In der zweiten Ausgabe unserer True-Crime-Reihe über die spektakulärsten Kriminalfälle Tschechiens geht es um den Fall Jiří Kajínek. Er wurde wegen Doppelmordes und versuchten Mordes verurteilt und 19 Jahre später vom damaligen Präsidenten Miloš Zeman begnadigt. Ob er wirklich ein Mörder ist, bleibt bis heute umstritten.
Jiří Kajínek wurde 1961 in Prachowitz (Prachovice) geboren und geriet schon früh auf die schiefe Bahn. Anfang der 80er Jahre sitzt er erstmals wegen Einbruchs im Gefängnis. 1985 folgt eine weitere Verurteilung wegen Wohnungseinbruchs, illegalen Waffenbesitzes und Angriffen auf Polizisten. 1990 kommt er vorzeitig frei, doch noch im selben Jahr wird er aufgrund des Diebstahls eines Polizeiautos und der Bedrohung zweier Polizisten erneut zu elf Jahren Haft verurteilt. Doch bereits im Januar 1993 nutzt er eine kurze Haftunterbrechung zur Flucht. Nur wenige Monate später ereignet sich die Tat, die seinen Namen für immer mit einem der umstrittensten Mordfälle Tschechiens verknüpft.
Der offizielle Tathergang
Am Abend des 30. Mai 1993 gegen 20.15 Uhr hallen Schüsse durch die Straßen von Pilsen (Plzeň) nahe der Kreuzung Klatovská třída. Der Geschäftsmann Štefan Janda (27) stirbt noch am Tatort, dessen Leibwächter Julián Pokoš (30) erliegt später im Krankenhaus seinen Verletzungen, während dessen Bruder Vojtěch Pokoš (25), der ebenfalls für Janda als Leibwächter arbeitet, schwer verletzt überlebt. Nach der Vernehmung von 56 Zeugen und rund zehn Sachverständigen macht das Pilsner Gericht Jiří Kajínek für die Tat verantwortlich. Kajínek wird fünf Jahre nach den Ereignissen, am 23. Juni 1998, wegen Doppelmordes an Janda und Julián Pokoš sowie wegen versuchten Mordes an Vojtěch Pokoš zu lebenslanger Haft verurteilt.
Unter dem Decknamen „Lebeda“ sei Jiří Kajínek mit Geschäftsmann Štefan Janda zu einem angeblichen Arbeitstreffen verabredet gewesen. Als Janda mit seinen Leibwächtern eintraf, habe Kajínek zwei Pistolen gezogen und das Feuer auf sie eröffnet. Kajínek habe im Auftrag des Unternehmers Antonín Vlasák gehandelt, der ihn für Hunderttausend Kronen (ca. 4000 Euro) engagiert haben soll, die Männer einzuschüchtern, da sie ihn erpressten. Aus der beabsichtigten Einschüchterung sei tödliche Gewalt geworden, erläutert das Pilsner Gericht die Hintergründe der Tat. Doch auch nach der Verurteilung beteuert Kajínek weiter seine Unschuld.
Widersprüche und offene Fragen
In der Tat gibt es Unstimmigkeiten in der Rekonstruktion des Motivs und des Tathergangs durch das Gericht. So arbeitet Kajíneks angeblicher Auftraggeber Vlasák bereits seit dem 28. Mai, zwei Tage vor der Tat, eng mit der Polizei zusammen, welche die Festnahmen von Štefan Janda und Co für den 31. Mai plante. Warum hätte Vlasák kurz bevor sie ohnehin von der Polizei verhaftet worden wären, Kajínek mit der Einschüchterung seiner Erpresser beauftragen sollen? Daneben gibt es Zweifel, ob es sich bei Jiří Kajínek wirklich um die Person hinter dem Decknamen „Lebeda“ handelte. Die Telefonistin Eliška Č., die für Janda das vermeintliche Arbeitstreffen mit „Lebeda“ vermittelte, stellte später fest, dass die Stimme der Person, mit der sie am Telefon gesprochen hatte, nicht mit der Kajíneks übereinstimmte. Auch die Angaben von Jaroslav Ď., dem Fahrer von Jiří Kajínek, sind widersprüchlich. Gibt dieser zunächst an, Kajínek am Tattag nach Pilsen gefahren zu haben, behauptet Jaroslav Ď. später jedoch, dass Kajínek zum Tatzeitpunkt in Prag gewesen und seine erste belastende Aussage unter Polizeidruck entstanden sei.
