Maria Hammerich-Maier in ihrem Garten.
Maria Hammerich-Maier in ihrem Garten. Credit: privat

Die Autorin Maria Hammerich-Maier lebt und schreibt zwischen Österreich, Deutschland und Tschechien. Im Gespräch mit dem LandesEcho spricht sie über literarische Impulse, tschechische Lebenswelten und ihr Schreiben zwischen den Kulturen.

LE: Wie hat Ihr Leben zwischen Deutschland und Tschechien Ihre literarische Arbeit geprägt?

Ich bin gebürtige Österreicherin. Mein Leben spielt sich also zwischen Österreich, Deutschland und Tschechien ab. Mit Österreich verbinden mich meine Kindheit und Familie. Am 17. November 1990, also auf den Tag genau ein Jahr nach der Samtenen Revolution, begann ich als Lehrbeauftragte für Deutsch an der Technischen Universität Prag zu arbeiten. Danach war ich fünf Jahre lang Geschäftsführerin eines staatlichen Programmes zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen österreichischen und tschechischen Hochschulen. Während dieses Lebensabschnitts setzte ich mich intensiv mit der tschechischen Lebenskultur auseinander, in die ich langsam hineinwuchs. Dabei habe ich viele Eindrücke, Beobachtungen und Erlebnisse aufgeschrieben, die nun einen Fundus literarischer Stoffe darstellen. Ende 2000 bin ich zu meinem Mann nach Deutschland gezogen. 

LE: Welche Rolle spielt Ihr tschechischer Wohnort bei Benatek (Benátky nad Jizerou) für Ihr Schreiben?

Dort bin ich seit 1995 ansässig, also seit nunmehr drei Jahrzehnten. In der Gegend von Benátky lernte ich wieder andere Facetten der hiesigen Lebenswelt kennen als in der kosmopolitisch geprägten Hauptstadt. Eine meiner Nachbarinnen war eine richtige tschechische „Babička“. Leider ist sie schon verstorben. Wenn ich sie besuchte, glitt ich unwillkürlich in eine Gefühlslage, die ich zuvor so nicht kannte. Meine beiden Prosabände Lucies Männer und Mitteleuropa ist eine Reise wert beruhen auf Geschichten, die in meiner Nachbarschaft bei Benátky und in Prag spielen. An meinem mittelböhmischen Wohnort finde ich die ungestörte Stille vor, die ich brauche, um schöpferisch zu arbeiten. Und hier erwachen die tschechischen Themen und Motive wieder, die in meiner Brust schlummern.

LE: Unter Ihrem Pseudonym „Ria Airam“ haben Sie Prosa veröffentlicht, unter Ihrem eigenen Namen Gedichte. Warum diese Trennung?

Mein Lyrikband Prager Motive in Fotos und Poesie, der in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Jaroslav Tůma entstand, war meine erste selbstständige Buchpublikation. Das Pseudonym Ria Airam habe ich erst später angenommen. Mein Name ist schlichtweg für Buchdeckel zu lang. Unter meinem Pseudonym habe ich die beiden oben erwähnten Prosabände herausgebracht, aber auch den Lyrikband Die Wolkenbank, ein weißes Knebeltuch – ein Gedichtensemble, das während eines Urlaubs im Golf von Salerno entstand. Sachliteratur, zum Beispiel meine Website www.freiheitszug-vlak-svobody.org über die Massenflucht mit einem Personenzug über Asch nach Bayern im September 1951, veröffentliche ich weiterhin unter meinem eigenen Namen.

LE: In Ihrem Laptop ruhen an die 2000 Gedichte – warum haben Sie bisher kaum publiziert? 

Mehrere Gedichte von mir sind in Zeitschriften erschienen. Die Vorbereitung einer Buchpublikation und die Pflege der Leserbeziehung erfordert viel Mühe. Ich hatte bisher wenig Spielraum dafür. Vielleicht fehlte es mir auch an Selbstvertrauen. Doch ich werde meine Gedichte nicht in der Schublade dem Vergessen anheimgeben, sondern beabsichtige, sie allgemein zugänglich zu machen. 

LE: Welche Bedeutung messen Sie der deutschsprachigen Literatur in Böhmen heute bei?

Zum einen haben wir hier die Tradition der deutschböhmischen Literatur. Zum anderen begegnen Sie im heutigen Tschechien auf Schritt und Tritt Spuren tschechischer, deutscher, jüdischer und anderer mitteleuropäischer Kulturen. Unterdrückt wurde diese Vielfalt in der Zeit des Nationalsozialismus und während der kommunistischen Diktatur von 1948 bis 1989. Aufgrund des mitteleuropäischen Kontexts erscheint es naheliegend, dass sich auch deutschsprachige Autoren wieder mehr im Raum Tschechiens engagieren. Das Zusammentreffen und der Austausch unterschiedlicher Perspektiven auf gemeinsame Themen ist meiner Überzeugung nach eine wesentliche Basis dafür, dass Europa in seiner Vielfalt zusammenhält. 

