Es war einmal eine alte Frau namens Dora, die ihren Spaß darin hatte, das Leben ihrer Nachbarn schwer zu machen. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.
Einst, vor etwa 200 Jahren, standen mitten in Gablonz (Jablonec nad Nisou) sieben schmucke Häuschen, aufgereiht wie Glasperlen an einer Halskette. In einer Holzhütte gleich gegenüber lebte Dora, eine grantige, streitsüchtige Alte. Immerzu versuchte sie, Zwist unter den Nachbarn zu schüren und ließ keine Gelegenheit aus, um ihnen etwas zu Fleiß zu machen. Besonders freute es sie, wenn sie die Wäsche, die die Frauen in der Neiße frisch gewaschen und auf dem Rasen zum trocknen an der Sonne ausgebreitet hatten, heimlich verdrecken konnte. Auch wenn man sie dabei nie ertappte, so wusste jeder, dass nur sie allein hinter diesen Gemeinheiten steckte.
Kräht die schwarze Henne, weht das Unheil herein
Im letzten der sieben Häuser lebte die schöne Wäscherin Klara. Als Dora eines Tages auch ihre Wäsche schmutzig gemacht hatte, lief das vergrämte Mädchen zu ihrem Liebsten, um sich zu beklagen. Ihr Gottfried war aber, trotz seines friedvollen Namens, ein echter Hitzkopf. Wenn es drauf ankam, konnte er richtig zornig werden. Kaum dass er hörte, was die Alte seinem Mädchen angetan hatte, packte ihn die Wut und ging auf Dora los. Erst leugnete sie es, wollte sich herauswinden und schließlich beschimpfte sie ihn. Gottfried blieb ihr nichts schuldig. Beide gerieten in Rage, sie schrien sich an und drohten einander mit Fäusten. „Hör auf mich zu ärgern, du alte Hexe!“, schnauzte Gottfried Dora an, „sonst schieße ich deine Hühner tot, wenn sie wieder in meinem Garten herumstochern!“ Obwohl sie nicht einmal einen Vorgarten hatte, hielt sich die Alte sieben Hühner. Am Morgen jagte sie die Tiere einfach raus, damit sie in den Nachbargärten nach Futter suchten, und erst am Abend ließ sie sie in den Hühnerstall zurück.
Eines Tages lauerte Dora, bis Klara ihre Wäsche draußen an der Leine aufgehängt hatte und aufs Feld gegangen war. Dann lief sie hin und beschmierte all die schneeweißen Hemden mit Schlamm. Als Klara heimkehrte und die Bescherung sah, weinte sie bitterlich. Ihr Jammern hörte Gottfried, der gerade vom Feld kam. Blind vor Wut holte er seine Jagdflinte und schoss auf Doras Hühner, die in seinem Garten nach Korn suchten. Getroffen hatte er keines, sechs Hennen flatterten rasch davon, aber die siebente, die Rabenschwarze, flog auf das Dach seines Hauses. Dort blieb sie, bösartig krähend, sitzen. Klara war erschrocken: „Wehe uns, es ist ja der Wetterhahn! Als schwarze Henne verheißt er immer ein Unglück!“, rief sie. Dora hörte den Schuss, steckte sofort den Kopf aus dem Fenster und kreischte: „Wart’ nur ab, du Halunke, am Tag vor deiner Hochzeit wirst du an mich denken!“ Was immer auch Gottfried versuchte, er konnte das schwarze Biest von seinem Dach nicht verscheuchen. Tagsüber flog es zwar runter, um nach Futter zu suchen, aber Nacht für Nacht saß es auf dem Dach und krähte abscheulich.
Ein Unglück kommt selten allein
Gottfrieds und Klaras Hochzeit stand bevor. Am Tag vor der Hochzeit, Schlag zwölf Uhr mittags, hörte man die Henne auf Gottfrieds Dach siebenmal unheilvoll krähen. Und prompt brüllte die alte Dora aus dem Fenster: „Ich verfluche dich in drei Teufels Namen!“ Kaum hatte sie das gesagt, schossen aus dem Dach von Gottfrieds Haus hohe Flammen empor. Der Wind entfachte das Feuer, und im Nu brannte das ganze Haus. Es war gerade Heuernte und die Leute waren auf dem Feld. Sie kamen zwar alle mit Kübeln voll Wasser angerannt, zum Löschen des Riesenbrandes reichte es aber nicht. Und so rettete man nur ein paar Habseligkeiten, die man noch hinaustragen konnte. Knapp bevor das Dach eingestürzt war, flog die schwarze Henne hoch und setzte sich aufs Nachbarhaus. Dort krähte sie abermals sieben Male und bald war auch dieses Haus nun mehr Schutt und Asche.
So ging es weiter bis zu Klaras Haus, dem letzten in der Reihe. Als auch ihr Haus in Flammen aufging, war sie gerade auf dem Dachboden. In dem starken Rauch konnte sie aber den Treppenabgang nicht finden. Gottfried hörte ihre verzweifelten Rufe, beherzt lief er hinein und trug sie ins Freie. Hinter ihnen brach das Haus krachend in sich zusammen. Da flog die schwarze Henne vom Dach und hackte mit dem Schnabel nach Klara. Geistesgegenwärtig packte Gottfried das Biest am Hals und riss ihm den Kopf ab. Gleich darauf kam eine Nachbarin und rief „Die alte Dora stürzte gerade die Treppe runter und brach sich das Genick! Sie war auf der Stelle mausetot!“ Mit dem Tod der Teufelshenne hörte auch Doras böses Herz zu schlagen auf. So wurde die alte Hexe schließlich Opfer ihrer eigenen schwarzen Magie. Die Nachricht machte schnell die Runde, und alle atmeten erleichtert auf. Bedauert hat Dora niemand. Und seit dieser Zeit gab es in Gablonz auch keinen Großbrand mehr.
Quelle: Sagen und Märchen der Deutschen aus dem Isergebirge
Zusammengetragen von Irene Kunc
Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 03/2026
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