Mit Literatur, Musik und politischen Tönen ist die Frankfurter Buchmesse eröffnet worden. Tschechien präsentiert sich in diesem Jahr als Ehrengast mit etwa 75 Autoren und einem umfangreichen Kulturprogramm. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte Schriftstellerin Radka Denemarková mit scharfer Kritik an der tschechischen Regierung. Kulturminister Oto Klempíř wurde bei seinem Auftritt ausgepfiffen.
Unter dem Motto „Tschechien – ein Land an der Küste“ präsentiert sich die tschechische Literatur in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse. Die Anspielung geht auf William Shakespeares Wintermärchen zurück, in dem Böhmen kurzerhand an eine Meeresküste verlegt wird. In Frankfurt wird daraus die Leitidee für einen Gastlandauftritt, der die Vielfalt der gegenwärtigen tschechischen Literatur ins Zentrum rücken soll.
Bei der feierlichen Eröffnung der Buchmesse am Dienstagabend traten neben Vertretern aus Politik und Buchbranche auch mehrere tschechische Künstlerinnen auf. Die Musikerin Iva Bittová gestaltete gemeinsam mit dem britisch-deutschen Musiker Tim Roth den musikalischen Rahmen, die Dichterin Marie Iljašenko las einen poetischen Text. Iljašenko erinnerte dabei auch an die Folgen des russischen Angriffskriegs für die ukrainische Buch- und Kulturszene und betonte die Bedeutung kultureller Freiheit.
Denemarková warnt vor „Bräunung Europas“
Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Auftritt der Schriftstellerin Radka Denemarková. In ihrer auf Deutsch gehaltenen Rede verband sie Literatur und Politik ausdrücklich miteinander. Die zentrale Frage der Gegenwart sei, ob sich Europa für eine offene Demokratie oder eine geschlossene Gesellschaft entscheide. Literatur kenne darauf eine Antwort und sei gerade deshalb „gefährlich“, sagte Denemarková.
Zugleich warnte sie vor einer „Bräunung Europas“ und kritisierte eine Entwicklung, bei der Demokratie zunehmend auf Geschäft und wirtschaftlichen Pragmatismus reduziert werde. Auch die derzeitige tschechische Regierung nahm sie ins Visier. Unter anderem verwies sie darauf, dass ihr zwei Personen angehörten, die in den Akten der kommunistischen Staatssicherheit StB als frühere Mitarbeiter geführt würden. Gemeint waren Premier Andrej Babiš (ANO) und Kulturminister Oto Klempíř (Motoristen). Babiš bestreitet eine bewusste Zusammenarbeit mit der StB; Klempíř hatte dagegen bereits früher eingeräumt, in den 1980er Jahren eine entsprechende Verpflichtung unterschrieben zu haben.
Denemarková wandte sich außerdem direkt gegen die Kulturpolitik. „Kulturminister, die Kultur und Literatur zerstören, kommen und gehen“, sagte sie sinngemäß, Kultur und Literatur selbst aber blieben bestehen. Für ihre Rede erhielt die Schriftstellerin starken Beifall, am Ende erhoben sich Teile des Publikums von ihren Plätzen.
Pfiffe für Kulturminister Klempíř
Bereits zuvor hatte Kulturminister Oto Klempíř gesprochen. Seine Rede wurde mehrfach durch Zwischenrufe, Buhrufe und Pfiffe unterbrochen. Der Minister erinnerte in seiner Ansprache unter anderem an die Unterstützung, die tschechoslowakische Schriftsteller während der kommunistischen Diktatur aus Deutschland erhalten hatten.
Am Mittwoch reagierte Klempíř auf die Kritik. Die anonymen Zwischenrufe und Pfiffe könne er verkraften, sagte der Minister der Nachrichtenagentur ČTK. Enttäuscht habe ihn dagegen Denemarkovás Auftritt. Tschechische Schriftsteller und Verlage erhielten vom Kulturministerium „absolute Unterstützung“ und erhebliche Mittel, damit sie auf internationalen Veranstaltungen wie der Frankfurter Buchmesse präsent sein könnten. Aus seiner Sicht habe Denemarkovás Rede diese Unterstützung nicht ausreichend berücksichtigt.
Die Auseinandersetzung fällt in eine Phase, in der die Kulturpolitik der Regierung auch in Tschechien umstritten ist. Erst in dieser Woche verabschiedete das Kabinett eine neue staatliche Kulturstrategie für die Jahre 2026 bis 2029, deren Entstehung von Teilen der Opposition und der Kulturszene kritisiert wird.
75 tschechische Autoren in Frankfurt
Ab diesem Mittwoch ist die Buchmesse für das Fachpublikum geöffnet, ab Freitag auch für die breite Öffentlichkeit. Am Mittwochvormittag wurde zudem der tschechische Nationalstand offiziell eröffnet. Er bildet neben dem großen Ehrengast-Pavillon einen zentralen Treffpunkt für tschechische Verlage, Autoren und Vertreter der Buchbranche. Bereits am ersten Messetag finden dort und im Pavillon zahlreiche Lesungen, Diskussionen und Fachveranstaltungen statt.
