Interne Konflikte, kündigende Mitarbeiter und der Rückzug wichtiger Geldgeber bedrohen eine der bedeutendsten Institutionen Prags. Ausgerechnet kurz vor dem 90. Geburtstag von Václav Havel droht der nach ihm benannten Bibliothek die Schließung.
Eigentlich laufen bereits die Vorbereitungen auf die Feierlichkeiten. Im Herbst wäre der Namensgeber der Bibliothek, Václav Havel, 90 Jahre alt geworden. Doch statt den runden Geburtstag für den früheren tschechoslowakischen und später tschechischen Präsidenten zu planen, kämpft die Bibliothek jetzt um ihre Zukunft.
Wachsende Existenzängste
Mehrere Sponsoren haben ihre Unterstützung für die Einrichtung eingestellt. Besonders schwer wiegt der Rückzug der Bakala Foundation des Multimillionärs Zdeněk Bakala, welche bisher rund die Hälfte des Budgets der Einrichtung zur Verfügung gestellt haben soll. Zudem kündigte Dagmar Havlová, die Witwe des 2011 verstorbenen Präsidenten, ihren Rückzug aus dem Projekt an. Laut der tschechischen Nachrichtenagentur ČTK fehle ihr die Kraft, sich weiter für die Bibliothek einzusetzen. Gleichzeitig betont sie trotzdem, bis zuletzt an das Ziel des Projekts geglaubt zu haben.
Auslöser der Krise sind offenbar schwere interne Diskrepanzen. Im Mai 2026 reichten alle 17 Angestellten der Václav-Havel-Bibliothek ihre Kündigung ein. Der Grund dafür: der scheinbar chaotische Führungsstil des seit März 2025 amtierenden Direktors der Einrichtung Tomáš Sedláček.
Konflikte um Führung
Sedláček ist ein tschechischer Ökonom, der einst als Wirtschaftsberater an Václav Havels Seite stand. Er selbst hat bislang alle Forderungen auf einen Rücktritt abgelehnt. Stattdessen sieht er die aktuelle Situation nicht als Krise an. Für ihn ebnen die Entwicklungen den Weg für einen Neustart. „Das Ende der Bibliothek steht keinesfalls bevor. Im Gegenteil. Ich bin froh, dass es so schnell zum Kollaps des Verwaltungsrates und des Teams gekommen ist. Denn jetzt haben wir freie Hand für einen Neuanfang mit neuen Partnern, die uns bereits vor einem halben Jahr ihre Unterstützung zugesagt haben“, erklärte Sedláček.
Die Spannungen beschränken sich demnach nicht nur auf die Angestellten und Sponsoren. Auch der Verwaltungsrat, so wie er bislang existierte, bricht auseinander. Bereits vier von fünf Mitgliedern haben ihr Amt wegen Unstimmigkeiten mit Sedláček niedergelegt. Laut Radio Prag International sollen sie zuvor versucht haben, den Direktor der Bibliothek abzusetzen. Ihren Angaben zufolge soll dies durch Dagmar Havlová verhindert worden sein. Die Witwe und eine Mitgründerin der Bibliothek weisen diese Anschuldigung allerdings zurück.
Auch ehemalige Autoren wenden sich von der Einrichtung ab. Der Schriftsteller und früherer Mitarbeiter Jáchym Topol begründete seinen Austritt damit, dass Václav Havel unter der aktuellen Führung wie ein Verkaufsartikel vermarktet wurde.
Mehr als ein Archiv
Die Václav-Havel-Bibliothek wurde 2004 noch zu Lebzeiten des ehemaligen Präsidenten gegründet, um seinen Nachlass zu verwalten. Darüber hinaus fungiert die Einrichtung als Ort, wo Menschen zusammenkommen können, um gesellschaftliche und politische Debatten zu führen. Die Bibliothek organisiert zudem Konferenzen und Bildungsprogramme für Schulen und veröffentlicht Publikationen.
Die Bedeutung der Einrichtung geht daher weit über die Archivierung historischer Dokumente hinaus. Zusätzliche Brisanz erhält die Situation dadurch, dass Dagmar Havlová die Rechte am Namen ihres Mannes besitzt. Welche Folgen ihr Rückzug langfristig für die Bibliothek haben könnte, ist noch offen.




