Den Bohemians aus Prag tat die Corona-Pause offenbar gut. Sie schritten von Sieg zu Sieg. Den wackeren Kängurus winkt nun sogar die Teilnahme am Europapokal. Unser Kolumnist durfte zuletzt wieder ins Stadion und schwelgt nun in schon lange nicht mehr erlebten Hochgefühlen.

Oh Bohemka, wann durften wir so etwas zuletzt erleben? Nun geht es um den Einzug in den Europapokal! Damit war wirklich nicht zu rechnen. Aber noch vor dem großen Dornröschenschlaf deutete sich die Trendwende an. Ein gut herausgespieltes 3:2 in Zlín bedeutete den ersten Auswärtssieg der Saison. Und schon an jenem 7. März in Zlín traf Matěj Pulkráb im Stile eines Klassestürmers gleich doppelt. Eine beispiellose Siegesserie nahm ihren Anfang. Die folgenden 80 Tage Pause taten unseren Lieblingen ganz offensichtlich sehr wohl. Denn als es am 27. Mai, einem Mittwoch, weiterging, gab es gleich einen souveränen 4:0 Heimsieg gegen den direkten Konkurrenten aus Teplitz (Teplice). Am Sonntag drauf, dem 31. Mai folgte ein 3:2 Heimsieg gegen Dynamo Budweis (České Budějovice). Damit nicht genug, gelang am folgenden Mittwoch der nächste Auswärtssieg, diesmal 1:0 beim Schlesischen FC Troppau (Opava). Wie so oft knapp, aber herrlich effektiv.

Dominante Slavia

Es folgte ein kleiner Dämpfer im Derby gegen Sparta. Wir verloren leider durch ein ärgerlich spätes Tor in der 85. Minute mit 0:1. Aber Sparta präsentierte sich zum Ende der Serie sehr formstark, auch wenn es insgesamt weit hinter seinen Ansprüchen zurückblieb in dieser Saison. Slavia dominierte auch in diesem Jahr die Liga. Einzig die Viktoria aus Pilsen (Plzeň) konnte das Rennen noch eine Weile offen halten.

Aber zurück zu unseren Helden: Am vorletzten Spieltag der regulären Serie, dem 10. Juno, erreichten wir einen sensationellen 2:1 Auswärtssieg in Ungarisch Hradisch (Uherské Hradiště) beim 1.FC Slovácko, der damit seine Hoffnungen auf die Meisterrunde begraben musste. Als es dann am Sonntag, 14. Juno, dem letzten Spieltag, einen glatten 3:0 Heimsieg gegen den FC Gablonz (Jablonec) setzte, war klar, dass wir der Abstiegsgruppe endgültig entronnen waren. Große Erleichterung im Umfeld der Bohemka, obwohl wir nicht zuschauen durften. Aber was kann eine Seuche der Bohemka schon anhaben? Nahezu nichts. Und nun also die Chance auf Europa!

Hier ist vielleicht ein kleiner Exkurs zum tschechischem Ligamodus angebracht: Die Liga hatte zur vorigen Saison eine Reform verabschiedet, wonach die aus 16 Mannschaften bestehende Liga nach den regulären 30 Punktspielen in drei Gruppen geteilt wird. Die ersten sechs spielen eine Meisterrunde, die letzten sechs eine Abstiegsrunde. Die Plätze sieben bis zehn ermitteln in zwei K.O.-Runden einen Sieger, der dann gegen den vierten der Meisterrunde ein kleines Finale um Europa ausspielen darf. Der Sieger sichert sich einen Startplatz in der Europa League.

Unser erster Gegner war der 1.FC Slovácko, an den wir ja aktuell gute Erinnerungen hatten. Und tatsächlich gelang im Hinspiel am 20. Juno erneut ein 2:1 Auswärtssieg! Das bedeutete eine ausgezeichnete Ausgangsposition für das Rückspiel am 27. Juno im Dolíček! Aber das Allergrößte war, dass wieder Zuschauer zugelassen waren. Immerhin 2.500, was etwa einem guten Drittel der Kapazität entspricht. Natürlich wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dieses Match live erleben zu können. Es gelang und so war auch ich Augenzeuge eines denkwürdigen Auftrittes unserer Kängurus.

Wende in der Nachspielzeit

Kurz nach Anpfiff lag der Ball im Netz, leider im falschen. Slovácko führte, aber noch waren wir im Vorteil. Es entwickelte sich ein munteres Spielchen mit den besseren Chancen für uns, allein wurden sie sträflich vergeben oder nicht konsequent ausgespielt. In der Schlussviertelstunde kam Slovácko nochmals auf und so manches mal musste man sich ernste Sorgen um ein weiteres Tor machen. Es blieb hoch spannend im Dolíček. Dann gelang in der zweiten Minute der Nachspielzeit ein Konter, den unser Kolumbianer John Mosquera schön zum 1:1 abschloss. Aber noch war nicht Schluss: Fast im Gegenzug lenkte unser Tormann Roman Valeš einen straffen Schuss grade noch an die Latte. Bei der darauf folgenden Ecke eilte der gegnerische Torwart mit nach vorn, was zur endgültigen Entscheidung führen sollte. Denn nach gelungener Kopfballabwehr und nicht nur schönem, sondern auch schnellem Zusammenspiel der frischen Stürmer Ugwu und Mosquera in der fünften Minute der Nachspielzeit fiel das nicht mehr für möglich gehaltene Siegtor zum 2:1! Mosquera rannte auf das leere Tor zu und hatte keine Mühe, zu vollenden. Was für ein Finale! Grenzenlose Euphorie auf den Rängen! So manch nahezu idealer Abstand kam da ins Wanken…

Nächster Gegner ist nun der FC Jungbunzlau (Mladá Boleslav), der die Budweiser eliminierte. Der von VW gepäppelte Klub blieb auch dies Jahr weit unter seinen Möglichkeiten, ist aber dennoch Favorit für die beiden Matches. Und sollte Bohemians auch hier die Oberhand behalten, winkt am 12. Juli das Finale um den Europa-League-Platz. Bei Erscheinen dieser Ausgabe werden Sie schon wissen, wie das Bohemians-Sommermärchen ausgegangen ist.

Der Autor ist Herausgeber des Leipziger Stadtmagazins Kreuzer.


Aktuelle Anmerkung: Das erste Finalspiel gegen FC Jungbunzlau hat Bohemians Prag mit 0:3 verloren. Das Rückspiel findet am 7. Juli, 20 Uhr, in Prag statt.