Karwin (Karviná) und Friedeck-Mistek (Frýdek-Místek) sind seit einigen Wochen die am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Bezirke in Tschechien. Aufgrund steigender Corona-Zahlen hatte das Kreis-Gesundheitsamt am vergangenen Freitag die bisher nur für die beiden Bezirke geltenden Maßnahmen auf die gesamte Region Mährisch-Schlesien ausgeweitet. Das stieß auf Unmut und Kritik bei Politikern und Bürgern.

In der gesamten Region Mährisch-Schlesien gelten seit vergangenem Freitag wieder verschärfte Corona-Maßnahmen. So muss im öffentlichen Personennahverkehr, in geschlossenen öffentlichen Räumen und beim Einkaufen ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden, Sicherheitsabstände sind einzuhalten und Veranstaltungen sind maximal mit 100 Teilnehmern erlaubt, zuvor waren es 1.000. Bars und Restaurants müssen zwischen 23 und 6 Uhr schließen. Zu diesem Schritt entschloss sich am vergangenen Freitag das Kreis-Gesundheitsamt, nachdem die Corona-Zahlen in der Region merklich gestiegen und ein Großteil der Neuinfektionen nicht zurückzuverfolgen waren. Zu Beginn des Monats war es nur ein Ausbruch innerhalb des Bergbau-Unternehmens OKD in Karwin, allmählich hat sich das Coronavirus aber in der umliegenden Region ausgebreitet.

„Gestern haben wir 34 Menschen epidemiologisch untersucht. Aber nur sechs der Fälle standen im Zusammenhang mit den Kohlegruben von OKD. Bei den restlichen 28 konnten wir hingegen den Weg der Ansteckung nicht zurückverfolgen. Deswegen haben wir am Freitag unsere Maßnahmen angeordnet“, begründete die Leiterin des Kreis-Gesundheitsamts, Pavla Svrčinová, die Maßnahmen am Sonntag im Tschechischen Rundfunk.

Am Montag kamen 30 neue Fälle von Infektionen mit dem Coronavirus in der Mährisch-Schlesischen Region dazu. Laut dem Kreis-Gesundheitsamt sind auch mehrere Ausbrüche in Krankenhäusern zu verzeichnen, am Montag wurde zudem ein Ausbruch in den Seniorenzentren „Helios“ und „Luna“ in Havířov bekannt.

Unverständnis und Kritik an neuen Maßnahmen

Das Kreis-Gesundheitsamt hatte die Maßnahmen am Freitag mit sofortiger Wirkung bekanntgegeben, was Unmut und Kritik lokaler Politiker aber auch seitens Bürger und Organisatoren kultureller Veranstaltungen nach sich zog.

Kreishauptmann Ivo Vondrák (ANO), der aufgrund der vom Kreis-Gesundheitsamt getroffenen Maßnahmen am Montag den Sicherheitsrat der Region Mährisch-Schlesien einberief, zeigte sich irritiert von der Kommunikation des Kreis-Gesundheitsamts und hält die angeordneten Maßnahmen für übertrieben. „Wir fordern vom Kreis-Gesundheitsamt, dass die von ihm erlassenen Maßnahmen kontinuierlich daraufhin überprüft werden, inwieweit sie sinnvoll sind und inwieweit sie die Gebiete der Region, die kein Problem haben, wirklich belasten", sagte er. Gesundheitsminister Adam Vojtěch (parteilos, für ANO), der auch zu der Sitzung des Sicherheitsrats gekommen war, hielt die Maßnahmen für richtig, kritisierte aber die Leiterin des Kreis-Gesundheitsamts, Pavla Svrčinová, für die späte und überhastete Bekanntgabe der Maßnahmen. Diese zeigte sich aber einsichtig: „Wir haben vereinbart, dass ich jede Maßnahme am besten durch den Sicherheitsrat präsentieren werde, wenn ich den Kreishauptmann bitte, ihn mindestens einen Tag vor Erlass der Sofortmaßnahme einzuberufen", verkündete sie.

Protest in Ostrau

Mehrere Hundert Menschen haben am Montag auf dem Masaryk-Platz in Ostrau (Ostrava) gegen die neuen Corona-Maßnahmen protestiert. Gleichzeitig kritisierten sie die tschechische Regierung und Gesundheitsminister Adam Vojtěch. Nach Angaben der Organisatoren der Demonstration würden die Regierung und ihre nachgeordneten Organe die Bürger verwirren sowie chaotisch und verspätet über den Umgang mit der Coronavirus-Situation informieren. Die Organisatoren der Demonstration erklärten auf Facebook, dass die Regierung nicht für die Führung des Staates geeignet sei und zurücktreten sollte. Heftige Kritik an den neuen Corona-Maßnahmen gab es außerdem seitens Organisatoren kultureller Veranstaltungen. Durch die kurzfristige Bekanntgabe musste das „NeFestival“, ein Ersatz für das populäre Festival „Colours of Ostrava“ abgebrochen werden. Die Organisatorin Zlata Holušová bezeichnete das Vorgehen des Kreis-Gesundheitsamts als „ungeheuerlich und zerstörerisch“.

Am Dienstagnachmittag deutete Gesundheitsminister Vojtěch gegenüber der tschechischen Nachrichtenagentur ČTK an, dass einzelne Maßnahmen in bestimmten Gebieten der Mährisch-Schlesischen Region abgeschwächt werden könnten.

Aktuell meldet das tschechische Gesundheitsministerium zum 20. Juli 4.964 Menschen mit einer aktiven Covid-19-Infektion. Das sind mehr als während des Höhepunkts der Pandemie im April, allerdings sank der Anteil der im Krankenhaus behandelten Menschen von etwa zwölf auf knapp drei Prozent.