Für viele Touristen führt der Weg in die tschechische Hauptstadt derzeit nicht zuerst auf die Karlsbrücke oder zur Prager Burg, sondern ins Kino. Seit dem Start von Christopher Nolans The Odyssey reisen Tausende Filmbegeisterte aus ganz Europa nach Prag, um den Film so zu erleben, wie ihn der Oscar-Preisträger konzipiert hat.
Dass ausgerechnet Prag zum Ziel dieser ungewöhnlichen Kino-Odyssee geworden ist, ist kein Zufall. Das Cinema City Flora im Stadtteil Vinohrady verfügt über eine Technik, die heute selbst unter großen Kinos zur Seltenheit geworden ist. Während die meisten Häuser längst auf digitale Projektoren umgestellt haben, blieb hier die Möglichkeit erhalten, IMAX-Filme im Originalformat zu zeigen. Ein Umstand, der der tschechischen Hauptstadt derzeit internationale Aufmerksamkeit weit über die klassische Filmszene hinaus verschafft.
Warum ausgerechnet Prag?
Das Cinema City zählt heute zu einer kleinen Gruppe von Kinos weltweit, die noch analoge 70-mm-IMAX-Filme vorführen können. Neue Projektoren werden mittlerweile nicht mehr hergestellt. Auf dem europäischen Festland gibt es nur drei Standorte mit dieser Ausstattung – neben Prag noch Brüssel in Belgien und Montpellier in Frankreich. In London und Manchester gibt es drei weitere 70-mm-IMAX-Kinos, weltweit existieren rund 40 solcher Säle.
Als viele Kinos um 2008 ihre analogen Projektoren durch digitale Technik ersetzten, entschied sich Cinema City, den alten Projektor nicht auszumustern. Stattdessen wurde er eingelagert und später wieder in Betrieb genommen – zunächst 2012 für The Dark Knight Rises, später für Interstellar und Oppenheimer.
Die aktuelle Begeisterung für 70-mm-IMAX-Projektionen knüpft dabei auch an ein Stück tschechoslowakischer Kinogeschichte an. Was heute als technische Rarität gilt, war zwischen den 1960er und 1980er Jahren ein Symbol für modernstes Kino. Damals investierte die Tschechoslowakei im Rahmen ihres staatlichen Kinosystems gezielt in die neuartige Projektionstechnik. Schon 1965 liefen die ersten 70-mm-Filme in Kladen (Kladno), kurz darauf folgten mehrere Kinos in Prag. In den folgenden Jahren entstand landesweit ein dichtes Netz von Großformat-Kinos. Heute ist das Cinema City das älteste noch betriebene 70-mm-IMAX-Kino in Europa.

IMAX als „heiliger Gral“ unter den Filmformaten
The Odyssey ist der erste Spielfilm überhaupt, der vollständig mit IMAX-Kameras gedreht wurde. Unter Filmfans gilt das Format als Goldstandard der Kinotechnik. Der analoge Großformatfilm liefert eine außergewöhnliche Bildqualität mit enormer Schärfe, intensiven Farben und einer Detailfülle, die herkömmliche digitale Projektionen nicht erreichen.
Nolan bezeichnet die analoge 70-mm-IMAX-Projektion selbst als die „bestmögliche Filmerfahrung“. Sein Heldenepos wird in der Originalfassung auf einer rund 18 Kilometer langen Filmrolle mit einem Gewicht von etwa 300 Kilogramm an die Kinos ausgeliefert. Sowohl Filmkopie als auch Projektor müssen klimatisiert gelagert werden, und selbst die Vorführer benötigen eine spezielle IMAX-Zertifizierung. Entsprechend aufwendig und kostspielig ist der Betrieb.
Ein Kinobesuch wird zum Städtetrip
Die besondere Technik macht Prag inzwischen selbst zur Attraktion. Nach Angaben von Cinema City kamen in der ersten Vorführungswoche bereits über 22.000 Besucher aus etwa 15 europäischen Ländern in die tschechische Hauptstadt. Manche verbinden den Kinobesuch mit einem Kurzurlaub, andere reisen ausschließlich für eine einzige Vorstellung an.
Die Nachfrage nach Kinokarten ist entsprechend groß. Das Kino bietet inzwischen täglich vier bis fünf Vorstellungen an, darunter auch eine nach Mitternacht. Dennoch sind die meisten Aufführungen kurz nach der Freigabe bereits ausverkauft. Mit 449 Kronen (ca. 18,50 Euro) pro Karte liegen die Eintrittspreise für das IMAX-Erlebnis etwas höher als herkömmliche 2D-Vorführungen in Tschechien.
So steigen die Chancen auf Tickets
Wer Christopher Nolans Verfilmung von Homers Klassiker im Prager IMAX sehen möchte, sollte möglichst früh planen. Nach Angaben von Cinema City wird das Programm jeden Mittwoch aktualisiert und neue Vorstellungen werden freigeschaltet – für gewöhnlich bis zu einem Monat im Voraus. Es können bis zu zehn Karten pro Person reserviert werden. Besonders begehrte Termine sind aber oft innerhalb kurzer Zeit vergriffen. Es kann sich deshalb lohnen, die Website des Kinos sowie dessen Instagram-Kanal im Blick zu behalten oder den Newsletter zu abonnieren.
Das Cinema City Flora befindet sich direkt an der Metrostation Flora (Linie A). Da die Haltestelle wegen Sanierungsarbeiten aber derzeit gesperrt ist, müssen Kinogänger bis voraussichtlich Jahresende auf den Straßenbahn- und Busverkehr ausweichen. Für Autofahrer stehen im Einkaufszentrum Parkplätze zur Verfügung, Besucher erhalten nach Validierung ihres Tickets im Kino drei Stunden kostenloses Parken.