LE: Ihr Gedicht Abend am Chrást ist voller Naturbilder und zugleich sehr persönlich. Wie entsteht bei Ihnen ein Gedicht – eher spontan oder aus längerer Reflexion?

Das Gedicht Abend am Chrást ist aus einer Stimmung heraus entstanden. Ich habe dabei ästhetische Verfahren angewendet, die ich bei meinem bisherigen lyrischen Schaffen eingeübt habe. Dieses Gedicht ist also spontan in einem Wurf entstanden. An manchen Gedichten feile ich aber lange, bis ich mit ihnen zufrieden bin. Am Beginn steht immer ein ästhetischer Impuls von außen. Damit der Gestalt annehmen kann, muss ich mich in einem Zustand lyrischer Empfänglichkeit befinden. Nicht selten entfalte ich den Anfangsimpuls auch anhand von Themen und Motiven, die mich schon lange beschäftigen. Eine unabdingbare Voraussetzung für die Entstehung eines Gedichts ist Muße.

LE: Welche Dichterinnen oder Dichter inspirieren Sie?

Um nur einige zu nennen: Als Heranwachsende trug ich immer ein Reclam-Bändchen mit einer Gedichtauswahl von Rainer Maria Rilke in der Tasche und vertiefte mich jede freie Minute darin. Später sprach mich unter anderem die Lyrik von Else Lasker-Schüler sehr an. In der jüngsten Zeit habe ich mich mit Peter Huchel befasst, über den ich eine Rundfunksendung für den Sender Vltava geschrieben habe. 

LE: Sie erwähnen, dass Sie sich in einer Umbruchphase befinden. Was bedeutet das konkret für Ihr Schreiben?

In dem Maße, in dem ich meine Erwerbstätigkeit zurückschraube, kann ich mich dem Schreiben eingehender widmen. Ich verwende mehr Sorgfalt auf alle Komponenten von Texten, an denen ich arbeite, angefangen vom Sujet, Aufbau und Stil eines Werkes bis hin zum einzelnen Satz und Wort.

LE: Welche Projekte liegen Ihnen besonders am Herzen?

Eine persönliche Website zu erstellen, gehört zu meinen nächsten Plänen. Derzeit arbeite ich an einem Roman, der in der ehemaligen ČSSR verortet ist. Viele Menschen in Tschechien entdecken erst in der Gegenwart in einem oft schwierigen und langwierigen Prozess, dass sie deutsche oder österreichische Vorfahren haben. Ihre Eltern haben es ihnen bis zum Umsturz von 1989 verschwiegen, weil sie Nachteile befürchten mussten. Dieses langsame Aufbrechen des Bewusstseins der eigenen Wurzeln berührt mich sehr. Es ist das Hauptthema dieses Romans. Auf der zweiten Ebene erinnert er an Fluchtereignisse der Jahre 1948 bis 1989. Und die dritte Ebene ist autobiographisch motiviert. Als eine von wenigen Studierenden wagte ich mich noch nach 1968 in die ČSSR. 1985 verbrachte ich ein Gastsemester an der Karls-Universität. Die dritte Ebene reflektiert diese einschneidende und nachhaltig prägende Erfahrung. Ich hoffe diesen Roman im kommenden Jahr fertigzustellen. Daneben will ich meine Recherchen über den Freiheitszug von 1951 noch umfassender in einer Buchpublikation veröffentlichen, als dies bisher geschehen ist.

Das Gespräch führte Manuel Rommel

Abend am Chrást

Die Rufe der Käuzchen
haben ihn eingeläutet
eine Junggänseschar mengt
ihr helles Geschnatter darein

Von Angesicht zu Angesicht
mit der gotischen Kathedrale
des hehren Lindenbaumes

Lausche ich

Nur ein Turmfenstermosaik
hoch droben leuchtet hell
es liegt in der Augenachse
des blinzelnden Abendgeistes

Alena vom Nachbargarten
schlingt das geschmeidige Band
ihrer Stimme um Kinder und
Enkel, die jetzt zu ihr finden

Jo-o-o-o-o, wie geht es euch?
Ich möchte die auskragenden
Ranken der Warmherzigkeit
niemals mehr hier missen

Mein heißer Blutcocktail pulsiert
in den angespannt spreizenden
Fingerspitzen zum Taubengurren
schmiedet die erhobenen Hände
zur horchenden Andacht 

Zwei Jahre habe ich kein Gedicht
mehr geflochten, keins gedrechselt
So viel verlorene Lebenszeit
ganze Jahre abgewürgt

Der Golden Retriever bellt
Ich weiß, wer er ist
Das Käuzchen ruft
Ich weiß, wer es ist

Grillen zirpen hinter meinen Ohren
der Gänseschaar Parole bietend

Ein Hund bellt
Der Hund
Ein Käuzchen
Die Gänseschar zirpt

Hören wir auf
das Leben

Leben, lass
uns dich hören

Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 4/2026

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