Der tschechisch-slowakische Film If pigeons turned to gold (dt.: Wenn Tauben zu Gold würden) wurde am Samstag auf der Berlinale als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Im Rahmen des Films setzt sich die tschechische Regisseurin Pepa Lubojacki mit dem Suchtproblem in ihrer Familie auseinander.
Auf den 76. Internationalen Filmfestspielen in Berlin, der Berlinale, feierte der Film If pigeons turned to gold (dt.: Wenn Tauben zu Gold würden), der tschechischen Regisseurin Pepa Lubojacki sein internationales Debüt. Am Samstag wurde der Film als beste Dokumentation der Berlinale ausgezeichnet. Der Dokumentarfilmpreis der Berlinale ist mit einem Preisgeld in Höhe von 40.000 Euro dotiert, das sich Regisseure und Produzenten des Preisträgerfilms teilen. Zudem berechtigt der Gewinn des Preises zur Teilnahme am Wettbewerb um den Oscar für den besten Dokumentarfilm.
If pigeons turned to gold mit iPhone und KI produziert
In dem Film dokumentierte Pepa Lubojacki über fünf Jahre hinweg die Suche nach der Wurzel des generationenübergreifenden Unglücks ihrer Familie, der Sucht. Lubojackis Bruder David und ihre zwei Cousins leben wegen Suchtproblemen seit mehr als acht Jahren auf der Straße. Der Vater der Regisseurin starb vor ein paar Jahren bereits an der Sucht. „Am Anfang haben wir versucht, mit Kameramann, Tontechniker und allem Drum und Dran zu drehen, aber das hat nicht gut funktioniert. Es war für meinen Bruder nur ein Witz – er war nicht er selbst. Dann hatte ich die Idee, das iPhone zu benutzen, und von da an lief es, weil wir immer nur zu zweit waren”, erklärt Pepa Lubojacki. Nach fünf Jahren hatte sie über 200 Stunden Videomaterial gesammelt.
Daneben verwendet der Film KI-animierte Videos der Darsteller. Es sind Schwarzweiß-Aufnahmen ihres Bruders, ihrer Cousins, ihres Vaters und von der Filmemacherin selbst, die mittels KI-Animation aus ihrer Stummheit erwachen und zu Zeitzeugen mutieren, die ihre Geschichten rückblickend kommentieren und reflektieren. „Ich sehe die Videos als Mittel zum Zweck, um uns Kindern und meinem Vater Raum zu geben, die Geschichte zu erzählen. Mein Vater sagt Dinge, die er im echten Leben nie sagen würde. Wir sind im Film viel klüger, als wir es in Wirklichkeit sind. Ich spiele damit – mit dem Wissen, das wir als Menschen nicht hatten, aber im Film sind wir eine wandelnde Enzyklopädie“, fügt Pepa Lubojacki im Interview mit dem arsenal Filminstitut hinzu. Neben der Auszeichnung „Bester Dokumentarfilm“ bekam die Arbeit von Regisseurin Lubojacki im Rahmen der 76. Berlinale zusätzlich den mit 4000 Euro deutlich niedriger dotierten Caligari-Preis für thematisch und stilistisch besonders innovative Filme verliehen.
Sucht ist nicht nur ein Frage des Willens
If Pigeons Turned to Gold ist nicht nur ein Film über David und sein Alkoholproblem, sondern über die Situation, unbedingt helfen zu wollen und es nicht zu können, und über all die Dinge, die man tut, um das nicht wahrhaben zu müssen. Am Ende steht die Einsicht, dass Pepa Lubojacki ihren Bruder nicht retten kann. Sucht sei keine Frage des Willens oder von freien Entscheidungen, sondern für manche die einzige Überlebensstrategie für die erlittenen Traumata, resümiert die Regisseurin. Der Titel des Films bezieht sich dabei auf eine rein theoretische Frage: Was würde geschehen, wenn Tauben sich in Gold verwandeln würden? Würde sich die gesellschaftliche Haltung ihnen gegenüber und damit auch gegenüber den Obdachlosen, welche wie Tauben auf der Straße, am Rande der Gesellschaft leben, verändern? „Die öffentliche Wahrnehmung von Obdachlosen und Suchtkranken ist wirklich schlecht. Die Art und Weise, wie sie an den Rand gedrängt werden, macht es ihnen schwer, wieder auf die Beine zu kommen“, kritisiert Regisseurin Pepa Lubojacki den Status Quo.
Tschechien auf der Berlinale
Der Film Wenn Tauben zu Gold würden ist einer von vier Filmen mit tschechischem Bezug, welche die Berlinale-Besucher dieses Jahr sehen konnten. In der Sektion Generation Kplus, in der Filme im Jugend- und Kinderbereich ausgezeichnet werden, wurde der animierte Kurzfilm En, ten, týky! (dt.: Ene, mene, muh!) der slowakischen Regisseurin und Animatorin Andrea Szelesová gezeigt, der ebenfalls eine tschechisch-slowakische Koproduktion ist. Das Drama Roya der iranischen Regisseurin Mahnáz Mohammadíová wurde als Koproduktion von Tschechien, Deutschland, Iran und Luxemburg im Rahmen der Panorama-Reihe gezeigt. In der Sektion Klassiker wurde die digital restaurierte Fassung von Panelstory, aneb jak se rodí sídliště (dt.: Geschichte der Wände oder Wie eine Siedlung entsteht), der Regisseurin Věra Chytilová aus dem Jahr 1979 aufgeführt. Seit 20 Jahren werden im Rahmen des Berlinale-Formats Books at Berlinale in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Buchmesse zudem ausgewählte Bestseller und vielversprechende Neuerscheinungen mit hohem Leinwandpotenzial präsentiert. Zum ersten Mal wurde mit dem Debütroman des Prager Autors Eli Beneš Nepatrná ztráta osamělosti (dt. Unmerklicher Verlust der Einsamkeit) ein tschechisches Buch in die Auswahl aufgenommen. Das gemeinsame Projekt der Berlinale und der Frankfurter Buchmesse bietet zehn Autoren die Möglichkeit, ihre Werke über 160 Filmproduzenten im Rahmen der Berlinale vorzustellen.
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