Typischer tschechischer Pflaumenbrand. Foto: Lucia Vovk

Eine ominöse Flasche ohne Etikett mit durchsichtiger Flüssigkeit… dabei kann es sich nur um den Pflaumenbrand Sliwowitz der tschechischen Großeltern unserer LandesBloggerin handeln. Wie man an diesen kommt und welche Traditionen damit verbunden sind, schreibt sie in diesem Beitrag.

Endlich wieder Sommerferien! Endlich wieder richtig entspannen, lange ausschlafen und einfach nur die Seele baumeln lassen. Nur nicht so ganz in unserer Familie. In den Sommerferien ging es immer für mindestens zwei Wochen zu meinen Großeltern nach Mähren und dort hieß es: Gartenarbeit. Denn der Rasen mäht sich nicht von selbst, das Obst und Gemüse fliegt nicht von allein in die Sammelkörbe und die Kartoffeln pulen sich nicht von selbst aus der Erde. Vor allem die unzähligen Zwetschgen, die regelmäßig von den zehn Zwetschgenbäumen fallen, sorgen für eine Menge Arbeit. Diese müssen jedes Mal für das bevorstehende Brennen des „Slivovice“ gesammelt werden. Das ist ein Obstbrand aus Pflaumen, der hauptsächlich in Tschechien, der Slowakei, Polen, Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien und Bulgarien hergestellt und getrunken wird. Der Name ist vom slawischen Wort „sliva“ für Pflaume abgeleitet. 

Der Herstellungsprozess läuft so ab: Zunächst sammelt man die Zwetschgen, lässt sie für mehrere Wochen in einem Gefäß gären, bringt sie dann zur Brennerei, lässt sie dort zu Schnaps verarbeiten und verdünnen. Wieso verdünnen? Bei der Brennerei kann man sich entscheiden, wie stark man seinen Schnaps haben möchte. Manchmal kommt direkt nach der Destillation ein Wert von 70 Prozent Alkoholgehalt heraus, was definitiv zu hoch wäre – für uns jedenfalls. „Normal“ sind ca. 50 Prozent. Pflaumenbrand hat tendenziell einen scharfen Geschmack, weswegen es besser ist, ihn mehrere Monate bis Jahre ruhen zu lassen. Eine qualitativ hochwertige „Slivovice“ erkennt man daran, dass sie „Ketten formt“ (auf Tschechisch: „řetízkuje“), also dass kleine Stränge von kondensierendem Alkohol entstehen, die in das Glas zurückfließen. Die Qualität von Pflaumenbrand kann auch durch das Reiben des Alkohols zwischen Daumen und Zeigefinger kontrolliert werden, wobei der Widerstand der Flüssigkeit zwischen den Fingern den Fruchtgehalt und damit die Qualität charakterisiert.

„živijó, živijó, živijó, živijó“ 

„Slivovice“ ist für meine Großeltern etwas Besonderes gewesen, beziehungsweise ist es immer noch. Mein Opa hatte beispielsweise jeweils eine Flasche zur Geburt meiner Tante und meiner Mutter zurückgelegt, um sie an deren Hochzeit zu öffnen. „Slivovice“ steht bei jeder Feier und bei jedem Wiedersehen mit meiner tschechischen Familie, was immer eine Feier beinhaltet, auf dem Tisch. So auch bei der Beerdigung meines Großvaters, der ein besonderer Liebhaber des Schnapses war. Oft gibt es auch den selbstgemachten Zwetschgenkuchen meiner Oma dazu: Streuselpflaumenkuchen vom Blech.

Dabei darf dieses Lied vor dem Trinken nicht fehlen:

„Mnoga ljeta, zdravi byli, mnogaljeta, živijó. (Viele Sommer, gesund sein, viele Sommer, sollst du leben.)

Mnogaljeta zdravi žili, mnogaljeta, (Viele Sommer, gesund leben, viele Sommer,)

živijó, živijó, živijó, živijó.“ (lebe, lebe, lebe, lebe.)

Ein Lied, dass vor allem an Geburtstagen gesungen wird und nach dem Ersten Weltkrieg von deutsch-slowakischen Legionären aus Kroatien und Slowenien nach Tschechien gebracht wurde. Danach trinkt man den Sliwowitz „na ex“ („auf Ex“). Feinschmecker trinken aus einem birnenförmigen Glas mit verengtem Hals, weil somit der Duft auf besondere Weise im Glas konzentriert wird.

Ein Mittel, das allerlei Zwecke erfüllt

Aber nicht nur bei Feierlichkeiten trinkt man den Pflaumenbrand. Auch bei Halsschmerzen kommt er als Wundermittel zum Einsatz. Es muss nur ein in Schnaps getränktes Tuch um den Hals gewickelt werden und schon sind die Halsschmerzen verschwunden, sagt jedenfalls meine Oma.

Für mich persönlich ist die „Slivovice“ ein perfektes Geburtstagsgeschenk. Die Leute sind zunächst skeptisch: Eine durchsichtige Flasche ohne Etikett? Aus Tschechien? Sieht aus wie selbstgebrannt! Der macht bestimmt blind! Auch der stechende Geruch überzeugt nicht wirklich… und schon gar nicht das unwohle Gefühl im Magen, dass sich nach dem Trinken ausbreitet, sowie das darauffolgende Brennen, das vom Magen bis in den Hals reicht. Viele Fans des Schnapses konnte ich noch nicht gewinnen, aber für Gesprächsstoff sorgt er allemal.



LandesBloggerin Lucia Vovk

Ahoj und Hallo,

ich heiße Lucia Vovk und unterstütze die LandesEcho Redaktion als Praktikantin von Anfang August bis Ende Januar. Ich werde das Praxissemester meines Studiums der Werbung und Marktkommunikation hier verbringen und freue mich auf die Erfahrungen im Online- und Printbereich. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, da meine Mutter aus Tschechien stammt. In der letzten Zeit habe ich gemerkt, wie mein Tschechisch langsam schwindet. Das mag daran liegen, dass ich durch mein Studium weniger Gelegenheit habe, mit meiner Familie zu kommunizieren und Zeit in Tschechien zu verbringen. Deswegen bin ich schon gespannt darauf, während meines Praktikums mehr über meine Wurzeln zu erfahren, meine Sprachkenntnisse zu verbessern und das Land, in dem ich geboren wurde, besser kennenzulernen. Denn: „Všude dobře, doma nejlíp“ („Überall ist es gut, aber daheim am besten“).

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