Der Schriftsteller Roman Israel verbrachte im Rahmen des Tschechischen Kulturjahrs einen Monat in Brünn. Als moderner Nomade hat er schon eine eigene Taktik ausgeprägt, sich in neuen Städten zu orientieren. Das spiegelt sich auch in seiner Arbeit wider.

LE Sie waren im Rahmen des Tschechischen Kulturjahrs in Leipzig für einen Monat in Brünn. Warum haben Sie sich für das Residenzprogramm entschieden?

Ich hatte letztes Jahr ein Stipendium in Prag. Alle schwärmten dort von Brünn, aber ich konnte damals nicht mitreden, da ich selbst noch nie in Brünn war und bisher keine Gelegenheit hatte, hinzureisen. Deshalb habe ich mich entschieden, mich zu bewerben. Eine gute Entscheidung.

LE Wie ist Brünn im Vergleich zu Prag – auch kulturell?

Ich finde es sehr praktikabel, dass man in Brünn fast alles zu Fuß erledigen kann. Es gibt sehr viele Ausstellungen, Theater und Museen, und viele Kneipen, Bars und Cafés. Brünn wirkt auf mich wie ein kleines Prag, jedoch viel entspannter und deswegen charmanter.

LE Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Brünn gefahren?

Einen kleinen Einblick in das Mekka der Moderne zu erhaschen. Die Villa Tugendhat hat mich zum Beispiel sehr beeindruckt, und überhaupt das organische Nebeneinander von Alt und Neu, von Tradition und Aufbruch.

LE Woran haben Sie in Brünn gearbeitet?

Ich arbeite an einem neuen Roman. Er handelt von einem skurrilen Roadtrip eines Afrikaners durch Ostdeutschland, Tschechien, Polen und das Baltikum. Es geht um Grenzerfahrungen – kultureller und wahrnehmungstechnischer Natur – und das tolle Gefühl unterwegs zu sein.

Brünn Bildrechte Peggy Lohse web

LE Lässt es sich in Brünn gut schreiben? Wo haben Sie in der Stadt Inspiration gefunden?

Ich habe mit direktem Blick auf die Festung Spielberg gewohnt. Ich spazierte fast jeden Tag hinauf und hatte einen fantastischen Blick über die ganze Stadt. Mir gefällt in Brünn die Vielseitigkeit. Barock, Renaissance, Klassik, Gründerzeit stehen ganz selbstverständlich neben funktionalistischer Architektur. Es ist eine lebendige Stadt, die pulsiert. Wenn sich eine Stadt lebendig anfühlt, dann kann ich sehr gut in ihr arbeiten.

LE Sie sind ein moderner Nomade, der keinen festen Wohnsitz hat. Wie spiegelt sich das in Ihrer Arbeit wider?

Einige meiner Freunde haben gesagt: Einen ganzen Monat allein in einer unbekannten Stadt leben, wo du niemanden kennst, das würde ich nicht aushalten. Ich bin es aber gewohnt. Ich liebe das – in jeder Stadt immer wieder von vorn anzufangen, alles zu erkunden und Dinge zu entdecken, die selbst Einheimischen noch nicht aufgefallen sind. Ich habe dafür eine Taktik entwickelt: Alle Insidertipps konsequent ignorieren und einfach blind losziehen und sich Viertel für Viertel vortasten, abchecken, was dort für Menschen leben und was interessant erscheint. Später recherchiere ich dann noch einmal genauer im Internet nach.

 

Roman Israel

Der Schriftsteller Roman Israel lebt als Nomade. Alles, was er zum Leben braucht, passt in einen einzigen Koffer. Israel reist viel durch Europa. Geboren 1979 in Löbau, studierte er Physik, Germanistik und Philosophie in Dresden. Israel schreibt Prosa, Lyrik, Hörspiele, Theaterstücke und macht Filme. Bereits erschienen sind u.a.: „Flugobst“, Luftschacht Verlag Wien 2017 und „Caiman und Drache", Luftschacht Verlag 2014. Israel war im November Stipendiat in Brünn im Rahmen des Projektes Tschechisches Kulturjahr, das aus Anlass des Gastlandauftritts Tschechiens bei der Buchmesse in Leipzig veranstaltet wird.


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