Veronika Kupková

In einer Buchreihe stellt die Organisation Antikomplex Menschen aus dem ehemaligen Sudetenland vor, die den gängigen Stereotypen widersprechen. Gerade erscheint Band zwei: „Nordosten”. LandesEcho hat mit der Co-Autorin Veronika Kupková gesprochen.

LE: Gerade erscheint der zweite Band des Buchs „Mitten am Rande: Gespräche mit Menschen, die dem Sudetenland ein neues Gesicht geben”, in dem der Nordosten Tschechiens im Fokus steht. Wie würden Sie das „alte“ Gesicht bzw. das in der tschechischen Gesellschaft verbreitete Bild vom Sudetenland beschreiben?

Zuerst muss man sagen, dass wir den Begriff Sudetenland rein geografisch und nicht politisch betrachten. Ein neues Gesicht des Sudetenlandes wollten wir auf beiden Seiten der Grenze zeigen, denn auf beiden Seiten gibt es Gewisse Vorurteile. Auf der tschechischen Seite dominieren seit den letzten Jahren zwei Bilder: Entweder wird das Sudetenland romantisiert oder als eine Art Wildnis dargestellt. Z. B. gab es verschiedene Actionfilme, die dem Sudetenland ein bestimmtes Image verliehen haben, von einer verlassenen oder gefährlichen Gegend. Dazu kommt auch, dass in den Neunziger Jahren viele Vertriebene mit ihren Kindern die Grenzgebiete besucht und dort viele Ruinen gesehen haben. Mit diesen Bildern sind sie dann nach Hause gefahren und so sind sie in den Köpfen geblieben, auch bei den damaligen Kindern, obwohl es heute schon oft anders aussieht. Dieses oft einseitige Bild vom Sudetenland wollten wir bunter machen.

Veronika Kupková (geb. 1987 in Pilsen) studierte Geografie, Sozialwissenschaften und Anglistik an der Westböhmischen Universität. Während ihres einjährigen Aufenthalts bei Grüne Schule grenzenlos e. V. in Zethau begann sie, sich näher mit deutsch-tschechischen Themen zu befassen. Daneben beschäftigt sie sich mit Themen wie dem gegenseitigen Verständnis oder der Beziehung von Menschen zur Umwelt und zu einer nachhaltigen Lebensweise. Seit 2014 ist sie vor allem im Erzgebirge tätig und widmet sich grenzüberschreitenden Projekten. Für ihre Mitarbeit an der Dokumentation „Generation N: Deutschböhme” wurde Kupková & Team 2017 mit dem deutsch-tschechischen Journalistenpreis ausgezeichnet. 2020 erschienen der Dokumentarfilm sowie das gleichnamige Buch „Přísečnice žije – Preßnitz lebt“, worin sie mit einem Schülerteam den Spuren des verschwundenen Ortes Preßnitz nachgeht. Seit 2021 versucht sie als Mitarbeiterin an der Universität J. E. Purkyně in Aussig u. a. Wege zu finden, das unsichtbare Kulturerbe der Stadt Preßnitz zu dokumentieren und der Öffentlichkeit näher zu bringen.

LE: Wie ist die Buchreihe dann entstanden?

Michal Urban, der damals bei Antikomplex tätig war, und mich hat die Frage, welche Menschen heute eigentlich im ehemaligen Sudetenland leben, sehr beschäftigt. Dann kamen die Corona-Pandemie und die Grenzschließungen, die die deutsch-tschechische Blase sehr paralysiert haben. Also haben wir uns überlegt, was für eine Aktion überhaupt möglich wäre und wir haben uns dann dazu entschieden, Gespräche online zu führen. Und da wir schon einige Jahre in der Grenzregion tätig waren, hatten wir schon gewisse Kontakte zu inspirierenden Menschen. Ungefähr 300 Tipps für Gesprächspartner haben wir in einer Datenbank gesammelt und dann haben wir für jede Region 15 Personen ausgewählt. Bei der Auswahl haben wir auch eine gewisse Philosophie verfolgt: Es sollten nicht die großen Fische sein, die sowieso schon viel Aufmerksamkeit haben, sondern eher kleinere Initiativen, die kurz- oder langfristig wirken, die wenig oder viel Erfahrungen haben und die Umgebung nach ihren Möglichkeiten versuchen zu verbessern. Wir wollten auch Leute aus kleinen Ortschaften befragen sowie aus Großstädten, Leute, die vielleicht Auslandserfahrungen haben, und auch Leute aus verschiedenen Tätigkeitsfeldern, Männer und Frauen, jung und alt, oder aus Minderheiten, damit wir ein möglichst buntes Mosaik bekommen. Außerdem wollten wir eine Breite von Aktivitäten zeigen, die man unterstützen oder durch die man sich inspirieren lassen kann, als ein Guide oder eine Art Reiseführer durch die Grenzgebiete.

