Deutsche Bands geben sich in Prag die Klinke in die Hand. Unsere Landesbloggerin Alina Seitz hat ein Konzert des deutschen ESC-Duos Abor & Tynna besucht.

„Habt ihr Lust morgen Abend mit mir auf ein Konzert zu gehen?” Ich sitze an einem gemütlichen Oktoberabend mit meinen beiden Mitbewohnerinnen in der Küche und trinke Tee. Aus den Tassen dampft es, draußen ist es bereits dunkel. Die Gegenfrage: „Wer kommt denn?”, lässt nicht lange auf sich warten. Meine Antwort sorgt nur für ein bescheidenes „mhm. Der Fakt, dass eine deutsche Band in Prag spielt, haut meine beiden Mitbewohnerinnen aus Frankreich und Italien nicht gerade vom Hocker. Die Begeisterung in der WG-Küche hält sich dementsprechend in Grenzen.

Die Geschwister Attila und Tünde Bornemisza, auch bekannt als Abor & Tynna, kommen auf ihrer Tour auch an Prag vorbei. Die beiden haben Deutschland 2025 beim Eurovision Song Contest in Basel vertreten und erleben seit der Teilnahme einen regelrechten Hype. Ihr Song Baller trendete europaweit in den Charts und so ließ auch die erste Tour nicht lange auf sich warten.

Ein Hauch von ESC in Prag

Als bekennender ESC-Fan kann ich den Auftritt natürlich nicht einfach so an mir vorbeigehen lassen. Vor allem nicht, nachdem Deutschland 2025 endlich einmal nicht auf dem vorletzten oder gar letzten Platz, sondern mit 151 Punkten im soliden Mittelfeld gelandet ist. Wichtig hinzuzufügen: Die tschechische Jury vergab die höchstmögliche Anzahl von 12 Punkten sogar an den deutschen Beitrag. Meine beiden Mitbewohnerinnen bleiben dennoch unbeeindruckt und auch meine Überzeugungsarbeit kann nicht weiterhelfen. Also kaufe ich mir spontan, einen Tag vor dem Gig, ein Ticket. Alleine. Ein bisschen zögere ich dabei. Aber ist es nicht wichtig, auch mal neue Dinge auszuprobieren? Warum also nicht auch alleine auf ein Konzert gehen?

Am nächsten Abend steige ich voller Vorfreude an der Haltestelle Štvanice aus der Tram, direkt gegenüber sehe ich schon die Location des heutigen Abends. Das Fuchs2 ist ein kleiner Club im Norden von Prag, der sich auf einer Insel mitten in der Moldau befindet. Zugegebenermaßen sieht es hier etwas heruntergekommen aus – die Fassade ist über und über mit Graffiti vollgesprüht und rund um den Club wuchert das Unkraut.

Im Fuchs2 warten die Leute aufgeregt, bis das Konzert anfängt.
Im Fuchs2 warten die Leute aufgeregt, bis das Konzert anfängt. Credit: Alina Seitz

Vor dem Eingang warten bereits viele Menschen, die sich entweder aufgeregt unterhalten oder noch schnell die letzte Zigarette rauchen. Schon bei der Jackenabgabe an der Garderobe sehe ich: Der Club ist klein, aber voll. Und zwar bis auf die letzte Ecke. Oben auf der Empore erhasche ich noch einen Platz und kann mich innerhalb der nächsten 30 Minuten unauffällig und mit ganz kleinen Schritten so weit nach vorne bewegen, dass ich ganz nah an der Brüstung stehe. Da der Club nicht besonders groß ist, habe ich einen perfekten Blick zur Bühne und auf das Mischpult, das ebenfalls auf der Empore angebracht ist und auf dem viele kleine Lichter blinken. 

Minuten vor dem Auftritt

Die Stimmung ist aufgeheizt, Menschen warten aufgeregt auf den Moment, in dem die Scheinwerfer ausgehen. Dann wabert plötzlich Nebel durch den Raum, das Licht wechselt von Blau zu knalligem Rot und die Musik setzt ein. Abor & Tynna betreten die Bühne und der Abend beginnt.

Prag ist für Abor & Tynna der erste internationale Tourstopp neben Deutschland und ihrem Heimatland Österreich. Dementsprechend ist dem Geschwisterduo die Nervosität auch ein wenig anzumerken, als sie das Publikum bitten, etwas nachsichtig zu sein – sie würden so gut es geht versuchen, das Konzert auf Englisch zu moderieren. Dann geht es los: Knapp zwei Stunden voller Musik, Energie und: Deutsch. Denn ohne Ausnahme sind alle gesungenen Texte auf deutsch verfasst. Das Publikum ist international, man hört vereinzelt Sprachfetzen auf tschechisch, deutsch und englisch. Und trotzdem singt wirklich fast jeder mit.

Dass deutsche Acts ihre internationalen Touren in Prag starten oder zumindest während der Auftritte in der Stadt Halt machen, ist kein Einzelfall. Aktuell gefragte Namen wie Ski Aggu, Ikkimel oder eben auch Abor & Tynna spielen Konzerte in Tschechiens Hauptstadt. Die Frage ist also:

Warum ausgerechnet Prag? Und wieso funktioniert hier deutsche Musik so gut?

