Das Regionalmuseum entdeckt die Bildersammlung der einstigen Teplitzer Kunstsektion. Darunter ist manche Überraschung.

Jahrzehnte lagen sie in Kisten im Depot des Regionalmuseums von Teplitz (Teplice). „Als ich nach dem Studium in den 1980er Jahren anfing, habe ich diese Kisten gewissermaßen geerbt“, erinnert sich Bohuslava Chleborádová. „Ich wusste, irgendwann stelle ich diese Werke aus.“ Nach und nach kam ans Licht, um was für einen Schatz es sich handelt: Über 200 Werke moderner Kunst des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, gesammelt im Auftrag der Sektion für bildende Kunst der Museums-Gesellschaft Teplitz-Schönau. Nach über 80 Jahren in Lagern ist die spektakuläre Sammlung aus Gemälden, Grafiken und Plastiken nun im Regionalmuseum Teplitz zu sehen.

„Kunst in Not!?“ lautet der dramatische Titel der Ausstellung in der Reithalle (Jízdárna) im Schloss. „Das bezieht sich auf die Programmerklärung der Sektion, die sich im November 1932 gründete, und auf die nicht einfache Lage von Künstlern in der Zeit der Weltwirtschaftskrise“, erklärt Chleborádová. Der Titel hat aber noch eine andere Dimension. Er wollte auf die Abwesenheit der modernen bildenden Kunst in einer Stadt aufmerksam machen, die als Kurstadt seit Jahrhunderten Schaufenster in die Welt war. Vorbild für die Gründung der Sektion waren ähnliche Verbünde wie der Metznerbund und der Thomabund. Ende der 1920er Jahre hatte sich in Prag zudem die Prager Secession gegründet.

Kunstliebhabende Lehrerin

Treibende Kraft in Teplitz war die Lehrerin und Kunstliebhaberin Emma Meisel, die 1919 als 34-jährige aus Budweis (České Budějovice) nach Teplitz kam und das Fehlen moderner Kunst in der Stadt schmerzlich vermisste. Als 1935 der Vorsitzende der Sektion Hermann Flügel starb, wurde Meisel seine Nachfolgerin und ihr Haus im Gretchenweg 2 (heute Otakarova stezka) zum offiziellen Sitz der Sektion.

In ihrer nicht einmal sechs Jahre währenden Existenz organisierte die Sektion 18 Ausstellungen. „Die liefen immer nur 14 Tage. Trotzdem oder gerade deshalb besuchten jede Ausstellung im Schnitt 1000 Menschen. Davon kann ich heute nur träumen“, sagt Chleborádová. Einen Teil der Bilder kaufte die Sektion immer für sich, woraus sich der heutige Fundus rekrutiert.

Mit der Ausstellung „Kunst in Not!?“ lehnt sie sich sowohl inhaltlich als auch gestalterisch an jene Ausstellungen an. „Wir wollen einerseits die ganze Bandbreite der damals vertretenen Künstler zeigen, was aber an räumliche Grenzen stößt“, erklärt Chleborádová. Die Kunstwerke stehen und hängen relativ dicht beieinander, was wiederum an den Charakter der Verkaufsausstellungen erinnert.

Große Namen sind dabei

„Es sind sowohl große Namen dabei, als auch Künstler, deren Karrieren durch Krieg, Vertreibung und Verfolgung, unterbrochen oder vorzeitig beendet wurden“, sagt Chleborádová. Ein Blickfang sind die expressionistischen Bilder von August Brömse. Der früh verstorbene Prager Kunstprofessor war eine prägende Figur und beeinflusste viele Künstler, die später mit der Teplitzer Sektion zusammenarbeiteten. Die Sektion legte auch Wert darauf, regionale Künstler zu zeigen. Ein Schwerpunkt sind Absolventen der hiesigen Keramikfachschule.

Hans Frohne web Bildrechte Steffen Neumann

Zu sehen sind auch drei Bilder des in Dresden geborenen Malers Hans Frohne. Seine Bilder stammen nicht aus dem Fundus der Sektion. Frohne hatte in München studiert und später in Berlin gewirkt, war aber offenbar wieder nach Dresden zurückgekehrt. Im Februar 1945, als Dresden zerstört wurde, brachte er sein ganzes Werk nach Teplitz. „Er war seit den 1920er Jahren regelmäßig in Teplitz. Ich konnte aber nicht herausfinden, wie seine Verbindung hierher zustande kam.“ 1945 verliert sich seine Spur. Sein Werk dagegen lebt in Teplitz weiter.

Frohne ist nicht der einzige Künstler mit Verbindungen nach Sachsen. Fritz Krämer lernte bei Otto Dix in Dresden. Heribert Fischer Geising zog aus Teplitz nach Geising. Seine Bilder hatte Chleborádová schon früher gezeigt. Der erste, den sie dem Vergessen entriss war übrigens vor drei Jahren der in Dresden geborene Walter Kietz.

Nach 1945 unverstanden

1938 wurde die Sektion als Folge des wachsenden deutschen Nationalismus aufgelöst. Meisel hatte noch geschafft, eine Ausstellung mit ausschließlich tschechischen Künstlern durchzusetzen. „Das war aber auch der endgültige Auslöser für das Ende der Sektion. Auch, dass sie Jüdin war, spielte eine Rolle“, erzählt Chleborádová. Auch wenn die Ausstellung über tschechische Kunst von der deutschen Presse fast komplett totgeschwiegen wurde, zählte sie viele Besucher. „Die tschechische Kunst unterschied sich fundamental von der deutschen. Während die Deutschen dem Realismus, Klassizismus und der Neuen Sachlichkeit verhaftet waren, wurden die tschechischen Künstler stärker durch die französische Kunst geprägt“, erklärt Chleborádová. Das trug allerdings auch dazu bei, dass die Bilder der Sektion nach 1945 in den Lagern verschwanden. „Die Werke der deutschen Künstler blieben in Tschechien unverstanden.“

Das Schicksal von Emma Meisel endete tragisch. Die Kunstliebhaberin kam 1941 in den Gaskammern von Auschwitz um. Die von ihr initiierte Sammlung ging ebenfalls zunächst schweren Zeiten entgegen. „Immerhin war sie bis in die 1970er Jahre noch zusammen. Dann aber wurde aussortiert. Die Kunst sollte sich mit der Arbeiterklasse befassen. Viele Werke wurden Schulen oder anderen Organisationen angeboten oder vernichtet“, sagt Chleborádová. Heute sind noch etwa zwei Drittel der Sammlung in Teplitz vereint. In den vergangenen Jahren wurden die Werke restauriert und sind nun bis 2. Februar im Schloss ausgestellt.

Öffnungszeiten Museum: Di-Fr 12-17 Uhr, Sa/So 10-12/13-17 Uhr