Die tschechische Wirtschaft zeigt Anzeichen einer Erholung: Erstmals seit acht Jahren steigt laut Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer wieder die Investitionsbereitschaft. Sorgen bereiten allerdings die steigenden Energiepreise.

 Die tschechische Wirtschaft hat sich spürbar erholt. Nach acht Jahren ist der Abwärtstrend bei den Investitionen gestoppt. Dennoch bleiben die Unternehmen mit Blick auf das Jahr 2026 vorsichtig. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK), an der in Tschechien 125 Unternehmen aus den Sektoren Verarbeitenden Gewerbe, Dienstleistungen, Handel, Bauwirtschaft sowie Energie- Wasserversorgung und Entsorgung teilnahmen.

Verbesserte wirtschaftliche Lage

So schätzen die Teilnehmer der Umfrage die derzeitige Wirtschaftslage in Tschechien ein.
So schätzen die Teilnehmer der Umfrage die derzeitige Wirtschaftslage in Tschechien ein. Credit: DTIHK

Rund ein Viertel der Unternehmen bewertet die Wirtschaftslage als gut. Der Gesamtumsatz ist bereits im zweiten Jahr in Folge gestiegen. Bei nahezu allen Indikatoren der Umfrage zeichnen die Unternehmen 2026 ein optimistischeres Bild als im Vorjahr. Besonders im Handel erwarten 71 Prozent der befragten Unternehmen steigende Umsätze. Solche Zahlen habe es bisher nicht gegeben, erklärte der DTIHK-Pressesprecher Christian Rühmkorf. Gründe dafür seien vor allem ein starker Binnenkonsum sowie die Entspannung der Diskussion um mögliche Strafzölle. Auch in der verarbeitenden Industrie hat sich die Stimmung aufgehellt: 45 Prozent der Unternehmen erwarten steigende Umsätze, nach 39 Prozent im Vorjahr. 

Erstmals seit acht Jahren ist zudem die Investitionsbereitschaft der Unternehmen wieder angestiegen. Während 2025 noch 42 Prozent der Industrieunternehmen angaben, ihre Investitionen zu senken, sind es 2026 nur noch 29 Prozent. Gleichzeitig planen 34 Prozent, ihre Investitionen sogar zu erhöhen. „Das heißt, im Saldo kommen wir langsam auf einen grünen Zweig, was ein wichtiges Signal ist“, resümierte Rühmkorf.

Im Dienstleistungssektor zeigt sich hingegen ein differenzierteres Bild. Dort erwarten einige Unternehmen geringere Investitionen, was sie unter anderem mit dem zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz begründen.

Erstmals seit mehreren Jahren ist die Investitionsbereitschaft der Unternehmen wieder angestiegen.
Erstmals seit mehreren Jahren ist die Investitionsbereitschaft der Unternehmen wieder angestiegen. Credit: DTIHK

Abkopplung von Deutschland

Im Nachbarland Deutschland, dem größten Handelspartner Tschechiens, wuchs die Wirtschaft 2025 nur um 0,2 Prozent – in Tschechien hingegen um 2,5 Prozent. Dennoch verzeichnete der deutsch-tschechische Handel im vergangenen Jahr mit 115,7 Mrd. Euro ein Rekordvolumen. „Es scheint – zumindest derzeit – nicht mehr zu gelten, dass die tschechische Wirtschaft eine Lungenentzündung bekommt, wenn Deutschland einen Schnupfen hat“, kommentierte DTIHK-Geschäftsführer Bernard Bauer die Lage. Verantwortlich für den Trend seien ein stabiler Binnenkonsum sowie die Erschließung neuer Märkte. 

Auch aus der Unternehmenspraxis wird dieser Trend bestätigt. „Heute, zu Beginn dieses Jahres, bin ich sehr viel optimistischer als noch zu Beginn 2025. Mittlerweile sind unsere Auftragsbücher für 2026 sehr voll. Sie sind sogar voller als bei unserer Schwesterfirma in Deutschland, die ähnliche Projekte wie wir realisiert“, sagte Jiří Lopata, Geschäftsführer des Unternehmens Streicher in Tschechien.

