In Tschechien wählen? Das kam unserer LandesBloggerin Lucia, trotz ihrer doppelten Staatsbürgerschaft, bisher noch nicht in den Sinn. Doch dieses Jahr kam es ganz anders…

Seitdem ich in Prag lebe und arbeite, ist mir einiges erst so richtig klar geworden. Dazu gehört beispielsweise auch mein Wahlrecht in Tschechien. Mir war natürlich bewusst, dass ich dank meiner tschechischen Mutter und meines deutschen Vaters die doppelte Staatsbürgerschaft und somit auch einen tschechischen Personalausweis besitze. Nur dass zu diesen Dingen auch das Wählen gehört, hatte ich irgendwie nicht bedacht. Vielleicht lag es daran, dass ich nur in den Ferien nach Tschechien kam und für mich mein Zuhause nun Mal Deutschland ist. Tschechien war sozusagen immer nur Urlaub gewesen und ich hatte mich nie so richtig für die tschechische Politik interessiert. Ganz nach dem Motto: „Ich wohne ja nicht dort, also kann es mir egal sein.“ Jetzt hat sich das aber geändert. Seitdem ich hier wohne, habe ich schon viel über die Politik lernen dürfen. Das war ein ausschlaggebender Punkt. Ein Weiterer wird wohl Babiš und die Pandora Papers gewesen sein. „Jetzt reicht‘s“, dachte ich mir. „Ich will Veränderung.“

„Aber nur, wenn du Babiš wählst.“

Ich hatte mich also entschieden. Jetzt mussten nur noch die passenden Schritte dafür getan werden. Schritt Nummer eins: Mit meiner mährischen Oma telefonieren, denn bei ihr würde mein Wahlzettel im Briefkasten landen. Sie war überrascht darüber, dass ich wählen wollte und hatte sogar schon meine Unterlagen weggeworfen. Sie meinte aber, sie würde sie wieder aus dem Papierkorb holen: „Aber nur, wenn du Babiš wählst.“ Ja meine Oma hatte einen Sinn für Humor. Ich antwortete damit, dass ich mir erst einmal die Parteiprogramme durchlesen wollte… das Wochenende würde spannend werden.

Die Wahl kann beginnen

Und das war es auch. Am Freitagabend fuhr ich mit der Familie meiner Tante zu meiner Oma in ein kleines Dorf in Mähren, das nicht weit entfernt von der Stadt Olmütz (Olomouc) gelegen ist. Meine Oma hatte für mich meine Wahlunterlagen vorbereitet, beziehungsweise nur den Stimmzettel für Babišs „ANO“. Ich fragte aber noch einmal nach, ob ich denn nicht alle Stimmzettel haben könnte, damit ich meine Entscheidung selbst treffen könnte und so erhielt ich von ihr glücklicherweise doch noch alle Wahlzettel. Positiv gestimmt machte ich mich also mit meiner Oma und Tante am Samstagmorgen zum nächsten Wahllokal auf, welches bei ihr im Dorf lag. Ich war schon ein bisschen aufgeregt. Würde ich wirklich an den Wahlen teilnehmen dürfen? Hatte ich auch den richtigen Ausweis dabei? Stand ich überhaupt auf der Liste der Wahlbeteiligten? Meine Ängste bestätigten sich natürlich nicht. Als wir eintraten, lächelten uns fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entgegen, die meinen Ausweis annahmen, meinen Namen auf der Liste fanden und mir einen Umschlag reichten, in den ich nach meiner Entscheidung meinen ausgewählten Stimmzettel legen sollte.

Die Wahlkommission empfing uns herzlich im Wahllokal. Foto: Lucia Vovk

Die Wahlkommission empfing uns herzlich im Wahllokal. Foto: Lucia Vovk

Ich stellte mich schließlich in eine der Wahlkabinen und suchte mit zitternden Händen zwischen den Wahlzetteln der Parteien diejenige aus, die ich wählen würde und kreiste meine vier favorisierten Kandidatinnen und Kandidaten ein. Ja, es war sehr aufregend für mich. Ich legte meinen auserwählten Stimmzettel in den Umschlag und übergab meiner Tante mein Smartphone, damit sie ein Video von mir für das LandesEcho-Instagram-Profil machen könnte. Sie fing also an zu drehen und ich warf meinen Stimmzettel in die Urne, nicht ohne noch einmal einen Blick in die Kamera zu werfen, woraufhin mich meine Oma freundlich in ihrem mährischen Dialekt daran erinnerte: „Se podiv na ňu, ne?“ (auf Deutsch etwa „Dann schau sie doch an, nicht?“).

Puh! Ich hatte es geschafft. Ich fühlte mich jetzt irgendwie befreit und einfach glücklich. Gespannt verfolgten wir alle am Nachmittag und Abend die Wahlergebnisse. Meine Oma hatte schon vorher verkündet, dass wir die Champagnerflasche öffnen würden, falls Babiš gewinnt. Dazu kam es zu ihrer Enttäuschung leider knapp nicht, aber die Champagnerflasche köpften wir trotzdem. Denn meine Oma würde nächste Woche ihren Geburtstag feiern, weswegen es mehr als angemessen war, schon einmal auf sie anzustoßen.


LuciaAhoj und Hallo,

ich heiße Lucia Vovk und unterstütze die LandesEcho Redaktion als Praktikantin von Anfang August bis Ende Januar. Ich werde das Praxissemester meines Studiums der Werbung und Marktkommunikation hier verbringen und freue mich auf die Erfahrungen im Online- und Printbereich. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, da meine Mutter aus Tschechien stammt. In der letzten Zeit habe ich gemerkt, wie mein Tschechisch langsam schwindet. Das mag daran liegen, dass ich durch mein Studium weniger Gelegenheit habe, mit meiner Familie zu kommunizieren und Zeit in Tschechien zu verbringen. Deswegen bin ich schon gespannt darauf, während meines Praktikums mehr über meine Wurzeln zu erfahren, meine Sprachkenntnisse zu verbessern und das Land, in dem ich geboren wurde, besser kennenzulernen. Denn: „Všude dobře, doma nejlíp“ („Überall ist es gut, aber daheim am besten“).