Lange Zeit lagen sie unbeachtet als Pflastersteine auf dem Prager Wenzelsplatz, jetzt bilden sie ein Denkmal: Teile ehemaliger jüdischer Grabsteine sind auf den alten jüdischen Friedhof in Žižkov zurückgekehrt.

Viele Jahre lang gingen die Menschen auf dem Prager Wenzelsplatz und in der Straße des 28. Oktobers unwissend auf zerstückelten Grabsteinen ehemaliger jüdischer Gräber spazieren. Bereits seit einigen Jahren machte die jüdische Gemeinde in Prag darauf aufmerksam, dass die Pflastersteine auf dem unteren Teil des Wenzelsplatzes aus zerstückelten jüdischen Grabsteinen bestehen könnten. Dieser Verdacht bestätigte sich beim Beginn der Rekonstruktion des Platzes im Jahre 2020. Dabei wurden circa 6000 solcher Pflastersteine gefunden. Zur Zeit des kommunistischen Regimes in den 1980er Jahren waren jüdische Grabsteine zerstückelt und als Kopfsteinpflaster am Wenzelsplatz verlegt worden. Vermutlich stammt ein großer Teil des Materials vom ehemaligen jüdischen Friedhof in Eidlitz (Údlice) im Komotauer Kreis (okres Chomutov).

Dank eines Memorandums zwischen der jüdischen Gemeinde und der Stadt Prag konnten die Teile der ehemaligen Grabsteine an die jüdische Gemeinde zurückgegeben werden. Diese entschied sich für die Errichtung eines Denkmals auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag- Žižkov, um die Steine zu erhalten. Finanziert wurde das Projekt durch Spenden.

Die Rückkehr der Steine

Unter diesem Namen errichteten die Künstler Lucie und Jaroslav Róna (bekannt für das Kafka-Denkmal in Prag oder das Reiterstandbild „Odvaha“ in Brünn) ein Denkmal für die über sieben Tonnen an geborgenen Pflastersteinen. Die Künstler haben das Denkmal bewusst unfertig konzipiert. „Das Denkmal ist und wird nie ganz fertig sein“, schreibt die jüdische Gemeinde auf ihrer Webseite. Dadurch könne es in Zukunft mit weiteren Steinen ergänzt werden. Diese besondere Anforderung, ein massives und gleichzeitig flexibel erweiterbares Denkmal zu konstruieren, sowie die Eigenschaften der Pflastersteine, habe auch die Künstler vor eine Herausforderung gestellt. In jeden einzelnen Stein habe man bohren müssen, um sie an einem Draht zu befestigen. Herausgekommen ist am Ende eine horizontale kreisförmige Linse, von der neun Wände unterschiedlicher Höhe wie Sonnenstrahlen in verschiedene Richtungen abzweigen. Die zentrale kreisförmige Linie soll den Schöpfer als zentralen Beweger symbolisieren. Die neun Wände hingegen stünden für die physische Welt. „Sie können an die Ruinen des Tempels erinnern und uns so an die jüdische Geschichte erinnern. Eine der Wände weist wie das Symbol des Judensterns auf einer konvexen Linse nach Jerusalem“, beschrieb Jaroslav Róna die Symbolik des Denkmals während der Enthüllung. Auch der Zahl neun, als Anzahl der Pflastersteinmauern, komme eine Bedeutung zu. Die Zahl neun symbolisiere den Übergang zwischen der spirituellen und physischen Welt.

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Eine konvexe Linse im Mittelpunkt des Denkmals, steht als Symbol für den Schöpfer. Foto: Madeleine Eisenbarth

Ein Ort der Erinnerung

Das Denkmal „Die Rückkehr der Steine“ wurde am 7. September feierlich enthüllt. Damit bekamen die Teile der ehemaligen jüdischen Grabsteine, die lange Zeit als Pflastersteine auf dem Wenzelsplatz lagen, nun einen neuen, endgültigen Standort.

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Neun Mauern sind wie Sonnenstrahlen um die Linse herum aufgestellt. Foto: Madeleine Eisenbarth

Das neue Denkmal soll die Vergänglichkeit der Dinge ausdrücken und an die Juden erinnern, die ihre Grabsteine verloren haben. Das Denkmal ist während der Öffnungszeiten des alten jüdischen Friedhofs in Žižkov zugänglich. Die jüdische Gemeinde lädt auf ihrer Facebookseite dazu ein, es zu besuchen.