Seit dem 08. Oktober 2025 ist Peter Reuss der neue Deutsche Botschafter in Prag. Mit dem LandesEcho sprach er über seine erste Zeit im Amt, über die deutsch-tschechischen Beziehungen und seine Pläne für die Zukunft.
LE: Wie haben Sie Ihre erste Zeit im Amt erlebt?
Die erste Zeit im Amt war überwältigend. Ich habe das Gefühl, dass mich alle mit offenen Armen begrüßen. Ich lerne unglaublich viel und spreche jeden Tag mit vollkommen unterschiedlichen Menschen. Ich lerne neue Facetten von diesem Land und seinen Menschen kennen, und stelle fest, wie zivilisatorisch reich und kulturell dicht dieses Land ist, das mitten in Europa liegt und mit dem uns eine tausendjährige, gemeinsame Geschichte verbindet. Und natürlich komme ich in einem sehr spannenden politischen Augenblick: Wir hatten die Wahlen, wir haben eine neue Regierung. Für mich ist das privat als auch beruflich eine große Chance, eine schöne Herausforderung.
LE: Hatten Sie bestimmte Erwartungen, als Sie hierher gekommen sind?
Mein Vorgänger hat mich gewarnt und gesagt, schöner als hier wird es nicht. Und ich glaube, er hat recht gehabt.
LE: Haben Sie das Gefühl, schon angekommen zu sein?
Sehr. Natürlich gibt es eine große Hürde: die Sprache. Die bleibt eine Herausforderung und wird es wahrscheinlich auf absehbare Zeit auch bleiben. Aber hier sprechen so viele Menschen Englisch und Deutsch, dass man sehr schnell mit Menschen ins Gespräch kommt. Und die Menschen sind offen, freundlich, neugierig – und ich bin auch neugierig. Das trifft sich gut.
LE: Am 8. Oktober wurden sie als Deutscher Botschafter in Prag akkreditiert. Wie läuft so ein Antrittsgespräch mit dem Präsidenten ab?
Der Präsident ist ein sehr herzlicher, sehr zugänglicher Mensch, der ganz genau weiß, was er will. Er hat sich sehr präzise auf unser Gespräch vorbereitet und hat mir seine Vorstellung von den deutsch-tschechischen Beziehung sehr freundlich, aber auch sehr klar deutlich gemacht. Da spürt man im guten Sinne, dass er ein NATO-General war. Am Tag danach kam mich der Präsident zu den Feierlichkeiten des Tages der Deutschen Einheit dann in der Botschaft besuchen. Er kam zu Fuß runtergelaufen, von der Burg zur Botschaft.
LE: Welche Erwartungen an die deutsch-tschechischen Beziehungen hat der Präsident Ihnen gegenüber denn formuliert?
Bilaterale Fragen, die gerade anliegen… über die ist der Präsident sehr gut informiert.
LE: Auch Andrej Babiš war zur Feier des Tags der Deutschen Einheit in der Deutschen Botschaft zu Gast. Welchen Eindruck haben Sie von ihm?
Mit Herrn Babiš betritt kein Unbekannter die Bühne. Er war ja zwischen 2017 und 2021 schon einmal Ministerpräsident, spricht perfekt Deutsch und es ist kein Geheimnis, dass seine Firma [Agrofert, Anmerk. d. Red.], von der er sich jetzt getrennt hat, auch Interessen in Deutschland hat. Er kennt Deutschland sehr, sehr gut.
LE: Wie werden sich die deutsch-tschechischen Beziehungen mit einer Babiš-Regierung in den nächsten vier Jahren entwickeln?
Die deutsch-tschechischen Beziehungen haben sich ja seit Václav Havel in den 1990er Jahren, und seit der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 immer nach vorne bewegt. Wirtschaftlich sind wir verbunden wie wenige andere Länder in der Welt. Fast ein Drittel der tschechischen Exporte geht nach Deutschland. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit sowie der kleine Grenzverkehr zwischen Bayern und Sachsen laufen hervorragend. Man spürt, dass man sich im Herzen Europas befindet. Zentraler als hier geht es nicht.
LE: Man hört in den letzten Jahren oft, dass die deutsch-tschechischen Beziehungen so gut seien wie noch nie. Gibt es Bereiche, in denen Sie dennoch Ausbaupotenzial sehen?
Potenzial erkenne ich in unserem Wirtschaftswachstum. Die tschechische Wirtschaft hängt von der deutschen maßgeblich ab: Wenn unsere Wirtschaft wächst, dann hat es die tschechische Wirtschaft auch sehr viel leichter.
LE: Gibt es persönliche Themen oder Herzensangelegenheiten, die Sie in Ihrer Rolle als Deutscher Botschafter in den nächsten Jahren angehen möchten?
