Rund zweitausend Menschen nahmen am Samstagmorgen an einer Gedenkveranstaltung in Pohrlitz (Pohořelice) teil, bevor bevor der Versöhnungsmarsch in Richtung Brünn startete. Deutschlands Innenminister Alexander Dobrindt würdigte vor Ort die deutsch-tschechische Verständigung.

Mit einer Gedenkveranstaltung am Mahnmal in Pohrlitz (Pohořelice) hat am Samstag der traditionelle Versöhnungsmarsch nach Brünn (Brno) begonnen. Rund 2000 Menschen versammelten sich an dem Ort, an dem zahlreiche Opfer des Brünner Todesmarsches von 1945 begraben liegen. Im Anschluss machten sich die Teilnehmer auf den rund 30 Kilometer langen Weg nach Brünn. Der Versöhnungsmarsch im Rahmen des Festivals Meeting Brno erinnert an die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Brünn unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und gilt heute als Symbol der deutsch-tschechischen Versöhnung.

Zu den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung gehörte neben der Bayerischen Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Ulrike Scharf (CSU), auch der deutsche Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). „Die Freunde von Meeting Brno haben dank ihrer Unbeugsamkeit aus der Vertreibung Versöhnung geschaffen. Das erfordert Mut, die Bereitschaft zuzuhören, Verständnis und Vertrauen. Und unter uns gibt es viele Brückenbauer, und wir bauen sie dort, wo die Gräben sehr tief waren“, sagte Dobrindt und erinnerte an die Tragödien von Millionen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben oder ihre Heimat verloren haben. Er würdigte, dass sich in Pohrlitz viele junge Menschen versammelt haben, die gemeinsam in einem friedlichen Europa leben wollen.

Wieder Gegendemonstranten anwesend

Neben Dobrindt nahmen Vertreter der tschechischen Politik, der Kirchen, der deutschen Minderheit sowie der Sudetendeutschen Landsmannschaft an der Gedenkfeier teil. Der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, erinnerte daran, dass während des Sudetendeutschen Tags sowohl der Opfer des Holocausts als auch der Vertreibung der Deutschen und des Leids der Tschechen gedacht wird. Die Fehler der Geschichte dürften sich nicht wiederholen. Bei der Veranstaltung waren außerdem eine Zeitzeugin des Todesmarsches wie auch die Winton-Kinder Eva Paddock und Milena Grenfell-Baines anwesend. Sie waren kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs von dem Briten Sir Nicholas Winton vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerettet worden. Auch dessen Sohn Nick Winton nahm an der Gedenkveranstaltung teil. 

Genauso wie am Donnerstag und Freitag wurde die Veranstaltung von etwa 30 Gegendemonstranten begleitet, die Transparente hielten. Die Polizei nahm die Personalien einer Person auf, die die Versammlung während der Reden der Politiker gestört hatte, bevor die Teilnehmer des Versöhnungsmarsches nach Brünn aufbrachen. Auch ein Mann, der ein Modell einer Maschinenpistole zur Gegendemo mitgebracht hatte, muss sich wegen rechtswidrigen Verhaltens verantworten. Die Polizei geht zudem möglichen Verstößen von Drohnenpiloten nach, deren Fluggeräte über der Versammlung kreisten.

Erinnerung an die Opfer von 1945

Die Versöhnungswallfahrt erinnert an die Ereignisse vom 30. Mai 1945, als etwa 20.000 Deutsche aus der Stadt Brünn vertrieben wurden. Der Marsch führte in Richtung der österreichischen Grenze. Dabei mussten sie – darunter Frauen, Kinder und ältere Menschen – die Strecke unter schwierigen Bedingungen zurücklegen. Viele starben infolge von Erschöpfung, Krankheit oder Misshandlungen. Historiker gehen von mindestens 1700 Todesopfern aus – Vertriebenenverbände schätzen die Zahl deutlich höher ein.

Seit 2015 wird die Strecke bewusst in umgekehrter Richtung gegangen – von Pohrlitz nach Brünn. Die Organisatoren verstehen dies als Zeichen der Rückkehr, der Erinnerung und der Aussöhnung. Die Wallfahrt knüpft an die „Erklärung der Versöhnung und gemeinsamen Zukunft“ an, die der Brünner Stadtrat vor elf Jahren verabschiedete und in der die Stadt das Unrecht an den vertriebenen Deutschen bedauerte.

Verbindung zum Sudetendeutschen Tag

In diesem Jahr erhielt der Versöhnungsmarsch besondere Aufmerksamkeit, da zeitgleich erstmals der Sudetendeutsche Tag in Tschechien stattfindet. Die Hauptveranstaltungen des Treffens werden auf dem Brünner Messegelände ausgerichtet. Viele Teilnehmer des Marsches setzten ihren Weg daher bis zum Messegelände fort.

Auf dem letzten Kilometer schlossen sich unter anderem Tschechiens Senatspräsident Miloš Vystrčil (ODS), der Europaabgeordnete Alexandr Vondra (ODS), die Senatoren Jaromíra Vítková (KDU-ČSL), Miroslava Němcová (ODS) und Jiří Dušek (parteilos, für ODS) sowie der Abgeordnete Hayato Okamura (KDU-ČSL) anschließen. Der ODS-Vorsitzende Martin Kupka versuchte vor Ort, mit einigen Dutzend versammelten Gegnern des Marsches ins Gespräch zu kommen.

Nach Angaben der Organisatoren haben sich rund 1500 Besucher aus der tschechischen Öffentlichkeit für Veranstaltungen des Sudetendeutschen Tags angemeldet. Hinzu kommen etwa 1500 Gäste aus Deutschland und anderen Ländern. Die Ausrichtung des Treffens sorgt seit Wochen für politische Diskussionen. Erst in der vergangenen Woche hatte das tschechische Abgeordnetenhaus eine Resolution verabschiedet, in der es sich gegen die Austragung des Sudetendeutschen Tags in Tschechien aussprach.

Schmierereien am Mahnmal

Überschattet wurde das Gedenken am Samstagmorgen von einer Sachbeschädigung am Mahnmal der Verteibung in Pohrlitz. Unbekannte hatten das Denkmal in der Nacht mit Hakenkreuzen beschmiert. Die Polizei leitete Ermittlungen wegen Sachbeschädigung und der Verbreitung extremistischer Symbole ein.

Das Mahnmal in Pohrlitz (Pohořelec) wurde in der Nacht zum Samstag mit Hakenkreuzen beschmiert.
Das Mahnmal in Pohrlitz (Pohořelec) wurde in der Nacht zum Samstag mit Hakenkreuzen beschmiert.

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Fotos: LandesEcho / Yannis Weber

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