Die Corona-Pandemie hat die Gastronomie besonders hart getroffen. Kneipen und Restaurants mussten Mitte Oktober schließen. Unsere Kolumnistin Beate Franck berichtet über eine unheimliche Stille in der Bierstadt Pilsen.

„Ich freue mich auf euch“, verkündet, versehen mit einem Herzchen, die schwarze Tafel an der Kneipe „Zur Chefin“ in meinem Pilsener Wohnviertel. Darunter noch ein Wort: „Wann“ mit drei Fragezeichen. Wann, ja wann???

Jarmila, die Chefin, kommuniziert seit jeher über die schwarze Tafel mit ihrer Kundschaft. Es ist sozusagen ihr Straßen- Facebook, auf das sie mit Kreide ihre „Posts“ absetzt. Dass am Freitag wieder einmal Honza Klik singt und spielt, oder Lenka zu Karaoke einlädt. Dass sie allen ein gutes neues Jahr wünscht, „auch euch da drüben“.  Egal, was die da drüben sich geleistet haben mögen, es ist ihnen damit verziehen. Freitagabend bei der „Chefin“ ist der Höhepunkt der Woche in meiner Straße. Dann herrscht „randál“, wie die Pilsener sagen.

Zeichen der Hoffnung: Ich freue mich auf euch! Nur wann, bloß wann??? Foto: Beate Franck

Zeichen der Hoffnung: Ich freue mich auf euch! Nur wann, bloß wann??? Foto: Beate Franck

„Zur Chefin“ ist eine Kneipe der vierten Kategorie, hier fließen Bier und Rum in Strömen. Von der Straße kommt man direkt an den Tresen, hinter dem Jarmila steht und den Stammgästen auf ihren Barhockern einschenkt. Im düsteren Hinterzimmer, in dem kunterbunte Kunst an den Wänden hängt, spielt die Musik. Die Raucher bevölkern den Gehsteig, die Haus-Brauerei hat ihren Aufenthalt dort passabel gemacht. Es gibt einen breiten Baldachin zum Unterstellen bei Regen, Brettchen für Biergläser und Aschenbecher. Im Sommer gar Gartenmöbel zum bequemen Hinsetzen.

Freitagnacht bleibt die Tür gewöhnlich offen, sommers wie winters. Die ganze Straße kommt so in den Genuss der musikalischen Veranstaltungen. Und wenn zum Abschluss die Gäste mit Lenka und viel Inbrunst „Für immer jung“ von Karel Gott anstimmen, ist die Welt in Ordnung. Dass man bis 1.30 Uhr wegen der Randale rund um die Kneipe nicht einschlafen kann, was soll’s?

Seit langer Zeit herrscht nun schon Stille in meiner Straße. Honza Klik ist vielleicht in Rente gegangen und Lenka sitzt daheim beim Unterricht ihrer Kinder am Küchentisch. An die Glasscheibe des Schaufensters hat Jarmila einen Zettel gepinnt: „Auf Anordnung der Regierung seit 14. Oktober 2020 geschlossen.“  Auf die schwarze Tafel hat der lange Satz wohl nicht gepasst. Schon vorher waren die Mitteilungen der Chefin irgendwie kleinlauter geworden. Lediglich „gemütliches Beisammensein unter Freunden“ hat sie vor der behördlichen Schließung angekündigt. Das klang eher nach ein, zwei verstohlenen Bierchen, nach Spaß dagegen wirklich nicht.   

Die Stille ist unheimlich. So unheimlich, dass die gesamte Nachbarschaft elektrisiert aus dem Fenster sah, als sie neulich von dröhnender Disco-Musik unterbrochen wurde. Hatte die Chefin Knall auf Fall wieder aufgemacht? Hatte sie die Nationalfahne gehisst, sich der landesweiten Protestbewegung verzweifelter Gastronomen angeschlossen und ihre Kneipe zur „politischen Zelle“ erklärt? Doch im Laden der Chefin herrschte weiter Finsternis. Die Musik dröhnte von einer Privat-Party zu zweit durch ein offenes Fenster und bereits vor der Ausgangssperre um neun Uhr abends war die Stille zurück.

Die Stille hat sich über die ganze Stadt gesenkt. Über Pilsen, DIE europäische Bier-Metropole, mit ihren Hunderten Kneipen, Bars und Restaurants. Ein Grund, weshalb hier die Verluste der Gastronomie aufgrund des mehrfachen Lockdowns im Jahr 2020 besonders hoch waren. Nur 64 Prozent des Vorjahres-Umsatzes konnte sie im Pilsener Bezirk erwirtschaften, errechnet das Registrierkassen-Unternehmen Dotykačka. Schlechter lief es nur noch in der Region Zlin.

Ein gefundenes Fressen also, sollte man meinen, für „Chcipl PES“, den „verreckten Hund“, wie sich die landesweite Protestbewegung der Gastronomen nennt. Das Protestpotenzial sollte in der Bier-Metropole eigentlich besonders groß sein. Und damit die Möglichkeit, doch noch zu einem Kneipenbesuch zu kommen, offizieller Lockdown hin oder her. Die Leute vom „verreckten Hund“ haben nämlich eine Lücke in der Verordnung der Regierung entdeckt. Wer seinen Gastronomie-Betrieb zur „politischen Zelle“ erkläre, falle unter eine Ausnahme und könne öffnen, lautet ihre Auslegung. Da am Stammtisch bekanntlich Politik gemacht wird, klingt das irgendwie logisch.

Doch in Pilsen und Umgebung hat Chcipl PES nur wenige offizielle Anhänger. Einer ist beim Versuch, eine „politische Zelle“ in seiner Eckkneipe zu aktivieren, sogleich baden gegangen. Nicht wegen einer Polizeiaktion, oh nein. Im Stich gelassen haben ihn vielmehr die eigenen Stammgäste. Aus Furcht vor einer Geldbuße sagten sie reihenweise ab. 

Die Stammgäste der Kneipe in meiner Straße sind immerhin so mutig, die Sperrstunde zu ignorieren, um den „randál“ gehörig auskosten zu können. Vermutlich machen sie das aber nicht mit Vorsatz, sondern weil sie einfach jeden Freitagabend die Zeit vergessen. Jetzt, in der Zeit der Stille, haben sie sicher politische Einzel-Zellen daheim im Wohnzimmer gegründet, mit Dosen- oder Flaschenbier.  Regelmäßig aber sieht man sie vor der schwarzen Tafel stehen. Jarmilas neueste Botschaft signalisiert immerhin: Ich (über)lebe noch, ich werde wieder aufmachen, die Stille durchbrechen. Bloß wann, ja wann endlich???