Zwischen Cafés, Bars und dem aufgeregten Treiben an der Moldau blicken sie auf die Stadt und das Flussufer: Die riesigen Augen der Náplavka. Was heute als architektonisches Wahrzeichen gilt, ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen Revitalisierung.

Ich laufe am frühen Abend die Náplavka entlang, eine bekannte Uferpromenade an der Moldau in Prag. Menschen schlendern am Wasser und Fahrräder fahren an mir vorbei. Im Hintergrund höre ich Gelächter und klirrende Gläser. Die Szene, die sich mir bietet, wirkt wie eine gewöhnliche Spaziermeile. 

Es dauert einen Moment, bis ich sie bemerke. Doch dann ragt einige Meter von mir entfernt etwas aus der Mauer hervor: eine riesige Glasscheibe, kreisförmig und nach außen gewölbt. Je näher ich komme, desto überwältigter fühle ich mich. Die Scheiben wirken wie gewaltige Augen, die aus der Mauer heraus auf den Fluss und die andere Seite der Stadt schauen.

Die „Prague Eyes“

Wer heute über die Náplavka zieht, erlebt einen der wahrscheinlich beliebtesten öffentlichen Räume der tschechischen Hauptstadt. Kaum etwas erinnert daran, dass das Moldauufer lange Zeit ein vernachlässigter Ort war. Das schwere Hochwasser im Jahr 2002 hinterließ das Ufer der Moldau vollkommen zerstört. Sieben Jahre später setzte sich der Architekt Petr Janda zusammen mit engagierten Prager Bürgern dafür ein, die Promenade zu einem kulturell und sozial geprägten Ort zu revitalisieren.

2019 glänzte die Náplavka in einem neuen Licht. Im Rahmen des Projekts „Prague Eyes“ hatte die Initiative nicht nur neue kulturelle Stätten erschaffen, sondern auch beeindruckende architektonische Veränderungen vorgenommen. Seit Jahrzehnten leerstehende Gewölbe in der Flussmauer wurden zu beeindruckenden öffentlichen Räumen umgebaut. Räume, die einst als Eisspeicher und Lagerräume genutzt wurden, dienen jetzt als Cafés, Bars, Galerien und Orte für kulturelle Veranstaltungen jeder Art.

Die Terrassen der „Prague Eyes“. Credit: Henriette Noack

Die Gewölbe folgen dabei einem einheitlichen, aber flexiblen Konzept. Sie verfügen alle über eine Grundausstattung aus sandgestrahltem Beton und einer beweglichen Bar in Chrom-Optik, außerdem finden sich durchgehend Elemente aus schwarzem Stahl wieder. Wer diese Gewölbe mietet, kann sie mit zusätzlichen Elementen individuell anpassen. Bislang wurden sechs der „Prague Eyes“ vollständig fertiggestellt.

Das eigentliche Wahrzeichen dieses Projekts sind allerdings die ungewöhnlichen Fenster. Für die Gewölbe wurden riesige motorisierte Glasscheiben entwickelt, die sich innerhalb ihres Stahlrahmens diagonal bewegen und ebenerdig zur Promenade öffnen lassen. Sie fungieren zugleich als Fenster und als Eingangsportale. Die Konstruktionen bestehen aus runden Stahlrahmen und elliptischen Glasscheiben. Mit einem Gewicht von knapp 2,5 Tonnen und einem Durchmesser von rund 5,5 Metern gehören sie zu den Größten ihrer Art weltweit.

Wo die Augen der Moldau auf Menschen treffen

Die beeindruckende Wirkung dieser Fenster lässt mich nicht los. Je näher ich den Gewölben komme, desto lebendiger wird die Szene, die sich mir bietet. Immer mehr Menschen sitzen vor und in den ehemaligen Speichern. In fünf Gewölben, die ich entdecke, wurden Cafés und Bars eingerichtet, klappbare Holztische und Stühle laden dazu ein, direkt vor den riesigen Augen am Wasser Platz zu nehmen.

Ich erkenne das gemeinsame Gestaltungskonzept im Inneren, es zieht sich wirklich durch alle Räume. Und doch besitzt jedes Gewölbe seinen eigenen Charakter.

Ein Blick in die Bar mit Schwarz-Weiß-Fotografien. Credit: Henriette Noack

Im ersten Café leuchten bunte, ellipsenförmige Lichter an den Wänden, sie passen zu dem Bild des gläsernen Eingangs. Im nächsten hängen Fahrradteile an den Wänden. Ein weiteres Gewölbe scheint geschlossen zu sein, doch durch die Scheibe kann ich Schwarz-Weiß-Fotografien zwischen roten Stahlrahmen erkennen. In einer weiteren Bar tauchen zahlreiche nackte Glühbirnen den Raum in ein warmes Licht. Zwischen den Bars komme ich an einem Auge vorbei, hinter dessen Glas sich offenbar eine Galerie befindet.

Schließlich bleibe ich vor einer Bar stehen, in der Pflanzen von der Decke hängen. Hier möchte ich bleiben. Ich suche mir draußen, direkt neben der großen Glasscheibe, einen Platz. Kurz darauf bestelle ich mir bei einem Kellner ein Getränk. Inzwischen ist es 20 Uhr. Den ganzen Tag über hat es geregnet. Doch genau das sorgt jetzt dafür, dass ich auf die Moldau mit einem wunderschönen Sonnenuntergang schauen kann.

Je später es wird, desto angenehmer ist die Atmosphäre. Vielleicht liegt genau darin die Bedeutung der „Prague Eyes“: Sie sind weit mehr als ein architektonisches Detail. Sie machen sichtbar, wie aus einem lange vergessenen Ort ein Raum der Begegnung werden kann.

Um mich herum sind hunderte Menschen auf die einzelnen Augen verteilt. Einige unterhalten sich, andere lassen ihre Füße über dem Fluss baumeln und beobachten schweigend das Wasser. Eine friedliche Szene am Ufer der Moldau. Geprägt von der beeindruckenden Wirkung der „Prague Eyes“, die diese Szene mit dem gleichen wohligen Gefühl zu beobachten scheinen wie ich.

Der Blick aus den „Prague Eyes“ auf das Moldauufer. Credit: Henriette Noack

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