Um seine Familie aus dem Elend zu befreien, macht sich ein armer Waldarbeiter auf den Weg, die Moorfrau anzurufen. Wird die sagenumwobene Erscheinung dem Waldarbeiter und seiner Familie helfen?
Vor ewigen Zeiten lebte ein armer Waldarbeiter mit seiner Familie in der kleinen Glasmachersiedlung Christiansthal (Kristiánov). Das Unglück verfolgte ihn auf Schritt und Tritt, Arbeit gab es nur spärlich. Sein karger Lohn reichte kaum dazu, seine sechs kleinen Kinder und seine kranke Frau durchzufüttern. Vergeblich zermarterte er sich das Hirn, wie er aus diesem Elend herauskommen könnte. In seiner Verzweiflung beschloss er, Hilfe von der Moorfrau zu erflehen. Er wusste, dass sie tief in den düsteren Wäldern des Isergebirges lebte, im gefährlichen Moor Tschihanelwiese, dort, wo zwischen niedrigen verkrüppelten Fichten einige Teiche schwarz glänzten.
Vorsicht vor der Moorfrau
Über die Moorfrau erzählte man sich Wunderliches. Die Armen konnten manchmal am Teichgrund eine junge Frau mit hübschem Antlitz sehen, einigen soll sie sogar zu Geld und Ansehen verholfen haben. Jenen, die ungute Absichten hegten, zeigte sie sich jedoch als ein altes hässliches Weib in jämmerlichen Fetzen. Schlechten Menschen drohte sie mit dem Gehstock, und wenn sie sich nicht schleunigst davon machten, erwartete sie Armut und Verderben. Die Bösen lockte sie immer weiter ins Moor, wo sie eine unsichtbare Hand in die Tiefe zog, bis sich das Moor über ihren Köpfen schloss.
Der Waldarbeiter kannte diese Geschichten, wusste sich aber nicht anders zu helfen, als trotz seiner Furcht die Moorfrau aufzusuchen. Ohne jemandem davon ein Sterbenswörtchen zu sagen, machte er sich auf den Weg zur Tschihanelwiese. Es war ein trüber Herbsttag. Über die Wälder brauste ein kalter Sturm, und es dämmerte schon, als der Mann zu seinem Ziel kam. Das Wasser in den Teichen war schwärzer denn je, und die bodenlose Tiefe schien nur darauf zu warten, den Eindringling hinabzuziehen. Es lief ihm kalt über den Rücken. Doch der Gedanke an seine kranke Frau und die hungrigen Kinder gab ihm Mut. Er blieb stehen, holte tief Luft und rief: „Moorfrau!“
Zusammenkunft im Sumpf
„Huiii!“, antwortete der Sturm höhnisch und schnitt ihm das Wort ab. In den Ästen knarrte es, und böse Geister in Gestalt der Fichten schnappten mit dürren Armen nach ihm. Trotz alledem blieb der Mann standhaft. Als sich der Sturm etwas legte, rief er abermals, noch lauter: „Moorfrau!“
Sogleich brach der Sturm wieder los, noch wütender. Er riss ihm den Hut vom Kopf und zerrte an seinem Haar, als wolle er ihn fortreißen. Ein feuchter Nebelschwaden griff ihm ins Gesicht wie eine eisige Totenhand, dass es ihm durch Mark und Bein ging. Doch der Mann hielt auch diesmal stand, und als er den Schrecken überwunden hatte, rief er zum dritten Mal, noch lauter als zuvor: „Moorfrau!“
Ein fürchterliches Heulen und Toben ging durch die Luft, die Bäume brachen entzwei, und ein dichter Nebel hüllte alles in Dunkel. Da wurden über dem Moor die Nebelschwaden aufgewirbelt und aus dem Wasser stieg ein unheimliches Gurgeln. Bei näherem Hinsehen bemerkte er, dass sich die Nebelfetzen zu verschiedenen Gestalten formten: kleine Männchen, alte Weiber, eigentlich Kobolde und Hexen. Das wilde Treiben über dem Moor überragte eine Gestalt in grauen Lumpen, um ihren zahnlosen Mund spielte ein ungutes Lächeln. Dem Mann erstarrte das Blut in den Adern. Es gab keinen Zweifel: Dies war die Moorfrau.
Der tolle Reigen war plötzlich dahin, und die Moorfrau senkte sich auf das dunkle Wasser. Nun hörte der Mann ihre zornige Stimme: „Was rufst du mich?!“
Alles umsonst?