LE: In den Büchern werden also viele verschiedene Menschen vorgestellt. Gibt es trotzdem etwas, was sie verbindet oder was sie gemeinsam haben?

Ich denke, das ist etwas, was die Menschen und deren Arbeit auch mit Antikomplex verbindet, und zwar ein gewisser Mut, neue Themen zu öffnen und zu bearbeiten. Wir wollten aber nicht nur in der Vergangenheit bleiben – dazu hat Antikomplex schon mehrere Bücher herausgegeben oder Projekte durchgeführt – wir wollten auf die Frage reagieren, welche Menschen jetzt im ehemaligen Sudetenland leben und das vorherrschende, oft stereotypische Bild ein bisschen bunter machen. Vielleicht überraschend ist, dass sich alle Gesprächspartner an einem gewissen Punkt zum Thema der deutsch-tschechischen Beziehungen geäußert haben. Alle müssen sich mit der Identität des Grenzgebiets oder mit der eigenen Identität auseinandersetzen und es ist sehr spannend, das aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

LE: Welche Rolle spielt die Identität für die Menschen im Sudetenland?

Ich würde sagen, für die Interviewpartner war das nicht das Hauptthema. Das Buch führt uns aber zu der Frage, wo die Wurzeln liegen in dem Gebiet, das lange durch Vertreibung und mehrmalige Zwangsumsiedlungen geprägt wurde. Man sieht bei den folgenden Generationen, dass sie dort schon Wurzeln spüren. Als Beispiel könnte man die Familie aus Hirschenstand (Jelení) auf dem Erzgebirgskamm nennen, wo jetzt nur noch vier Häuser stehen, früher war das ein Dorf mit 150 Häusern. Diese Familie lebt dort inzwischen dauerhaft seit einigen Jahren und ihre Tochter ist nach 70 Jahren die erste Bewohnerin Hirschenstands, die dort auch geboren ist. 

Der zweite Teil der Buchreihe „Mitten am Rande”, Nordosten, ist ab sofort bei Antikomplex erhältlich. Bestellt werden kann es über die Website von Antikomplex: www.antikomplex.cz oder per Mail stepkova@antikomplex.cz. Preis: 290 Kč / 15 EUR

LE: Welcher Interviewpartner oder welche Geschichte aus den Interviews hat Sie am meisten beeindruckt und warum?

Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, jede Geschichte hatte einen Moment, wo man den Atem angehalten hat, aus ganz verschiedenen Gründen…

LE: Viele sehen in der Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland und den dortigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen heute einen Zusammenhang. Wie sehen Sie dieses Argument? 

