Anlässlich des diesjährigen 150. Jubiläums der Zeitung Vorwärts veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung in Prag einen Spaziergang auf den Spuren der sozialdemokratischen Exilanten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland war die Parteizeitung der SPD in die damalige Tschechoslowakei geflüchtet.
In diesem Jahr feiert die Zeitung der deutschen Sozialdemokratie Vorwärts ihr 150-jähriges Bestehen. Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Prag veranstaltete in diesem Rahmen einen Spaziergang durch die tschechische Hauptstadt, der die Geschichte der sozialdemokratischen Exilanten aufbereitete. Der Mitarbeiter der FES in Prag und Historiker Thomas Oellermann erzählte an den verschiedenen Stationen, wie die Zeitschrift nach 1933 in der Tschechoslowakei gedruckt wurde und wo die sozialdemokratischen Exilanten unterkamen.
Der Vorwärts ist eine Parteizeitung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), die erstmals am 1. Oktober 1876 erschien. Zum diesjährigen Jubiläum spielt auch die Prager Zeit eine Rolle in der Geschichte des Magazins: „Wenn man sich heute erinnern will an 150 Jahre des Vorwärts, dann sollte man auch an die Jahre in Prag erinnern, die zwar nicht so viele waren, aber es ist trotzdem ein bedeutender Teil der Geschichte dieser Zeitung“, so Thomas Oellermann.
Flucht in die Tschechoslowakei
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 konzentrierte sich das NS-Regime auf die Verfolgung politischer Gegner. In diesem Kontext hatten Sozialdemokraten keine Möglichkeit mehr, in Deutschland zu arbeiten, denn die Nationalsozialisten beschlagnahmten etwa die Druckmaschinen des Vorwärts und verfolgten Mitarbeiter sowie deren Familienangehörige. Innerhalb der SPD kam es zu großen Diskussionen zur Weiterführung ihrer Tätigkeiten, bis sie nach dem endgültigen Verbot der Partei und der 200 Parteizeitungen das Land verlassen mussten.
Zu diesem Zeitpunkt flüchteten viele Sozialdemokraten in die Tschechoslowakei – damals die letzte Demokratie in Ostmitteleuropa. Ebenso bestand eine große deutschsprachige Minderheit von circa 3,5 Millionen Menschen, bei denen man hoffte, ein neues Publikum zu finden.
Sozialdemokratische Erinnerungskultur in Prag
Am südlichen Rand von Prag, im Stadtteil Königsaal (Zbraslav), befand sich die erste Station des Spaziergangs. Die ehemalige Flüchtlingsunterkunft, in der Philipp Scheidemann seine Memoiren niederschrieb, wurde von Emanuel Viktor Voska – politischer Akteur aus dem Umfeld des Staatspräsidenten Masaryk – im Jahr 1933 eingerichtet. Heutzutage erkennt man das an einer angebrachten Tafel, die laut Thomas Oellermann aber die falschen Jahreszahlen darstelle. Anstatt 1933 ist dort das Jahr 1938 angegeben.

Scheidemann lebte ab 1933 mit seiner Tochter in der Unterkunft, bis sie weiter über die Schweiz, Frankreich und die USA nach Dänemark flüchteten, wo er 1939 in Kopenhagen verstarb. Bekannt ist der SPD-Politiker für die Ausrufung der deutschen Republik im Jahr 1918 während des Zusammenbruchs der Monarchie in der Novemberrevolution.
Neuer Vorwärts
Um die in Deutschland zurückgebliebenen SPD-Mitglieder zu schützen, benannte sich die Partei nach der Flucht um in Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Exil (SOPADE). Auch der Vorwärts nahm eine Änderung vor und agierte ab 1933 unter dem Namen Neuer Vorwärts. Friedrich Stampfer wurde Chefredakteur der Zeitung, während Otto Wels die Führung der SOPADE übernahm. Der Anspruch der Redaktion war es, weiterhin politisch zu handeln, weshalb die erste Ausgabe im Prager Exil schon am 18. Juni 1933 erschien, einen Monat nach Ankunft Stampfers und sämtlicher Mitglieder des SPD-Exilvorstands. Obwohl die Redaktion in Prag agierte, befand sich die Druckerei der Zeitung in Karlsbad (Karlovy Vary).
Friedrich Stampfer selbst war in dieser Zeit in einem Wohnhaus in Prag 2 gemeldet. Der in Brünn (Brno) geborene Journalist und Politiker zog unter anderem als Soldat unter Österreich-Ungarn in den Ersten Weltkrieg und war von 1920 bis 1933 sozialdemokratisches Mitglied des Reichstages.

