Der Herbst ist nicht nur die Jagdzeit, aber auch die Zeit, in der man in den Wald „auf Schwamerln geht“ und so kommt man im Wald an so manch kleinen sakralen Bauten vorbei. So kann man auch im Reichenauer Wald (Rychnov na Moravě) viele Schwammerl in der Nähe des Maria Bründl finden. Und um Maria Bründl dreht sich folgende Sage.

Wunderbare Genesung

Es war im Jahre 1742, als sich der Lußdorfer (Lubník) Grobschmied Jakob Frantz durch einen Sturz über einen Schlitten, der in der Scheuer stand, innere Verletzungen zuzog, die trotz aller angewandten Mittel nicht heilen wollten. Lange Zeit ans Krankenbett gefesselt, konnte er weder für sich noch für die Seinen etwas verdienen. Eines Tages träumte ihm, dass er nur vollkommen genesen werde, wenn er nach Maria-Zell wallfahre. Da das Wenige, das er besessen, für Arzneien und Nahrungsmittel ausgegeben war, borgte er sich von Freunden 32 Groschen, um die Pilgerreise antreten zu können. Mit dieser geringen Barschaft trat er den Weg in die grüne Steiermark an. Krank und siech, schleppte er sich bis in den Reichenauer Wald, wo er unter einem Tannenbaum, dessen Fuß eine klare Quelle netzte, matt und kraftlos zusammenbrach. Im kühlen Schatten dieses Baums schlief er ein und jemand mahnte ihn, seine Wallfahrt fortzusetzen. Erwachend, fühlte er sich aller Schmerzen ledig, stand auf und strebte rüstig seinem Ziel entgegen. Frohen Muts, an Leib und Seele gestärkt, kehrte er nach vollbrachter Andacht von Maria-Zell, ein Bildchen der gnadenreichen Zeller Mutter Gottes mitnehmend, in die Heimat zu seinen Lieben zurück.Wallfahrtskirche Reichenau

Nach einiger Zeit erinnerte er sich jenes Tannenbaums, bei dem ihm die entschwundnen Lebenskräfte auf wunderbare Weise wiedergekehrt waren, ging hin und heftete das mitgebrachte Madonnenbildchen an den Stamm des Baums. Jedoch rissen Wind und Wetter dieses Papierbild, vor dem der Wiedergenesene mit Weib und Kind durch Gebete und fromme Lieder dem allmächtigen Schöpfer dankte, in Fetzen. Da ließ er sich vom Trübauer Bürger und Bildhauer Franz Seidtl, 14 Tage vor Matthäi, ein Bildnis der weltberühmten Maria-Zeller Gnadenmutter, das der Landskroner Maler Antonius Zmole malte, aus Holz schnitzen und befestigte es an jenem Baum. Nicht lang währte es, so begannen bald nach Ostern, an Christi Himmelfahrt, zahlreiche Gläubige dorthin zu wallen, um Trost und Linderung ihrer Leiden zu finden.

Gnadenort

Beim Marienbild des Lußdorfer Grobschmiedes Jakob Frantz suchten zunehmend Kranke aus immer weiter entfernten Orten Heilung. Bald wurden die Wunder, da viele Gnade und Heilung ihrer Gebrechen erlangten, im weiten Mährenland bekannt. Von nah und fern kamen die andächtigen Waller und nach Verlauf weniger Monde wurde das Marienbild 1749 mit Genehmigung „des allzeit getreuten wohlehrwürdigen Consistorio“ im Beisein einer zahlreichen Geistlichkeit aus dem Wald in die Kirche übertragen und an einem Pfeiler der Epistelseite angebracht.

Obzwar die Übertragung des Gnadenbilds geheim gehalten wurde, war doch eine nach Tausenden zählende Volksmenge anwesend. Hierüber schrieb der Trübauer Pfarrer Joh. Walitzky: „Es haben mir die Zwey Kuntzendorffer Hochw. Cooperatores auch dazumahl beygebracht, das sie nicht von Einen, sondern von mehreren aus dem Glätzischen Land gehöret, die zu ihnen sagten, das in Glatz ein alter Mann herumgegangen wäre undt etliche Täg zuvor gesagt, sie sollen auff das Fest Jacobi nacher Reichenau gehen, dann an dießen Tag wirdt die Bildnus der hochwürdigsten Mutter Gottes Maria aus dem Wald in die Kirch zu Reichenau getragen werden, welches beyde hochw. Geistlichen erbethig seye, wo nöthig, mit einem körperlichen Eydt zu bestätigen.“

Von einem vergoldeten Strahlenkranz umgeben, thront jetzt die Statue über dem Tabernakel des Hochaltars, wohin sie am 04.08.1749 übertragen wurde. Seitdem ist Reichenau besonders für die Umgebung, ein Gnadenort, sodass im vorigen Jahrhundert viele Weltpriester als Benefizianten, besonders zur Wallfahrtszeit, hier lebten.

Noch heutzutage pilgern gottesfürchtige Leute zum gnadenvollen Muttergottesbild und viele daselbst aufbewahrte Herzlein, Händchen, Füßchen und Äuglein aus Wachs oder Silber geben Zeugnis von Trost und Hilfe. Am nördlichen Abhang des Seekammbergs sprudelt noch die Quelle aus dem Schoß der Erde. Fromme Leute ließen über ihr eine Kapelle aus Stein errichten und versammelten sich daselbst an allen Sonn- und Feiertagen zu stiller Andacht.


Irene Kunc