Credit: Zeichnung: Monika Hanika

Ein geheimnisvolles Steinmännlein taucht im Isergebirge immer dort auf, wo Kinder spielen. Es schenkt ihnen wundersame Schätze – doch als die Gier der Erwachsenen ins Spiel kommt, nimmt die Geschichte eine tragische Wendung.

Wie aus dem Nichts tauchte das Steinmännlein im Wald auf, immer dort, wo die Kinder spielten. So plötzlich, als ob es gerade aus der Erde gewachsen wär’. Es trug eine unscheinbare graue Tracht, ein spitzes Hütlein, hatte einen langen grauen Bart und schelmische Augen. Alle Kinder mochten ihn, mit ihm hatte man immer einen Riesenspaß. Er spielte mit ihnen Räuber und Gendarmen, tollte herum, brachte ihnen neue Spiele bei oder erzählte spannende Märchen. Und so plötzlich wie er gekommen war, war er auch verschwunden.

Die Zeit mit ihm verflog im Nu, und so kam es vor, dass sich die Kinder verspäteten und daheim zur Entschuldigung sagten: „Das Steinmännlein war wieder da!“ Die Eltern glaubten es nicht, sie hielten es für Ausreden oder einfach für die kindliche Fantasie. Einmal aber wollte ein Vater seinen Sohn für das späte Heimkommen bestrafen, und als er ihn übers Knie legte, fiel dem Jungen aus der Hosentasche etwas Glitzerndes heraus. So etwas hatte der arme Mann zwar noch nie gesehen, trotzdem war ihm klar, dass dies ein kostbarer Stein sein musste. Und tatsächlich! Es war ein Edelstein, schön und glänzend. Der verdutzte Junge schaute mit offenem Mund hin. Erst konnte er sich gar nicht erinnern, woher der Stein kam, dann aber strahlte er über das ganze Gesicht und rief glücklich: „Jetzt weiß ich es! Vom Steinmännlein hab ich’s bekommen!“ Und sogleich erzählte er, wie er und das Steinmännlein mit Kieselsteinen spielten, und er dann einige einfach in die Hosentasche steckte. „Es ist sicher einer davon, und daraus hat das Steinmännlein den Edelstein für mich gemacht, weil er sicher zaubern kann!“ Der Junge fischte noch weitere Steine aus der Tasche heraus, allesamt glitzernde Diamanten. 

Seine Eltern schufteten von früh bis spät, doch trotz allem Fleiß verdienten sie kaum genug, um die vielköpfige Familie zu ernähren. Jetzt jubelten sie, da ihr Elend hiermit vorbei war. Sie verkauften die Edelsteine und konnten sich nun so einiges leisten, wovon sie davor nur träumen konnten. Es blieb sogar genug übrig, um es mit anderen Armen in ihrer Waldsiedlung zu teilen. Man sprach von nichts anderem als von diesem wundersamen Fund. Die Nachricht machte in den Bergen schnell die Runde. In allen Familien, deren Kinder das Steinmännlein je getroffen hatten, wurden die Hosensäcke der Kinder gründlich gefilzt. Man fand zwar keine weiteren Edelsteine, aber seither hegte niemand mehr Zweifel, dass die Erzählungen vom Steinmännlein wahr seien. Die Erwachsenen, im Glauben, dass er auch ihnen aus der Armut helfen würde, hätten ihn allzu gerne getroffen, doch keinem ist es je geglückt.

Als sich das Steinmännlein wieder zu den Kindern gesellte, baten ihn einige, er möge auch für sie die Kieselsteine in Edelsteine verzaubern. Doch davon wollte er nichts hören und drohte gar: „Wenn ihr damit nicht aufhört, dann komme ich nie wieder her!“ Die Kinder gehorchten, denn am Spiel mit dem lustigen Kerlchen fanden sie weitaus mehr Gefallen als an den Steinen. Dafür zauberte er für sie ab und zu etwas Hübsches herbei. Da gab er einem Jungen ein Stöckchen, das er in einen Silberstab verwandelte, einem anderen Kind schenkte er einen alten rostigen Schlüssel, der plötzlich golden wurde. Ein anderes Mal brachten die Mädchen Waldblumenkränzchen heim, in denen Saphire und Rubine hervorblitzten. So nach und nach beglückte das Steinmännchen die ganze Waldsiedlung der armen Glasmacher.

