Von der Moldauquelle bis nach Prag führt die „Wanderfahrt durchs Sudetenland“, ein fast vergessenes Brettspiel, das in diesem Jahr in limitierter Neuauflage erscheint.

Normalerweise würde eine Reise durch das Sudetenland entlang der Grenzen des heutigen Tschechiens wohl mehrere Tage in Anspruch nehmen. Glücklicherweise lässt sich das Gebiet, in dem historisch gesehen ein großer Teil der Bevölkerung Deutsch sprach und spricht, bald in 70 Spielzügen erkunden – von der Moldauquelle bis nach Prag. Denn im November dieses Jahres soll das Brettspiel „Wanderfahrt durchs Sudetenland“ als Neuauflage nach über 70 Jahren im Leipziger Verlag Tschirner & Kosova erscheinen.

Eigentlich seien sie auf der Suche nach etwas ganz anderem gewesen, erzählt Verleger Jürgen Tschirner am Telefon, nach einer alten Landkarte. Doch beim Besuch im Antiquariat machten er und seine Frau eine andere Entdeckung: ein altes Spiel aus den 1950er Jahren. Sofort seien die beiden begeistert gewesen von dem „Zufallstreffer“ und entschieden sich, das Spiel in ihrem Verlag in einer Neuauflage auf den Markt zu bringen. Wie die Nachfrage beweist, sind sie nicht die einzigen, die die „Wanderfahrt durchs Sudetenland“ begeistert. Von den zunächst geplanten 300 Vorbestellungen, die bis Ende November dieses Jahres produziert werden sollen, sind nur noch wenige übrig. Deswegen stocken sie nun um weitere 200 Stück auf.

Im Zickzack-Kurs durch die Bergbau-Region im Osten des heutigen Tschechiens. Foto: Jürgen Tschirner

Im Zickzack-Kurs durch die Bergbau-Region im Osten des heutigen Tschechiens. Foto: Jürgen Tschirner

Spielerisch die Geschichte der Großeltern entdecken

Dabei ist das Spielprinzip der Wanderfahrt recht simpel: Über 70 Felder würfeln sich die Spielenden durch das Sudetenland, über Pilsen (Plzeň), Karlsbad (Karlovy Vary), die Schneekoppe (Sněžka) und Olmütz (Olomouc) und müssen Fragen beantworten wie: „Welcher Industriezweig hat Reichenberg berühmt gemacht?“ Oder: „Gegen welche Leiden helfen die Franzensbader Quellen?“

Beachtet werden muss aber auch der Kontext, in dem das Spiel entstanden ist. Die Sudetendeutsche Jugend in Heiligenhof entwarf die „Wanderfahrt durchs Sudetenland“ im Jahr 1950. Damals forderten Vertriebenenverbände Entschädigung für die Vertreibung und eine „Rückgewinnung der Heimat“. Erst 2015 änderte die Sudetendeutsche Landsmannschaft ihre Satzung und strich die Rückforderungs-Ansprüche. Stattdessen fokussiert sich der Verband nun auf die Durchsetzung von Grund- und Menschenrechten und setzt sich für eine europäische Verständigung über Grenzen hinweg ein – besonders mit Tschechien.

Verändern wollen Tschirner und seine Frau an dem Original dennoch so wenig wie möglich: „Es soll bei einem Replika-Spiel bleiben“, sagt der Verleger. Nur die Schrift müsse etwas größer gedruckt, und damit auch der Zielgruppe gerecht werden. Denn Interesse an dem Spiel zeigen meist Menschen, die einen persönlichen Bezug zur sudetendeutschen Geschichte haben, häufig selber noch zur Generation der Vertriebenen gehören. „Oma und Opa sollen den Enkeln etwas von ihrer alten Heimat erzählen“, schwebt es Tschirner vor. Auf diese Weise ließen sich Spielspaß und Nostalgie verbinden.

Wer auf den Heimatort kommt, darf nochmal würfeln

Es ist kein Wunder, dass gerade Tschirner und seiner Frau das Spiel in die Hände fiel. Die beiden bewegen sich ohnehin im Bereich deutsch-tschechischer Vergangenheit: Vor kurzem erst haben sie in ihrem neugegründeten Verlag die deutschsprachige Übersetzung des Buches „Blutiger Sommer 1945“ von Jiří Padevět herausgegeben, das von der gewaltsamen Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei handelt. Tschirners Interesse an dem Thema ergibt sich fast zwangsläufig aus seiner Biografie: Die Großeltern stammten aus dem polnischen Teil Schlesiens und seine Frau ist Tschechin, in Leitmeritz (Litoměřice) aufgewachsen. Beim Spielen hat sie also einen Vorteil gegenüber ihrem Mann. Denn, wer mit der Spielfigur auf seinem Heimatort stehen bleibt, der darf nochmal würfeln.


Die „Wanderfahrt durchs Sudetenland“ ist für 39,80 Euro (zuzügl. Versandkosten) ist vorbestellbar unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!