Seit 75 Jahren bewahrt die Seliger-Gemeinde das Erbe der sudetendeutschen Sozialdemokratie und engagiert sich für die deutsch-tschechische Verständigung. Ihr Jubiläum feierte sie nun an ihrem Gründungsort im bayerischen Brannenburg.

Nach Brannenburg nahe der bayerisch-österreichischen Grenze kamen am 5. August rund 40 Gäste zur Feier des 75. Gründungstages der Seliger-Gemeinde (SG). Veranstaltungsort war das ehemalige Postgewerkschaftsheim, heute ein Bildungszentrum der Gewerkschaft Verdi. Hier hatte sich die Seliger-Gemeinde am 10. und 11. November 1951 konstituiert, nachdem sie wenige Monate zuvor als Verein registriert worden war. Zum ersten Vorsitzenden wählten die sudetendeutschen Sozialdemokraten Wenzel Jaksch, der bereits 1938 in Prag zum letzten Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP) gewählt worden war. 

Die Gründung markierte einen Neubeginn nach den Jahren von Exil, Verfolgung, KZ-Haft und Vertreibung. Benannt wurde die Organisation nach Josef Seliger, dem ersten Vorsitzenden der 1919 gegründeten DSAP. In Westdeutschland widmete sich die SG der Integration der Vertriebenen und der Pflege des politischen und historischen Erbes der sudetendeutschen Sozialdemokratie, eine Bemühung, die nun schon 75 Jahre anhält.

Im November 1951 konstituierte sich die Seliger-Gemeinde im bayerischen Brannenburg.
Im November 1951 konstituierte sich die Seliger-Gemeinde im bayerischen Brannenburg. Credit: Seliger-Gemeinde

Ein „Kronjuwelenjubiläum“

Ko-Vorsitzende Christa Naaß, die die Feier moderierte, griff die Metapher der Ehejubiläen auf, um die 75 Jahre Seliger-Gemeinde als „Kronjuwelenjubiläum“ zu qualifizieren. An das partnerschaftliche gemeinsame Wirken um Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, aber auch an Solidarität und Kameradschaft, Brüderlichkeit oder Schwesterlichkeit erinnerte Libor Rouček, ehemaliger tschechischer Vizepräsident des EU-Parlaments. 

Roučeks Verbindung zur Seliger-Gemeinde reicht bis 1982 zurück. Damals lebte er als tschechoslowakischer Flüchtling in Österreich und traf in Stuttgart den SG-Vorsitzenden Adolf Hasenöhrl. Dabei erfuhr er vom Schicksal der „anderen“ Deutschen: Von fast 90 000 DSAP-Mitgliedern kamen 20 000 in Konzentrationslager, 6000 von ihnen kehrten nicht zurück. Zugleich lernte er das Engagement sudetendeutscher Sozialdemokraten beim Wiederaufbau der Bundesrepublik kennen.

Schon damals sei angeklungen, was später zu einem Schwerpunkt der SG wurde: die deutsch-tschechische Verständigung. Die Geschichte nicht zu vergessen, zugleich aber die friedliche grenzüberschreitende Zusammenarbeit in den Vordergrund zu stellen, sei ihr Credo.

Schwäche der Sozialdemokratie in Europa

Patrik Eichler von der Demokratischen Masaryk-Akademie würdigte die enge Zusammenarbeit beider Organisationen und beschrieb zugleich die gegenwärtig schwierige Lage der Sozialdemokratie in Tschechien. Sie sei als Organisation oder Dach für eine sozialdemokratische Politik gegenwärtig nicht mehr existent. Der sozialdemokratische Geist der Solidarität lebe nur noch in Persönlichkeiten der Gewerkschaften und verschiedenen Vereinigungen fort. Die Schwäche der Sozialdemokratie im östlichen Europa müsse überwunden werden, sonst könne es in ganz Europa keine Renaissance der wichtigen Werte der friedlichen Zusammenarbeit und Solidarität geben. 

Die Bundesregierung war durch Bärbel Kofler vertreten, parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In ihrem Festvortrag erinnerte sie an einen Ausspruch von Präsident Masaryk: „Demokratie ist die politische Form der Menschlichkeit.“ In ihrem Ministerium frage man sich, wie man mit gegenwärtig 150 Millionen Vertriebenen in der Welt umgehen könne. Es gäbe da nur Antworten im friedlichen Miteinander und mit internationaler Solidarität. 

Welche Bedeutung die sudetendeutsche Sozialdemokratie auch für die heutige tschechische Gesellschaft haben kann, diskutierten Thomas Oellermann von der Friedrich-Ebert-Stiftung und Filip Bláha, Stadthistoriker von Kladno. Eine konsequente Erinnerungsarbeit sei wichtig, sie stärke das Bewusstsein für die regionalen demokratischen Errungenschaften in der Zwischenkriegszeit, die sudetendeutsche sozialdemokratische Politiker geliefert hätten. Wichtig sei auch der Hinweis auf die noch immer in Tschechien lebende deutsche Minderheit. Es fehle eine Ausstellung über die Erfahrungen der heimatverbliebenen Deutschen. Auch der heute in der Politik häufig verwendete Begriff „unsere Leute“ lasse sich historisch weiter fassen: Zur Gesellschaft der Tschechoslowakei und später Tschechiens gehörten und gehören nicht nur Tschechen, sondern auch zahlreiche Minderheiten.

Ausstellung: Böhmen liegt nicht am Meer

Für die Sudetendeutsche Stiftung, die die Jubiläumsfeier unterstützte, gratulierte deren stellvertretender Vorstandsvorsitzende Alexander Klein. Die SG habe nicht nur das politische und geistige Erbe der sudetendeutschen Sozialdemokratie bewahrt, sondern zugleich einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass die Geschichte der Sudetendeutschen in ihrer ganzen Vielfalt lebendig blieb. 

Passend dazu war im Veranstaltungssaal die Ausstellung der SG Böhmen liegt nicht am Meer zu sehen, die anhand von 25 Lebenswegen Persönlichkeiten und Schicksale der sudetendeutschen Sozialdemokratie vorstellt. Unter den Besuchern war auch der SPD-Gemeinderat von Brannenburg Richard Salomon, der den Transfer der Ausstellung in die Räume des Rathauses veranlasste. Vielleicht erinnern sich dann nicht nur Sudetendeutsche, sondern auch gemeine Oberbayern an ein wichtiges Ereignis der sudetendeutsch-tschechischen Geschichte in ihrem Ort vor 75 Jahren.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der LandesEcho-Ausgabe 9/2026

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