Die neue Ausstellung in der Gemäldegalerie Reichenberg (Liberec) zeigt zum ersten Mal in umfassender Breite und Tiefe die Vielfalt der Reichenberger Kunstszene zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Zehn Jahre Forschungsarbeit stehen hinter der Ausstellung „Argonauten des Ideals“. Die Kunsthistorikerin Anna Habanová eröffnete sie vor Kurzem in der Gemäldegalerie, dem ehemaligen Franz-Joseph-Bad. Die Exposition beleuchtet zugleich die gesellschaftliche und ethnische Stellung der Künstler. „Auf zwei Etagen sind mehr als 200 Werke zu sehen – Ölgemälde, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen, Plaketten, Bücher und Plakate“, ergänzt die Autorin. Die Arbeiten stammen aus den Sammlungen vieler Galerien und Museen in Tschechien und Deutschland, sowie von Privatbesitzern.
Im Mittelpunkt stehen vor allem die Aktivitäten der sogenannten Oktobergruppe. „Ihr Schaffen stellt ein einzigartiges Phänomen in einer Zeit dar, in der sich Reichenberg zu einem tatsächlichen Zentrum entwickelte, das den Anspruch erhob, Hauptstadt Deutschböhmens zu werden“, betont sie.
Lokale Kunst fördern
Reichenberg war Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine aufstrebende Industriestadt, die Diplomaten und Kaufleute aus ganz Europa anzog. Lokale Unternehmer und Bürger suchten ihre Vorbilder in Wien, dem kulturellen Zentrum der österreichisch-ungarischen Monarchie. Dort kauften sie Kunstwerke, mit denen sie ihre repräsentativen Wohnhäuser schmückten. „Der Dichter Erich Posselt und sein Vorgänger, der Kunsthistoriker Ernst Polaczek, bemühten sich daher, die lokale Produktion zu fördern und ihre Präsentation zu unterstützen“, sagt Habanová.
Posselt versuchte in der Stadt unter dem Jeschken einem breiten Publikum zeitgenössische Literatur, Musik und bildende Kunst näherzubringen. Der Titel der Ausstellung geht auf einen seiner Texte zurück. Er bezeichnete deren Autoren als „Argonauten des Ideals“, als jene, die nach höheren künstlerischen Zielen streben. Seine Bemühungen blieben jedoch erfolglos. „Erst die 1920er Jahre brachten eine Blütezeit der Kunst“, ergänzt Habanová.
Heimatbilder neu entdeckt
Die Aktivitäten der 11-köpfigen Oktobergruppe aus der Zwischenkriegszeit wurden in der ehemaligen Schwimmhalle gezeigt. Zu den Gründern zählten Erwin Müller, Alfred Kunft, Rudolf Karasek und Hans Thuma. Später kamen Edith Plischke, Richard Fleissner, Wenzel Franz Jäger und andere hinzu. Die erste gemeinsame Ausstellung fand im Oktober 1922 im Nordböhmischen Museum in Reichenberg statt; zuletzt präsentierte sich die Gruppe Ende 1927 im Prager Mánes. Danach beteiligten sich ihre Mitglieder bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs an Gemeinschaftsausstellungen in Gebieten mit deutschsprachiger Bevölkerung.
Ein Teil Ausstellung ist einer Sammlung von Landschaftsbildern aus dem Isergebirge gewidmet. Der Raum unter der Treppe zeigt eine Auswahl damaliger Illustrationskunst und verdeutlicht die Bedeutung der örtlichen Verlage. Im zweiten Geschoss werden Werke jener Künstler präsentiert, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Reichenberg verbunden waren. „Die Atmosphäre der Zeit wird durch ausgewählte Dokumentarfilme aus den 1920er Jahren ergänzt“, beschreibt Habanová.

Viele Werke verschollen
Von den insgesamt mehr als 200 Katalognummern aus drei erhaltenen Katalogen konnte etwa ein Viertel identifiziert werden. „Viele Werke sind leider ganz verschollen“, sagt Habanová. Neben der Ausstellung entstand auch ein Katalog. „Es wäre schön, wenn sich eine Möglichkeit ergäbe, die Werke auch in Deutschland, etwa in München, zu präsentieren“, ergänzt sie.
Die Gebietsgalerie in Reichenberg wurde 1953 gegründet und mit etwa 22.000 Kunstwerken ist sie die fünftgrößte Galerie in Tschechien. Die Ausstellung Argonauten des Ideals läuft bis zum 22. Februar 2026, am 10. Januar 2026 um 15 Uhr findet eine kommentierte Führung auf Deutsch statt.




