Heute, am 28. Oktober, wird der Staatsgründung der Tschechoslowakei vor 103 Jahren gedacht. Dazu wäre es vielleicht nicht gekommen, wäre Tomáš Garrigue Masaryk (TGM), der erste tschechoslowakische Staatspräsident, im Jahr 1877 nicht in die Leipziger Pleiße gesprungen, um eine Frau zu retten. Unser Kolumnist erinnert an dieses wichtige Ereignis in der Vorgeschichte der Tschechoslowakei.

Es kam so: Frau Augusta Göring, die Besitzerin einer Leipziger Pension, verlor beim Aussteigen aus dem Boot auf dem Fluss Pleiße ihr Gleichgewicht, fiel ins Wasser und begann zu ertrinken. Der künftige tschechoslowakische Präsident stand dabei, und tat, was sich gehörte, er sprang ins Wasser und rettete die Dame. Aber fangen wir von Anfang an:

Pension der Frau Göring

Die wohlhabende Witwe Frau Augusta Göring hatte in der Keilstraße in Leipzig eine Pension. Dank ihrer Geschäftsbeziehungen kannte sie die Familie der Charlotte Garrigue aus New York, der späteren Ehefrau des ersten tschechoslowakischen Präsidenten, und so wohnte die junge Charlotte ab und zu in ihrer Pension.

Mit ihren siebzehn Jahren, also im Jahre 1867, hat sich Charlotte nämlich für die Laufbahn einer Pianistin entschieden. Die Stadt ihrer Wahl war Leipzig, das in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein kosmopolitisches Zentrum mit einer hervorragenden Musikszene war. Darüber hinaus befand sich hier die berühmte Universität mit einem munteren Studentenleben. Hier war auch die Pianistin Clara Schumann geboren, die Charlotte imponierte; ihr Vorhaben war es, allen ihren Fleiß einzusetzen, um es so weit wie Clara zu bringen.

Mit dem Üben hat es Charlotte aber übertrieben. Sie hat sich so überangestrengt, dass ihre Hand nach drei Jahren beschädigt wurde; sie musste mit dem Studium des Leipziger Konservatoriums aufhören und kehrte zu ihrer Familie nach Amerika zurück.

Treffen mit Tomáš Masaryk

Mit der Familie Göring hielt sie Briefkontakte und so erfuhr sie, dass „ein interessanter junger Mann mit dem Doktortitel aus Wien“ bei ihnen in der Pension wohnt.

Charlotte kam nach Leipzig regelmäßig zu Besuch und so begegnete sie bei ihrem Besuch im Juni 1877 Tomáš Masaryk „face to face“. Dieser kam nach Leipzig, um Philosophie und Theologie zu studieren. Er wohnte in der Pension von Frau Göring mit seinem Pflegling Alfred Schlesinger, dessen Vater Masaryk den Studienaufenthalt finanzierte.

Den Augenblick, in dem er zum ersten Mal die Partnerin seines Lebens sah, hat er seiner Tochter Alice bei einem späteren Besuch in Leipzig folgendermaßen geschildert – sie standen dabei vor der Pension von Frau Göring und Masaryk zeigte auf ein Fenster auf der dritten Etage:  „Schau Alice, von diesem Fenster aus sah ich die Mutter zum ersten Mal. Ich habe über sie viel von ihrer Freundin Hedwig Göring, der Tochter unserer Wirtin, gehört. Endlich war es so weit. Vor dem Haus hielt eine Kutsche, aus ihr stieg eine junge Amerikanerin, ohne Eile hat sie den Kutscher bezahlt, aufmerksam übergab sie ihr Gepäck dem Hausmeister und ging ins Haus. Wenig später betrat sie unseren Salon und unsere Wirtin hat uns vorgestellt. Sie gab mir ihre Hand mit liebenswürdiger Sicherheit und einem freundlichen Lächeln. Das war also das erste Mal, als ich die Mutter sah.“

Auf den ersten Blick

Die junge Amerikanerin imponierte ihm durch ihr natürliches Selbstbewusstsein, Bildung sowie ihr tiefes Interesse an solch unterschiedlichen Wissenschaftsfächern wie Mathematik und Philosophie.

