Zuzana Marešová war eine der letzten „Winton-Kinder“ in Tschechien
Zuzana Marešová war eine der letzten „Winton-Kinder“ in Tschechien Credit: Lukáš Žentel

Mit Zuzana Marešová verstarb  am 12. Februar 2026 im Alter von 94 Jahren eines der letzten „Winton-Kinder“ in Tschechien. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam sie als Siebenjährige mit einem der von Nicholas Winton organisierten Kindertransporte von Prag nach London und überlebte so den Holocaust.

Mit ihrem Tod verliert die Welt nicht nur eine Zeitzeugin, sondern auch eines der letzten „Winton-Kinder“. 1939 organisierte der britische Makler und Entwicklungshelfer Nicholas Winton die Rettung von 669 überwiegend jüdischen Kindern aus dem nationalsozialistisch besetzten Protektorat Böhmen und Mähren, indem er sie mit Zügen von Prag aus nach Großbritannien brachte. Über Marešovás Tod informierte am vergangenen Sonntag Paměť národa (dt. Gedächtnis des Volkes) auf Facebook.

Von Prag und nach England

Zuzana Marešová wurde am 26. Januar 1932 in Prag als jüngste von drei Töchtern in eine national und religiös gemischte Familie geboren. Ihr Vater war ein jüdischer Chemieingenieur und Inhaber eines Unternehmens für Zahnpräparate, ihre Mutter eine österreichische Katholikin. Bereits im Frühjahr 1939 reiste der Vater nach England, um dort eine Zweigstelle seiner Firma zu gründen. Die Ausreise der drei Töchter aus der Tschechoslowakei organisierte die Mutter mit Hilfe von Winton.

Im Juli 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, stieg die siebenjährige Zuzana in einen der von Nicholas Winton organisierten Züge nach London. Auf der Fahrt durch Deutschland trafen sie deutsche Soldaten, die die anfängliche Freude der Kinder über die Reise schnell erstickten. In England angekommen, wurden die Schwestern getrennt. Die älteren beiden Mädchen kamen ins Internat und Zuzana wurde von einer Adelsfamilie in Cornwall aufgenommen. 1941 zog sie zu ihren Eltern, die nun ebenfalls in England lebten, und gemeinsam überstanden sie die schweren Luftangriffe des Blitzkriegs.

Rückkehr und neue Herausforderungen

Nach dem Ende des Krieges kehrte die Familie 1945 nach Prag zurück. Die älteste Schwester Lily trat der US-Armee bei, während der Vater zuvor in die Tschechoslowakei zurückkehrte und im mittelböhmischen Neratowitz (Neratovice) eine neue Chemiefabrik aufbaute. Für Zuzana und ihre Familie begann jedoch eine neue und schwierige Zeit: Aufgrund ihrer Flucht in den Westen, der österreichischen Herkunft der Mutter und der militärischen Verbindung der ältesten Tochter geriet die Familie in den Radar des kommunistischen Regimes. Überlegungen zur Auswanderung nach Argentinien wurden schließlich verworfen. 1951 wurde ihr Vater wegen regimekritischer Äußerungen zu elf Monaten Haft verurteilt, und infolge seiner Inhaftierung verloren Zuzana und ihre jüngere Schwester ihre Arbeitsstellen.

Während des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen 1968 befand sich Zuzana mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Urlaub in Bulgarien. Die Familie fuhr nach Wien, um über ihre Zukunft zu entscheiden, und kehrte trotz des Einmarsches nach Prag zurück. In den folgenden Jahren geriet Zuzana aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und ihrer Kontakte ins Ausland mehrfach ins Visier der Staatssicherheit. Der anhaltende politische Druck wirkte sich schließlich auch auf ihre Ehe aus, die daran zerbrach. 1984 emigrierte Zuzanas Tochter nach Westdeutschland.

Stimme der Erinnerung

Erst 1990 erfuhr Zuzana die Hintergründe ihrer Flucht und die Rettung durch Nicholas Winton. In ihren letzten Lebensjahren wurde sie zu einer bedeutenden Stimme der Erinnerung. Sie nahm an Treffen mit Winton teil und wirkte in den Filmen von Matej Mináč mit, um die Geschichte der geretteten Kinder lebendig zu halten.

das könnte sie auch interessieren

Prag ehrt Nicholas Winton mit neuer Straße

Am 3. September 2024 wurde in Prag eine neue Straße in einer feierlichen Zeremonie nach Sir Nicholas Winton benannt, dem Retter von Hunderten jüdischen Kindern. Unter den Gästen befanden sich auch einige der Personen, die Winton 1939 durch Transporte von Prag nach Großbritannien vor dem Holocaust bewahrt hatte.

Mehr…

Werden Sie noch heute LandesECHO-Leser.

Mit einem Abo des LandesECHO sind Sie immer auf dem Laufenden, was sich in den deutsch-tschechischen Beziehungen tut - in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft oder Kultur. Sie unterstützen eine unabhängige, nichtkommerzielle und meinungsfreudige Zeitschrift. Außerdem erfahren Sie mehr über die deutsche Minderheit, ihre Geschichte und ihr Leben in der Tschechischen Republik. Für weitere Informationen klicken Sie hier.