Die Nachricht vom Steinmännlein verbreitete sich im ganzen Land. In der nahen Stadt lebte ein alter hässlicher Geizkragen, der nur Geld und Reichtum im Sinn hatte. Obwohl er selbst reich war, gönnte er sich kaum das Nötigste, was man zum Leben brauchte. Sobald er von Wundern im Wald hörte, dachte er nur noch daran, wie er das geheimnisvolle Männlein überrumpeln könnte. Gleich schmiedete er Pläne, wie man dem Kobold einen so großen Schatz entlocken könnte, um der reichste Mensch auf Erden zu werden. Dann sperrte er seinen Reichtum mit drei Schlössern ab und machte sich auf den Weg in die Waldsiedlung.

Nur mühsam stapfte er auf schmalen gefährlichen Pfaden, durch wilde Schluchten und tiefe Wälder, doch die Gier trieb ihn immer weiter. Als er die Kinder endlich fand, gaukelte er ihnen den großen Kinderfreund vor. Wie geizig er sonst auch war, jetzt schenkte er den Kindern allerlei Leckerbissen, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Von den arglosen Kindern erfuhr er, dass das Männlein hier im Wald unter einem großen Stein hauste. Er brachte die Kinder heim und kehrte heimlich zurück, um dem Steinmännchen aufzulauern. Kälte, Hunger und Durst hielten ihn nicht vom langen Warten ab, es quälte ihn lediglich die Sorge, dass ihm der Kobold entwischen könnte. 

Und dann hörte er an einem schönen Sonnentag ein lautes Kinderjauchzen: „Das Steinmännlein! Das Steinmännlein!“ Dem Geizhals quollen fast die Augen heraus, als er mitten unter den Kindern den Kobold sah, der noch kleiner war als die Kleinsten unter ihnen. In seinem Gewand, grau wie ein verwitterter Stein, warf er sein Spitzhütchen in die Luft, lachte, scherzte und tollte mit den Kindern herum. Dann rief er: „Jetzt setzt euch schön in einen Kreis und hört mir zu! Ich will euch eine schöne Geschichte über Waldtiere erzählen.“ Er ließ sich auf einem Baumstumpf nieder, die Kinder wurden still, bildeten einen Kreis um ihn und spitzten die Ohren.

Der Geizhals konnte seine Aufregung kaum noch bändigen. Mit angehaltenem Atem kroch er heimlich hin auf allen Vieren und mit einem dumpfen Aufschrei sprang er den Zwerg an. Seine Hand schnappte nur etwas Graues, denn das Steinmännlein war blitzartig verschwunden. Wie und wohin, das hat in diesem Wirrwarr niemand gesehen. Die Kinder schrien auf und blieben wie versteinert stehen. Als der Geizhals sah, was er geschnappt hatte, wurde er kreidebleich. Bloß ein Stück morsches Holz hielt er da in der Hand. Blind vor Wut packte er das Holz und schmetterte es wild fluchend gegen einen Stein, mit solcher Kraft, dass es in tausend Stücke zersprang. Die verschreckten Kinder liefen davon, ohne sich auch nur umzudrehen. Am nächsten Tag wurde der Geizkragen gefunden, er war mausetot. Man begrub ihn an einer einsamen Stelle am Waldesrand. Die Kinder im Wald des Isergebirges haben seitdem das Steinmännlein nie wieder gesehen. Oft suchten sie nach ihm, riefen traurig und flehend: „Steinmännlein, Steinmännlein, komm wieder zu uns, der böse Mann ist für immer fort!“ Aber so sehr sie auch riefen und baten, ihre Stimmchen verhallten im Wald, nur manchmal antwortete ein Echo aus der Ferne. Und all der Reichtum, welchen das Steinmännlein der Siedlung beschert hatte, verschwand auf unerklärliche Weise. Den Menschen zerrann er zwischen den Fingern, und so wurden sie bald genauso arm und bedürftig wie davor.

Gewinnspiel: Senden Sie eine E-Mail mit dem Stichwort „Steinmännlein“ an redaktion@landesecho.cz. Unter allen Einsendungen verlosen wir ein zweisprachiges deutsch-tschechisches Hörbuch „Sagen und Märchen der Deutschen aus dem Isergebirge“.

Quelle: Sagen und Märchen der Deutschen aus dem Isergebirge (Petra Laurin & Monika Hanika), Haus der deutsch-tschechischen Verständigung in Reinowitz, 2022 / Pověsti a pohádky Němců z Jizerských hor (Petra Laurin & Monika Hanika, Dům česko-německého porozumění v Rýnovicích, 2022.

Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 5/2026

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