Brutalität der Tat nach. Zwei schwere Kopfverletzungen, vermutlich verursacht durch ein Hackmesser oder einen Säbel, zeugen von massiver Gewalteinwirkung. Die tatsächliche Todesursache Vranskás ist jedoch eine tiefe Schnittverletzung am Hals, die von Ohr zu Ohr reicht und Vranská verbluten lässt. Zusätzlich weist der Leichnam sieben Einstiche in der Herzgegend auf. Ein entscheidendes Detail liefert der Mageninhalt: Ein noch unverdautes Stück Apfel, das Vranská kurz zuvor im Café U politické gegessen hat, grenzt den Todeszeitpunkt präzise auf die Nacht des 1. September zwischen 1.00 und 3.00 Uhr ein.

Briefe von einem potenziellen Täter

Kurz nach dem Fund der Leiche erhält die Zeitung Mittagsblatt (Polední list) mehrere Briefe eines anonymen Absenders. Der Verfasser bezeichnet sich selbst als „Phantom der Straße“ (Fantom ulice) und verwendet den Namen Karel Wodowary. In seinem Schreiben behauptet er, Vranská am 1. September, der Nacht ihres Todes, wie der Autopsiebericht nahelegt, in der Perlova-Straße getroffen zu haben. Er habe sie mit zu sich nach Hause genommen, wo sie zunächst Geschlechtsverkehr gehabt hätten. Nachdem er jedoch erfahren habe, dass sie eine Prostituierte sei, habe er sie in seiner Wohnung ermordet.

Die Ermittler schenken diesen Briefen jedoch kaum Glauben. Viele der darin enthaltenen Informationen scheinen offensichtlich aus Zeitungsberichten übernommen worden zu sein. Zudem gehen im Zusammenhang mit dem Mordfall tausende weitere Briefe bei Polizei und Presse ein, von denen viele falsche Hinweise oder erfundene Geständnisse enthalten. Auch diese Schreiben betrachten die Ermittler mit großer Skepsis.

Ist Josef Pěkný der wahre Mörder?

Viele Jahrzehnte später greifen Mitarbeiter des Polizeimuseums der Tschechischen Republik den Fall erneut auf. Im Jahr 2017 beginnen sie damit, die alten Ermittlungsakten noch einmal gründlich zu analysieren. 2023 kommen sie schließlich zu dem Schluss, dass mit etwa 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit Josef Pěkný, der Feldwebel in der tschechoslowakischen Armee, der Täter gewesen ist. Demnach nicht der lockige junge Mann, der mit Vranská im Café U politické gesehen wurde, oder der anonyme Briefschreiber, der sich „Karel Wodowary“ nennt. Pěkný gibt selbst zu, neben Koklesovás auch Vranksás Dienste als Prostituierte in Anspruch genommen zu haben. Die Behauptung Vranskás, die diese sowohl gegenüber ihren Schwestern, als auch gegenüber ihrer Vermieterin wiederholt, nämlich dass Pěkný ihr eine Heirat in Aussicht gestellt habe, bestreitet dieser hingegen.

Indizien gegen Josef Pěkný

Mehrere Umstände verstärken den Verdacht gegen Pěkný als Mörder von Vranská, unter anderem sein Verhalten gegenüber der Polizei während der damaligen Ermittlungen. Obwohl öffentlich nach einem Feldwebel gesucht wird, der laut Zeugenaussagen am 31. August gemeinsam mit Vranská in der Gaststätte U Kupců gesehen wird, meldet sich Pěkný nicht von sich aus bei den Behörden. Erst als eine Augenzeugin ihn später in der Kaserne Karlín wiedererkennt, werden die Ermittler auf ihn aufmerksam.

Auffällig sind zudem dessen widersprüchliche Aussagen. Pěkný und Antonie Koklesová, die Prostituierte, die am Abend vor dem Mord ebenfalls bei dem Treffen mit Vranská dabei war, werden getrennt voneinander verhört. Die Aussagen von beiden stimmen jedoch nicht überein. Unter anderem zum Rest des Abends, nachdem die beiden sich von Vranská trennten. Später änderte Pěkný seine Aussage, sodass sie vollständig mit der von Koklesová übereinstimmte, die ihm mit ihrer Aussage ein Alibi verschaffte. Welchen Anlass sollten beide gehabt haben, abweichende Aussagen zu treffen? Auch Pěknýs Angaben zu dessen Wohnung werfen Fragen auf. Pěkný behauptet, seine Wohnung am Tag vor der Mordnacht um 17.30 Uhr gekündigt zu haben. Dem widerspricht, dass er Vranská in der Nacht ihres Verschwindens noch angeboten haben soll, sie aufzunehmen. Tatsächlich bleibt Pěkný noch weitere vier Jahre in derselben Wohnung wohnen. Aus Sicht der Mitarbeiter des Polizeimuseums macht diese nachweislich falsche Aussage seine Darstellung besonders verdächtig.

Ein weiterer Punkt betrifft den Säbel, den Pěkný aufgrund seiner militärischen Stellung als Dienstwaffe bei sich trägt. Laut den Autopsiebefunden kommt eine solche Waffe als mögliche Tatwaffe in Betracht und könnte bei der Tötung Vranskás verwendet worden sein. Auch dieser Umstand verstärkt den Verdacht gegen ihn zusätzlich.

Rekonstruktion des möglichen Tathergangs

Nach einer erneuten Analyse des Falles rekonstruieren die Mitarbeiter des Polizeimuseums der Tschechischen Republik einen möglichen Ablauf der Tat. Es erscheint durchaus plausibel, dass Vranská später noch zu Pěknýs Wohnung geht. Nachdem Vranská im Anschluss an ihren Aufenthalt in der Gaststätte U Šmelhauzů keine andere Unterkunft findet, entscheidet sie sich, das zuvor abgelehnte Angebot von Pěkný anzunehmen und bei ihm zu übernachten. Nachdem sie in seiner Wohnung angekommen ist, kommt es zwischen den beiden zu einem Streit. Dabei könnte Vranská Pěkný gedroht haben, seine militärische Karriere zu ruinieren. Für einen Feldwebel wie Pěkný war der Kontakt zu Prostituierten streng verboten, und eine Beziehung oder eine Heirat mit einer Prostituierten hätte einen schweren Skandal bedeutet. Sollte er sein angebliches Heiratsversprechen nicht einlösen, hätte Vranská also die Möglichkeit gehabt, ihn öffentlich bloßzustellen. Aus Angst vor den möglichen Konsequenzen und dem drohenden Skandal eskaliert die Situation nach dieser Rekonstruktion schließlich. Pěkný tötet Vranská in seiner Wohnung.

Auch wenn diese Rekonstruktion heute als wahrscheinlich gilt, lässt sich der Fall nicht mehr endgültig aufklären. Alle möglichen Beteiligten sind inzwischen verstorben, sodass es niemals einen abschließenden gerichtlichen Beweis oder eine Verurteilung geben wird.

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