In diesem Sinne kam es gleich beim ersten Treffen zu einer ungezwungenen Diskussion, bei der sich zeigte, dass ihre Ansichten bezüglich des Gangs der menschlichen Gesellschaft und ihr Glaube an demokratische und sittliche Ideale ähnlich sind, obwohl sie aus so verschiedenen Herren Länder kamen.

Obwohl Masaryks Erfahrungen mit Frauen nicht allzu tiefgründig waren, erkannte er in Charlotte eine außergewöhnliche Frau. Mit Abstand hat er über sie gesagt: „Sie war schön, kompromisslos und enttäuschte mich nie. Mit ihr bekam ich ins Leben das Beste.“

Während der junge Tomáš schon nach einem Monat zu dem Entschluss gelangte, dass er der Charlotte seine Liebe erklärte und um ihre Hand bat, haben sich die Dinge bei der Charlotte nicht so schnell entwickelt. Da war in erster Linie ihr Vater Rudolph Garrigue, der der Bekanntschaft seiner Tochter nicht besonders zugeneigt war. Er warnte seine Tochter: „In Amerika gibt es Demokratie und vollständige religiöse Freiheit, in Österreich regiert die Aristokratie und die römisch-katholische Kirche.“

Ausflug nach Connewitz: Fall, Sprung und Rettung

Ungefähr einen Monat nach dem ersten Treffen, am 24. Juli 1877, machte die Gesellschaft, die aus den Bewohnern der Pension in der Keilstraße einschließlich der Besitzerin, Frau Göring, bestand, einen Ausflug. Ziel war das Dorf Connewitz. Hier wollte der junge Tomáš Charlotte seinen Vorschlag vorbringen. Teil des Ausflugs war auch eine Bootsfahrt. Als das Boot am Ufer anlegte, sprang als erster Masaryk aus dem Boot, nach ihm der Sohn der Frau Göring Carl. Jetzt war die beleibte Frau Göring an der Reihe.

Connewitzer Ansichten um 1850. Foto: Wikimedia Commons/ gemeinfrei

Connewitzer Ansichten um 1850. Foto: Wikimedia Commons/ gemeinfrei

Die Pleiße bei Connewitz. Foto:  Martin Geisler, Connewitz Pleiße, CC BY-SA 3.0

Die Pleiße bei Connewitz. Foto: Martin Geisler, Connewitz Pleiße, CC BY-SA 3.0

Frau Göring stolperte jedoch und fiel ins Wasser. Die Teilnehmer des Ausflugs verfielen in Panik. Es war Tomáš Masaryk, der als einziger nicht lange überlegte und sofort ins Wasser sprang, um Frau Göring zu retten. Es war nicht einfach, einmal wegen ihrer stämmigen Figur, zum anderen wegen ihres Rockes und ihrer Unterröcke, die Wasser aufgesaugt hatten. Masaryk hatte sich dabei erst kürzlich von einem Leberleiden erholt, an dem er seit Mai desselben Jahres litt.

In einem Moment waren beide unter Wasser. TGM hat über das Ereignis, das er noch als Tomáš Masaryk (TM) erlebte, später in dem Sinne berichtet, dass er sich schon damit versöhnte, dass seine letzte Stunde schlug. Schließlich gelang es nach einem längeren Kampf, Frau Göring ans Ufer zu holen, die Lage entwickelte sich also nach dem Motto: „Ende gut, alles gut.“ In diesem Sinne soll Frau Göring auch ihr Lob ausgesprochen haben.

Denken Sie nicht, dass Sie mich irgendwie beeindruckt haben

Von derjenigen, von der es ihn am meisten gefreut hätte, von der Charlotte, hörte er wenig lobende Worte. Sie meinte: „Denken Sie nicht, dass Sie mich irgendwie beeindruckt haben. Das würde jeder anständige Mensch tun.“

Bei der Rückfahrt nach Leipzig verlor Masaryk wegen Erkältung und Erschöpfung sein Bewusstsein und wachte erst am nächsten Tag in der Pension auf. Dort hat man ihn sorgfältig versorgt, bis er vollständig geheilt war. Charlotte, die in der Familie Charlie genannt wurde, änderte ungeachtet des Sprunges nicht ihre Reisepläne; sie wusste übrigens nichts von dem bevorstehenden Heiratsantrag Masaryks. Vor der Rückkehr in die USA hat sie noch ihre deutschen Freunde in Erfurt und anderswo besucht.