Informationsbrücke nach Deutschland
Für die Sozialdemokraten war es vorerst nicht einfach, ihren politischen Widerstand weiterzuführen, denn sie konnten nur wenige Bargeldbestände mit nach Prag nehmen und hatten keine weiteren Verbindungen in der Stadt. Mit der Unterstützung der DSAP (Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei) und des Sozialdemokratischen Flüchtlingskomitees wurde den Exilmitgliedern beispielsweise mit einem solidarischen monatlichen Mitgliederbeitrag finanziell ausgeholfen. Im Jahr 1933 hatte das Komitee seinen Sitz im Haus der tschechoslowakischen Gewerkschaften, welches sich in der Prager Altstadt befand. Heutzutage ist das ehemalige Gewerkschaftshaus ein Bürogebäude. In der Zwischenzeit gehörte es der Staatssicherheit.

Während der Prager Epoche leistete die Zeitung Neuer Vorwärts Widerstand gegen das Nazi-Regime durch Aufklärungsarbeit: „Es ging sehr stark darum, eine Informationsbrücke herzustellen. Also, dass man Leute im Deutschen Reich informierte, die sonst keinen Zugang zu freien Informationen hatten“, so Kai Doering – stellvertretender Chefredakteur der Vorwärts. Mit den sogenannten Deutschlandberichten wurden Stimmungsbilder veröffentlicht, die einen Blick ins Dritte Reich ermöglichten. Dafür wurden Berichte aus Deutschland in Prag gesammelt, sortiert und ausgewertet, um sie dann zusammengefasst wieder über die Grenze zu schmuggeln.
Der Neue Vorwärts wurde in insgesamt 42 Ländern verbreitet, dabei konzentrierte er sich vor allem auf Zentren der Emigration in Europa. Um Schriften ins Dritte Reich zu schmuggeln, maskierte man die Zeitungen auf unterschiedlichste Art und Weise: „Ich habe Geschichten gehört, dass man die Zeitung teilweise unter die Schuhsohle legte, damit das nicht gefunden wurde“, so Doering. Beispielsweise bewegte man die Schriften auch über die Grenze, indem der Einband einen Ratgeber zur Selbstrasur versprach, während sich im Inneren der Vorwärts befand.
Sozialdemokraten verlassen Prag
Diese riskante Verbreitung gefährdete mit der Zeit das Verhältnis der Tschechoslowakei zum Dritten Reich. So wollten viele tschechoslowakisch-politische Kreise Flüchtlinge ausweisen, isolieren und aus Prag vertreiben, wodurch zunehmend Konflikte zwischen den Akteuren entstanden. Rückzug fand der Exilvorstand der SOPADE schon ab 1933 in einer Wohnung im Stadtviertel Karolinenthal (Karlín), die sich heute über einem Restaurant befindet. Es wird vermutet, dass sich hier die Redaktionsräume des Neuen Vorwärts befanden.

Schlussendlich wurde 1936 die Verteilung der Zeitung in Deutschland eingestellt. Die SOPADE musste 1937 Prag verlassen, denn der tschechoslowakische Staatspräsident Edvard Beneš hatte die Partei aufgefordert, ihre Arbeit niederzulegen. Der Exilvorstand nahm daraufhin die Zeitung mit nach Paris, wo ihnen der sozialistische Ministerpräsident Léon Blum Asyl gewährte. Wegen Geldmangels und des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges wurde die Arbeit des Neuen Vorwärts zunehmend schwieriger. Die letzte Ausgabe in Paris erschien am 5. Mai 1940.

Letzte Printausgabe im März 2026
Im März dieses Jahres erscheint vorerst die letzte Printausgabe des Vorwärts. Aktuell befindet sich die Zeitung in einem Wandel: „Wir erschienen bis zum März dieses Jahres sechs Mal im Jahr und sind jetzt in einer Umbruchphase, in der wir überlegen, wie wir mit einem neuen Konzept nach dem 150-jährigen Jubiläum im Herbst weitermachen“, so Kai Doering. Zu erwarten ist eine breitere Aufstellung im digitalen Bereich.
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