Besonders stolz sind die Menschen in Tschechien auf die Natur und die Solidarität. Beim Bier ist man uneins. Das zeigen erste Ergebnisse einer Umfrage, mit der das Land ein neues nationales Narrativ entwickeln möchte.
Im Rahmen des Nationalen Markenprojekts „Dobré ráno, Česko!“ (dt. “Guten Morgen, Tschechien”) konnten Tschechinnen und Tschechen seit dem Sommer darüber abstimmen, was sie mit Tschechien verbinden. Die Ergebnisse der Studie sollen die Grundlage einer nationalen Erzählung auf diplomatischer, kultureller, wirtschaftlicher und sportlicher Ebene schaffen. Die Datenerhebung erfolgte über eine Online-Umfrage sowie zehn Bürgerveranstaltungen in Städten wie Prag, Brünn (Brno) und Karlsbad (Karlovy Vary).
Tschechen sind mehr Sammler als Jäger
Die Befragten nehmen ein hohes Maß an Freiheit und Sicherheit als eines der zentralen nationalen Merkmale wahr und fühlen sich diesen Werten stark verbunden. Viele verknüpfen das Gefühl von Freiheit mit der heimischen Natur und deren guter Zugänglichkeit. Insbesondere die Möglichkeit, innerhalb von etwa einer halben Stunde die Natur oder die Berge erreichen zu können, wird von vielen als Ausdruck dieses Freiheitsgefühls empfunden. „Typisch tschechisch“ sind für die Befragten Momente, die Gemeinschaft mit Natur und Traditionen verbinden. Als Beispiele werden das Sammeln von Pilzen, Rafting-Touren, Wandern in der Natur (Čundry), Hüttenbesuche und das Rösten von Špekáčky, einer traditionellen böhmischen geräucherten Brühwurst, genannt.
Solidarisch, kreativ aber wenig Ehrgeiz
Viele Befragte betonen die besondere Fähigkeit der Tschechen, mit Krisensituationen umzugehen. Tschechinnen und Tschechen wüssten „wie man Dinge anpackt“, auch unter schwierigen Umständen, bringt es die Studie auf den Punkt. Insbesondere die gegenseitige Unterstützung wird hoch geschätzt. Diese zeigt sich ganz konkret in der großen Spendenbereitschaft bei Naturkatastrophen oder der Hilfe für kranke Mitbürger. Bei der Beschreibung tschechischer Persönlichkeitsmerkmale verweisen die Befragten häufig auf Personen aus dem Sport. Im Hinblick auf die Resilienz der Tschechinnen und Tschechen beispielsweise, beziehen sich die Befragten auf den dreifachen Olympia-Goldmedaillengewinner über die Langdistanz von 1952, Emil Zátopek, genauso wie auf den Fußballer Antonín Panenka, den Erfinder des Panenka-Elfmeters.
Die Studie untersucht auch, welche Stereotype oder negativen Eigenschaften die tschechische Identität belasten. Befragte erwähnen häufig ein geringes Selbstwertgefühl, sowie wenig Ehrgeiz. „Wir sehen uns immer noch als kleines, unbedeutendes Land, spüren aber, dass wir mehr zu bieten haben. Manche Teilnehmer meinen sogar, wir hätten einst internationalen Einfluss gehabt, diesen aber im Laufe der Geschichte verloren. In den Bürgerdialogen wurde deutlich, dass wir unsere Ziele zu niedrig ansetzen“, so Nikola Hořejš, Soziologe und Direktor der beteiligten Blížksobě-Stiftung.
Bier soll kein Industrieprodukt mehr sein
Die Befragten sind stolz auf den Ruf tschechischer Marken im Ausland (u. a. Schuhunternehmen Baťa und Autobauer Škoda) sowie das damit verbundene Handwerkliche Geschick. Uneinigkeit gibt es beim Thema Bier und Bierkultur. Das Bier gilt als eine der größten Errungenschaften Tschechiens. Gleichzeitig stört die Befragten die Tatsache, dass die Tschechische Republik hauptsächlich mit Alkohol, Bier und Biertourismus assoziiert wird. „Im heutigen Kontext betrachten wir Brauereien als Industrieanlagen“, kritisiert Jaromír Mazák, Forschungsleiter am Meinungsforschungsinstitut STEM. Ziel ist eine Integration der Tradition in die moderne Welt. Das Bier soll auch in Zukunft Teil tschechischer Identität bleiben, aber mit mehr Fokus auf Qualität und Varietät. Dieser Trend spiegelt sich bereits in den letzten Jahren wider. Aktuell gibt es in Tschechien ca 50-60 Industriebrauereien und 500-600 Minibrauereien.
Über das Projekt:
„Dobré ráno, Česko!“ (dt. „Guten Morgen, Tschechische Republik“) ist die Vorbereitungsphase eines nationalen Markenprojekts – ein Konzept zur Außendarstellung der Tschechischen Republik, inspiriert von erfolgreichen Initiativen in Finnland, Estland oder Großbritannien. „Ziel ist es, gemeinsam herauszufinden, wie wir als Land wahrgenommen werden wollen“, erklärt Jan Dlouhý, Sprecher der Initiative. Strategisch wird die Kampagne vom Außenministerium koordiniert unter Einbezug der Tschechischen Zentren sowie staatlicher und privater Förderagenturen. Auf der Webseite www.dobreranocesko.cz sind alle eingeladen, Fragen zur tschechischen Identität und zum Image des Landes zu beantworten.
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