Entweder-oder

Das hat Tomáš Masaryk leidgetan und entsprechend hat er auch gehandelt. Unter dem Einfluss des Erlebnisses, bei dem er dem Tod ins Gesicht sah, entschloss er sich, nichts zu verschieben. Er setzte sich hin und schrieb Charlotte einen Brief, in dem er ihr seine Liebe gestand und um ihre Hand bat.

Da ihre Antwort nicht eindeutig war, machte er sich gleich nach seiner Genesung auf die Reise, um Charlotte zu überzeugen. Das gelang ihm und am Freitag, den 10. August 1877, haben sie sich an der mittelalterlichen Burg in Elgersburg südlich von Erfurt verlobt. Im März 1878 fand in New York die Hochzeit statt.

Wenn wir die Geschichte zurück in die Vergangenheit verfolgen, sehen wir klar, dass Frau Augusta Göring und ihre Tochter Hedwig aus Leipzig der Hochzeit von Tomáš und Charlie und ihrem gemeinsamen Leben sehr behilflich waren. Zum einen durch ihre Nachrichten über den Ozean über den Doktoranden aus Österreich-Ungarn und zum anderen durch den Sturz von Frau Augusta in den Fluss Pleiße.

Charlotte war für Masaryk eine große Stütze und es gab Zeiten, in denen sie ihn so „führte“, wie es den Interessen des selbständigen tschechoslowakischen Staates entsprach.

TGM wollte nicht mehr bleiben

Masaryk geriet mehrmals mit der öffentlichen Meinung in Prag in Konflikt. Als die Attacken gegen ihn sogar von Seiten seiner Studenten an der Prager Universität während der Hilsner-Affäre* um das Jahr 1900 am schlimmsten waren, dachte er im Ernst daran, nach Amerika auszuwandern. Es war Charlotte, die darauf bestand, dass sein Platz hier in Böhmen sei, dass ihn hier noch große Aufgaben erwarteten.

Alles in allem: Ohne die Familie Göring wäre es nicht sicher gewesen, dass Charlotte Masaryks Ehefrau wurde. Und ohne Charlotte an seiner Seite wäre Masaryk möglicherweise in die USA ausgewandert und Professor an einer amerikanischen Universität geworden. Die Frage, ob die Tschechoslowakei ohne Masaryks weltweite politische Aktivitäten in ihrer Form entstanden wäre, bleibt nur spekulativ.

Eines steht jedoch fest: Die Wochen, die der künftige Präsident TGM und seine künftige Erste Dame Charlotte in Leipzig im Sommer des Jahres 1877 verbrachten, gehören einschließlich des tapferen Sprunges des jungen Tomáš in die Pleiße zu den lichten Momenten in der Vorgeschichte der Tschechoslowakei.

* Anm. Masaryk kämpfte gegen die verbreitete „Meinung der Volksmassen und der Presse“, dass es sich beim Mord an Anežka Hrůzová aus Polná durch den angeblichen Täter, den Juden Leopold Hilsner, um einen Ritualmord handelte.


Charlotte Garrigue Masaryková

* 20. November 1850 in Brooklyn; † 13. Mai 1923 in Lány war eine US-amerikanisch-tschechische Pianistin. Sie war verheiratet mit dem Philosophen Tomáš Garrigue Masaryk, dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten.

Tomáš Garrigue Masaryk

* 7. März 1850 in Hodonín, Kaisertum Österreich; † 14. September 1937 in Lány war ein tschechischer Philosoph, Soziologe, Schriftsteller und Politiker sowie Mitbegründer und erster Staatspräsident der Tschechoslowakei.