Journalismus erklären – das ist die Absicht des deutschsprachigen Films „Hinter den Schlagzeilen“, der im Rahmen des Filmfestivals „Jeden Svět“ (Eine Welt) erstmals in Tschechien gezeigt wurde. Zur Prag-Premiere lud das Goethe-Institut auch die Protagonisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von der Süddeutschen Zeitung zur Diskussion ein.

Vor dem Hintergrund von Fake News und dem Misstrauen in die Medien wollte das Filmteam um Regisseur Daniel Sager eine Dokumentation mit den Investigativjournalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier drehen und zeigen, wie guter Journalismus funktioniert. Ein Angebot, das die beiden Pulitzer-Preisträger zunächst ablehnten. Hatten sie sich doch bei ihrer Arbeit für ein Printmedium und nicht für das Fernsehen entschieden. Schließlich willigten sie doch ein. „Es ist gut, einer breiteren Öffentlichkeit zu zeigen, wie Journalismus funktioniert”, betont Frederik Obermaier später. Der so entstandene Film begleitet die Investigativjournalisten zwei Jahre durch ihren Arbeitsalltag und gibt auch persönliche Eindrücke wieder. Mit drei parallel verlaufenden Handlungssträngen, die zu unterschiedlichen Rechercheprojekten gehören, nimmt der Film sein Publikum mit auf den Weg eines Prozesses, der Monate und Jahre dauern kann. Besonders anschaulich werden die Schritte vom Material einer Quelle, über dessen Prüfung bis hin zur Veröffentlichung anhand der Ibiza-Affäre aufgezeigt, wie auch die Konsequenzen unangenehmer Enthüllungen.

Codename „Weißer Bildschirm”

Schon ziemlich am Anfang des Films gibt es eine Szene, wie Bastian Obermayer und Frederik Obermaier sich mit Spezialbrillen ein Video am Laptop anschauen, das nur mit diesen auf dem weißen Bildschirm sichtbar ist. Den ersten Mitschnitt von wenigen Minuten bekamen sie bereits vor einem Jahr durch eine Mittelsperson zugespielt. Dann folgten weitere Stunden an Material. Brisant soll es sein - mit dem Potential, eine Regierungskrise auszulösen. 

Noch lässt sich als Filmpublikum nur erahnen, worum es sich dabei handeln könnte. Bis das Material der Investigativabteilung der Süddeutschen Zeitung physisch vorliegt, können sie noch nichts veröffentlichen. „Es nervt mich, dass wir seit Monaten davon wissen und nichts machen können”, beklagt Bastian Obermayer im Film. Dann endlich kommt besagter Tag X und die Journalisten versuchen hektisch, von den erhaltenen SD-Karten so viele Kopien wie möglich zu ziehen. Mehrere Male sichten sie das Video und erstellen ein Skript. Mit Fotos gleichen sie ab, ob es sich bei dem angegebenen Ort auch um diesen handeln kann. 

Im Video zu sehen ist vermeintlich der österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache, wie das Filmpublikum jetzt erfährt. Um das mit Sicherheit sagen zu können und das gesamte Material auf Manipulation untersuchen zu lassen, bringt Frederik Obermaier die Daten zu einem Digital-Forensiker. In der Zwischenzeit werden weitere Kolleginnen und Kollegen in das Projekt „Weißer Bildschirm” miteinbezogen, die ebenfalls das Material sichten und gemeinsam das gezeigte Treffen rekonstruieren. Wer wollte das und warum? Oder wird dem Team hier eine Falle gestellt? 

Die Ergebnisse der Analyse des Forensikers schaffen darüber Klarheit: Die Videos, sowie der Ort und die abgebildeten Personen sind echt. Das Team plant und verteilt die Artikel für die kommende Woche nach der Enthüllung. Jede Angabe wird mit Fußnote versehen, alles wird belegt und sowohl durch Fakten-Checker als auch durch Anwälte geprüft. Die Aussagen des Forensikers im Artikel werden diesem nochmal zur Autorisierung zurückgegeben. Hier zeigt sich die akribische Arbeit, die hinter gutem Journalismus steckt und hinter den Schlagzeilen. Schließlich informieren Obermayer und Obermaier auch den Vizekanzler Strache zu ihrem Material. Und dann geht es auch darum, mit welchen Konsequenzen die Journalisten bei der Veröffentlichung rechnen müssen. Darf das Video mit Originalton veröffentlicht werden? Ist dies durch das öffentliche Interesse gedeckt? 

 

Die Investigativjournalisten Frederik Obermaier (l.) und Bastian Obermayer (r.) bei der Sichtung des brisanten Videomaterials. Nur durch die Brillen lässt es sich auf dem sonst weißen Bildschirm erkennen, damit es nicht abgefilmt werden kann. Foto: Bauderfilm

Der Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia

Ein weiterer Strang handelt von der ermordeten Bloggerin Daphne Caruana Galizia aus Malta. Zusammen mit den beiden deutschen Journalisten hatte auch sie an den Recherchen zu den „Panama Papers” mitgearbeitet. Mit Bastian Obermayer geht es auf die Insel, zu ihrem Haus, zu ihren Angehörigen und zu der Position, an der ein Komplize des Mörders stand, um das Signal für die Autobombe zu geben, die unter dem Sitz der Journalistin platziert war. „Es ist schwer, das so zu erleben, weil ich auch ihren Sohn gut kenne. Und ich denke jetzt mehr über Sicherheit nach“, erläutert Obermayer dabei. Zusammen mit einem anderen deutschen Kollegen nimmt er an einem Treffen internationaler Journalisten teil, die versuchen, über den Mord an der bedeutendsten Journalistin des Landes zu recherchieren. „Wir wollen, dass die Menschen sich merken, wenn sie eine Journalistin töten, bekommt ihre Geschichte eher mehr Aufmerksamkeit als weniger”, so Obermayer im Film. Hierbei geht die Doku auch auf die Zusammenarbeit in internationalen Teams ein, die für investigativen Journalismus bedeutend ist.

