Auf den Spuren verschwundener Dörfer: Das Festival „Der Weg / Cesta“ führt vom 23. bis 28. August durch das Drahaner Bergland.
Auf den Spuren verschwundener Dörfer: Das Festival „Der Weg / Cesta“ führt vom 23. bis 28. August durch das Drahaner Bergland. Credit: Der Weg / Cesta

Was haben der Rattenfänger von Hameln, mittelalterliche deutsche Siedler und zeitgenössische Kunst miteinander zu tun? Das Festival „Der Weg / Cesta“ begibt sich vom 23. bis 28. August im Drahaner Bergland nördlich von Brünn auf die Spuren verschwundener Dörfer – mit Kunst, Archäologie, Workshops und Wanderungen durch die Landschaft.

Wo heute Wälder und Wiesen liegen, befanden sich im Mittelalter zahlreiche Siedlungen. Einige von ihnen verschwanden bereits vor Jahrhunderten wieder. Ihre Überreste stehen im Mittelpunkt des Festivals „Der Weg / Cesta“, das vom 23. bis 28. August an verschiedenen Orten im Drahaner Bergland (Drahanská vrchovina) nördlich von Brünn (Brno) stattfindet.

Das Festival verbindet Archäologie und Regionalgeschichte mit zeitgenössischer Kunst, Land Art, Performances und Workshops. Die Beschäftigung mit den verschwundenen Dörfern ist für das Organisationsteam neu, knüpft aber an frühere Kunstprojekte in der Region an, darunter das Festival „7°“ in Slaup (Sloup) im Mährischen Karst.

„Das Thema der mittelalterlichen Besiedlung fasziniert uns schon lange – und außerdem liegt es hier direkt vor unserer Haustür“, sagt Hynek Skoták, bildender Künstler und Vorsitzender des Vereins Káznice Studios, der gemeinsam mit Marie Horáková und Zuzana Aligerová zum Kern des Organisationsteams gehört. Horáková und ihre Mutter Dagmar Zouharová waren selbst an archäologischen Untersuchungen der verschwundenen Siedlungen beteiligt.

Von den einstigen Siedlungen im Drahaner Bergland sind heute nur noch wenige Spuren in der Landschaft zu erkennen. Das Festival „Der Weg / Cesta“ will ihre Geschichte wieder sichtbar machen.
Von den einstigen Siedlungen im Drahaner Bergland sind heute nur noch wenige Spuren in der Landschaft zu erkennen. Das Festival „Der Weg / Cesta“ will ihre Geschichte wieder sichtbar machen. Im Bild: die verschwundene mittelalterliche Siedlung Bystřec. Das im 13. Jahrhundert – vermutlich von Siedlern aus Niederösterreich – gegründete Dorf wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts zerstört. Bei der ersten schriftlichen Erwähnung 1349 wurde die Siedlung unter dem Namen Merhlinslag aufgeführt.

Deutsche Siedler im Drahaner Bergland

Die verschwundenen Dörfer erzählen von einer Zeit, in der sich die Landschaft des Drahaner Berglands grundlegend veränderte. Bis ins Hochmittelalter war das Gebiet vergleichsweise dünn besiedelt. Vor allem im 13. Jahrhundert entstanden im Zuge der mittelalterlichen Kolonisation zahlreiche neue Dörfer. An ihrer Gründung waren vielfach deutschsprachige Siedler beteiligt, die unter anderem durch das Bistum Olmütz und lokale Grundherren in die Region geholt wurden.

Viele dieser Siedlungen hatten allerdings nur wenige Generationen Bestand. Bereits im 14. Jahrhundert setzte ein Niedergang ein, weitere Dörfer verschwanden während der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert. Was von ihnen übrig blieb, verbarg sich über Jahrhunderte unter Wiesen und Wäldern. Heute lassen sich manche ehemaligen Siedlungsplätze nur noch anhand von Bodenstrukturen, Mauerresten oder archäologischen Funden erkennen.

