Das Beste aus der deutschsprachigen Theaterlandschaft ist ab heute in den kommenden Wochen in Prag zu sehen. Bis zum 4. Dezember bringt das Prager Theaterfestival deutscher Sprache Theaterproduktionen aus Deutschland nach Tschechien. Mit dem diesjährigen Motto „Herr*innen“ möchten die Organisatoren besonders weibliche Akteure betonen.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Maxim-Gorki-Theater, Berliner Ensemble, Wiener Volkstheater. Das sind nur einige der deutschsprachigen Bühnen, die vom 9. November bis 4. Dezember beim Prager Theaterfestival deutscher Sprache gastieren. Im 27. Jahr seines Bestehens und nach zwei Jahren Corona hat das Festival nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

Prolog in München

Mit dem Motto „Herr*innen“ betont die Festivaldramaturgie in diesem Jahr die Bedeutung weiblicher Akteure. Auch der beliebte Theaterausflug greift das Thema der Frauen in der Welt und auf der Bühne auf. Diesmal geht es in die Münchner Kammerspiele zur Inszenierung „Like Lovers Do“ („Memoiren der Medusa“). Das Stück vergleicht die aus Israel stammende Regisseurin Pinar Karabulut mit "einer modernen Vermessung des patriarchalen Geschlechtermodells, die als kultur- und epochenübergreifendes Gewaltsystem verstanden wird.“

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Schrill und bunt geht es zu bei "Like Lovers Do" in den Münchner Kammerspielen. Foto: 2 Media.cz

Wie schon traditionell spielt sich das Prager Theaterfestival deutscher Sprache auf mehreren Prager Bühnen ab und verspricht nicht nur den deutschsprachigen Theaterfeinschmeckern erneut einen Genuss. „Ich freue mich auf das ganze Festival und das ohne Einschränkungen, denn es ist uns wieder geglückt, ein hochqualitatives und gleichzeitig ästhetisch vielfältiges Theaterprogramm zusammenzustellen“, erklärt Festivaldirektor Petr Štědroň.

Auftakt mit Richard III.

Gegenüber dem LandesEcho verrät er auch einige persönliche Empfehlungen, wie die Eröffnungsaufführung „Richard the Kid and the King“, bei der es sich wie er sagt um eine dynamische Shakespeare-Fassung von Richard III. handelt. Nicht zu Unrecht, denn die Inszenierung wurde von der deutschen Theaterkritik als ein Triumph der Saisoneröffnung 2021/22 des Schauspielhauses Hamburg gepriesen. Als Antiheldin glänzt Lina Beckmann, die gleich in mehrere Rollen schlüpft: Mal verkörpert sie ein Kind, dann die Herzogin Gloucester und schließlich den König. Und das dermaßen überragend, dass sie für diese Rolle mit dem Nestroy-Theaterpreis 2021 in der Kategorie Beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde und überdies den begehrten Gertrud-Eysoldt-Ring erhalten hat. Das Bühnenstück ist am 9. November im Ständetheater (Stavovské divadlo) der Auftakt des Festivals.

Lina Beckmann spielt die Hauptrolle in „Richard the kid and the King“. Mit der Inszenierung des Deutschen Schauspielhauses Hamburg wird das Theaterfestival deutscher Sprache eröffnet. Foto: Rittershaus

Lina Beckmann spielt die Hauptrolle in „Richard the kid and the King“. Mit der Inszenierung des Deutschen Schauspielhauses Hamburg wird das Theaterfestival deutscher Sprache eröffnet. Foto: Rittershaus

Als zweiten Tipp nannte Štědroň das Stück „Slippery Slope“ (deutsch in etwa: ein rutschiger Abhang) in der Darbietung des Berliner Maxim-Gorki-Theaters im Theater Divadlo pod Palmovkou. Darin geht es um Machtmissbrauch, Sexismus und kulturelle Aneignung.

Empfehlenswert sei laut Štědroň auch die Komödie „Der Diener zweier Herren“ nach Carlo Goldoni, die der Regisseur A. R. Nunes mit der rein weiblichen Besetzung des Berliner Ensembles einstudierte. Ausgehend von den Masken und Klischees der Commedia del arte kommt es darin zu weiteren Verwechslungen und Doppelbödigkeiten. Die Aufführung findet im Theater Komödie (Divadlo Komedie) statt.

Hauptmanns Beziehungsdrama

Als eine emotionale Inszenierung bezeichnet Festivaldirektor Štědroň das Drama „Einsame Menschen“ in der Darbietung des Wiener Volkstheaters, das im Theater in den Weinbergen (Divadlo na Vinohradech) gezeigt wird. Das Beziehungsdrama des späteren Nobelpreisträgers Gerhard Hauptmann, das er 1891 als 27-Jähriger schrieb, kreist um ewige Lebensthemen: das Dilemma der Freiheit, das Festhalten an Traditionen und die vergebliche Suche nach neuen Beziehungsmodellen.

Das diesjährige off-Programm des Theaterfestes bietet im Theater am Geländer (Divadlo Na zábradlí) die Ausstellung „Ostwärts in den Westen“, in der die Lebensschicksale von 13 Menschen aus der DDR verfolgt werden, die im September 1989 Zuflucht in der bundesdeutschen Botschaft in Prag gefunden hatten. Parallel dazu stehen moderierte Online-Diskussionen mit deutschsprachigen Theatermachern sowie das deutsch-tschechische Kabarett „Liedfabrik“ mit der tschechischen Gruppe „Das Thema“ und der deutsch-tschechischen Jodelband Jodelix auf dem Programm.

Alle Aufführungen sind mit tschechischer Übertitelung versehen. Mehr zum Festivalprogramm auf www.theater.cz

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