Für den deutschen Rapper Ski Aggu war der erste Stop seiner Worldtour 2025: Prag. Credit: Instagram/wer.ist.aggu

Deutschland – das Land der Dichter, Denker und Musikgenies – erlebt gerade ein musikalisches Revival. Allerdings nicht mit Klassik von Bach und Beethoven oder Musik von Dieter Bohlen und Thomas Anders, sondern mit Electronic und Techno. Deutsche Sänger und Bands erobern die Bühnen großer europäischer Städte mit Liedern in ihrer Muttersprache. Das Publikum singt auf Deutsch mit – in einer Sprache, die viele eigentlich nicht sprechen. Und doch kennt man plötzlich jede Zeile oder zumindest diesen einen Refrain. Und so kommt es, dass an diesem Abend im Fuchs2 mehrere hundert Leute gemeinsam die Texte zu Engel in Jeans oder Plattenpräsident anstimmen.

Ein Grund für Tschechien als Tourstopp liegt sicherlich in der lebendigen tschechischen Club-, Live- und Festivalkultur. Festivals wie beispielsweise das Mighty Sounds, das seit Jahren internationale Punk-, Ska- und Indie-Acts anzieht oder das größte Festival für elektronische Musik in Zentraleuropa, das Beats for Love, haben das Land als festen Bestandteil der europäischen Musiklandschaft etabliert. Aber auch kleinere Clubs und Venues genießen einen guten Rufund zeigen sich offen für neue Sounds.

Warum sich ein Blick über die Grenze lohnt

Dazu kommt auch die geografische Lage. Tschechien befindet sich mitten im Herzen von Europa und liegt somit von Deutschland aus gesehen gleich vor der eigenen Haustür. Sowohl für Bands als auch für Fans ist Prag deshalb relativ schnell zu erreichen. In grenznahen Regionen gibt es zudem ein Publikum, das teilweise auch Deutsch versteht oder sich zumindest offen für deutsche Musik und Texte zeigt.

Und auch die sprachlichen Hürden werden bei den Auftritten zur Nebensache, denn Musik verbindet – unabhängig von Herkunft oder Muttersprache. Menschen kommen zusammen und singen einfach mit. „Connecten über Musik und zusammen abgehen zwischen Leuten jeden Alters und Geschlechts. Das ist immer etwas ganz Besonderes und Magisches.”, meint auch der Gitarrist der Hamburger Punkband Die Cigaretten. Die Gruppe spielte letztes Jahr ebenfalls ein Konzert in Prag. Denn Melodien bleiben hängen, selbst wenn man nicht jedes Wort versteht.

Für Fans im Ausland hingegen ist es die große Chance, ihre Stars außerhalb von Deutschland endlich einmal live zu sehen. Gleichzeitig nutzen deutsche Fans die Tourstopps im Ausland zum sogenannten Gig Tripping. Ein Reisetrend, bei dem Fans bewusst in eine andere Stadt oder ein anderes Land reisen, um einen Künstler live zu sehen und das Ganze gleich noch mit einem Kurztrip verbinden. Prag bietet dafür ideale Bedingungen: kurze Anreise, vergleichsweise günstige Tickets und kleinere Veranstaltungsräume. Und das ist auch schon der nächste Pluspunkt: Die Größe der Locations.

So sieht man nicht nur seine Lieblingssänger endlich einmal live, sondern hat gleichzeitig noch die Möglichkeit, das Konzert auf einer kleineren Bühne zu erleben. Ein kurzer Vergleich: Während Ski Aggu in seiner Heimatstadt Berlin in der Max-Schmeling-Halle vor 12.000 Fans spielte, passten gerade einmal knapp 1.000 Leute in das Roxy in Prag, in dem der Sänger im vergangenen Oktober auftrat. Und vielleicht liegt genau darin der Reiz: Näher dran zu sein. An der Musik. An den Künstlern. Und auf einem Konzert zu sein, das sich viel mehr so anfühlt wie ein kleines Ereignis, anstatt wie eine Großveranstaltung.

Ein Abend, der nachklingt

Nach dem letzten Lied gibt es tosenden Applaus, Abor & Tynna verlassen zufrieden die Bühne – allerdings nicht ohne eine, sondern gleich drei Zugaben zu spielen. Als ich später in der Nacht die Insel wieder verlasse und mich auf den Weg nach Hause mache, klingt der Abend noch lange nach. Mit mir in der Tram sitzen einige Fans, die ebenfalls auf dem Konzert waren – erkennbar an den Konzertoutfits und dem glücklichen Gesichtsausdruck. Vor mir auf dem Sitz wippt noch jemand leicht mit den Schuhspitzen hin und her, so als könnte man die Lieder von Abor & Tynna immer noch laut und deutlich hören.

Während ich daran denke, wie ich am Vorabend noch kurz zögernd, mit einer Teetasse in der WG-Küche saß, weiß ich: Alleine auf ein Konzert zu gehen, war genau die richtige Entscheidung. Die Stimmung war ausgelassen, die Leute voller Energie. Auch für Abor & Tynna scheint Tschechien ein gelungener Tourstopp gewesen zu sein. Zurück lassen sie ein begeistertes Publikum, das die beiden in Prag ganz sicher gerne ein zweites Mal sehen würde. Ihre Musik ist mehr als gut angekommen – und das ganz unabhängig von der Sprache, in der sie singen.

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