Bis Sonntag sollen etwa 75 tschechische Autorinnen und Autoren in Frankfurt auftreten. Hinzu kommen mehr als 120 ins Deutsche übersetzte tschechische Bücher sowie rund 40 beteiligte Verlage. Nach Angaben der Organisatoren handelt es sich um die bislang größte Präsentation tschechischer Literatur im Ausland in der jüngeren Geschichte des Landes.
Zentrum des Gastlandauftritts ist ein mehr als 2400 Quadratmeter großer Pavillon unter dem Titel „Schnittstelle der Imagination“. Weiße, organisch geformte Objekte, orangefarbene Bojen und ein Leuchtturm greifen das Motiv der imaginären böhmischen Küste auf. Neben Lesungen und Diskussionen sind dort auch Musik, Film, Comics und Live-Zeichnungen vorgesehen. Auf einer großformatigen Leinwand arbeiten tschechische Comiczeichner während der Messetage gemeinsam mit einem robotischen Drucksystem.
Zu den bekanntesten Gästen gehören neben Denemarková unter anderem Jaroslav Rudiš, Jáchym Topol, Alena Mornštajnová, Jiří Hájíček, Kateřina Tučková, Dora Kaprálová und Miroslav Hlaučo.
Von Rudiš und Topol bis Havel
Am ersten Tag stehen zahlreiche Veranstaltungen auf dem Programm. Radka Denemarková spricht am Vormittag gemeinsam mit der taiwanischen Schriftstellerin Yang Shuang-zi über Frauen, Geschichte und Erinnerung. Jaroslav Rudiš stellt seinen neuen Roman Wo die Toten sprechen vor. Am Abend liest Denemarková in der Frankfurter Zentralbibliothek aus ihrem neuen Roman Schokoladenblut.
Am Donnerstag ist unter anderem Jáchym Topol zu Gast. Denemarková und Rudiš diskutieren unter dem Titel „Die Geister der Geschichte“ darüber, wie die Vergangenheit Mitteleuropas bis in die Gegenwart hineinwirkt. Daneben geht es auf den Bühnen des tschechischen Pavillons etwa um Exilliteratur, den internationalen Erfolg tschechischer Bücher oder die Zukunft des Buchmarktes.
Auch die deutsch-tschechischen Beziehungen spielen eine Rolle. Am Freitag präsentiert der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds eine Diskussion mit den deutschen Schriftstellern Judith Hermann und Gregor Sander über ihre literarische Beschäftigung mit Tschechien. Ebenfalls am Freitag erinnert das Programm unter dem Titel „HAVEL 90 – Ich habe es irgendwo versteckt“ an Václav Havel, der am 5. Oktober 90 Jahre alt geworden wäre.
Am Wochenende folgen zahlreiche weitere Lesungen, Gespräche, Comic-Veranstaltungen und Konzerte. Den Abschluss des tschechischen Ehrengastauftritts bildet am Sonntag die symbolische Übergabe an Chile, das 2027 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein wird.
Literatur, Musik, Theater und Film
Der tschechische Ehrengastauftritt beschränkt sich aber nicht auf Bücher und Lesungen. Auch Musik, Theater und Film gehören in den kommenden Tagen zum Begleitprogramm. Am 10. Oktober spielt das Ensemble Modern in der Alten Oper Frankfurt Werke der tschechischen Komponisten Slavomír Hořínka, Barbora Tomášková und Pavel Šabacký. Zeitgenössische tschechische Dramatik steht außerdem im Internationalen Theater Frankfurt sowie bei einer Sonderausgabe des Festivals Drama Panorama im Mittelpunkt.
Auch das Kino greift den Ehrengastauftritt auf. In Zusammenarbeit mit den Arthouse-Kinos Frankfurt werden unter anderem die Dokumentarfilme Durch die Landschaft der Literatur über den Schriftsteller Jaroslav Rudiš und Ich bürge für ein Wort mit meinem Leben über Radka Denemarková gezeigt.
Ein weiterer Programmpunkt verbindet Literatur, Film und deutsch-tschechische Geschichte: Am Freitag, 9. Oktober, zeigt ARTE ab 20.15 Uhr die deutschsprachige Premiere des zweiteiligen Fernsehfilms Gerta Schnirch. Die Verfilmung basiert auf Kateřina Tučkovás Roman Gerta. Das deutsche Mädchen und entstand als Koproduktion des Tschechischen Fernsehens ČT, ARTE und HBO. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Deutschmährerin aus Brünn vor dem Hintergrund von Krieg, Vertreibung und Nachkriegszeit.
Die Frankfurter Buchmesse läuft bis Sonntag, den 11. Oktober. Mehr Informationen zum tschechischen Gastlandauftritt auf https://czechia2026.com/de/.
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