Es dauerte eine Weile, bis er sich von dem Schrecken erholte, aber dann erzählte er ihr von seinem Elend, von der bitteren Not, seiner kranken Frau und den hungernden Kindern. Er wüsste sich keinen anderen Rat, als ihre Hilfe zu erbitten.
Als Antwort bekam er nur ein gellendes höhnisches Lachen. „Meinst du, ich sei dazu da, mich um euch Menschlein und eure erbärmlichen Sorgen zu kümmern? Geht es euch gut, da liegt euch wenig an den überirdischen Kräften, ihr verspottet sie gar. Seid ihr aber in Nöten, kommt ihr jammernd angekrochen. Schande über euch, nichtsnutzige elende Menschenbrut!“
Dem Armen gab es einen Stich ins Herz, fast brach er zusammen. All seine Hoffnung war weg, er dachte nun, dass ihn das schreckliche Weib auch noch töten würde. Inzwischen wurde es stockdunkel, er konnte gar nichts mehr sehen. Er vernahm nur ihre spöttische Stimme, ihr höhnisches Gelächter ging im aufkommenden Sturm unter. Der verzweifelte Mann rief abermals, bittend und bettelnd, sie möge sich seiner erbarmen. Vergeblich. Von der Moorfrau war nichts mehr zu hören, nichts zu sehen, und das Moor versank in völliger Dunkelheit.
Mit schwerem Herzen wankte der Waldarbeiter heim. Am liebsten wäre er im tiefen Wald zu Boden gefallen, um dort für immer liegen zu bleiben, aber der Gedanke an seine Frau und die Kinder trieb ihn an weiterzugehen. Seine arme Familie wartete sicher mit Bangen und Hoffen, dass er ihnen etwas zu essen bringe. Was nun?
Das Glück ist mit den Mutigen
Endlich erreichte er seine kleine Ortschaft. Alles schlief dort, nur in seiner ärmlichen Hütte brannte noch ein Licht. Die Familie wartete auf ihn. Mit schwerem Herzen schlich er zur Tür. Wie sollte er ihnen bloß sagen, dass er gar nichts mitbringt?
Zaghaft klopfte er an, und als sich die Türe öffnete, verschlug es ihm die Sprache. „Papa! Papa!“ begrüßten ihn jauchzend seine Kinder. In der Stube duftete eine feine Suppe, und der sonst stets kahle Tisch bog sich jetzt unter allerlei Leckerbissen. Seine Frau, eben noch schwerkrank, war frisch und munter, mit rosigen Wangen sah sie gesundet aus.
Er wähnte sich in einem Traum, aber die Gattin sagte fröhlich: „Aber was staunst du so, du selbst hast uns doch all die schönen Sachen geschickt! Wir sind dir unendlich dankbar und vor Freude ganz außer uns.“
Der verdutzte Mann stotterte nur: „Ich hätte euch all das geschickt?“
„Du magst wohl scherzen, mein Lieber“, antwortete die Frau. „Das Mädchen, das uns den vollen Korb gebracht hatte, sagte doch, es wäre von dir, und du selbst kommst auch bald nach. Ehe wir uns vom Staunen erholen konnten, war sie schon wieder weg.“
Da ging ihm langsam das Licht auf. Er gestand, dass er bei der Moorfrau gewesen war, um von ihr Hilfe in seiner Not zu erflehen. „Es ist gewiss so, dass sie uns jenes Mädchen geschickt hat. Und das trotz der zornigen Reden, mit denen sie mich überschüttet hatte.“
Und als sie dann noch auf dem Boden des Korbes eine Rolle glänzender Golddukaten fanden, gab es keine Zweifel mehr. In die kleine Hütte zog das Glück ein. Der Vater war stolz, dass er so viel Mut fand, um seinen Lieben helfen zu können, und sie alle gedachten in tiefer Dankbarkeit der wunderlichen, gütigen Moorfrau.
Quelle: Sagen und Märchen der Deutschen aus dem Isergebirge (Petra Laurin & Monika Hanika), Haus der deutsch-tschechischen Verständigung in Reinowitz, 2022 / Pověsti a pohádky Němců z Jizerských hor (Petra Laurin & Monika Hanika, Dům česko-německého porozumění v Rýnovicích, 2022.
Gewinnspiel: Senden Sie eine E-Mail mit dem Stichwort „Moorfrau“ an redaktion@landesecho.cz. Unter allen Einsendungen verlosen wir ein zweisprachiges deutsch-tschechisches Hörbuch„Sagen und Märchen der Deutschen aus dem Isergebirge“.
Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 1/2026
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