Beginnend mit diesem Beitrag präsentieren wir Ihnen die Siegeressays unseres Schreibwettbewerbs zum Thema „Europäische Integration und Partizipation. Wie gelingt das?“ Folgend lesen Sie den Essay von Anna Hrabáková, den die Jury auf den dritten Platz gewählt hat.

Die Europäische Union ist mit 27 Mitgliedern zu einer Gemeinschaft vieler mittelgroßer und kleiner Staaten gewachsen. Für die Mitgliedsstaaten ist die europäische Integration die beste Option, um ihre Existenz in einer globalisierten Welt zu sichern. Diese Ansicht teilt die überwiegende Mehrheit der europäischen Bevölkerung und ist davon überzeugt, dass die EU sie vor den negativen Folgen der Globalisierung schützt und es ermöglicht, von ihren positiven Auswirkungen zu profitieren. Dank des europäischen Entscheidungsmechanismus haben kleinere Staaten außerdem mehr an Gewicht gewonnen und konnten bereits mehrfach ihre Interessen gegenüber größeren Ländern formulieren. Darüber hinaus ist das rotierende System des Vorstands des Europäischen Rates eine gute Gelegenheit für kleinere Länder, den anderen Nationen und der Welt ihre nationalen Kulturen näherzubringen.

Anna Hrabáková ist 24 Jahre alt und studiert Tschechisch-Deutsche Areale Studien an der Südböhmischen Universität Budweis. Foto: privat

Anna Hrabáková ist 24 Jahre alt und studiert Tschechisch-Deutsche Areale Studien an der Südböhmischen Universität Budweis. Foto: privat

Kleiner Kontinent, große Vielfalt

Zwar ist Europa im Vergleich zu Amerika ein sehr kleiner Kontinent aber gleichzeitig auch die Wiege einer selbstbewussten Weltbevölkerung, kulturellen Reichtums, Bildung und einer entwickelten Gesellschaft. Jedes der europäischen Länder ist etwas Besonderes, Außergewöhnliches. Deshalb finden wir auf einem so kleinen Stück Erde eine so große Vielfalt an Kulturen, Traditionen und Menschen. Gleichzeitig bildet dieser Kontinent, trotz seines Reichtums an Individuen, Traditionen und Bräuchen, eine imaginäre Einheit, die hauptsächlich historisch begründet ist. Europa sollte niemals ein Kontinent werden, auf dem alle gleich sind. Es ist die Einzigartigkeit und Individualität jedes Staates, die den Geist Europas ausmacht. Trotz des Zusammenhalts der Länder sollten die einzelnen Staaten weiterhin befähigt sein, ihre eigene Identität auszubilden.

Sprache als Motor der europäischen Integration

Eines der Identitätsmerkmale eines Staates ist seine Sprache. Ich denke, dass Sprache nicht nur ein Kommunikationsmittel ist, sondern auch das vielfältige kulturelle Erbe der Menschheit widerspiegelt. Sprachen spielen eine unersetzliche Rolle bei der europäischen Integration. Bereits Goethe formulierte treffend, was seinen Gültigkeitsanspruch bis heute nicht verloren hat: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch.“ Fremdsprachen öffnen ein imaginäres Tor zur Welt über die Grenzen Europas hinaus. Dank Sprachen kann man andere Menschen kennenlernen, sich begegnen und vor allem voneinander lernen. In der Tschechischen Republik werden Sprachen in der überwiegenden Mehrheit der Grundschulen ab der dritten Klasse unterrichtet. Der Sprachunterricht in Schulen orientiert sich allerdings oft streng an Lehrbüchern und ist wenig auf Begegnungen ausgerichtet.

Grenzüberschreitender Austausch

Ich denke, dass es bereits für Schüler weitaus vorteilhafter wäre, Sprache in einer natürlichen Umgebung zu begegnen. So soll der grenzüberschreitende Austausch unterstützt und damit jüngeren Generationen ermöglicht werden, etwas Neues zu lernen. Deshalb bin ich dankbar für die Projekte, die im Rahmen der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit stattfinden. Ich denke, dass die Grundlage der europäischen Integration genau in dieser grenzüberschreitenden Zusammenarbeit liegt. Die Unterstützung von deutsch-tschechischen Projekten hat das Potential, das Bewusstsein einer Nation für die anderen Mitglieder der Staatengemeinschaft zu erhöhen. Dabei ist besonders die Unterstützung von Bildung, die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten, aber auch der Tourismus von zentraler Bedeutung. Dies sind Bereiche, die die Europäische Union mit finanziellen Mitteln unterstützen sollte.

Zugang durch Sprache

Dank EUREGIO hatte ich die Möglichkeit, ein Schuljahr an einem Gymnasium im bayerischen Freyung zu verbringen. Ins kalte Wasser geworfen, schwamm ich tapfer. Ich habe ein anderes Bildungssystem erlebt, mein Deutsch verbessert und die bayerische Kultur und Sprache kennengelernt. Deutsch ist eine der Amtssprachen der Europäischen Union. Trotz historischer Ereignisse, die die Wahrnehmung von Deutschland stark beeinflusst haben, ist es immer noch wichtig, Deutsch zu lernen, denn trotz alledem sind die deutschsprachigen Länder unsere engsten Nachbarn. Die Beherrschung der englischen Sprache ist in der globalen Wissens- und Informationsgesellschaft zur Voraussetzung für den Zugang zu Märkten, Wohlstand, Wissen und Information geworden. Das langfristige Ziel der EU ist es aber, auch bei neuen Erweiterungen die Mehrsprachigkeit zu garantieren, während gleichzeitig die Motivation der Europäer zum Sprachenlernen gestärkt werden soll.

Europäische Identität

Die Europäische Union wird heute oft als eine Selbstverständlichkeit gesehen. Viele nehmen die Staatengemeinschaft positiv wahr. Es gibt jedoch auch diejenigen, die der EU negativ gegenüberstehen und den Rückzug aus EU-Strukturen unterstützen. Parallel mit der europäischen Integration hat sich auch die euro-atlantische Zusammenarbeit entwickelt, insbesondere auf der Sicherheitsebene. Der altmodische Kontinent wurde zu einer modernen und entwickelten Gemeinschaft, die den Bürgern eine gute Lebensqualität anbieten kann. Trotz aller Vorteile, die die europäische Integration mit sich gebracht hat, ist es Europa bislang nicht gelungen, seine Bewohner dazu zu ermutigen, sich „europäisch“ zu fühlen. Bei vielen Bewohnern Europas herrscht weiterhin ein nationales Zugehörigkeitsgefühl vor. Die europäische Integration ist ein langfristiger Prozess. Es gibt immer Platz für Verbesserungen und es gibt noch viele Bereiche, an denen die EU arbeiten kann.