Zweifel an Zeugenaussagen und Beweisen
Auch die Identifizierung Kajíneks durch das überlebende Opfer Vojtěch P. verzögerte sich im Laufe der Polizeiermittlungen, die der Veruteilung Kajíneks vorausgehen. Direkt nach der Tat, noch im Krankenhaus, kann Vojtěch P. Kajínek nicht als Täter identifizieren, erst Monate später erkennt er Kajínek anhand von Polizeivideos wieder. Hinzu kommt ein Augenzeuge namens Jaroslav O., der zum Zeitpunkt der Tat im 1,3 Kilometer entfernten Gefängnis in Pilsen sitzt, welcher sich elf Jahre später, im Jahr 2004 meldet – als Kajínek längst wieder im Gefängnis sitzt – und behauptet, die Tat aus dem Fenster seiner Zelle beobachtet zu haben. Er beschrieb den Täter als deutlich kleiner als Kajínek. Hinzu kommen weitere Ungereimtheiten. Am Tatort werden keine Fingerabdrücke gesichert, der Schusswinkel bleibt unklar, ebenso die Position der Patronenhülsen. Und schließlich bleibt die Frage, ob ein einzelner Täter mit zwei Waffen so präzise hätte schießen können. All diese Punkte lassen Raum für Zweifel an der offiziellen Version der Ereignisse.
Polizei unter Verdacht
Neben Kajínek werden auch zwei Pilsener Kriminalbeamte, Jiří K. und Jan M., angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen, mögliche Zeugen beeinflusst zu haben. Zudem sollen die beiden Polizeibeamten Tonbandaufnahmen gefälscht und Kontakte zu Vlasák gepflegt haben. Das Gericht lässt beide Anklagen gegen die Polizeibeamten wegen mangelnder Beweise fallen, doch die Zweifel am gesamten Fall verschwinden nicht. 2001 erklärt der damalige stellvertretende Premierminister und oberste juristische Berater der Regierung, Pavel Rychetský, in einem Interview, dass einzelne Pilsener Kriminalbeamte seiner Ansicht nach eine „sehr mysteriöse Rolle“ in dem Fall spielten: „Wenn Herr Kajinek den Mord nicht begangen hat, muss er von jemandem von der Polizi begangen worden sein.“ Trotz aller Einwände und Widersprüche halten die Gerichte auch danach an der Verurteilung Kajíneks fest.
Flucht, Mythos und mediale Inszenierung
Berühmt wird Kajínek nicht nur durch den komplexen Prozess, sondern vor allem durch seine spektakulären Fluchten aus der Haft in verschiedenen Gefängnissen, in denen er sich seit dem Angriff auf Štefan Janda und dessen Begleiter wieder befindet. 1994 entkommt er kurzzeitig aus dem Gefängnis in Budweis (České Budějovice), wird jedoch schnell wieder gefasst. Zwei Jahre später scheitert ein weiterer Ausbruchsversuch in Karthaus-Walditz (Valdice). Doch dann gelingt ihm das scheinbar Unmögliche. Im Jahr 2000 bricht er aus dem Hochsicherheitsgefängnis Mürau (Mírov) aus. Wochenlang hält er sich versteckt, bevor er dann in der Wohnung des verurteilten Mehrfachmörders Ludvík Černý, einem Mitglied der „Adler-Bande“, festgenommen wird. Dieser Ausbruch – in Kombination mit den mysteriösen Umständen seiner Verurteilung – macht ihn endgültig zur Legende. 2010 verstärkte der Film Kajínek diesen Status zusätzlich.
Begnadigung und anhaltende Zweifel
In den folgenden Jahren wächst der öffentliche Druck, weil Medienberichte und Unterstützerkampagnen das Urteil zunehmend infrage stellen. 2017 kommt der Wendepunkt: Am 23. Mai unterzeichnet der damalige Präsident Miloš Zeman Kajíneks Begnadigung. Noch am selben Tag wird er unter der Auflage, sieben Jahre lang straffrei zu bleiben, freigelassen. Heute lebt Jiří Kajínek als freier Mann, tritt im Fernsehen auf und ist in sozialen Netzwerken präsent. Für manche ist er ein Opfer staatlichen Versagens, für andere ein verurteilter Doppelmörder, der seiner Strafe entgangen ist. Ob er die Morde tatsächlich begangen hat, bleibt bis heute unklar.
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