Rund zwei Dutzend Menschen demonstrierten vor der Russischen Botschaft in Prag, um auf die Vergewaltigungen ukrainischer Frauen durch russische Soldaten aufmerksam zu machen. Zeitgleich fielen die russischen Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“ in Prag deutlich geringer aus als in den Vorjahren. Währenddessen will Prag dem umstrittenen sowjetischen Marschall Konew die Ehrenbürgerschaft entziehen.

Vor der Russischen Botschaft Prag inszenierten Aktivisten am Montag einen Protest gegen die Vergewaltigungen durch russische Soldaten an ukrainischen Frauen. Die demonstrierenden Männer und Frauen hatten dabei mit roten Flecken und Handabziehbilder gefärbte Beine, welche Blut symbolisieren sollten, und trugen Plastiktüten auf dem Kopf. Die Demonstration verlief friedlich und dauerte etwa eine Viertelstunde. Laut den Organisatoren der Demonstration benutze die russische Armee in der Ukraine systematisch Vergewaltigungen als Kriegswaffe. „Wir möchten auf die Gewalt hinweisen, die die russische Armee in der Ukraine gegen Frauen und Kinder verübt“, betonte eine der Teilnehmerinnen gegenüber der Tschechischen Nachrichtenagentur ČTK.

Ende April hatte die ukrainische Ombudsfrau Lyudmyla Denisova mitgeteilt, dass sie in der ersten Monatshälfte im Zuge des Krieges rund 400 Berichte über sexuelle Gewalt erhalten habe, darunter auch Vergewaltigungen durch russische Soldaten.

Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt werden von der UNO als Kriegsverbrechen eingestuft. Russland weist bis dato alle Vorwürfe, russische Soldaten hätten Zivilisten getötet, gefoltert oder vergewaltigt, zurück.

Russische Minderheit erinnert an Kriegsende

Am 9. Mai feiert Russland traditionell den „Tag des Sieges“, während Tschechien schon am Vortag an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert. Traditionell finden am 9. Mai in Prag und Tschechien auch russische Feierlichkeiten statt. Diese fielen in diesem Jahr aber deutlich bescheidener aus als in den Vorjahren. Der traditionelle Empfang in der Russischen Botschaft fand in diesem Jahr nicht statt.

Auf den Friedhöfen Olšany in Prag erinnerte die russische Minderheit mit Liedern und Blumen an das Kriegsende und die gefallenen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Außerdem fand vor Ort ein Gottesdienst statt, an dem im Vergleich zum Vorjahr jedoch nur ein Drittel der Menschen teilnahm. Laut dem Hauptredner haben die Gedenken nichts mit der aktuellen Situation in der Ukraine zu tun. „Versuchen Sie nicht, uns zum Schweigen zu bringen und uns mit der aktuellen Situation in Verbindung zu bringen, machen Sie uns nicht zu Kriminellen“, sagte er.

Prag will sowjetischem Marschall die Ehrenbürgerschaft entziehen

Währenddessen sprach sich der Prager Stadtrat dafür aus, dem in Tschechien umstrittenen sowjetischen Marschall Iwan Konew (1897-1973) die Ehrenbürgerschaft zu entziehen. Als Befehlshaber der Roten Armee führte er die sowjetischen Truppen im Frühjahr 1945 bei der Befreiung Prags von der Naziherrschaft an. Dafür wurde Konew jahrzehntelang als Held gefeiert. Dem gegenüber steht sein Engagement als Oberbefehlshaber der brutalen Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes. Auch am Bau der Berliner Mauer 1961 war er beteiligt. Als ganz besonders schwerwiegend gilt unter den Tschechen jedoch Konews Anteil an der Vorbereitung des Einmarsches der Truppen des Warschauer Paktes zur Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Aus diesen Gründen sprach sich auch der Prager Stadtrat einstimmig dafür aus, Konew die Ehrenbürgerschaft zu entziehen. Prags Bürgermeister Zdenek Hřib (Piraten) sagte, dass erst mit der Zeit Tatsachen ans Licht kamen, die zeigen, dass Konew kein ehrlicher Mann sei. „Daher kann er auch kein ehrlicher Bürger sein“, so das Stadtoberhaupt. Das Prager Stadtparlament muss der Aberkennung Konews Ehrenbürgerschaft allerdings noch zustimmen, was als wahrscheinlich gilt. Kritik kam vom Vertreter der oppositionellen ANO-Partei im Prager Stadtparlament, Ondřej Prokop. Er bezeichnete das Vorhaben als einen hysterischen Versuch, die Geschichte umzuschreiben. Ihm zufolge besäße Konew immer noch die Verdienste der Befreiung von den Nationalsozialisten.

Vor zwei Jahren bereits hatte der sechste Prager Stadtbezirk das Denkmal des sowjetischen Marschalls im Stadtteil Bubeneč entfernen lassen, das dort am 9. Mai 1980 errichtet wurde.