Brünns jüdisches Gotteshaus wurde 1939 zerstört. Heute kehrt es in das öffentliche Bewusstsein zurück.

Manche Gebäude verschwinden nicht nur aus dem Stadtbild, sondern auch aus dem kollektiven Gedächtnis. Die Große Synagoge (Velká synagoga) in der Brünner Spálená-Straße ist ein solcher Ort. Erst Jahrzehnte nach ihrer Zerstörung beginnt nun die Stadt und die Zivilgesellschaft, ihre Geschichte wieder sichtbar zu machen; eine Geschichte, die vor mehr als 170 Jahren begann.

Aufbruch und Synagogenbau im 19. Jahrhundert

Nach dem Revolutionsjahr 1848 und der damit einhergehenden rechtlichen Gleichstellung eröffneten sich auch für die Juden Brünns völlig neue Perspektiven hinsichtlich ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Entfaltung. Das Aufenthaltsverbot für Juden war aufgehoben worden und bislang noch Undenkbares wurde im Rahmen der Emanzipation Realität. Es entstanden erste jüdische Institutionen, darunter ein Ausschuss des Religionsvereins, der den Bau einer Synagoge in die Wege leiten sollte. Vonseiten der Stadt gab es jedoch noch Vorbehalte gegenüber einem jüdischen Gotteshaus an zentraler Stelle. Und so erwarb der zuständige Ausschuss eine Parzelle in der Vorstadt Kröna (Křenová), an der Ecke der späteren Straßen Spálená und Přízova. Mit dem Bau der Synagoge wurden die Architekten August Schwendenwein von Lanauberg und Johann Julius Romano von Ringe beauftragt, die ein monumentales Gebäude ganz im Stil der Wiener Ringstraße entwarfen. Nachdem die Baugenehmigung Ende April 1853 erteilt worden war, begannen die Arbeiten, die von der Brünner Firma Anton Onderka durchgeführt wurden. Ermöglicht wurde das Projekt durch die großzügige Unterstützung jüdischer Unternehmer. Bereits zwei Jahre später war die Synagoge fertiggestellt: Die Fassade des freistehenden dreistöckigen Gebäudes wies dekorative Elemente des neoromanischen wie maurisch-byzantinischen Stils auf. Der imposante Rundbogengiebel trug am oberen Abschluss Moses‘ Gesetzestafeln.

Feierliche Einweihung und Erweiterung

Unter großer Anteilnahme sowohl der jüdischen als auch nichtjüdischen Brünner Bevölkerung wurde die Synagoge am 17. September 1855 eingeweiht, unter den Gästen des Gottesdienstes fand sich der Brünner Bürgermeister Anton von Haberler ebenso wie der Wiener Oberrabbiner Isaak Mannheimer.

Für den mährischen Landesrabbiner Abraham Placzek waren die Feierlichkeiten Beweis dafür, dass die jüdische Gemeinde in der Mitte der Stadtgesellschaft angekommen war. In den folgenden Jahren gab es einige Aus- und Umbauten, die die Bedeutung der wachsenden jüdischen Gemeinde auch auf einer repräsentativ-architektonischen Ebene verdeutlichen sollten. Das „mährische Manchester“ war eine der weltweit führenden Textilproduktionsstätten und jüdische Unternehmerfamilien trugen dazu maßgeblich bei.

Die wichtigste Erweiterung erfolgte 1866 – ein Anbau an der Ostseite des Gebäudes, durch den sich die Nutzfläche im Inneren von 359 auf 496 Quadratmeter erweiterte. Neben dem Stadttheater soll die Synagoge zu den ersten elektrifizierten öffentlichen Gebäude Brünns gehört haben. Auch wenn die Große Synagoge nicht das einzige jüdische Gotteshaus in Brünn war – 1906 entstand beispielsweise die Neue Synagoge an der Ponávka –, blieb im kollektiven Gedächtnis vieler Familien vor allem die Große Synagoge präsent. 