Dass Dörfer aus der Landschaft verschwanden, wiederholte sich im Drahaner Bergland Jahrhunderte später unter völlig anderen Umständen. Während der deutschen Besatzung wurde ab 1941 der Truppenübungsplatz Wischau (Vyškov) erheblich erweitert. Bis 1945 wurden dabei 33 Ortschaften geräumt und teilweise zerstört. Anders als die mittelalterlichen Wüstungen wurden diese Dörfer nach Kriegsende jedoch zum Teil wiederbesiedelt.

Genau an diese Geschichte knüpft „Der Weg / Cesta“ an. Für Mitorganisator Hynek Skoták ist die deutsche Dimension deshalb kein Nebenaspekt des Festivals. „Wir sind aus gemeinsamen Wurzeln hervorgegangen, daran möchte ich erinnern“, sagt er. Das Projekt solle auch dazu beitragen, die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Tschechen weiter zu vertiefen.

Eine Verbindung bis nach Hameln

Eine historische Spur führt sogar bis ins niedersächsische Hameln. Das Festival greift die Theorie auf, dass zwischen der mittelalterlichen Besiedlung der Region und der Überlieferung vom Rattenfänger von Hameln eine Verbindung bestehen könnte. Nach Angaben der Veranstalter sei ein Lokator namens Body in das Drahaner Bergland gekommen, um den Ort Hämlingen (Hamlíkov) zu gründen. Die ähnlichen Namen deuten darauf hin, dass der Lokator aus Hameln gekommen sein könnte. Das Organisationsteam hat deshalb auch eine Zusammenarbeit mit der Stadt Hameln aufgebaut.

Passend dazu reist Michael Boyer aus Hameln als „Rattenfänger“ zum Festival. Daneben stehen Diskussionen mit Fachleuten über die Rattenfänger-Überlieferung und die mittelalterliche Besiedlung sowie Exkursionen mit Archäologen zu den ehemaligen Siedlungsplätzen auf dem Programm.

Kunst mitten in der Landschaft

Gleichzeitig soll zeitgenössische Kunst einen neuen Zugang zu den verschwundenen Orten eröffnen. Beteiligt sind tschechische und deutsche Künstlerinnen und Künstler, darunter der Brünner Street-Art-Künstler TIMO und die deutsche Bildhauerin und Designerin Franziska Agrawal.

„Visuelle Kunst ist ähnlich wie Musik eine universelle Sprache, die weder Dolmetscher noch eine bestimmte Bildung braucht“, sagt Skoták. Archäologen und Künstler hätten dabei mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten könnte: Beide benötigten Fantasie, um aus wenigen erhaltenen Spuren ein Bild der Vergangenheit entstehen zu lassen.

Gerade die Begegnungen vor Ort seien für ihn der wichtigste Teil des Festivals. „Diese persönlichen Treffen an authentischen Orten kann kein Online-Seminar ersetzen“, ist Skoták überzeugt.

Besucher müssen dabei nicht das gesamte Festival mitmachen. Sie können für einen einzelnen Tag kommen, auf eigene Faust die Landschaft und ihre historischen Spuren erkunden oder mehrere Tage im Festivalcamp verbringen. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es unter anderem in Tipis. Wer länger bleibt, kann an Workshops, Exkursionen und weiteren Programmpunkten teilnehmen.

„Das Festival ‚Der Weg‘ ist für jeden da – unabhängig von Nationalität, Bildung oder Interessen“, betont Skoták. Und selbst wer sich am Ende weder für Archäologie noch für die verborgene Geschichte begeistere, bekomme zumindest eines geboten: einige Tage inmitten der Landschaft des Drahaner Berglands.

Der Weg / Cesta
23.–28. August 2026
Drahaner Bergland (Drahanská vrchovina), verschiedene Veranstaltungsorte, darunter Jedownitz (Jedovnice), Bystřec, Ruprecht (Ruprechtov)
Ausstellungen, Land Art, Performances, archäologische Exkursionen, Diskussionen und Workshops

Flyer und Programm zum Download. Mehr Informationen auch auf Facebook.

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