So glücklich ich hier bin, möchte ich nicht nur in Prag bleiben, sondern das ganze Land kennenlernen. Das ist mir wichtig, um die Tschechische Republik und ihre Bürger zu verstehen. Ich möchte mit den Menschen in den Austausch gehen. Soziale Medien sind schön und gut, und wichtig heutzutage, aber nichts ersetzt das direkte Gespräch.
LE: War Botschafter schon immer Ihr Traumjob oder hatten Sie früher auch andere Berufswünsche?
Botschafter ist mein Traumjob, aber als Kind wollte ich lieber Architekt werden. Da wusste ich noch gar nicht, dass es so etwas wie den Beruf des Botschafters gibt. Aber Architekt ist immer noch etwas, was ich gerne gemacht hätte.
LE: Sind Sie zwar kein Architekt, aber Sie haben trotzdem das Glück, das Palais Lobkowicz, eines der schönsten Botschaftsgebäude der Bundesrepublik Deutschland, als Ihren Arbeitsplatz bezeichnen zu dürfen. Was macht das mit Ihnen?
Das Palais Lobkowicz ist nicht nur mein Arbeitsplatz, sondern auch meine Wohnung ⎼ ich wohne oben unterm Dach. Es ist schon ganz besonders privilegiert hier zu wohnen, im schönsten Stadtteil von Prag: Auf der Kleinseite, mit Blick über die ganze Stadt, mit der Burg auf der einen und der Altstadt auf der anderen Seite sowie dem Laurenziberg hinter mir… Das ist wunderschön. Außerdem sorgt die schöne Architektur dafür, dass sich die Leute, die in diesen Räumen arbeiten, wohlfühlen.
LE: Haben Sie einen Lieblingsort im Haus?
Wenn wir Konzerte haben, der Konzertsaal.
LE: Sie hatten auch schon die Gelegenheit, die deutsche Minderheit hier in Tschechien kennenzulernen. Welchen Eindruck haben Sie gewinnen können?
Es hat mich sehr gefreut, dass wir den Kontakt so schnell aufbauen konnten. Wir werden ihn weiter ausbauen.
LE: Dieses Jahr wurde an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren erinnert. Welche Rolle spielt die Vergangenheit bei der Pflege der deutsch-tschechischen Beziehungen noch heute?
Wir dürfen nie vergessen, was passiert ist. Das Münchner Abkommen von 1938 ist in aller Munde, wenn wir über die Ukraine sprechen. Es gibt viele Parallelen zwischen damals und heute: Dass man für einen kurzzeitigen Friedensschluss Kompromisse gemacht hat, die dazu geführt haben, dass die Tschechoslowakei zerschlagen wurde. Dass man nicht mit der Tschechoslowakei, sondern über die Tschechoslowakei gesprochen hat… Es ist sehr wichtig, all das in Erinnerung zu behalten. Aber, das muss man auch sagen: Es gibt nicht nur die Zeit zwischen 1938 und 1945. Prag ist eine Stadt, die deutsche Geschichte geschrieben hat. Kaiser Karl IV. hat hier die Goldene Bulle – die erste deutsche Verfassung, wenn man das so sagen kann ⎼ verfasst. Der König von Böhmen war immer derjenige, der bei der deutschen Königswahl der erste war, der seine Stimme als Kurfürst abgegeben hat. Diesen Teil der Geschichte sollte man ebenfalls nicht vergessen.
LE: Auch die Sudetendeutschen und die Vertriebenen spielen eine wichtige Rolle, wenn wir über die Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen sprechen. Vor einigen Wochen wurde bekanntgegeben, dass der nächste Sudetendeutsche Tag erstmals in Tschechien, und zwar in Brünn, stattfinden wird. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?
Die Sudetendeutschen sind heute mitunter die wichtigsten Vermittler zwischen der Zivilgesellschaft in Tschechien und in Deutschland. Sie bringen sich sehr positiv als kulturelle Brücke zwischen unseren beiden Ländern ein. Die Organisation Meeting Brno, welche die Einladung nach Brünn ausgesprochen hat, kennen wir sehr gut. Sie leistet eine großartige Arbeit, indem sie jedes Jahr an den Todesmarsch von Brünn erinnern. Das sind tolle Leute.
Das Gespräch führten Manuel Rommel und Lennard Halfmann
Peter Reuss wurde 1964 in Freiburg im Breisgau geboren und studierte Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Politik in Freiburg, Basel und Paris. Seit 1994 ist Reuss beim Auswärtigen Amt tätig und vertrat Deutschland bis 2023 als Botschafter bei der UNESCO in Paris. Bis 2025 leitete er das Grundsatzreferat für Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt. Darüber hinaus war er auch als Nationaler Experte im Generalsekretariat der Europäischen Kommission in Brüssel sowie an den Botschaften in Ankara, Paris und Tallinn tätig.
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