Das wäre vielleicht ein Thema für eine Konferenz. Es gibt da zum Beispiel das sehr empfehlenswerte Buch „Slepé skvrny“ (dt. Blinde Flecken) von Daniel Prokop. Dieses zeigt einige Kausalitäten auf, die wir aus unserer eher aktivistischen Sicht gar nicht verallgemeinern können. Die Gebiete wurden nicht nur von der Vertreibung geprägt, sondern danach noch mehrmals durch die Grenzschließung, es entstanden dort Übungsplatz-, Kohleabbau- oder Wasserschutzgebiete, die die Menschen wieder von ihrem Zuhause verjagten. Wurzeln zu schlagen, war einfach nicht möglich. Ich denke auch, dass einfache Antworten auf komplexe Probleme nie etwas Gutes bringen. Man spürt, dass die Situation im ehemaligen Sudetenland nicht unbedingt leicht ist, es sind aber auch Themen, die überall aktuell sind. Zum Beispiel die Fragen: Wie beteiligen sich Menschen? Was bedeutet es, ehrenamtlich zu arbeiten? Was machen wir aus unseren Nachbarschaften? Gibt es eine lebendige Gesellschaft oder eher nur eine passive Kulisse, in der wir die Zeit nur alleine zuhause verbringen? Was tief in der Vergangenheit seine Wurzeln hat, überlasse ich lieber den Soziologen. An den konkreten Gesprächen sieht man aber, dass es oft nicht viel braucht, um die Situation vor Ort zu verbessern oder um positive Impulse zu geben. Es bringt nichts, wenn wir nur die Geschichte für die heutigen Herausforderungen verantwortlich machen.

LE: Welche Rückmeldungen bekommen Sie aus Deutschland oder Österreich, bzw. von Nachfahren der Menschen, die einst im Sudetenland gelebt haben?

Aus Österreich hatten wir leider noch keine Rückmeldungen, dort waren wir noch nicht viel unterwegs. Doch wir hoffen, dass es auch das österreichische Publikum interessieren könnte, besonders die kommenden Teile Südwesten und Südosten, die für 2024 geplant sind.

Wir haben im vergangenen Jahr versucht, den ersten Band vor allem in Sachsen und im Nordwesten Tschechiens, wo auch die Gespräche stattfanden, bekannt zu machen. Die Euroregion Elbe-Labe hat uns damit sehr geholfen. Sehr überraschend für mich war, dass das Buch wirklich viel Hoffnung bringt, indem es zeigt, dass im Sudetenland wieder Menschen leben, sogar gerne. Das ist eine starke Botschaft. 

LE: Was ist Ihre Prognose, wie sieht das Sudetenland in der Zukunft aus?

Ich denke, das ist auch etwas, was alle Interviewpartner verbindet, und zwar die Frage der Nachhaltigkeit. Viele schätzen die Natur, die Umgebung, den ländlichen Raum. Die Sorgen, die die Menschen dort teilen, und ihre Wünsche für die Zukunft hängen eng mit den Themen Nachhaltigkeit und Erhalt der Natur zusammen. Eine wichtige Frage ist auch, wie junge Menschen die Zukunft im Grenzgebiet sehen. Tendenziell wollen sie eher in größeren Städten leben und das ist auch verständlich. Es ist aber wichtig, dass man auch langfristig eine Perspektive für ein gutes Leben in den Grenzregionen sieht.

LE: Vor allem interessieren sich heute viele Tschechen der jüngeren Generation für die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte, die oft auch mit der eigenen Familiengeschichte verbunden ist. Wie beobachten Sie das im Grenzgebiet?

Ja, dem kann ich zustimmen. Es hängt vielleicht auch damit zusammen, dass junge Menschen im Grenzgebiet eine gewisse Qualität suchen und finden, die sie in den großen Städten nicht finden. Das hängt nicht nur mit den eigenen Wurzeln oder mit der Natur zusammen, sondern auch mit der Möglichkeit, dass sie selbst etwas gestalten können. Das muss nicht unbedingt mit der Familiengeschichte zusammenhängen, sondern kann auch mit der Lage zu tun haben, wo sich die Stadt oder das Haus oder das Interessengebiet befindet. Für einige ist das auch die Frage eines Abenteuers, das mit der Entdeckung verschiedener Denkmäler, alter Friedhöfe oder Kreuze zusammenhängt. Viele junge Menschen arbeiten also nicht nur im Terrain, sondern oft auch in Archiven, um vergessenen Orten ihre Geschichte wiederzugeben.   

LE: Wie nehmen Sie den grenzüberschreitenden Kontakt in der Grenzregion wahr? Wie gut kennen sich die Menschen?

