81 Jahre nach dem Aussiger Massaker gedenken Deutsche und Tschechen gemeinsam der Opfer.

Langsam treiben die weißen und roten Blumen elbabwärts. Für einen Moment schweigen die Menschen auf dem Fußgängersteg der Eisenbahnbrücke. Dort, weil die Beneš-Brücke wegen ihrer Sanierung derzeit nicht zugänglich ist, erinnert Aussig and er Elbe (Ústí nad Labem) am 31. Juli an die Opfer des Aussiger Massakers. Die Blumen stehen für jene Menschen, die hier vor 81 Jahren ihr Leben verloren.

Die Gedenkveranstaltung war Teil des von Erzbischof Stanislav Přibyl ausgerufenen „Jahres der Versöhnung“. Zu den Ehrengästen gehörten neben dem Prager Erzbischof der deutsche Botschafter in Prag, Peter Reuss, Oberbürgermeister Petr Nedvědický, Senator und Historiker Martin Krsek, Jan Novotný, stellvertretender Leiter der Aussiger Stadtpolizei sowie Radek Novák, Vorsitzender des Verbandes der Deutschen und Freunde der deutschen Kultur in der Tschechischen Republik. Zahlreiche Vertreter der Kirchen, der deutschen Minderheit, des Heimatkreises Aussig und viele Bürgerinnen und Bürger nahmen ebenfalls teil.

Erzbischof Stanislav Přibyl und der Aussiger Oberbürgermeister Petr Nedvědický
Erzbischof Stanislav Přibyl und der Aussiger Oberbürgermeister Petr Nedvědický Credit: Jürgen H. Jakob

Aufarbeitung der Ereignisse erst nach 1989

Der Gedenktag begann an der ehemaligen Zuckerfabrik im Stadtteil Schönpriesen (Krásné Březno). Dort befand sich am 31. Juli 1945 ein Munitionslager, dessen gewaltige Explosion mindestens 27 Menschen das Leben kostete. Bis heute ist ungeklärt, wodurch die Detonation ausgelöst wurde. Dennoch verbreitete sich damals innerhalb kürzester Zeit das Gerücht, deutsche Saboteure seien verantwortlich. Beweise dafür wurden nie gefunden.

Wenig später richtete sich die Gewalt gegen die noch in Aussig lebenden Deutschen. Auf der Beneš-Brücke, am Bahnhof und an weiteren Orten der Stadt wurden Menschen misshandelt, erschlagen, erschossen oder in die Elbe gestoßen. Historiker gehen heute von etwa 50 bis 100 Todesopfern aus. Während der kommunistischen Herrschaft blieb das Massaker jahrzehntelang ein Tabuthema. Erst nach der Samtenen Revolution begann eine offene wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufarbeitung.

Gedenkkränze auf de Brücke
Gedenkkränze auf de Brücke Credit: Jürgen H. Jakob

„Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen“

In seiner Ansprache mahnte Erzbischof Stanislav Přibyl, Erinnerung dürfe niemals dazu dienen, neue Feindbilder zu schaffen. Versöhnung bedeute nicht, die Vergangenheit zu vergessen, sondern ihr ehrlich zu begegnen. Jeder Mensch besitze eine unveräußerliche Würde – unabhängig von seiner Nationalität, Sprache oder Religion.

Auch der deutsche Botschafter Peter Reuss unterstrich die Bedeutung einer gemeinsamen Erinnerungskultur. Das friedliche Miteinander zwischen Deutschen und Tschechen könne nur auf einem offenen Umgang mit der Geschichte wachsen. Wer schmerzhafte Ereignisse verschweige, erschwere echte Versöhnung.

Oberbürgermeister Petr Nedvědický bezeichnete das Gedenken als Verpflichtung gegenüber den kommenden Generationen. Dass sich die Stadt heute wieder selbstverständlich an der Gedenkveranstaltung beteiligt, werteten viele Teilnehmer als wichtiges Signal einer gewachsenen Erinnerungskultur.

Die derzeit gesperrte Benes-Brücke
Die derzeit gesperrte Benes-Brücke Credit: Jürgen H. Jakob

Auch Zeitzeugin anwesend

Zu den bewegendsten Momenten gehörte die Begegnung mit der 87-jährigen Zeitzeugin Brigitta Gottmann, geborene Kaschte. Die 1939 in Schwaden (Svádov) bei Aussig geborene Deutsche war eigens aus Deutschland angereist. Als Kind erlebte sie die dramatischen Wochen des Sommers 1945. Seit vielen Jahren kehrt sie zu den Gedenkveranstaltungen zurück und hält die Erinnerung an die Opfer lebendig.

Senator Martin Krsek spannte den Bogen von der Geschichte in die Gegenwart. Hass, Nationalismus und die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen könnten eine Gesellschaft jederzeit wieder ins Unglück führen, warnte er. Dabei erinnerte er an die Worte des Schriftstellers Karel Čapek: „Ich fürchte den Mob; er ist die grausamste und dümmste aller Naturgewalten.“ Diese Mahnung habe bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.

Gemeinsames Erinnern von Tschechen und Deutschen

Auch Radek Novák erinnerte daran, dass Nordböhmen seit Jahrhunderten von deutsch-tschechisch-jüdischen Lebensgeschichten geprägt sei. Gerade deshalb sei die gemeinsame Erinnerung kein Blick zurück in alte Gegensätze, sondern ein Auftrag, Brücken zwischen Menschen und Nationen zu bauen.

Den Abschluss des Gedenktages bildete ein zweisprachiger Gottesdienst in der Kirche Mariä Himmelfahrt. Die diesjährige Gedenkfeier machte deutlich, wie sehr sich der Umgang mit dem 31. Juli 1945 verändert hat. Aus einem lange verschwiegenen Kapitel der Stadtgeschichte ist ein gemeinsames Erinnern geworden – getragen von der Überzeugung, dass Versöhnung nur dort gelingen kann, wo historische Wahrheit anerkannt und die Würde aller Opfer geachtet wird.

Erzbischof Stanislav Přibyl und Erzdechant Martin Davídek während des zweisprachigen Gottesdienstes. Credit: Jürgen H. Jakob

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