Auf Siege seiner Kängurus hofft unser Kolumnist beim FK Teplitz vergeblich. Dafür hält er sich in den Gasthäusern des Kurviertels schadlos.

In Teplitz (Teplice) war ich oft. Das lag einfach daran, dass es so nah hinter der sächsisch-böhmischen Grenze liegt. Schon Anfang der 1980er trampte ich als Gymnasiast über die damalige E55 von Zinnwald kommend über Teplitz nach Prag und dann weiter bis ans Schwarze Meer. Man war immer froh, wenn man nicht in Teplitz landete. Der erste Eindruck war schon damals: Schroffer Brutalismus. Eine autobahnartige Schnellstraße durchschneidet die Stadt, für die große Teile der Altstadt niedergelegt wurden. Und auch nach der samtenen Revolution besserte sich die Lage nicht. Völlig überdimensionierte Einkaufszentren wurden durchgewunken. Schrecklichste Investorenarchitektur verschandelt noch auf Jahrzehnte die Innenstadt.

Mit Karlsbad in einer Liga

Dabei war Teplitz, besonders sein Stadtteil Schönau, einst eine Perle der Bäderarchitektur. Und wenn man sich etwas auf die Stadt einlässt, dann ist davon auch noch Einiges zu sehen. Denn eigentlich spielte Teplitz mit Karlsbad in einer Liga. Aber dann passierte im Jahre 1879 etwas ganz Furchtbares: Durch die Grundwasserabsenkungen infolge des Braunkohlenabbaus in der Umgebung versiegten plötzlich die Quellen. Es brauchte drei Jahre, um die Katastrophe zu heilen. Das Bäderdreieck in Westböhmen nutzte diese Zeit, um zahlreiche Kunden abzuwerben. Nicht alle kamen wieder nach Teplitz. Da half auch das großartige Kaiserbad nur bedingt, wo man auch heute noch sehr imperial wohnen kann. Ich nehme gern ein Zimmer zum Seumedenkmal, denn unser größter Wanderer starb eben hier in Schönau. Das Denkmal hat alle Stürme überdauert und steht da, wo es immer stand. Immer wieder dankbar für diese Tatsache stehe ich davor und salutiere mindestens innerlich.

Aber wir sind ja zum Fußball hier! „Das Auswärtsspiel ist der Angriffskrieg des kleinen Mannes.“ So schrieb es mein ehemaliger Kollege Sven Crefeld einmal im KREUZER (Heft 07/2003). Er reiste damals mit dem FC Sachsen Leipzig, der vormaligen wie jetzigen BSG Chemie, nach Schönberg in Mecklenburg, wo es um den Aufstieg in die Regionalliga ging. Die Leipziger gewannen 2:0 und es sah plötzlich fast rosig aus in Leipzig-Leutzsch. Aber das ist eine andere Geschichte. Als Känguru fährt man nicht gern nach Teplitz. Ich erinnere ausschließlich Niederlagen, manchmal schmerzlich hohe. Aber was kann man schon dagegen tun? Nix. Gar nix. Natürlich muss man hinfahren. Immer. Egal, ob es eine Erfolgsaussicht gibt, oder nicht. Das Leiden gehört einfach dazu. Es ist wie in der Liebe. Und was ist der wahre Fußballfreund anderes als ein Liebender? Die Liebe ist ja das größte, wissen wir Abendländer schließlich schon aus der Bibel.

Hopfenerlebnis im einstigen Variete

Der Teplitzer Fußball entwickelte sich in den letzten 25 Jahren ziemlich gut. Seit 1996 wieder Erstligist gelangen immerhin drei Pokalsiege, zuletzt 2009 und auch ein paar vordere Platzierungen in der Liga. Der schönste Erfolg gelang im Herbst 2003, als man im UEFA-Cup erst in der 3. Runde ehrenvoll gegen Celtic Glasgow ausschied. Vorher hatten die wackeren Teplitzer immerhin den 1. FC Kaiserslautern und Feyenoord Rotterdam ausgeschaltet. Das Stadion ist ein seltsam überdimensionierter Bau für 25.000 Zuschauer. Selbst zu Spitzenspielen kommen nicht mehr 8.000, meist verlieren sich um die 3.000 Leute in der Riesenschüssel. Schöne Duelle liefert man sich mit den Pilsnern, ich erinnere ein großartiges Match, das 3:4 ausging. Die nordböhmischen Derbys gegen die Gablonzer und Reichenberger sind meist auch rassige Spiele, die sich oft lohnen.

Vor- oder nachher sitzt man im Monopol, dem ehemaligen Variete „Zu Schwan“ wo sich einst vor allem die männlichen Kurgäste vergnügten. Seit 2013 empfängt der liebevoll renovierte Laden wieder Gäste. Sehr schöne eigene Biere und eine solide Küche erfreuen den Gast. Auch gibt es ein niedliches kleines Café. In den oberen Etagen kann man wohnen, was zu so schönen Angeboten wie dem des „Hopfenerlebnisses für zwei Personen“ führte. Hier kann man entweder eine oder zwei Nächte verbringen und ab abends ab 18.00 Uhr alle braueigenen Produkte unbegrenzt genießen. Nach der Oktoberfestabsage eine echte Alternative, aber leider nur, falls uns der Gnadenstrahl der böhmischen Herrscher erreicht und die Grenze bis dahin wieder überwindbar ist.

Dieser Beitrag erschien im LandesEcho 5/2020.

Der Autor ist Herausgeber des Leipziger Stadtmagazins Kreuzer.