Analoge Fotoautomaten kennt man eigentlich nur aus der Vergangenheit. In Prag gibt es sie wieder. In Zeiten, in denen fast ausschließlich digital fotografiert wird, haben Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Automaten ihren ganz besonderen Reiz, findet Landesbloggerin Lena Hänke. Sie hat den Selbsttest gemacht.

Vier mal blitzt es, bevor ich meinen Fotostreifen aus dem analogen Fotoautomaten in den Händen halte. Vorher sehen konnte ich die Bilder nicht – dem Automaten fehlt ein Display. Auf den Fotoautomaten in der Nähe der Station Moráň wurde ich auf TikTok aufmerksam. Analoge Fotografie ist mir grundsätzlich nicht neu. Im letzten Jahr habe ich von meinem Großvater seine ehemalige analoge Kamera geschenkt bekommen. Infolge eines Seminars an meiner Hochschule hatte ich zudem die Gelegenheit, selber analoge Bilder im hochschuleigenen Fotolabor zu entwickeln. Gespannt bin ich trotzdem, während ich mich mit der Bahn auf dem Weg zum Fotoautomaten in der Nähe des Karlsplatzes mache. 

Die Retro-Welle erobert die Fotoboxen

Von der Station Moráň sind es nur wenige Minuten, bis ich beim ersten von insgesamt zwei Fotoautomaten, die sich in Prag befinden, ankomme. Die Kabine erreicht man mit wenigen Treppenstufen direkt neben dem Zentrum für Architektur und Stadtplanung (CAMP). Der silber-glänzende Kasten sticht vor den grünen Blättern eines Baumes heraus, während der gelbe Vorhang zunächst das eisblaue Innere verdeckt. Das Unternehmen Fotoautomat restauriert alte Fotoautomaten aus den  50er und 60er Jahren, um diese in europäischen Großstädten wieder aufzustellen: „Seit mehr als fünfzehn Jahren in Berlin und seit 2007 in Paris Schwarz-Weiß-Fotobooths“, wirbt das Unternehmen auf seiner Website. Nach Berlin und Paris, ist das Unternehmen mit zwei Fotoboxen nun neuerdings auch in Prag vertreten.

Der Fotostreifen wird entwickelt

Mit einer Anleitung im Innenraum des analogen Fotoautomaten lässt sich der Automat leicht bedienen.
Mit einer Anleitung im Innenraum lässt sich der Automat leicht bedienen. Credit: Lena Hänke

Um ein Bild zu machen, muss ich in keiner Warteschlange stehen, an diesem Morgen bin ich alleine vor der Kabine. Nach dem Betreten setze ich mich zunächst auf den verstellbaren Hocker, bei dem schon an einigen Stellen die weiße Farbe abblättert. Vor mir eine durchsichtige Scheibe, hinter der sich die Linse verbirgt. Eine Markierung auf Augenhöhe signalisiert mir, wo ich hinblicken muss. Ob das Foto meiner Erwartung entspricht, erfahre ich erst, wenn ich meinen Bildstreifen in den Händen halte. Selbst ein Spiegel fehlt in der Kabine. Von einem Display, wie es neuere Fotoautomaten mitbringen, ganz zu schweigen. Ein Griff zur Handykamera ist dann doch wiederum nötig, um das eigene Aussehen noch einmal zu überprüfen. 120 Kronen (ca. fünf Euro) kostet ein Fotostreifen, „dessen Qualität mindestens 100 Jahre lang stabil bleibt“, wie das Unternehmen verspricht. 

Trotz Retro-Style ist die Bezahlung nicht nur mit Münzen möglich, denn ich kann ganz bequem meine Karte an den Automaten halten. Sobald ich bezahlt habe, geht es wenige Sekunden später los. Nach dem vierten grellen Blitz wird der Automat auf einmal lauter, der Prozess des Entwickelns hat im Inneren des Automaten begonnen. Während ich im Fotolabor meiner Hochschule das Fotopapier mit der Hand immer wieder in die verschiedenen chemischen Lösungen legen musste, wird der Vorgang hier von einer Maschine übernommen. Nach vier bis fünf Minuten fällt der fertige Fotostreifen an der Außenseite der Kabine in sein Ausgabefach. Es zeichnen sich vier Schwarz-Weiß Porträts auf dem noch nassen Fotopapier ab, das Resultat des analogen Entwicklungsprozesses. Trotz meiner geschlossenen Augen auf dem letzten Bild bin ich zufrieden mit dem Ergebnis.

