Das Festival Bílinale belebt leer stehende sakrale Räume rund um die nordböhmische Stadt Bilin.

Die Bilder sind der einzige Schmuck in der kahlen Kirche von Hrobschitz (Hrobčice). Noch lehnen sie an der Wand, aber schon so angeordnet, wie sie mal hängen sollen. Ein kleiner Vogel kommt durch ein Fenster geflogen. Dort, wo sonst in einer Nische am Eingang geweihtes Wasser für die Gläubigen eingefüllt ist, hat er sein Nest gebaut. Drei Hälse recken sich entgegen, was vom Futter abzubekommen. „Ich bewege mich hier so vorsichtig wie möglich, um die Vögel nicht zu stören. Den Kompressor habe ich auch erst mal wieder abgestellt, so lange ich ihn nicht brauche“, sagt Sebastian Weise.

Der Künstler aus Halle präsentierte sein Werk im Rahmen der Bílinale Anfang Juli in drei Kirchen rund um Bilin (Bílina). Acht Künstler aus Tschechien und Deutschland hauchten den Kirchen sprichwörtlich neuen Atem ein. „Einatmen/Ausatmen“ hieß das Motto des Kunstfestivals, das erstmals stattfand. „Die Kunstwerke geben den meist kahlen Kirchenräumen einen Rhythmus. Und letztendlich geht es darum, sie wieder zu beleben, den Menschen zu zeigen, dass es sie gibt“, erklärte die Kuratorin Vendula Fremlová, die an der Kunstfakultät in Aussig (Ústí nad Labem) lehrt, das Konzept.

Allen drei Kirchen ist gemeinsam, dass sie jahrzehntelang nicht mehr genutzt wurden. Sie waren verschlossen. In Hrobschitz war der Eingang sogar zugemauert und musste wieder durchbrochen werden. Vor Vandalismus schützte das leider nicht. Fremlová zeigt, wie Diebe in die Kirche in Kautz (Chouč) durch das Fenster eindrangen, indem sie auf den Taufstein sprangen. In Kautz sind noch vergleichsweise viele Gestaltungselemente vorhanden. Doch der Taufstein hat unter den Sprüngen sichtbar gelitten. Seine Funktion als Absatz hat aber womöglich dazu geführt, dass er der Kirche erhalten geblieben ist. „Zurück zogen sich die Diebe an einem heraushängenden Kabel wieder zum Fenster hoch“, sagt Fremlová und schneidet das Kabel kurzerhand ab.

Tschechien Bilinale Kirche Hrobcice web Bildrechte Steffen Neumann

„Vor zwei Jahren lag hier noch Schutt, Holz, teils waren unpassende Einbauten vorgenommen worden“, erzählt Bára Větrovská vom Verein Omnium, wie sie die drei Kirchen in Hrobschitz, Kautz und Bilin vorfand. Die Kirchen hat der Verein aber nicht für die Bílinale beräumt. Dem Verein geht es darum, die Bauwerke zu retten. Neben der Frage, woher das Geld für eine Restaurierung kommen soll, stellt sich vor allem das Problem der Nutzung. Da muss der Verein erfinderisch sein. Da ist eine Ausstellung eine passende Gelegenheit. Und Větrovská froh, dass es auch Menschen gibt, die mit Ideen auf Omnium zukommen, wie Sebastian Weise.

Der 44-jährige befasst sich schon länger mit dem Sudetenland. Die Familie seines Vaters stammte aus dem Schluckenauer Zipfel. Vor Jahren gab er seine geregelte Tätigkeit als Marketingmitarbeiter auf und beschloss Künstler zu werden. Ungefähr zur selben Zeit begann er verstärkt seiner Herkunft nachzuforschen. Eine seiner großen Arbeiten wurde ein Foto-Zyklus über deutsche Gräber im Schluckenauer Zipfel mit dem Titel „Zwei Seelen wohnen ...“. Er erstellte Collagen, indem er immer ein Bild aus der Heimat seiner Großeltern und seinem jetzigen Lebensumfeld übereinander legen ließ – vom Computer per Zufall zusammengebracht.

Diesmal habe ich einen Zyklus mitgebracht, in dem ich Orte fotografiert habe, wo Luther einst gewirkt hat“, sagt Weise. Er war bei einem Vortrag auf den Verein Omnium gestoßen und gleich begeistert. „Leere Kirchenräume – bei so was juckt es jedem Künstler in den Fingern.“ Auch der Titel „Bílinale“ geht auf ihn zurück. „Darauf bin ich ein bisschen stolz“, sagt er. Künstler zu finden, war tatsächlich nicht schwer. „Es gibt einige Künstler, die sich mit dem Thema sakraler beschäftigen.“ Susan Donath gehört zu ihnen. In Kautz und Hrobschitz erneuerte sie in zerstörten deutschen Grabsteinen die Medaillons ein. „Das wird häufig als erstes zerstört, wenn man Gräber schänden will.“ Da es die Bilder nicht mehr gibt, füllte sie die Leerstellen kurzerhand mit einer blanken Metallscheibe, in der sich der Betrachter spiegelt. Auf diese Weise bekommen die Gräber ihre Seele zurück.

Nach den drei Tagen Anfang Juli lebt das Festival am 6. September noch einmal in einer Finissage auf. Drei kommentierte Führungen setzen der Bílinale für dieses Jahr ein vorläufiges Ende.

Und wie geht es weiter? Auf den Plakaten steht „Bílinale 1“. Gibt es also eine Neuauflage? Sowohl die Macher von Omnium als auch Initiator Sebastian Weise sind davon überzeugt. „In zehn Jahren feiern wir die zehnte Bílinale und gern in mehr als diesen drei Kirchen“, blickt Weise optimistisch in die Zukunft.

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Finissage am 6. September mit kommentierten Führungen in allen Kirchen

17 Uhr, Kautz (Chouč), Katharina-Kirche (Sv. Kateřiny)

18 Uhr, Hrobschitz (Hrobčice), St. Gallus (Sv. Havel)

19 Uhr, Bilin-Ugest (Bílina-Újezd), Kirche Maria-Verkündigung (Zvěstování Panny Marie)

 


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