Im Vergleich zu Deutschland planen mehr Unternehmen in Tschechien mit Investitionsausgaben in diesem Jahr.
Im Vergleich zu Deutschland planen mehr Unternehmen in Tschechien mit Investitionsausgaben in diesem Jahr. Credit: DTIHK

Nach Einschätzung von Niclas Pfüller, Geschäftsführer des Automobilzulieferers Brose in Tschechien, habe sich das Bild des Landes ebenfalls gewandelt. Tschechien sei heute nicht mehr nur die „verlängerte Werkbank“. Laut ihm seien die Standorte in Tschechien heute eigenständiger und produzierten zunehmend komplexe Produkte. 

Höhere Lohnkosten und Fachkräftemangel

Auch in diesem Jahr liegt Tschechien im Wettbewerbsvergleich weiter hinter Polen.
Auch in diesem Jahr liegt Tschechien im Wettbewerbsvergleich weiter hinter Polen. Credit: DTIHK

Im mittel- und osteuropäischen Vergleich bleibt Tschechien zwar wettbewerbsfähig, liegt seit einigen Jahren aber hinter Polen auf Platz zwei. Laut Pfüller, dessen Unternehmen auch im Nachbarland aktiv ist, habe Polen in den vergangenen Jahren viel in die Infrastruktur investiert. 

Auch bei den Lohnkosten zeichnet sich ein Wandel ab. „In Tschechien lagen die Lohnkosten vor zehn Jahren noch bei sieben bis neun Euro pro Stunde. Heute liegen sie eher bei 18 Euro. Unternehmen, welche früher in Tschechien Montagemitarbeiter beschäftigten, weichen heute zunehmend auf Polen aus“, erklärte Pfüller die Entwicklung. 

Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs planen weniger Unternehmen, ihre Belegschaft zu erweitern.
Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs planen weniger Unternehmen, ihre Belegschaft zu erweitern. Credit: DTIHK

Generell ist die Beschäftigungsprognose der Unternehmen für das kommende Jahr gesunken. Dabei spielt auch in Tschechien der Fachkräftemangel eine Rolle. Laut der Befragung sehen 43 Prozent der Unternehmen den Mangel an Mitarbeitern als das zweitgrößte Risiko der nächsten zwölf Monate an. 

Allerdings fällt die Einschätzung nicht überall gleich aus. „Die Anzahl der Bewerbungen bei uns ist aktuell höher als zuvor“,sagte Lopata und verwies darauf, dass aufgrund der höheren Kosten viele Firmen die Region verlassen hätten. Viele investieren deshalb verstärkt in eigene Ausbildungsprogramme. Unternehmen wie Brose und Streicher bauen interne Ausbildungszentren aus und kooperieren mit Universitäten, etwa in Pilsen (Plzeň) und Ostrau (Ostrava). Pfüller forderte zudem stärkere Unterstützung kleiner Unternehmen durch den Staat. 

Energiepreise sorgen Unternehmen weiterhin

Während der Nachfragemangel im Vorjahr noch das größte Geschäftsrisiko darstellte, belegt der Punkt in der aktuellen Umfrage nur noch den dritten Platz.
Während der Nachfragemangel im Vorjahr noch das größte Geschäftsrisiko darstellte, belegt der Punkt in der aktuellen Umfrage nur noch den dritten Platz. Credit: DTIHK

Trotz der insgesamt positiven Entwicklung bleibt die Energieversorgung ein entscheidender Unsicherheitsfaktor. Laut der Umfrage sehen 63 Prozent die Energiepreise als größtes Risiko für die nächsten drei Jahre. 
Laut Claudia Viohl, CEO von E.ON Tschechien, führe kein Weg an einem Ausbau von Kernkraft, Photovoltaik und Windenergie vorbei. Dabei seien sowohl der Staat als auch die Privatwirtschaft gefordert. 

Dass Unternehmen ihre Energiekosten aktiv senken können, zeigen Beispiele aus der Praxis.  Streicher konnte dank eigener Solar- und Wasserkraftanlagen die Energiekosten um ein Drittel reduzieren. Auch Brose investiert in Photovoltaikanlagen. Gleichzeitig forderte Viohl schnellere Genehmigungsverfahren für den Ausbau der Energieinfrastruktur. Der aktuelle Klimaplan Tschechiens von 2024 reiche dafür aus ihrer Sicht nicht aus. 

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