Der unbekannte Waffenhändler

Währenddessen ist Frederik Obermaier hinter einer anderen Geschichte her. Es geht um ein hohes Tier in Bezug auf die Beschaffung von Massenvernichtungswaffen, das in Deutschland aber nahezu unbekannt ist. Auch die thematische Kombination von Militär und Geheimdiensten machen den Zugang nicht einfach. Mehr Information erhoffen sich er und sein Kollege auf der Münchner Sicherheitskonferenz. „Wir wissen, dass hier viele Leute etwas wissen und wir müssen Kanäle finden, an dieses Wissen zu kommen. Auch durch die Atmosphäre, wo so ein Gespräch möglich ist. Zum Beispiel bei einem Spaziergang“, erklärt Frederik Obermaier im Film. „Was ich von Panama Papers gelernt habe, ist, dass die Beziehung zwischen Journalist und Quelle nicht nur professionell ist. Ein Mensch spricht zu einem Menschen. Einem Menschen, der Angst hat, und das muss man ernst nehmen. Die Quelle muss uns vertrauen können“, sagt er später in der Diskussion. 

Die Reise in diesem Fall geht weiter nach Tel Aviv. Im Gespräch mit einer Person des israelischen Geheimdienstes Mossad konnten sie ihrem Ziel, herauszufinden wie gefährlich diese Person ist, nicht näherkommen und reflektieren: Gibt es etwas, was wir anders hätten tun müssen, um etwas zu erfahren? Was haben wir heute falsch gemacht? Ist überhaupt etwas dran und die Zeit und das Geld wert, das weiter nachzuverfolgen? Die nächste Station ist Washington, auch hier sprechen sie mit Leuten vom Geheimdienst und das Filmpublikum erhält einen Einblick, wie die Journalisten den Fragenkatalog zusammenstellen. 

Die Bedeutung von Whistleblowern und Investigativjournalismus

„Hinter den Schlagzeilen” verknüpft durch den gezielten Einsatz der Hintergrundmusik und den parallel verlaufenden Handlungssträngen Spannung mit Wissen - auch wenn beispielsweise die Szene bei der Tiefgaragenauffahrt zu viel Spannung an einer Stelle aufbauen will, an der sie nicht so recht passen mag und dadurch gekünstelt wirkt. Die Collage aus den Stories, dem Arbeitsalltag und den persönlichen Wahrnehmungen der Journalisten macht den Film kurzweilig, informativ und eindrücklich. Am Ende hält der Film, was er im Titel verspricht: einen Blick hinter die Kulissen des Journalismus und hinter die Schlagzeilen.

Wie wichtig die Rolle des Investigativjournalismus für die Gesellschaft ist, wird auch in der anschließenden Diskussion mit Eva Kubániová vom tschechischen Zentrum für investigative Journalisten, Investigace.cz, klar. Hierbei appellierte Frederik Obermaier: „Wir sollten uns für die Demokratie interessieren und der Journalismus ist eine Säule der Demokratie. Wenn der Journalismus stirbt, gibt es mehr Autokratie.” Eine entscheidende Rolle spielen dabei auch die Whistleblower. „Wir würden von manchen Skandalen nichts hören, wenn uns nicht ein Whistleblower die Infos dazu gibt. Wir brauchen sie für die Freiheit und das Wohlergehen im Staat“, erläuterte Bastian Obermayer. „Investigativer Journalismus lebt zum Teil von Whistleblowern. Jeder Angriff auf Whistleblower ist ein Versuch investigativen Journalismus klein zu halten“, betonte Frederik Obermaier. An die Zusage für ein Interview mit dem bekannten US-Whistleblower Edward Snowden hatten sie nach langer Wartezeit gar nicht mehr geglaubt. Vor der Anreise nach Russland hatten sie durch ihre Enthüllungen in den Panama Papers auch Sicherheitsbedenken, gaben die Journalisten in der Diskussion zu. Das Treffen mit Snowden stellt den spannenden Einstieg des Filmes dar. Ein Mann, der nur jetzt am Telefon sagen kann, wann und wo sie sich sehen werden und der dann ohne Handy unterwegs ist, entpuppt sich schließlich als der bekannte Whistleblower. 

Bastian Obermayer (l.) und Frederik Obermaier (m.) diskutierten mit Eva Kubániová (r.) im großen Saal des Hauptgebäudes der Prager Stadtbibliothek. Foto: Rebecca Cischek

Angesprochen in der Diskussion wurde auch der Kostenfaktor. Glücklicherweise hätten sie nie eine Recherche mangels Geldressourcen abbrechen müssen. Aber sie warnten: „Es ist ein großes Problem, dass lokale Zeitungen und Verlage nicht die Ressourcen dafür haben. Die meisten Korruptionsfälle passieren auf lokaler Ebene“, so Bastian Obermayer. Am Ende stand noch die Frage nach der Motivation bei ihrer Arbeit. „Es macht Spaß. Ich kann es nicht ertragen, Ungerechtigkeit zu sehen. Ich habe das Bedürfnis, das zu korrigieren und zumindest der Öffentlichkeit zu berichten, was vor sich geht“, teilte Frederik Obermaier seine Intention mit. „Ich mag den Moment, wenn du realisierst, dass du jemanden erwischt hast“, fügte Bastian Obermayer hinzu.

So endet auch der Film. Die Meldung über die Enthüllungen in der Ibiza-Affäre gehen um die Welt und die politischen Rücktritte folgen. Einen haben sie erwischt, der nächste wird folgen.