Das endgültige Bild fällt in ein Fach am Äußeren des analogen Fotoautomaten.
Das endgültige Bild fällt in ein Fach am Äußeren der Kabine. Credit: Lena Hänke

Die Fotokabine im Einkaufszentrum

Trotz des zufriedenstellenden Resultats im ersten Durchgang mache ich mich auf, um auch dem zweiten Fotoautomaten einen Besuch abzustatten. Nicht um ein weiteres Foto zu machen, sondern um mit anderen Fotobox-Fans ins Gespräch zu kommen. Anders als der erste Automat, befindet sich der zweite in einem Einkaufszentrum. Mit der Tram fahre ich innerhalb weniger Minuten zur Station Vodičkova, von dort aus sind es nur noch ein paar Meter zum Eingang. Der Automat steht in der Ecke einer Einkaufspassage. Zu übersehen ist er nicht, denn die silbern glänzende Kabine sticht vor den braunen Wänden hervor, in ihrer Art jedoch anders als ihr Vorgänger. Die eckigen Kanten sind nun abgerundet, während der Innenraum in einer Wand aus hellem Holz gekleidet ist.

Der analoge Fotoautomat im Einkaufszentrum fällt mit seiner runden Form und der silber-glänzenden Außenseite auf.
Der Fotoautomat im Einkaufszentrum fällt mit seiner runden Form auf. Credit: Lena Hänke

Erinnerung zum Mitnehmen

Schon von Weitem sehe ich: Die Kabine ist besetzt. Zwei junge Frauen aus Israel posieren für ihr nächstes Bild. Auf Nachfrage erzählt mir Shaked, dass auch sie anhand sozialer Medien auf diesen Ort aufmerksam wurde. „Es soll eine sehr süße Erinnerung sein, aber wir wissen ehrlich gesagt nicht, wie die Bilder am Ende aussehen werden. Wir denken, wir hatten die ganze Zeit unsere Augen zu“, so Nitzan, während die Beiden auf ihren Fotostreifen warten. Obwohl beide ihre Smartphones dabei haben, ziehen die beiden ein physisches Andenken einem Handy-Selfie vor: „Es hat einfach eine andere Wirkung, etwas in meinem Raum aufhängen zu können, anstatt einfach ein Bild mit dem Handy zu machen“, sagt Shaked. Ich sehe es genauso wie sie, selbst Selfies, die ich mit meinem Smartphone mache, drucke ich aus, um sie an meine Wand zu hängen.

Imperfekt und analog

Nicht nur beim Fotografieren greife ich gerne auf analoge Werkzeuge zurück. Beim Schreiben beispielsweise benutze ich sehr gerne noch Stift und Papier, obwohl ich einen Laptop besitze. Genauso finde ich es angenehmer, ein Buch in der Hand zu haben, anstatt auf einem E-Reader zu lesen. Eine einzelne Bilderreihe aus einem analogen Fotoautomaten hat für mich mehr Aussagekraft als 100 Smartphone-Selfies. Der Aufwand des Entwickelns, der Preis und die lange Wartezeit lassen über etwaige kleinere Fehler hinwegsehen. Anders als bei einem Smartphone-Selfie, das man so oft aufnimmt, bis das Bild perfekt ist.

Analoge Fotografie ist in der Lage, Momente realistischer einzufangen. Meine geschlossenen Augen beim letzten Bild meines Fotostreifen, wie ihn mir der Automat am Karlsplatz ausgespuckt hat, zeigen: Die analogen Fotoautomaten zielen nicht auf das perfekte Bild ab, sondern darauf, einen Moment festzuhalten. Darauf, eine Erinnerung zum Anfassen zu schaffen, an der man – wenn das Fotopapier hält, was es verspricht – noch die nächsten 100 Jahre festhalten kann.

Lena Hänke
Lena Hänke Credit: Lena Hänke

Liebe Leser und Leserinnen des LandesEcho,

mein Name ist Lena Hänke und ich komme aus dem kleinen Dorf Sietow bei Waren (Müritz) in Mecklenburg-Vorpommern. In den nächsten drei Monaten werde ich ein Praktikum in der Redaktion des LandesEcho in Prag absolvieren. Als Journalismus-Studentin der Hochschule Magdeburg-Stendal freue ich mich, hier in den nächsten Wochen viele praktische Erfahrungen sammeln zu können. Erste Einblicke in den Journalismus konnte ich bereits bei der MüritzZeitung der Nordkurier Mediengruppe gewinnen. Aufgrund meines Interesses an Fotografie, Literatur und gesellschaftlichen Themen wurde mir bereits in der Schulzeit schnell bewusst, dass ich im journalistischen Bereich arbeiten möchte. Da ich darüber hinaus gerne verreise, freue ich mich umso mehr, im Rahmen meines Praktikums beim LandesEcho journalistische Arbeit mit der Erkundung Prags und Tschechiens verbinden zu können.

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