Die neue Publikation aus dem Collegium Carolinum ist ein Produkt der Superlative und schon heute Standardwerk.

Sechs Jahre Arbeit von der Projektplanung bis zur Publikation, neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fünf Ländern, sieben zeitlich gegliederte Einzelkapitel, 70 Illustrationen, 425 Seiten, vier Sprachen. Das ist, in nüchternen Zahlen, die Summe eines Opus Magnum der Geschichtsschreibung über „Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern“, an dem kein Interessierter, ob Laie oder Experte, künftig vorbei kommen kann. Schon rein sprachlich ist für eine weltweite Verbreitung gesorgt: Die englische Originalfassung erscheint Ende dieses Jahres, dagegen liegt die deutsche Übersetzung jetzt bereits vor, dank des Engagements von Martina Niedhammer, Mitarbeiterin am Münchner Collegium Carolinum. Ausgaben in Tschechisch und Hebräisch werden folgen.

Jüdische Geschichte von unten

Kateřina Čapková vom Prager Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften hat die Zusammenarbeit organisiert. Überschneidungen und Redundanzen halten sich in engen Grenzen, der erzählerische Duktus wird über alle Einzelbeiträge hinweg auf hohem homogenen Niveau gehalten – nicht das geringste Kunststück bei derartigen internationalen Unternehmen.

Das internationale Forscherteam vermittelt einen neuen und besonderen Zugang zum Thema: Jüdisches Leben wird weniger als Objekt staatlicher „Judenpolitik“ analysiert, sondern eher als „Geschichte von unten“. Sie stützt sich vor allem auf jüdische Zeugnisse und greift auf einen breiten Quellenfundus zu den Alltagserfahrungen in den Gemeinden und Familien zurück. Mitunter konzentriert sich in Einzelbiografien die Essenz einer ganzen Epoche. Im Ergebnis zeigt sich, wie sich die Juden selber in ihrer  religiösen und regionalen Vielfalt gesehen haben. Dies umso mehr, als nicht nur Prag, die böhmische Kapitale, im Focus des Interesses steht.

Mit Nikolsburg, eines der bedeutendsten religiösen Zentren in Mähren, kommt zugleich die Provinz in den Blick, die jenseits der urbanen Zentren ihre durchaus eigenen kulturellen Milieus, religiösen Traditionen und regionalen Identitäten aufzuweisen hat.

Das Besondere dabei ist Böhmens Nahtstelle zwischen West und Ost: Auf der einen Seite die reformorientierten Juden in der Habsburger Monarchie, auf der anderen Seite die aus Polen-Litauen, Galizien oder der Karpato-Ukraine geflüchteten Glaubensbrüder mit ihren speziellen Traditionen jüdischer Orthodoxie. 

Damoklesschwert des Antisemitismus

Mit großer Akribie zeichnen die Verfasser den langen und steinigen Weg der Emanzipation, Mobilität und Integration nach, der für die Juden in den böhmischen Ländern nach Maria Theresias Tod begann. Stets unter dem Damoklesschwert des Antisemitismus wurden sie durch die Habsburger Verfassung des Jahres 1867 zunächst zu gleichberechtigten Untertanen des Kaisers und ein halbes Jahrhundert später zu selbstbewussten Bürgern der Tschechoslowakischen Republik. Zwei Namen mögen für diesen zunehmend gelingenden Integrationsprozess stehen: Der Anwalt Ludwig Bediener, führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde Prag, brachte es zum Direktor des „Deutschen Clubs“ und Vizepräsidenten des (deutschen) Casinos. Bohumil Bondy, Spross jüdischer Eltern und Inhaber einer florierenden Metallfabrik, fungierte als tschechischer Repräsentant der Prager Handelskammer. Beide waren mithin angekommen in der liberalen Hauptstadt-Gesellschaft, blieben aber dennoch von antisemitischen Anwürfen nicht verschont.

Selbst im „Goldenen Zeitalter“ mit Präsident Masaryk als „Sicherheitsgaranten“ waren antisemitische Einstellungen latent vorhanden. Nach dem Münchner Abkommen traten sie offen zutage, als die (deutschsprachigen) Juden vor den Nazis im Herbst 1938 ins noch freie Böhmen und Mähren flüchteten. In einem Brief klagt die Schriftstellerin Ilse Weber in Mährisch-Ostrau über ihre nicht-jüdischen Nachbarn, die nun jeden Kontakt zu ihr mieden. Berufsverbände von Anwälten, Medizinern und Ingenieuren forderten Berufsverbote für ihre jüdischen Kollegen, in Pilsen eröffnete der katholische Erzdekan der Stadt im Februar 1939 eine Ausstellung mit der Botschaft: „Der Jude – Feind der Menschheit“.

Das Ende jüdischen Lebens in Böhmen?

Dennoch sei der Holocaust, konstatiert der US-Amerikaner Benjamin Frommer, nur denkbar unter deutscher Besatzung. Detailliert beschreibt er die verschiedenen Phasen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik im Protektorat sowie die Rolle Theresienstadts. Von den 68.000 Deportierten kehrten lediglich 3.371 zurück. Diese Tragödie markiert das Ende jüdischen Lebens in den böhmischen Ländern. Oder doch nicht ganz?  Noch leben dort heute Juden, bestens vernetzt mit Europa und der Welt, insbesondere den Hilfsorganisationen in den USA. Wie viele es sind? Vor hundert Jahren zählte man 125.000 in Böhmen und Mähren, heute sind es vielleicht 3.000 oder 20.000, je nach Maßstab. Wer mag, kann an seinem Wohnort nachforschen. Dazu gibt das Buch eine gefällige Handreichung. Für 23 Orte wird das Schicksal der jeweiligen jüdischen Gemeinde geschildert und mit Zahlen annähernd unterlegt. Heimatforschern bietet sich hier ein dankbares Betätigungsfeld.


Kateřina Čapková und Hillel J. Kieval (Hrsg.): Zwischen Prag und Nikolsburg Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern. Foto: Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2020Kateřina Čapková und Hillel J. Kieval (Hrsg.)

Zwischen Prag und Nikolsburg

Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern

Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2020