Martin Herbert Dzingel hat die Arbeit der Landesversammlung über Jahrzehnte geprägt – zunächst als Geschäftsführer, später zusätzlich als Präsident. Im August übernimmt er die Leitung des Thomas-Mann-Gymnasiums in Prag. Im Gespräch mit dem LandesEcho blickt er auf wichtige Erfolge seiner Amtszeit zurück, spricht über die Zukunft der deutschen Minderheit und erklärt, warum er den Wechsel in den Bildungsbereich als Chance begreift.
LE: Herr Dzingel, nach vielen Jahren an der Spitze der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik wechseln Sie nun an das Thomas-Mann-Gymnasium. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diesen Schritt?
Zunächst einmal verlasse ich die deutsche Minderheit nicht vollständig. Ich bleibe Mitglied des Präsidiums der Landesversammlung, Vorsitzender des Prager Verbands der deutschen Minderheit und engagiere mich weiterhin in weiteren Gremien. Zudem übernehme ich die Leitung einer Schule, die sich in Trägerschaft der Landesversammlung befindet.
Gleichzeitig endet für mich aber eine wichtige berufliche Etappe, und eine neue beginnt. Die Leitung eines Gymnasiums ist eine ganz andere Aufgabe als die Arbeit in der Minderheitenvertretung. Als das Angebot des Verwaltungsrats kam, habe ich mir gesagt: Wenn ich noch einmal etwas Neues wagen möchte, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.
Deshalb blicke ich nicht mit Nostalgie zurück. Natürlich wird mir manches fehlen, aber ich habe diese Entscheidung bewusst getroffen und freue mich auf die neue Herausforderung. Sie wird anspruchsvoll sein und sicher auch schwieriger als vieles, was ich bisher gemacht habe. Ob ich ihr gerecht werde, wird sich zeigen – ich werde jedenfalls mein Bestes geben.
LE: Wenn Sie auf Ihre Zeit als Präsident und später Geschäftsführer der Landesversammlung zurückschauen: Welche Entwicklungen oder Projekte betrachten Sie als Ihre wichtigsten Erfolge?
Als ich 2010 das Amt des Präsidenten übernommen habe, befand sich die Landesversammlung in einer Phase des Umbruchs. Neue digitale Möglichkeiten eröffneten sich, und wir haben diese Entwicklung bewusst genutzt. Wir haben unsere Kommunikation modernisiert, einen neuen Internetauftritt geschaffen und die Organisation insgesamt zeitgemäßer aufgestellt.
Ein weiterer wichtiger Erfolg war der Erwerb eigener Räumlichkeiten für die Landesversammlung. Damit verfügt die deutsche Minderheit erstmals über einen langfristig gesicherten Sitz. Das stärkt die Stabilität und Unabhängigkeit unserer Arbeit erheblich.
Besonders wichtig sind für mich aber Projekte mit langfristiger Wirkung. Dazu gehören die Aufarbeitung und Pflege deutscher Gräber sowie die erfolgreiche Anhebung der Schutzstufe der deutschen Sprache im Rahmen der Europäischen Charta für Regional- oder Minderheitensprachen. Diese Projekte haben die Sichtbarkeit und die Position der deutschen Minderheit in Tschechien nachhaltig gestärkt.
Viele dieser Vorhaben konnten wir nur dank des großen Engagements des Präsidiums, unserer Mitarbeiter, der Verbände und Partner verwirklichen. Darauf bin ich sehr stolz.
LE: Als einer der größten Erfolge Ihrer Amtszeit gilt die Anhebung der Schutzstufe der deutschen Sprache im Rahmen der Europäischen Charta für Regional- oder Minderheitensprachen auf Stufe 3 in acht tschechischen Kreisen. Warum war dieses Ziel so wichtig?
Die Anhebung der Schutzstufe war für die deutsche Minderheit ein echter Meilenstein. Nach mehr als 100 Jahren war dies die erste gesetzliche Verbesserung zugunsten der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei beziehungsweise der Tschechischen Republik.
Zugleich handelt es sich nicht nur um eine politische Absichtserklärung, sondern um eine rechtliche Verankerung. Die Verpflichtungen sind Teil eines internationalen Vertrags, auf den man sich berufen kann. Das schafft eine Grundlage, auf der sich konkrete Maßnahmen entwickeln und Unterstützung einfordern lassen.