Von den Präsentationen des Buchs weiß ich, dass auf beiden Seiten der Grenze Interesse an den Nachbarn besteht. Im kleinen Grenzverkehr kennt man sich schon sehr gut, aber je weiter man weg geht, dreißig, vierzig, fünfzig Kilometer, da ist die Lage schon ein bisschen anders. Ich hoffe, dass unser Buch sozusagen als Reiseführer dienen kann, um die benachbarte Region zu entdecken. Einige Leute sagen, dass es schön wäre, auch auf der sächsischen oder bayerischen Seite so einen Reiseführer zu haben über Vereine oder Menschen, die dort aktiv sind. Dazu könnte „Mitten am Rande“ ein gutes Beispiel sein.

LE: Die heutigen deutsch-tschechischen Beziehungen werden oft gelobt als so gut wie noch nie in der gemeinsamen Geschichte. Wo sehen Sie noch Potenzial?

Ich freue mich, dass wir seit diesem Jahr einen Präsidenten haben, dem das deutsch-tschechische Verhältnis wichtig ist und der aktiv in diesem Sinne handelt. Auf der unteren Ebene spüre ich aber, dass die Beziehungen und die grenzüberschreitenden Aktivitäten immer noch nicht wieder auf dem Stand von vor der Corona-Pandemie sind. Aufgrund der Grenzschließungen gab es viel Unsicherheit. Viele Leute hatten keine Energie mehr, ehrenamtlich weiterzuarbeiten, auch weil die Kosten gestiegen sind. Da wird es noch einige Monate oder vielleicht Jahre dauern, bis es sich wieder normalisiert. Ich würde mir wünschen, dass es besonders im Grenzgebiet viel mehr Sprachunterricht gibt, sodass man sich besser verständigen kann. Ich treffe oft Menschen auf der sächsischen oder bayerischen Seite, die sagen, dass sie nie die Gelegenheit hatten, Tschechisch zu lernen, dass sie nur zum Tanken oder Essen nach Tschechien fahren. Dass es zu keinem Austausch zwischen den Menschen kommt, liegt also oft am Fehlen einer gemeinsamen Sprache. Aus der tschechischen Sicht ist die Frage, ob Deutsch als zweite Fremdsprache bestehen bleibt. Deutsch war im Grenzgebiet früher auch oft die erste Fremdsprache, was ich sinnvoll finde. Leider ist das heute keine sehr verbreitete Praxis mehr. Es wäre auch toll, wenn sich die Städte-, Schul- und Vereinspartnerschaften mit mehr Inhalten und Aktivitäten füllen, damit diese nicht nur auf dem Papier bestehen, sondern etwas Lebendiges zustande kommt.

LE: Wie geht es mit der Buchreihe „Mitten am Rande“ weiter?

Geplant sind insgesamt vier Teile. Gerade beschäftigt uns der Teil Südwest, zwischen Karlsbad und Budweis. Dieser Teil wird voraussichtlich nächsten Sommer erscheinen.

Das Gespräch führte Manuel Rommel

Sie können die Veröffentlichung der Bände 3 und 4 von „Mitten am Rande“ mit einer Spende auf das Bankkonto von Antikomplex unterstützen:

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Bei einer Spende bittet Antikomplex um eine gleichzeitige Nachricht an stepkova@antikomplex.cz.

Antikomplex wurde 1998 gegründet und ist eine gemeinnützige Organisation, welche sich der kritischen Reflexion der Geschichte Tschechiens widmet. Der Blick richtet sich dabei insbesondere auf die ethnischen Säuberungen der Nachkriegszeit und das nachfolgende Schicksal der Landschaft sowie der Gesellschaft im ehemaligen Sudetenland. Des Weiteren ist Antikomplex in der politischen Bildung aktiv. Zu den bekanntesten Publikationen gehören „Das verschwundene Sudetenland“ (2004), „Sudetengeschichten“ (2010) und  „Bei uns verblieben“ (2013). 2022 erschien der erste Band der vierteiligen Reihe „Mitten am Rande: Gespräche mit Menschen, die dem Sudetenland ein neues Gesicht geben“.

Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 11/2023

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