Die Corona-Pandemie machte Präsenzstudium zum Fernstudium und Fernbeziehung zur „Präsenzbeziehung“. Unsere Kolumnistin berichtet, wie das Virus ihren Alltag verändert hat.

Seit Anfang Oktober läuft das Studium für mich komplett online. Seit Anfang Oktober ist auch mein Mann im Homeoffice und wir verbringen 24 Stunden täglich gemeinsam zu Hause. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus haben aus Präsenzstudium und Fernbeziehung ein Fernstudium und eine „Präsenzbeziehung“ gemacht und meinen Alltag somit komplett umgekrempelt. Da kommt man schon ins Überlegen, was einem eigentlich lieber ist: die Fernbeziehung oder das Fernstudium? Und dabei musste ich feststellen, dass es zwischen diesen beiden Phänomenen so einige Gemeinsamkeiten gibt.

Affäre mit Facebook

Viele Menschen, die in einer Fernbeziehung leben, plagen Bedenken, dass der Partner beziehungsweise die Partnerin fremdgehen könnte. Schließlich muss die bessere Hälfte während der Phase des Getrenntseins unzähligen Versuchungen widerstehen. Ähnlich ergeht es den Studierenden bei Online-Vorlesungen. Wie schnell hat man eine Affäre mit Facebook oder ein Date mit der piependen Microwelle, die verkündet, dass die Pizza fertig ist, während der Dozent über die Bedeutung von Vitamin D für die Konsistenz der menschlichen Knochen spricht. Das Fernstudium erfordert definitiv ein hohes Maß an Selbstdisziplin und eigenständiger Zeiteinteilung. Das ist einerseits eine Herausforderung, andererseits die ideale Vorbereitung der Studierenden auf das spätere Berufsleben.

Die neue Situation, in der Studierende nur noch Uni auf Distanz kennen, wird von vielen als Katalysator der Digitalisierung wahrgenommen. Da ist sicher was dran und es zeigt sich, dass es an einigen Universitäten mehr, an anderen weniger zu katalysieren gibt. Viele verfügten bereits vor der durch die Pandemie bedingten Schließung über Online-Plattformen, die das Lernen unterstützen. Nun wurden sie dazu genötigt, weitere Schritte in Richtung E-Learning zu unternehmen. Doch auch die Studierenden ihrerseits sind hier gefragt. Schließlich müssen auch sie ausreichend technisch ausgestattet sein, brauchen Notebook, Internetverbindung und geeignete Räumlichkeiten, um den Anschluss nicht zu verpassen. Ein Studierender ohne diese Ausstattung wäre wohl wie ein Liebender in der Fernbeziehung, dem das Geld für die Fahrtkosten zu den wenigen möglichen Treffen ausgegangen ist.

Fluch und Segen

Ein deutlicher Negativaspekt des Online-Studiums ist der Bewegungsmangel, unter dem wohl sämtliche Studierende leiden müssen. Statt von einem zum anderen Hörsaal, zwischendurch noch in die Cafeteria und am Ende des Tages in die Bibliothek zu hetzen, bleibt vielen nur noch der Weg vom Schreibtisch zur Microwelle. Die drastisch gestiegene Zeit, die nun Dozenten und Studierende vor dem Bildschirm verbringen, wirkt sich auch negativ auf die Augen aus.

Der klare Vorteil der Online-Lehre: Man kann von überall auf der Welt teilnehmen. Ganz egal ob vom Ferienhaus auf Mallorca, dem heimischen Sofa oder von Balkonien. Schließlich machen es auch Fernbeziehungen möglich, sich einen Partner vom anderen Ende der Welt anzulachen.

Ja, eine Fernbeziehung hat eine gewisse Romantik. Das Verliebtheitsgefühl bei den wenigen Treffen ist stärker als in einer normalen Beziehung. So ist es wohl auch beim Fernstudium. Die Distanz hat sicher positive Aspekte, aber nur, wenn man sie mit einigen Präsenzveranstaltungen kombiniert. Sonst würde man den Kontakt zur Realität wohl in beiden Fällen – sowie bei der Fernbeziehung, als auch beim Fernstudium – verlieren.