LE: Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der Umsetzung dieser Verpflichtungen? Wo sehen Sie konkrete Fortschritte, und wo gibt es noch Nachholbedarf?
Die Umsetzung der Charta ist anspruchsvoll, weil sie finanzielle Mittel, personelle Kapazitäten und einen langen Atem erfordert. Deshalb verläuft der Prozess langsamer, als ich es mir wünschen würde. Dennoch gibt es Fortschritte. Die zuständigen Behörden und Ministerien befassen sich inzwischen mit den Verpflichtungen, die sich aus der Charta ergeben.
Entscheidend ist für mich, dass sich die Tschechische Republik zu diesen Verpflichtungen bekannt hat. Die Charta hat einen Prozess in Gang gesetzt, der Zeit braucht. Man kann ihn mit einem großen Rad vergleichen, das zunächst in Bewegung gebracht werden muss. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich weitere Fortschritte erzielen lassen. Wichtig ist, dass die deutsche Minderheit das Thema auch künftig aktiv begleitet und vorantreibt.
LE: Die deutsche Minderheit steht vor der Herausforderung, jüngere Generationen einzubinden. Wie beurteilen Sie die Zukunftsfähigkeit der Minderheitenarbeit in Tschechien?
Die Zahl der aktiv Engagierten ist heute kleiner als unmittelbar nach der politischen Wende. Damals gab es vielerorts deutlich mehr Menschen, die sich mit ihrer deutschen Identität identifizierten und in den Verbänden mitwirkten. Deshalb kann die Minderheitenarbeit heute nicht mehr allein auf große Mitgliederzahlen setzen. Entscheidend ist, Menschen anzusprechen, zu überzeugen und langfristig einzubinden.
Gleichzeitig sehe ich durchaus Grund für Optimismus. Das hat die Volkszählung 2021 gezeigt. Erstmals konnten mehrere Nationalitäten angegeben werden. Neben den rund 9.000 Menschen, die ausschließlich die deutsche Nationalität angaben, bekannten sich weitere etwa 16.000 Personen sowohl zur deutschen als auch zu einer anderen Nationalität. Das zeigt, dass es in Tschechien weiterhin viele Menschen mit deutschen Wurzeln oder einem Bezug zur deutschen Kultur gibt.
Für mich ist das ein wichtiges Signal. Die Zukunft der Minderheit liegt nicht allein in den traditionellen Strukturen, sondern auch darin, diese Menschen anzusprechen und für die Minderheitenarbeit zu gewinnen. Dafür brauchen wir offene Verbände und die Bereitschaft, Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen.
LE: Ab August übernehmen Sie die Leitung des Thomas-Mann-Gymnasiums. Was reizt Sie an dieser Aufgabe, und welche Erfahrungen aus Ihrer langjährigen Arbeit für die deutsche Minderheit möchten Sie dort einbringen?
Mich reizt vor allem die Arbeit mit jungen Menschen und die Möglichkeit, einen Beitrag zu ihrer Bildung zu leisten. Das halte ich für eine sehr verantwortungsvolle und wichtige, sogar edle Aufgabe.
Zugleich ist das Thomas-Mann-Gymnasium ein deutsch-tschechisches Gymnasium, dessen Profil eng mit der deutschen Sprache und Kultur verbunden ist. Ich möchte die Erfahrungen, die ich in der Minderheitenarbeit gesammelt habe, in die Entwicklung der Schule einbringen und die Verbindung zwischen Schule und deutscher Minderheit weiter stärken.
Dabei komme ich nicht als Außenstehender. Seit mehr als 20 Jahren bin ich in verschiedenen Aufsichts- und Verwaltungsgremien mit der Schule verbunden und habe zahlreiche Projekte begleitet. Deshalb sehe ich meine neue Aufgabe auch als Fortsetzung eines langjährigen Engagements – allerdings in einer neuen Rolle.
Natürlich gibt es auch konkrete Herausforderungen. Die Schule benötigt perspektivisch mehr Raum, sodass Erweiterungen oder neue Räumlichkeiten ein wichtiges Thema sein werden. Insgesamt freue ich mich darauf, die Schule gemeinsam mit dem Team weiterzuentwickeln.
Das Gespräch führte Manuel Rommel.
Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 7/2026
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