Je teurer Öl und Gas werden, desto deutlicher zeigt sich Europas strategischer Fehler: die anhaltende Abhängigkeit von fossilen Energien. Doch statt gegenzusteuern, wächst in der EU der Widerstand gegen den Green Deal.
Ich fahre alle zwei Monate ins Europäische Parlament nach Straßburg. Seit den letzten Wahlen lässt sich dort etwas beobachten, das man als „fossile Konterrevolution“ gegen den Green Deal bezeichnen könnte.
Bei zentralen Abstimmungen zu Umweltfragen und zur Reduktion von Treibhausgasen bildet sich nämlich – zumindest optisch immer häufiger – eine „rechte fossile Koalition“ von der Europäischen Volkspartei nach rechts. Also einschließlich der konservativen Kräfte am Rande der politischen Mitte, zu denen etwa die tschechische ODS oder die polnische PiS gehören, aber auch mit den sogenannten Patrioten. Dort finden sich politisch ganz andere Kaliber: Neben der ANO von Andrej Babiš auch Fidesz von Viktor Orbán, französische Ultranationalisten oder die österreichische FPÖ. Doch wenn es um den Erhalt von Verbrennungsmotoren, Maßnahmen gegen das Emissionshandelssystem ETS 2 oder ähnliche Themen geht, scheinen die europäischen Christdemokraten zu vergessen, mit wem sie abstimmen – und die Patrioten werden plötzlich zu akzeptablen Partnern.
Der teure Green Deal
Im Europäischen Rat hat sich unter den Regierungschefs zudem eine Gruppe von „Freunden der fossilen Energie“ gebildet, die versucht, das gesamte System der Emissionszertifikate abzuschaffen oder zumindest einzuschränken. Dabei ist es das zentrale Instrument Europas für den Übergang von fossilen Brennstoffen zu grünen Technologien.
Der Green Deal hat neben seinem unbestreitbaren Nutzen für den Planeten – er soll schließlich die Erderwärmung bremsen – einen scheinbaren Nachteil: Er ist teuer in der Anschaffung. Elektroautos sind kostspielig, Wärmepumpen ebenso, ebenso die Speicherung von erneuerbarer Energie in Form von Wasserstoff oder in Batteriespeichern. Auch die Netzinfrastruktur und das gesamte komplexe Energiesystem der erneuerbaren Quellen sind teuer. Vor allem dann, wenn man – wie die EU – Vorreiter sein will und den Wandel besonders schnell vorantreibt, aus manchen Perspektiven sogar schneller als der Rest der Welt.
Trump und Putins Krieg
Eine große demotivierende Rolle spielen dabei nicht nur die natürliche Trägheit vieler Europäer oder die Tatsache, dass neue Technologien noch nicht vollständig ausgereift sind. Hinzu kommt auch das, was derzeit in Gestalt von Donald Trump die Vereinigten Staaten prägt. Der megalomane, wissenschaftsfeindliche und systemkritische „Fossil“-Politiker Trump hat alles abgeschafft, was in den USA mit dem Green Deal zusammenhing. Stattdessen setzt er wieder vollständig auf Öl- und Gasförderung – und auf Umweltzerstörung ohne Rücksicht auf Verluste. Da ist es schwer zu erklären, warum Europa einen anderen Weg gehen sollte – zumal viele europäische Politiker von Trump noch stärker fasziniert sind als ihre eigenen Wähler.
Und dann ist da noch die russische Aggression gegen die Ukraine, deren Kosten auf Seiten der Ukraine vor allem wir Europäer tragen. Vor Trumps Rückkehr zur Macht noch gemeinsam mit den USA, inzwischen im letzten Jahr praktisch allein. Dutzende Milliarden Euro „verbrennen“ in der Ukraine, während sich der Krieg keinem akzeptablen Frieden nähert. Und gleichzeitig soll man auch noch den Green Deal finanzieren.
Der Iran als grünes Argument – oder doch nicht?
So stellte sich die Lage noch Ende Februar dar. Die Schlussfolgerung schien klar: Man müsse beim „grünen Wahnsinn“ auf die Bremse treten. Vielleicht den Green Deal nicht ganz abschaffen, aber zumindest verlangsamen – damit er finanzierbar bleibt, den Lebensstandard nicht senkt und gleichzeitig weiterhin Unterstützung für die Ukraine möglich ist.
Doch dann kamen israelische Politiker auf die Idee, mit einem gezielten Schlag einen großen Teil der iranischen Führung auszuschalten – eines Regimes, das Israel seit Jahrzehnten mit Vernichtung droht. Auch Donald Trump hielt das offenbar für eine gute Gelegenheit für einen weiteren militärischen Einsatz, um der Welt zu zeigen, wer das Sagen hat.
Doch aus einer „kleinen Militäraktion“ wurde ein Krieg – und aus diesem Krieg eine globale fossile Energiekrise. Europa steht dabei noch vergleichsweise gut da. Asiatische Staaten, die den Großteil ihrer fossilen Energie aus den Ländern des Persischen Golfs beziehen, traf es deutlich härter. Doch auch in Europa haben Benzin und Diesel inzwischen Preise erreicht, die es so noch nie gab. Steuern auf Kraftstoffe werden gesenkt, unterschiedliche Preise für Einheimische und Ausländer eingeführt. Und überall stellt man sich die Frage, wann Öl und Gas schlicht nicht mehr verfügbar sein werden – auch für uns, weil China oder Japan uns einfach überbieten.
Und gleichzeitig wird wieder – völlig irrational – behauptet, dass nun erst recht kein Geld mehr für den Green Deal vorhanden sei und der Ausstieg aus fossilen Energien warten müsse. Stattdessen müsste man eigentlich sagen: Wäre die grüne Transformation schneller vorangeschritten, müssten wir uns um den Persischen Golf als Energiequelle gar nicht mehr sorgen. Doch das wäre eine rationale Position. Und rationale Positionen sind in der heutigen Welt nicht besonders gefragt.
Der Autor ist Europaredakteur der Tageszeitung Deník
Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 4/2026
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