Zerstörung und Verdrängung

Doch diese Geschichte sollte ein gewaltsames Ende finden. In der Nacht vom 17. auf den 18. März 1939, unmittelbar nach der Besetzung Brünns, wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten niedergebrannt. Die SS sorgte dafür, dass der Brand nicht gelöscht wurde. Nach Zeitzeugenberichten sollen Brünner Juden gezwungen worden sein, die Ruinen vom Schutt zu befreien.

Die Gemeinde selbst war in ihrer Existenz zerstört, mehr als zehntausend jüdische Einwohner der Stadt waren ermordet worden. Ursprünglich verpflichtete sich die Kommune, an der Stelle der zerstörten Synagoge für die Brünner Opfer der Shoah ein Denkmal zu errichten. Umgesetzt wurde dieses Vorhaben nie. Das Gelände lag lange brach, war nur mehr ein Schuttplatz. Vielen war unbekannt, welch bedeutender Ort sich einst dort befand. 

Rückkehr in das öffentliche Gedächtnis

Doch genau dies ändert sich seit einiger Zeit. Seit Anfang des Jahres kehrt die Erinnerung an die Synagoge wieder in das öffentliche Gedächtnis zurück, nicht zuletzt aufgrund des unermüdlichen Engagements des Štetl-Festivals. 

Eine Outdoor-Ausstellung, Brnĕnská synagoga v plamenech (dt. Die Brünner Synagoge in Flammen) von Michal Doležel, erinnert mit Infotafeln am Bauzaun, der das Gelände von der Straße trennt, an die Geschichte des Ortes. Im Frühjahr begannen archäologische Forschungsarbeiten des Instituts für Archäologische Denkmalpflege, um die baulichen Überreste der Synagoge aufzudecken; bis Mitte der 1940er Jahre sollen noch niedrige Mauerreste bestanden haben. Die Öffentlichkeit wurde durch geführte Touren in die Grabungen miteinbezogen. Inzwischen sind diese abgeschlossen. Unter anderem wurden Münzen und Alltagsgegenstände gefunden, die Böden des Gebäudes allerdings wurden vermutlich schon früher abgetragen. An der Technischen Universität Wien wurde bereits 2023 auf Grundlage historischer Pläne und Fotografien eine virtuelle Rekonstruktion der Großen Synagoge erstellt, die auch einen Eindruck ihres Innenraums vermittelt.

Als Besucher der Ausstellung und des Geländes fällt einem sofort das großformatige Wandgemälde an der Außenseite des benachbarten Gebäudes auf. Der Streetart-Künstler TIMO hat hier ein Erinnerungszeichen gesetzt, das in seiner Zartheit nahezu poetisch des verlorenen jüdischen Lebens gedenkt, aber ebenso auf die Zukunft verweist: Aus einem Baumstumpf, dessen Wurzeln sehr deutlich zu erkennen sind, erwächst eine Menora.

Mehrere kulturelle Veranstaltungen, unter anderem die Präsentation eines 3D-Modells der Synagoge, musikalische Darbietungen oder eine neue Theaterproduktion, haben bisher das Projekt begleitet. In einer Crowdfunding-Aktion wurde zudem Geld für die Publikation eines Almanachs gesammelt, in dem sich namhafte Autoren wie Milan Uhde, Arnošt Goldflam und Kateřina Tučková literarisch mit der Geschichte der Synagoge und ihrem Verlust auseinandersetzen.

Für Menaše Kliment, Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Brünn, ist das Gedenken an die Große Synagoge von besonderer Relevanz für die jüdische Gemeinschaft: „Die Synagoge war nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein Ort der Begegnung, der Bildung und des Austauschs. An sie zu erinnern bedeutet, Erinnerung in den urbanen Raum zurückzubringen und erneut zu fragen, welche Werte wir als Gesellschaft teilen wollen.“ 

Zuletzt hat im Juni dieses Jahres der Brünner Stadtrat beschlossen, der Spálená-Straße wieder ihren ursprünglichen Namen U Synagogy zurückzugeben. Ein wichtiger Schritt, der den Willen der Politik, an die jüdische Geschichte der Stadt zu erinnern, belegt. 

Monika Halbinger

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