In der Orthodoxen Kirche der Tschechischen Länder und der Slowakei ist ein offener Streit zwischen einem Teil der Gläubigen und ihrer Kirchenführung ausgebrochen. Nonnen protestierten vergangene Woche gegen ihren Erzbischof und seine Verstrickungen in die tschechoslowakische Staatssicherheit sowie seine Nähe zu russischen Oligarchen.

Tschechien ist weitestgehend nicht dafür bekannt, Teil der christlich-orthodoxen Welt zu sein. Seit dem Schisma von 1054 gehört das Gebiet des heutigen Tschechiens zum Einflussbereich der römisch-katholischen Kirche, auch wenn diese unter der tschechischen Bevölkerung wegen ihrer Nähe zu den Habsburgern weitestgehend unbeliebt war. Dennoch ist die Gemeinschaft der tschechischen Orthodoxie nicht zu unterschätzen, bei der letzten Volkszählung 2021 bekannten sich die Gläubigen am zweithäufigsten zur orthodoxen Kirche, diese liegt damit noch vor der Kirche der Böhmischen Brüder und der neuhussitischen Kirche. Über die Hälfte der Orthodoxen in Tschechien ist Teil der Orthodoxen Kirche der Tschechischen Länder und der Slowakei. Da es in Tschechien traditionell wenige Kirchenmitglieder bei allen Konfessionen gibt, beläuft sich die aktuelle Zahl der tschechisch-orthodoxen Gläubigen in Tschechien auf etwa 23.000.

Kirchenführung mit Verbindungen in den Kreml?

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine war nun der Auslöser für einen offenen Streit von Gläubigen mit ihrer Kirchenführung. Dem Erzbischof Michal Dandár und seinem Sekretär Igor Střelec werden Verbindungen zu Russland und eine Zusammenarbeit mit der ehemaligen tschechoslowakischen Staatssicherheit (StB) vorgeworfen. Aus der Karpatenukraine stammende Nonnen demonstrierten mit weiteren Vertretern der Kirche daher am 2. Juli 2022 vor der erzbischöflichen Residenz in Prag.

Die geistlichen Demonstranten aus dem orthodoxen Kloster in Lodenitz (Loděnice) forderten einen Dialog mit der Kirchenführung und eine Veränderung in der aktuellen Personalpolitik. Der Erzbischof Michal Dandár war in StB-Listen als Mitarbeiter geführt, sein Sekretär Igor Střelec ist ebenfalls ehemaliger StB-Mitarbeiter. Die Demonstranten warfen den beiden zudem eine Nähe zu Russland vor und unterstellten ihnen einen direkten Zugang zum Kreml. Ein naheliegender Vorwurf, da beide in Moskau studierten und Verbindungen zu sanktionierten Politikern und russischen Oligarchen pflegten.

Laut dem Tschechischen Rundfunk (Česká televize) hat Střelec zuvor Geschäfte mit dem sanktionierten russischen Politiker Chizri Abakarov gemacht, der russische Investor Andrej Kruglikov baute das Kloster in Lodenitz um. Střelec weigert sich bis heute, Position zum Krieg in der Ukraine zu beziehen. Die Kirche beabsichtigt zudem, den Vorsteher des Klosters zu ersetzen. Die aus der Ukraine stammenden Nonnen fürchten sich daher vor einem russischen Einfluss auf die Personalpolitik und dass sie unter einer neuen Führung abreisen müssen.

Tschechoslowakische Orthodoxie und ihre Bezüge zur Ukraine und zu Russland

Damit bricht durch Russlands Krieg ein offener Konflikt zwischen Kirchenführung und Gläubigen aus. Die Anhänger der orthodoxen Kirche der Tschechischen Länder und der Slowakei stammen historisch aus den Randgebieten der ersten tschechoslowakischen Republik und der Karpatenukraine. Ein nicht unrelevanter Teil der tschechischen Gläubigen hat also Verbindungen in die Ukraine und sie ist ein zentraler Bestandteil der Kirchengeschichte. 1951 gewährte das Patriachat von Moskau der tschechoslowakischen orthodoxen Kirche die Autokephalie, damit wurde sie zu einer eigenständigen orthodoxen Gemeinschaft mit eigenem Metropoliten, dieser sitzt offiziell in Prag.

Heute werden an der orthodoxen theologischen Fakultät von Preschau (Prešov; Slowakei) und an einem Studienzentrum in Olmütz (Olomouc) die Priester der Kirche ausgebildet, die Führung bildet der Metropolit mit vier Bischöfen, zwei in Tschechien und zwei in der Slowakei. Am bekanntesten dürfte die Prager Kirche St. Cyrill und Method sein, hier fanden Reinhard Heydrichs Attentäter Zuflucht, bis sie von der Gestapo ermordet wurden. Die Nationalsozialisten verbaten anschließend die orthodoxe Kirche, raubten ihr Vermögen und verschleppten die Geistlichen in die Zwangsarbeit. Nach dem Krieg wurde die Kirche unter der Führung der russischen Orthodoxie wiederaufgebaut.

An den aktuellen Problemen mit dem Prager Erzbischof lassen sich die Verbindungen zur russisch-orthodoxen Kirche noch immer erkennen. Bis zur Autokephalie war die tschechoslowakische Orthodoxie der russischen unterstellt. Mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine bricht nun ein bisher nicht offen erkennbarer Konflikt zutage – der zwischen dem mit der Ukraine verbundenen Teil der Gläubigen und jenem Teil der Kirchenführung, der bisher der russisch-orthodoxen Kirche nahestand.